Marcel Crépon auf SWR2

Eine erste Presse-Reaktion zur Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss im Kunstpavillon Burgbrohl (der auch unter ArtLab firmiert) mit Exponaten aus der Sammlung Crépon war der mit O-Tönen von Veranstalterin Karin Meiner und dem technischen Leiter des Aufbaus Roland Bergère verschnittene, vergangenen Montag im Journal am Mittag gesendete, leider nicht als Podcast erhältliche Ausstellungs-Bericht von Marianne Lechner für den Kultursender SWR2:

„(…) Seit Jahren ist Crépon entlang des Rheins unterwegs, redet mit Menschen, sammelt Geschichten und Gegenstände, die ihm aufhebenswert erscheinen. Stan Lafleur sagt, Crépon schicke ihm diese Texte per E-Mail, dazu Fotos, Zeitungsartikel und auch Objekte. Eine kleine Auswahl davon hängt jetzt an der Rückwand des ArtLab. Die Zeichnung eines Mannes, der sich von der Rheinreise Victor Hugos inspirieren ließ. Ein Foto, das zeigt wie ein Elsässer auf einem Feld den Verlauf des Rheins nachgebildet hat: ein Mini-Flussbett, ausgegraben und dann mit Wasser gefüllt, das tatsächlich mit Eimern aus dem Rhein geschöpft und zum Feld geschleppt wurde. Drei Fläschchen Wasser aus dem Rheinfall von Schaffhausen in der Schweiz: eine kritische Anmerkung eines Künstlers zum Rheinwasser, das Touristen dort in Aludosen als Souvenir kaufen können. Ein Kasten mit Fundstücken vom Rhein: Knochen, Tierzähne, glitzernder Mineralstaub. An der Wand hängen aber auch Tablets mit bewegten Bildern. (…)“

Der Beitrag schließt mit der Vermutung, dass es sich bei Marcel Crépon, weil die Google-Suche nach seinem Namen keine Ergebnisse zeitige, um eine Kunstfigur handeln könne. Ein Schluss jedenfalls, der ganz auf Marcel Crépons feinen Nerv für Humor passen und gleichzeitig seine dem Kunstbetrieb nahezu unverständlichen Impulse zu Anonymität und Öffentlichkeitsscheu bedienen dürfte: in den für rheinsein bestimmten Schriften äußert Crépon an einer Stelle, dass die durch Saint-Maurice-de-Lignon verlaufende Rue Marcel Crépon, deren Existenz ihn vor wenigen Jahren überrascht und peinlich berührt habe, seine Anonymität letztlich schütze, weil Straßen bekanntlich nie nach lebenden Personen benannt würden.

Wir versichern: Marcel Crépon existiert, auch wenn er kein Freund von Vernissagen ist, nicht einmal (oder ganz besonders nicht) der eigenen. Die Ausstellung läuft noch, begleitet von Workshops zu Möglichkeiten von Kunstverständnis, bis 25. Mai 2018 und kann bis dahin, am besten nach vorheriger Vereinbarung, besichtigt werden.

Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon (2)

Die holzige Erscheinung einiger alter Menschen erinnert uns – wenn nötig – daran, mit welchem Holz der Tod sich wärmt.

Staunen, ohne überrascht zu sein. Immer bereit sein, zu staunen, ohne lächerliche Schreie auszustoßen, ohne die Arme zu schwenken, die Augen zu weiten und zu verdrehen; einfach Staunen. Ein Foto schießen und weiter. Oder weiter, und sich dabei versprechen, ein Foto zu machen.

Tage gibt es, und auch Nächte.

Diese Landschaften, die früher als pittoresk qualifiziert wurden und es heute noch werden, sind meistens ausgestopfte Landschaften, so sehr nutzt der Tourist ab und tötet, was er besucht.

“Spiritueller” Tourismus. Viel Tourismus und die vermutete, um jeden Preis begehrte Spiritualität, Zeichen einer verzweifelten Suche, die nur anderswo verwirklicht werden kann… Alles in allem eine Anti-Pascal-Haltung. Von einer solchen Erwartung heimgesucht, würde ich gerne in meinem Treppenhaus niedergeschmettert werden.

Nichts gleicht dem, sein Tagebuch bei Sonnenaufgang zu schreiben, noch bevor die erste Tasse Kaffee geschluckt, die erste Zigarette geraucht, und ein erster Blick durch das Fenster riskiert wurde.

Poröse Prosa schwimmt.

“An Allerheiligen gehen die Toten des Jahres, die von glockenschwingenden Chorjungen begleitet werden, dreimal um den Friedhof herum und singen die Totenmesse. Der letzte Verstorbene trägt einen Eimer mit den Tränen, die im Laufe des Jahres in Erinnerung an den Verstorbenen vergossen wurden.” (8)

Heute ist etwas anders. Der Blick kommt der Tasse zuvor und entdeckt die graue Oberfläche des Himmels ohne die geringste Abstufung. Man muss ein wenig nach unten schauen, um das kühle Gelb einer Lampe zu erahnen, die in einem Raum im zweiten Stock des gegenüberliegenden Gebäudes leuchtet. Es regnet. Wassertropfen bleiben am Geländer des Balkons zurück. Sie zittern, halten sich fest, doch verfallen die Gesetze der Schwerkraft, die Tropfen strecken sich aus und verschwinden dann nacheinander, um sofort ausgetauscht zu werden. Sie landen auf dem Holzboden. Sie spielen nicht, um die Zeit zu markieren, geben genau wieder, wozu wir neigen (Zurückhaltung) und wie wir enden. Auf dieser Seite der Straße, sowie auf der anderen geben allein die Zweige die Vorstellung von einer Bewegung, unbewegter Bewegung, da sie nicht von der Stelle kommen. Zwischen all diesen Elementen scheinen der einfarbige Himmel, das Licht der Lampe, die Tropfen und die Zweige mit vollkommener Gleichgültigkeit zu herrschen.

Ich treffe manchmal den Käufer meiner alten Fotoausrüstung. Natürlich weiß er nicht, dass ich der ehemalige Besitzer all dieser Utensilien bin. Er scheint ein wenig verloren zu sein, auf der Suche nach dem Motiv vielleicht, verwirrt, desorientiert, wie ein Jagdhund, der einem Weg folgt, der nur Finten und List ist. Ich, vor dem Eimer.

“Theaterkulisse. Ist nicht malen: Es reicht einen Eimer voller Farben einfach auf die Leinwand zu werfen; das ganze dann mit einem Besen zu verteilen; Entfernung und Licht machen die Illusion.” (9)

An einem bestimmt Punkt angekommen, befindet man sich ohne Alter, wie man ohne Heimat sein kann.

X erzählte mir, dass es eine Straße mit meinem Namen gäbe. Anfangs sehr überrascht, war es mir dann peinlich, am Ende freute ich mich rechtschaffen. Nur Tote können in Anspruch nehmen, dass eine Straße nach ihnen benannt wird, auch wenn sie nicht darum ersuchen. Und ist dieses Straßenschild nicht die Garantie meiner Anonymität? Wer, der meinen Namen hören würde, könnte mich für einen anderen halten? Ich weiß nichts über die geehrte Person, genauso wenig wie ich über das Kaff weiß, wo diese Straße, meine Straße sich befindet.

Ich gehöre vielleicht zu dieser Kategorie von “irgendjemand”, dem der Dichter (10) das Recht zugestanden hat, ein Tagebuch zu schreiben, vorausgesetzt, er sei lustig. Ich denke, ich bin es. In der Schule hatten viele Schüler ihren Spaß mit meinem Namen, dessen Etymologie sie höchstwahrscheinlich nicht kannten (sowie ich selbst damals). Von einem Lehrer, einer Lehrerin oder mir selbst ausgesprochen, rief dieser Name bei ihnen dämliches Gekicher hervor, das auf ähnliche Weise von Wörtern wie “Titten”, “Schwanz” oder “Hure” verursacht wurde. Sie lachten, also war ich komisch. Sie entdeckten schnell Assoziationen, Variationen. Auf “Crépon la galette (11)”, folgte “je vais te crépon le chignon (12)” oder “Crépon le crépu (13)”, “Sacré-pon de nom (14)” oder “tout ça c’est crapaud Crépon (15)”, “tiens voilà Crépon la crépinette (16)”, und so weiter. Ich fühlte keine Feindseligkeit für sie. Im Gegenteil, diese Beziehung zwischen Spaßmacher und Bespaßten hatte für mich einen gewissen Vorteil: Die Zeit, die gebraucht wurde, um neue Kombinationen zu entdecken, hinderte sie daran, sich um mich zu kümmern. Männer, von Kindheit an, sind gewöhnlich auf einfache Freuden versessen, um eine schnelle Befriedigung zu erlangen. Solange sie lachen, wenn auch dämlich, sind sie erträglich. Wenn sie nichts zu lachen haben, werden sie schrecklich.

Ich habe oft gedacht, dass der Name (17), den man trägt, einem früheren Zustand entspricht, was impliziert, dass man sich eher so nennt als so. Ich muss damals, dachte ich, sehr früh getrauert haben: um einen Toten, den ich niemals verdächtigt hätte, auf irgend eine Weise lebendig gewesen zu sein.

Diskrepanz – Dis-crépon …

Wenn Worte sprechen könnten!

Ja, wenn nur Worte sprechen könnten, was für ein großartiges Werkzeug würden wir zur Verfügung haben, um zu schweigen.

Chateaubriand, der seine Berühmtheit hasste, schrieb seine Memoiren, um sie zu konsolidieren.

Es war dann nicht mehr der Sekundenzeiger, sondern eine Seuche, die sie (die Sekunden) schlug, um die Kapsel zu sprengen, ohne dass sie irgendeinen Keim versprühte, außer die nächsten Sekunden, ebenso menschenleer.

Diese Fotos, gesehen in einem dieser Alben, die, wenn die dazu gehörende Familie verschwunden ist, in Kartons auf Flohmärkten wiederzufinden sind; diese Fotos, den gleichen Moment am gleichen Ort darstellend, mit einem Teich, Dickicht, Bäumen und diesen herum planschenden Menschen; diese Fotos des gleichen Moments, vom Fotografen vervielfacht, ohne sich die Mühe gemacht zu haben, den Blickwinkel zu ändern, als hätte er durch diese Multiplikation des gleichen Augenblicks versucht, sich die Zeit zu krallen.

Wie ein Traum, in dem man von nichts träumen würde.

Nachhaltigkeit beruhigt nicht unbedingt, bezüglich der Vorstellung, die man von Fortschritt hat.

Heute das Aussehen eines schlecht erhaltenen Amateurfilms.

Ich weiß nicht wo gelesen: “erlöschte Sammelwut”. Gelesen auch, aber anderswo: “Brunnen, unerschöpflicher, in den kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Güte gefüllt heraufzukommen (18)”.

Das Erlöschen der Lichter signalisiert ebenso das Ende eines Kampfes, wie es dem folgenden als Präambel dient.

Es war im Gespräch mit einem Antiquitätenhändler, dass Herr Grians von der Existenz eines Flusses erfuhr, der nicht mehr existierte, oder fast nicht mehr (19). “Daher”, erzählte er mir, “vielleicht die Idee des Atlas der Wasserstraßen…” Er sah sie als flüssige Falten… oder vielmehr Nerven, oder noch besser: Blutgefäße. Und schließlich: “Die Wasserwege bilden eine Art Spalier, das sich zwischen den Ozeanen erstreckt, um das Festland zusammenzuhalten.”

Der Atlas von Herrn Grians: Zuerst die Wasserstraßen, dann die Namen, am Ende…

Und wo “Blick in die Wiege junger Sterne” stand, las ich “Blut in der Waage junger Sterne”.

Wir werden uns die Eimer anschauen, und dann werden wir sagen können, dass… Und wir werden schweigen.

Es ist ja nicht schlimm eine Katze “Katze” zu nennen, es hätte schlimmer ausgehen können.

Wer hat gesagt: “Wasser gibt das Wasser dem Wasser zurück”?

Die Eimer erklären nichts, ich erkläre die Eimer nicht.

Wir hatten im Zug Platz genommen. Die Landschaft ließ uns gleichgültig, wir ignorierten die anderen Reisenden. Wir sprachen über Kimonos. Sie erklärte die Verfeinerung ihrer Verzierungen durch die Tatsache, dass es gut war, und auch notwendig, wenn ein Samurai eine Art Delikatesse behielt, die die Härte seiner Existenz ergänzte und ihren Zweck: für seinen Arbeitgeber zu sterben.

Der Kapitän eines Schiffes ist umgeben von einer großen Anzahl von Naturphänomenen, die ihm zur Verfügung stehen, um ihm zu helfen, sein Logbuch zu füllen, ihre Abwesenheit selbst ist etwas, das er in aller Muße aufzeichnen kann. Hinzu kommt die Tatsache, dass das Schiff sich bewegt. Nicht jeder hat so viel Glück, ich noch weniger als die anderen.

Geschwindigkeit: keine, da ich an meinem Tisch sitze und nur meine Arme sich bewegen. Sichtbarkeit: exzellent, bis zu den Häusern auf der anderen Straßenseite. Himmel: Weiß, Wolken so hell, so fein an bestimmten Stellen, dass wir das Blau dahinter erraten. Ein Flugzeug fliegt, das von Südwesten kommt, nach Südosten geht, von wo aus die Sonne zu scheinen strebt, unsichtbar von meiner Position. Regelmäßiges Vorbeifahren von Fahrzeugen, die Straße hinauf oder hinunter, unsichtbar, von da aus wo ich mich befinde. Ein Hund bellt, Vögel singen. Leicht schwanken die höchsten Zweige der Bäume. Außer dem Rauch, der aus einem Schornstein aufsteigt, keine sichtbare Aktivität auf den Balkonen oder sogar in den Zimmern des Hauses welche die Sicht behindern. Ein Vogel fliegt vorbei: eine Möwe. Ein zweites Flugzeug. Gleiche Quelle, ähnliches Ziel. Blätter von verschiedener Größe, jedoch ähnlichem Farbton (Rost) wirbeln herum. Ein Zug fährt von Osten nach Süden.

***

(8) Henry Carnoy, Littérature orale de la Picardie : Les revenants.
(9) Gustave Flaubert, Wörterbuch der Gemeinplätze / T.
(10) Charles Baudelaire.
(11) Anderer Name für crêpe, Pfannkuchen.
(12) Richtig wäre: “je vais te crêper le chignon” (ich werde dir an den Haaren reißen).
(13) Der gekräuselte Crépon.
(14) Richtig ist : sacré nom (de Dieu) wörtlich : heiliger Name Gottes / Sakrament!
(15) Bezieht sich auf die Redewendug: “Blanc bonnet, bonnet blanc” Es ist alles gleich.
(16) Hier kommt Crépon die Bratwurst.
(17) Crépon leitet sich eindeutig von crêpe (Trauerflor) ab.
(18) Friedrich Nietzsche, Ecce Homo.
(19) Die Briève.

Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss

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Der rheinsein-April steht ganz im Zeichen Marcel Crépons. Im Zuge seiner Rheinbegehungen hat der französische Grenzforscher in den vergangenen Jahren Fundstücke gesammelt, Fotografien, Zeichnungen, Reproduktionen und Artefakte, die sich schwerlich kategorisieren lassen. Die meisten davon sind, eingebunden in Crépons originelle, wunderbar randseitige, mäandernd-nihilistische Forschungsberichte, auf rheinsein nachgewiesen. Im Kunstpavillon Burgbrohl wird nun unter dem Titel Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss im Rahmen der Ausstellungsreihe Absurde Phänomene des Realen erstmals eine Auswahl aus der Sammlung Crépon in Originalen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Vorab und ausstellungsbegleitend schätzt rheinsein sich glücklich, Marcel Crépon in seinen eigenen Worten präsentieren zu dürfen. Crépons Beschreibungen und Gedanken zu Orten wie Bad Breisig, dem Elsaß, dem Land Gling-glang oder dem Rhein in Paris und über historische und zeitgenössische Persönlichkeiten wie Martin Heidegger, Franz Liszt oder Schàrel Grians und weitere charmant beschriebene Reisebekanntschaften haben sich in den vergangenen fünf Jahren auf diesen Seiten akkumuliert und innerhalb des ausufernden rheinsein-Kosmos einen eigenwilligen Crépon-Kosmos herausgebildet. Im Laufe des Aprils werden an dieser Stelle noch Marcel Crépons während der Vorarbeiten für die Ausstellung aufgefrischte Erinnerungen an seine erste, lange zurückliegende Rheinreise, sowie mehrteilige Auszüge aus den Tagebuchnotizen erscheinen, die weniger über den Rhein, als vielmehr von den Denkweisen des Autors sprechen. Hinzu kommt die Dokumentation von Materialien, die eigens für die Ausstellung entstanden.

Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss eröffnet am 14. April um 19 Uhr mit einer Vernissage im Kunstpavillon Burgbrohl. Es sprechen Karin Meiner (Betreiberin des Kunstpavillons), Johannes Beil (Bürgermeister der Verbandsgemeinde Brohltal), Rita Anna Tüpper (Kunsthistorische Einordnung) und Stan Lafleur (Annäherung an das Phänomen Crépon). Die Ausstellung läuft bis zum 25 Mai.

Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (7)

” (…) – ”Ah, da haben die Kerle sich was ganz feines, einmal etwas wirklich richtig Originelles ausgedacht: einen hochwertigen Foto-Abzug der List-Fabrik (21) (den höchstwahrscheinlich der Neffe Bènes mit seinem Computer frisiert hat).

fabrikList-Fabrik im Farbenspiel

Sicher ist Ihnen das Gebäude aufgefallen? Von der Rue de Boofzheim ist es nicht zu verfehlen. Die Fabrik wurde im Bauhaus-Stil gebaut, wissen Sie? Eine schöne Abwechslung jedenfalls gegenüber der üblichen ”Mariensäule am Rhein”-Trophäe, von denen ich schon vier Stück habe…“

Grians und Emmele standen plötzlich auf. „Gleicht fängt das Spiel an“, sagte er.
- Das Spiel? Wer spielt?
- Der FCR, 2, natürlich…
- Gegen wen?
- Das weiß ich nicht. Gegen die erste Mannschaft vielleicht? Das kommt schon vor…

Frau Grians ihrerseits kündigte an, sie müsse „auf Streife zum Friedhof gehen“. Auf meine Frage, ob die dort Liegenden bedroht wären, antwortete sie: „Nicht die Toten! Wir sind bedroht!“ Tigermücken würden nämlich gerne ihre Eier auf Friedhöfen ablegen. „Nicht am Rhein?“ – „Von wegen! Das verfaulte, stinkende Wasser in den Blumentöpfen ist für ihre Brutstätten viel geeigneter. Verstehen Sie? Also nein, die Toten haben wirklich nichts zu befürchten, oder jedenfalls mehr von den Lebenden als von diesem Denguefieber (22)!”. Emmele ging also sozusagen auf Mückensafari… Und auch ich machte mich auf den Weg. Links vorm Eingangsportal des Friedhofs stand ein Schild “Parcours de Santé” (23), dessen verheißungsvoller Richtung ich nun folgte. Er führte zuerst den Friedhof, dann an Bäumen, Gräsern, Häusern entlang, immer geradeaus bis zum Rhein, der irgendwo hinter Gehölzen und Gebüsch versteckt, also unsichtbar, dahinfloß.

Nun, liebes Rheinsein, hier endet mein Bericht.

In Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,
Ihr Marcel Crépon.”

(21) “Mit einem anderen wichtigen Bau kommt auch das während des Dritten Reichs aus der repräsentativen Architektur verbannte Lager der modernen Architekten ins Spiel. Vollständig erhalten ist ein Fabrikgebäude in Rheinau (Rhinau) bei Straßburg, das ab 1941 für ein Werk der Berliner Firma “Heinrich List” für die Produktion von elektrotechnischen Ausrüstung für Flugzeuge errichtet wurde. Entwurf und Ausführung lagen bei Ernst Neufert, dem einstigen Bauhaus-Schuler und früheren Bürochef von Walter Gropius in Dessau. Neufert galt seit der ersten Auflage der 1936 zuerst publizierten, heute weltweit verbreiteten Bauentwurfslehre als der führende Fachmann für alle Frage der Normung in der Architektur. So ist es kein Zufall, dass Neufert den Bau in Rheinau als Muster eines umfassenden Normungssystems konzipierte, das von ihm zur gleichen Zeit mit ausdrücklicher Rückendeckung von Hitler und Speer vorangetrieben wurde. Dessen Grundlage war der sogenannte Oktameter, eine Maßordnung auf der Basis einer Teilung des Meters nicht durch zehn sondern durch acht, die bestimmte Vorteile für die Baupraxis hatte, besonders für die Vorfertigung und für den sparsamen Umgang mit Baumaterial, was während des Krieges von großer Bedeutung war. Im Grundrissraster und in sämtlichen Details der dreigeschossigen Fabrik in Rheinau ist dieser Oktameter wieder zu finden. In Neuferts wichtigstem theoretischen Werk, der Bauordnungslehre von 1943, ist die Fabrik anonym beschrieben und abgebildet, als Beispiel, wie der künftige Industriebau zu entwickeln war. Die Neufert’schen Maße sind dann in zwei Stufen 1942 und 1950 DIN-Norm geworden, und damit ist Rheinau immerhin nichts weniger als der Prototyp für die “Maßordnung im Hochbau”, die den westdeutschen Wiederaufbau begleitete (DIN 4171 und 4172)“ (Wolfgang Voigt, Von der Hitlerskizze zur “Neuordnung” und zum ersten Wiederaufbau. Deutsche Planungen und Bauten im annektierten Elsass 1940-1944. In: Tilman Harlander, Wolfgang Pyta (Hrsg.) NS-Architektur: Macht und Symbolpolitik, Kultur und Technik Band 19 (Berlin, 2010))
(22) Emmele prononzierte „dingue“: „bekloppt“
(23) Trimmpfad

Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (6)

flussSchàrel Grians: Fleuve / Fluß

“(…) Eine ganze Woche lang lief Monsieur Grians zum ungefähr 350 Meter von seinem Haus entfernten Fluß, abwechselnd in Richtung Mündung und in die Gegenrichtung, und schöpfte mit verschiedenen Eimern Rheinwasser. Auf meine Frage nach dem Grund antwortete Schàrel, er wollte so viele verschiedene Wasser wie möglich sammeln, damit nicht immer dasselbe in seinem bzw. Emmeles Rhein floß. ”Aber ist es nicht sowieso immer dasselbe Wasser?” insistierte ich. Er: ”Oh nein!… gewiß nicht. Das war bestimmt auch der Grund, warum die Kartographen von 1840 den Rheinlauf ab Schaffhausen beginnen ließen, sehen Sie?” Er reichte mir eine Landkarte und tatsächlich fing der Fluß auf dieser Karte erst bei seinen Fällen an. ”Ob sie damit aussagen wollten, der Rhein sei vor dem Rheinfall nicht der Rhein?” – ”Vielleicht. Vielleicht nicht. Sie wollten einfach nicht darüber spekulieren.” – “Auf der zweiten Karte, aus dem Jahr 1595, sind aber die Rheinquellen angegeben worden, sagten Sie… Also was nun?” – ”Die Kartographen des 19. Jahrhunderts waren, wer weiß, vielleicht gewissenhafter?” – ”Die des 16. Jahrhunderts aber präziser…” – ”So wird es sein. Wie auch immer. Als ich meine Grube endlich gefüllt hatte (auch wenn die Temperaturen nicht so hoch waren wie im Sommer, war es warm genug, sodaß das Wasser zügig verdunstete und sich mein Versprechen, Emmeles Eimer zu benutzen, schnell als kontraproduktiv erwies. Mir kam dann die Idee, die Grubenränder mit einem Holzhammer zu befestigen, danach ging es etwas besser), als ich also endlich fertig wurde, stieg ich auf eine Leiter und fotografierte den Fluß aus der Vogelperspektive. Leider ist das Bild ein wenig verwackelt – ich mußte mich beeilen, die Erde und die Sonne soffen das Wasser schneller als Emmeles Vorfahren ihren Schnaps…“

Der Preis war ihm turnusgemäß sicher. Trotzdem betrachtete Schàrel Grians sein frisch geschaffenes Werk mit äußerster Zufriedenheit. Wohl ahnend, was die anderen Bewerber präsentieren würden (die gleichen Gemälde wie beim letzten Mal, nur diesmal mit einer Schicht blauer Farbe überpinselt; die richtig fleißigen würden es vielleicht auf einen Frachtkahn mit vorüberfliegenden Möwen bringen, um dem Werk ein aquatisches Ambiente zu verleihen…), hatte er diesmal kräftig einen draufgesetzt, in dem er zusätzlich zu seinem Foto zwei der Eimer, die er benutzt hatte, präsentierte. Etwas in der Art hatte er in einem Katalog beim Buchhändler gesehen und fand das Ergebnis revolutionär: Vergleichbares hatte es in den 30 Jahren seit Bestehen ihres Komitees noch nie gegeben.

Schàrel Grians: Et ma Rhin / Und meine Rhein

”Haben die vielleicht Augen gemacht, die andren! Erst recht, als ich erklärte, das, was ich da gemacht habe, wäre ”Konzept-Kunst”!” (Schàrel prononcierte: Konsetp-Kunst.) – ”In der Tat, Sie sahen sehr fröhlich aus, in der Zeitung”, bemerkte ich. ”Natürlich, ça ne mange pas de pain, wie man sagt.” ”Und der Zeitungsbericht?” – ”Man kennt sich eben, Sie verstehen… da war gerade Platz bei den Kontaktanzeigen, sieht doch keiner.” – ”Ich schon. Und der Preis? Was haben Sie gewonnen?” (…)” (Fortsetzung folgt)

Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (5)

abb06Schàrel Grians: Le cours du Rhin / Der Rheinlauf

“(…) Die Idee war, dieses ”Stück” der Muttererde einzudrücken und die damit erzeugten kleinen Gräben mit Rheinwasser zu füllen. Doch billig war das nicht zu bekommen. Also überlegte Grians sich etwas anderes. Zunächst dachte er daran, den Rheinlauf aus einem Brett herauszuschneiden, doch versagte seine Stichsäge, gefolgt von seiner Geduld, als er sich wohl oder übel mit Hammer und Beitel ans Holz machte. Zuguterletzt sah er keine andere Lösung, als seine Zeichnung neu zu skalieren und mit einer Gartenschaufel in den Boden zu graben. Als seine Frau spitz bekam, daß Schàrel mit seiner Kreativität den Garten zu verstümmeln drohte, widersetzte sie sich vehement – der Garten war ihr Gebiet.

Der Garten! Eine größtenteils mit Unkraut bedeckte Ödnis, den sie von ihrem Ur-Großvater geerbt hatte (ja, der, der so angeekelt war von diesem Stück undankbarer Erde, daß er sich als Goldwäscher in der Gegend versuchte, und die paar Francs, die er damit verdiente, versoff wie ein ungläubiger Bürgermeister (9)), und der höchstens ungenießbare Kartoffeln ausspuckte… Ein Vorwurf, den Madame Grians schlagartig konterte: ihre Ahnen hätten wenigstens den Rhein gesichtet, anders als die seinen (10), die nie über die Tränke ihrer Kühe hinausgeschaut hätten…

Er: Und wer schoß im Sumpf wie’n wilder Bischof Biber, Otter und Schwäne (11), um sie auf dem Markt als Stallkaninchen oder Huhn zu verkaufen, wenn nicht dein Großvater?
Sie: Und wer denunzierte Maillet? Wie ist Maier im Knast gelandet? (12)
Er: Und wer behauptete, den Platz zu kennen, an dem der duc d’Enghien (13) am Rheinufer gesessen hatte, schmerzerfüllt in Tränen ausbrach, und nichtsdestotrotz stoisch urinierte? Wer ließ die verblüfften Touristen zahlen, damit sie sich vor zwei vergilbten Binsen verbeugen konnten?
Sie: Und hinter welcher Tapete (14) hat deine Tante ihre Jungfräulichkeit verloren?
Er: Und wer klaute die Steine der Befestigungsanlage (15), nachdem sie abgebrochen worden war?
Sie: Und wer drohte, sich von der Brücke (16) in den Rhein zu stürzen, weil seine Frau es mit dem Gehilfen des Consumgeschäfts (17) und sonst wem trieb?
Er: Und wer machte krumme Geschäfte mit Rohan (18)?
Sie: Und wer warnte 1870 die Preußen (19)?
Er: Und wie viel habt ihr 1938 kassiert, als ihr eure Grundstücke am anderen Ufer freiwillig an Kuhn (20) verkauft habt?

emmaseimerLes seaux d’Emmele / Emmeles Eimer

Danach kam nichts mehr. Diese Beleidigung war wirklich nicht zu überbieten. Einen Augenblick fürchtete ich, daß beide aufeinander losgehen würden, um sich gegenseitig zu erwürgen. Doch stattdessen brachen sie in Gelächter aus, und Grians erzählte ruhig weiter. Er hatte Emmele versprochen, das benötigte Wasser mit einigen ihrer ”Eimerchen“ zu schöpfen; davon geschmeichelt hatte sie ihre Zustimmung erteilt. (…)” (Fortsetzung folgt)

(9) “Werde ich angeklagt dass ich am Palmsonntag sie grob bengell und knoepff gescholten ; antworte ich, nit der gestalt, sondern faule geselle, habe ich sie geheissen, weillen der burgermeister und andre auss dem rath auff den heiligen ostersambstag bitz umb 11 uhren in der nacht gesoffen.” (Der streitbare Pfarrer Nicolas Puetz im Jahre 1625 nach: Rodolphe Reuss, L’Alsace au dix-septième siècle : au point de vue géographique, historique, administratif, économique, social, intellectuel et religieux, Tome 2 (Paris, 1897-1898))
(10) “Le Rhin est certes une frontière naturelle, le plus incontestablement. Mais il ne l’est pas plus qu’aucun autre obstacle naturel. Un obstacle est une frontière ou non suivant le degré de mobilité humaine. Une limite toute de convention est au contraire une très bonne frontière, si le consentement mutuel, qui l’admet comme tel est sincère. Le Rhin n’a pas, dans la plaine rhénane, la figure linéaire impérieuse, qu’on lui voit sur les cartes à petites échelles. Il s’y cache sous des taillis. En Alsace, on ne le voit presque jamais. Rhinau doit peut-être son nom à une interruption forfuite des taillis, qui laisse entrevoir le fleuve ordinairement dissimulé. Nous avons rencontré de vieux Alsaciens demeurés en Alsace, qui n’avaient jamais vu le Rhin…” (Jean M. Tourneur-Aumont, L’Alsace et l’Alemanie : origine et place de la tradition germanique dans la civilisation alsacienne : études de géographie historique (Nancy-Paris-Strasbourg, 1919))
(11) ”Du temps d’Ichtersheim, qui écrivait en 1710, les grandes îles boisées du Rhin entre Rhinau et Strasbourg contenaient encore beaucoup de castors ; l’évêque et ses chanoines prenaient plaisir à les chasser en même temps que les loutres, les bêtes noires, les cygnes sauvages et les oiseaux aquatiques.” (Charles Gérard, Essai d’une faune historique des mammifères sauvages de l’Alsace (Colmar, 1871))
(12) ”Bulletin de l’étranger (Dépêches Havas et renseignement particuliers) Alsace-Lorraine. „Le tribunal de Strasbourg a, dans son audience du 23 mars, condamné à deux mois de prison Georges Maillet, jardinier à Rhinau, qui avait tenu publiquement des propos offensants à l’adresse de l’empereur d’Allemagne. Joseph Maier, originaire de Wurtemberg cordonnier à Strasbourg, a été condamné à trois mois de prison pour avoir commis le même délit.” (Le Temps 29 mars 1889)
(13) “Embarqué pour Rhisnau. Débarqué et marché à pied jusqu’à Pfortsheim.” (dans : François-René de Chateaubriand, Mémoires d’outre-tombe, 1849-1850) – von einem längeren Aufenthalt in Rhinau ist also nicht die Rede, geschweige denn von melodramatischem Tränenvergießen!
(14) Madame Grians kennt ihre Klassiker, wenngleich ihre Interpretation des goetheschen Entzückens vor den Tapeten, welche dereinst den Pavillon Marie-Antoinettes auf einer Insel bei Rhinau dekorierten, als sehr eigen bezeichnet werden darf
(15) ”(1421, Zug vor Rheinau.) – Danach zogen die von Strassburg vor Rheinau, und schossen die mauer zum sturm, dass ihrer wohl 40 hinein konnten. Den andern abend wollten sie stürmen, hielten aber keine rechte ordnung ; es wurden viel erschlagen, und ein Wormser im graben gefangen. Den andern tag zogen sie unverrichtet wieder heim.“ (Daniel Specklin)
(16) Frau Grians übertreibt wohl, wo sie von “stürzen” spricht, siehe Abbildung:
abb07(17) Bis zum Ersten Weltkrieg existierten in Rhinau mindestens zwei Consumgeschäfte: Flecher und Röttelé. Welches hier gemeint ist, bleibt unklar.
(18) „Au général Clarke, L’hospice civile de Rhinau, département du Bas-Rhin, possède, citoyen général, en propriété sur la rive droite du Rhin, ban de Rouenweyer, au cercle de Souabe, 83 arpens et 3/4 de terres labourables, et 4 arpens de prairie, outre une redevance annuelle et foncière de quarante-huit réseaux de seigle, due par la commune de Rouenweyer. Le cardinal de Rohan s’est emparé, depuis la guerre, de la jouissance destites terres et rentes : il s’en prétend même propriétaire. Il est essentiel que l’hospice civil de Rhinau rentre dans ses biens, et même qu’il soit indemnisé de la perte qu’il a soufferte depuis que le cardinal de Rohan s’en est emparé. Il importe que ces articles ne soient point oubliés dans le traité de paix à intervenir avec l’Empire. Je les recommande, citoyen général, à votre intention. Ch. Mau. Talleyrand” (Dans : Correspondance inédite, officielle et confidentielle de Napoléon Bonaparte avec les cours étrangères, les princes, les ministres et les généraux français et étrangers, en Italie, en Allemagne et en Egypte. Tome VII (Paris, 1820))
(19) “Le même jour [18 août], le maire de Rhinau recevait l’ordre de rétablir l’ancien bac. Ce magistrat, aussitôt dénoncé au commandant supérieur de Neuf-Brisach pour s’être concerté avec le bourgmestre badois de Kappel, vint se justifier auprès du sous-préfet de Schlestadt qui le retint quelques jours [Il était impossible de rendre ce magistrat responsable d’une situation qui était le fait des circonstances plus que de sa faiblesse]. Pendant sa détention, le bac était rétabli, sans résistance de la part des habitants ; placé sous la garde d’un faible poste prussien, il recommença à fonctionner le 25. (…)” (La Guerre de 1870-71 (Paris, 1901-1914) Vol. 30 : Organisation et opérations des forces de seconde ligne dans l’Est avant le 4 septembre 1870 (1908))
(20) ”En dépit des traités. Le Reich exproprie des terrains appartenant à la commune de Rhinau (Bas-Rhin) pour édifier des fortifications. Strasbourg, 5 juillet. – Demain à midi, se tiendra à la mairie de Kappel (Pays de Bade), une séance au cours de laquelle le conseiller d’intendance Kuhn, de Berlin, prendra les premières mesures devant aboutir à l’expropriation de la commune française de Rhinau (Bas-Rhin). Depuis un siècle, cette commune possède un millier d’hectares sur la rive droite du Rhin. La possession de ces terrains communaux était garantie par le traité de paix et un accord spécial du 14 août 1925. Le conseiller d’intendance Kuhn a avisé le maire de Rhinau que l’expropriation va se faire à la requête du fisc militaire allemand, afin d’y édifier des fortifications. Le maire français, invité à se rendre à Kappel, a décliné l’invitation. L’Allemagne considère l’accord d’août 1925 comme nul et non avenu. Elle le dénonce, elle le suprime purement et simplement, en se réclamant d’une loi du 29 mars 1935 concernant l‘”acquisition de terrains dans un but de défense nationale.” (L’Echo d’Alger : le 6 juillet 1938 (N°10196))

Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (4)

“(…) Mit den Grians kam ich über das in der Zeitung erblickte, preisgekrönte Werk leicht ins Gespräch. „Et ma Rhin“, ”Und mein Rhein”, erfuhr ich zu meinem Erstaunen, meinte tatsächlich „Emma Rhein“. Die Arbeit war also eine Liebeserklärung, dachte ich. Doch Monsieur Grians erklärte weiter: man solle den Titel elsässisch lesen: Emmele Rhin, dabei aber wie folgt aussprechen: „émé le Rhin“, d.h. aimer le Rhin (den Rhein lieb haben), eine Subtilität, welche seine Kollegen nicht mitbekommen hätten, als sie sich über den Titel lustig machten.

Von den Grians sollte ich auch erfahren, daß die Mitglieder des Comités Vrais zugleich die Künstler waren, die am Wettbewerb teilgenommen hatten. Sonderlich viele Künstler gab es in der Gegend eben nicht. Und so bekam jeder von ihnen einmal, einer nach dem anderen, beim halbjährlich stattfindenden Wettbewerb den Preis. Diesmal war Schàrel Grians dran gewesen. Wettbewerbsthema waren die Bunker der Ligne Maginot gewesen. Überbleibsel davon gab es genügend auf den nahe liegenden Dämmen: kleine und große, heile oder halb zerstörte, im Gebüsch versteckte oder auf freiem Feld stehende, verlassene oder als Rumpelkammern dienende, usw… Diese Betonklötze hatten Schàrel Grians jedoch kaum inspirieren können.

Als Wettbewerbsthema waren die Bunker der Maginotlinie bereits öfter an der Reihe gewesen. Das Thema ”Rhein” übrigens auch. Mit letzterem konnte Schàrel Grians allerdings deutlich mehr anfangen. Diesmal hatte er sich richtig etwas einfallen lassen. Als Kind hatte er stets gerne Flüsse, den Rhein sowieso, am Fließband sozusagen, gemalt. Mit Hilfe eines Pantographen zeichnete er deren Läufe nach, Azur, mit etwas Miloriblau verdunkelt, auf hellocker Hintergrund.

Einen ganzen Atlas hatte er auf diese Weise geschaffen, nur mit den Flußläufen aller Länder. Wie gern hätte er daraus ein richtiges Buch gemacht! In diesem Sinn hatte er einen Brief an den Straßburger Verlag Treuttel et Würtz verfaßt, dessen Name er in einer alten Nummer einer Gazette (6) gefunden hatte, welche sein Vater sammelte. “In dieser Gazette“, erzählte Grians, „ging es um eine kleine sargförmige Schatulle, in der eine Haarlocke, ein Zahn, eine Silberstecknadel und zwei Knöpfe sich befanden, Reliquien des „Ersten Grenadiers der Republik“, die auf recht mysteriöse Weise in den Räumlichkeiten des Verlags deponiert lagen. Die Adresse des Verlags kopierte ich aus einem Buch meines Vaters, “Rues de Strasbourg” oder so ähnlich (7). Meinem Brief fügte ich einen meiner “Flüsse” bei. Antwort bekam ich nie (8).”

Für den Wettbewerb hatte Monsieur Grians also den verstaubten Pantographen vom Dachspeicher gekramt, und war nach Epfig gefahren, um Karten zu besorgen. Zwei historische Werke (Theodor de Bry, Carte du cours du Rhin (1595) und Simon E…, Carte du Cours du Rhin depuis Schaffhouse à Rotterdam (1840)) erstand er im dortigen Antiquariat – Faksimiles, versteht sich. Aus den daraus gewonnenen Zeichnungen wollte er in Straßburg einen dreidimensionalen Kunststoff-Ausdruck des Flußlaufs anfertigen lassen. (…)” (Fortsetzung folgt)

(6) Gemeint ist die Pariser Gazette anecdotique, littéraire, artistique et bibliographique n°15 vom 15 August 1889, in die Schàrel Grians mir später Einsicht gewährte
(7) Vieux noms et rue nouvelles de Strasbourg. Causeries biographiques d’un flâneur avec une préface, par Rodolfe Reuss (Strasbourg, 1883)
(8) Der Verlag wurde 1914 von einem Schweizer Verleger aufgekauft und behielt seinen Firmennamen bis 1927