Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (7)

” (…) – ”Ah, da haben die Kerle sich was ganz feines, einmal etwas wirklich richtig Originelles ausgedacht: einen hochwertigen Foto-Abzug der List-Fabrik (21) (den höchstwahrscheinlich der Neffe Bènes mit seinem Computer frisiert hat).

fabrikList-Fabrik im Farbenspiel

Sicher ist Ihnen das Gebäude aufgefallen? Von der Rue de Boofzheim ist es nicht zu verfehlen. Die Fabrik wurde im Bauhaus-Stil gebaut, wissen Sie? Eine schöne Abwechslung jedenfalls gegenüber der üblichen ”Mariensäule am Rhein”-Trophäe, von denen ich schon vier Stück habe…“

Grians und Emmele standen plötzlich auf. „Gleicht fängt das Spiel an“, sagte er.
- Das Spiel? Wer spielt?
- Der FCR, 2, natürlich…
- Gegen wen?
- Das weiß ich nicht. Gegen die erste Mannschaft vielleicht? Das kommt schon vor…

Frau Grians ihrerseits kündigte an, sie müsse „auf Streife zum Friedhof gehen“. Auf meine Frage, ob die dort Liegenden bedroht wären, antwortete sie: „Nicht die Toten! Wir sind bedroht!“ Tigermücken würden nämlich gerne ihre Eier auf Friedhöfen ablegen. „Nicht am Rhein?“ – „Von wegen! Das verfaulte, stinkende Wasser in den Blumentöpfen ist für ihre Brutstätten viel geeigneter. Verstehen Sie? Also nein, die Toten haben wirklich nichts zu befürchten, oder jedenfalls mehr von den Lebenden als von diesem Denguefieber (22)!”. Emmele ging also sozusagen auf Mückensafari… Und auch ich machte mich auf den Weg. Links vorm Eingangsportal des Friedhofs stand ein Schild “Parcours de Santé” (23), dessen verheißungsvoller Richtung ich nun folgte. Er führte zuerst den Friedhof, dann an Bäumen, Gräsern, Häusern entlang, immer geradeaus bis zum Rhein, der irgendwo hinter Gehölzen und Gebüsch versteckt, also unsichtbar, dahinfloß.

Nun, liebes Rheinsein, hier endet mein Bericht.
In Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,
Ihr Marcel Crépon.”

(21) “Mit einem anderen wichtigen Bau kommt auch das während des Dritten Reichs aus der repräsentativen Architektur verbannte Lager der modernen Architekten ins Spiel. Vollständig erhalten ist ein Fabrikgebäude in Rheinau (Rhinau) bei Straßburg, das ab 1941 für ein Werk der Berliner Firma “Heinrich List” für die Produktion von elektrotechnischen Ausrüstung für
Flugzeuge errichtet wurde. Entwurf und Ausführung lagen bei Ernst Neufert, dem einstigen Bauhaus-Schuler und früheren Bürochef von Walter Gropius in Dessau. Neufert galt seit der ersten Auflage der 1936 zuerst publizierten, heute weltweit verbreiteten Bauentwurfslehre als der führende Fachmann für alle Frage der Normung in der Architektur. So ist es kein Zufall, dass Neufert den Bau in Rheinau als Muster eines umfassenden Normungssystems konzipierte, das von ihm zur gleichen Zeit mit ausdrücklicher Rückendeckung von Hitler und Speer vorangetrieben wurde. Dessen Grundlage war der sogenannte Oktameter, eine Maßordnung auf der Basis einer Teilung des Meters nicht durch zehn sondern durch acht, die bestimmte Vorteile für die Baupraxis hatte, besonders für die Vorfertigung und für den sparsamen Umgang mit Baumaterial, was während des Krieges von
großer Bedeutung war. Im Grundrissraster und in sämtlichen Details der dreigeschossigen Fabrik in Rheinau ist dieser Oktameter wieder zu finden. In Neuferts wichtigstem theoretischen Werk, der Bauordnungslehre von 1943, ist die Fabrik anonym beschrieben und abgebildet, als Beispiel, wie der künftige Industriebau zu entwickeln war. Die Neufert’schen Maße sind dann
in zwei Stufen 1942 und 1950 DIN-Norm geworden, und damit ist Rheinau immerhin nichts weniger als der Prototyp für die “Maßordnung im Hochbau”, die den westdeutschen Wiederaufbau begleitete (DIN 4171 und 4172)“ (Wolfgang Voigt, Von der Hitlerskizze zur “Neuordnung” und zum ersten Wiederaufbau. Deutsche Planungen und Bauten im annektierten Elsass 1940-1944. In: Tilman Harlander, Wolfgang Pyta (Hrsg.) NS-Architektur: Macht und Symbolpolitik, Kultur und Technik Band 19 (Berlin, 2010))
(22) Emmele prononzierte „dingue“: „bekloppt“
(23) Trimmpfad

Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (6)

flussSchàrel Grians: Fleuve / Fluß

“(…) Eine ganze Woche lang lief Monsieur Grians zum ungefähr 350 Meter von seinem Haus entfernten Fluß, abwechselnd in Richtung Mündung und in die Gegenrichtung, und schöpfte mit verschiedenen Eimern Rheinwasser. Auf meine Frage nach dem Grund antwortete Schàrel, er wollte so viele verschiedene Wasser wie möglich sammeln, damit nicht immer dasselbe in seinem bzw. Emmeles Rhein floß. ”Aber ist es nicht sowieso immer dasselbe Wasser?” insistierte ich. Er: ”Oh nein!… gewiß nicht. Das war bestimmt auch der Grund, warum die Kartographen von 1840 den Rheinlauf ab Schaffhausen beginnen ließen, sehen Sie?” Er reichte mir eine Landkarte und tatsächlich fing der Fluß auf dieser Karte erst bei seinen Fällen an. ”Ob sie damit aussagen wollten, der Rhein sei vor dem Rheinfall nicht der Rhein?” – ”Vielleicht. Vielleicht nicht. Sie wollten einfach nicht darüber spekulieren.” – “Auf der zweiten Karte, aus dem Jahr 1595, sind aber die Rheinquellen angegeben worden, sagten Sie… Also was nun?” – ”Die Kartographen des 19. Jahrhunderts waren, wer weiß, vielleicht gewissenhafter?” – ”Die des 16. Jahrhunderts aber präziser…” – ”So wird es sein. Wie auch immer. Als ich meine Grube endlich gefüllt hatte (auch wenn die Temperaturen nicht so hoch waren wie im Sommer, war es warm genug, sodaß das Wasser zügig verdunstete und sich mein Versprechen, Emmeles Eimer zu benutzen, schnell als kontraproduktiv erwies. Mir kam dann die Idee, die Grubenränder mit einem Holzhammer zu befestigen, danach ging es etwas besser), als ich also endlich fertig wurde, stieg ich auf eine Leiter und fotografierte den Fluß aus der Vogelperspektive. Leider ist das Bild ein wenig verwackelt – ich mußte mich beeilen, die Erde und die Sonne soffen das Wasser schneller als Emmeles Vorfahren ihren Schnaps…“

Der Preis war ihm turnusgemäß sicher. Trotzdem betrachtete Schàrel Grians sein frisch geschaffenes Werk mit äußerster Zufriedenheit. Wohl ahnend, was die anderen Bewerber präsentieren würden (die gleichen Gemälde wie beim letzten Mal, nur diesmal mit einer Schicht blauer Farbe überpinselt; die richtig fleißigen würden es vielleicht auf einen Frachtkahn mit vorüberfliegenden Möwen bringen, um dem Werk ein aquatisches Ambiente zu verleihen…), hatte er diesmal kräftig einen draufgesetzt, in dem er zusätzlich zu seinem Foto zwei der Eimer, die er benutzt hatte, präsentierte. Etwas in der Art hatte er in einem Katalog beim Buchhändler gesehen und fand das Ergebnis revolutionär: Vergleichbares hatte es in den 30 Jahren seit Bestehen ihres Komitees noch nie gegeben.

Schàrel Grians: Et ma Rhin / Und meine Rhein

”Haben die vielleicht Augen gemacht, die andren! Erst recht, als ich erklärte, das, was ich da gemacht habe, wäre ”Konzept-Kunst”!” (Schàrel prononcierte: Konsetp-Kunst.) – ”In der Tat, Sie sahen sehr fröhlich aus, in der Zeitung”, bemerkte ich. ”Natürlich, ça ne mange pas de pain, wie man sagt.” ”Und der Zeitungsbericht?” – ”Man kennt sich eben, Sie verstehen… da war gerade Platz bei den Kontaktanzeigen, sieht doch keiner.” – ”Ich schon. Und der Preis? Was haben Sie gewonnen?” (…)” (Fortsetzung folgt)

Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (5)

abb06Schàrel Grians: Le cours du Rhin / Der Rheinlauf

“(…) Die Idee war, dieses ”Stück” der Muttererde einzudrücken und die damit erzeugten kleinen Gräben mit Rheinwasser zu füllen. Doch billig war das nicht zu bekommen. Also überlegte Grians sich etwas anderes. Zunächst dachte er daran, den Rheinlauf aus einem Brett herauszuschneiden, doch versagte seine Stichsäge, gefolgt von seiner Geduld, als er sich wohl oder übel mit Hammer und Beitel ans Holz machte. Zuguterletzt sah er keine andere Lösung, als seine Zeichnung neu zu skalieren und mit einer Gartenschaufel in den Boden zu graben. Als seine Frau spitz bekam, daß Schàrel mit seiner Kreativität den Garten zu verstümmeln drohte, widersetzte sie sich vehement – der Garten war ihr Gebiet.

Der Garten! Eine größtenteils mit Unkraut bedeckte Ödnis, den sie von ihrem Ur-Großvater (ja, der, der so angeekelt war von diesem Stück undankbarer Erde, daß er sich als Goldwäscher in der Gegend versuchte, und die paar Francs die er damit verdiente, versoff wie ein ungläubiger Bürgermeister (9)), geerbte hatte, und der höchstens ungenießbare Kartoffeln ausspuckte… Ein Vorwurf, den Madame Grians schlagartig konterte: ihre Ahnen hätten wenigstens den Rhein gesichtet, anders als die seinen (10), die nie über die Tränke ihrer Kühe hinausgeschaut hätten…

Er: Und wer schoß im Sumpf wie’n wilder Bischof Biber, Otter und Schwäne (11), um sie auf dem Markt als Stallkaninchen oder Huhn zu verkaufen, wenn nicht dein Großvater?
Sie: Und wer denunzierte Maillet? Wie ist Maier im Knast gelandet? (12)
Er: Und wer behauptete, den Platz zu kennen, an dem der duc d’Enghien (13) am Rheinufer gesessen hatte, schmerzerfüllt in Tränen ausbrach, und nichtsdestotrotz stoisch urinierte? Wer ließ die verblüfften Touristen zahlen, damit sie sich vor zwei vergilbten Binsen verbeugen könnten?
Sie: Und hinter welcher Tapete (14) hat deine Tante ihre Jungfräulichkeit verloren?
Er: Und wer klaute die Steine der Befestigungsanlage (15), nachdem sie abgebrochen worden war?
Sie: Und wer drohte, sich von der Brücke (16) in den Rhein zu stürzen, weil seine Frau es mit dem Gehilfen des Consumgeschäfts (17) und sonst wem trieb?
Er: Und wer machte krumme Geschäfte mit Rohan (18)?
Sie: Und wer warnte 1870 die Preußen (19)?
Er: Und wie viel habt ihr 1938 kassiert, als ihr eure Grundstücke am anderen Ufer freiwillig an Kuhn (20) verkauft habt?

emmaseimerLes seaux d’Emmele / Emmeles Eimer

Danach kam nichts mehr. Diese Beleidigung war wirklich nicht zu überbieten. Einen Augenblick fürchtete ich, daß beide aufeinander losgehen würden, um sich gegenseitig zu erwürgen. Doch stattdessen brachen sie in Gelächter aus, und Grians erzählte ruhig weiter. Er hatte Emmele versprochen, das benötigte Wasser mit einigen ihrer ”Eimerchen“ zu schöpfen; davon geschmeichelt hatte sie ihre Zustimmung erteilt. (…)” (Fortsetzung folgt)

(9) “Werde ich angeklagt dass ich am Palmsonntag sie grob bengell und knoepff gescholten ; antworte ich, nit der gestalt, sondern faule geselle, habe ich sie geheisssen, weillen der burgermeister und andre auss dem rath auff den heiligen ostersambstag bitz umb 11 uhren in der nacht gesoffen.” (Der streitbare Pfarrer Nicolas Puetz im Jahre 1625 nach: Rodolphe Reuss, L’Alsace au dix-septième siècle : au point de vue géographique, historique, administratif, économique, social, intellectuel et religieux, Tome 2 (Paris, 1897-1898))
(10) “Le Rhin est certes une frontière naturelle, le plus incontestablement. Mais il ne l’est pas plus qu’aucun autre obstacle naturel. Un obstacle est une frontière ou non suivant le degré de mobilité humaine. Une limite toute de convention est au contraire une très bonne frontière, si le consentement mutuel, qui l’admet comme tel est sincère. Le Rhin n’a pas, dans la plaine rhénane, la figure linéaire impérieuse, qu’on lui voit sur les cartes à petites échelles. Il s’y cache sous des taillis. En Alsace, on ne le voit presque jamais. Rhinau doit peut-être son nom à une interruption forfuite des taillis, qui laisse entrevoir le fleuve ordinairement dissimulé. Nous avons rencontré de vieux Alsaciens demeurés en Alsace, qui n’avaient jamais vu le Rhin…” (Jean M. Tourneur-Aumont, L’Alsace et l’Alemanie : origine et place de la tradition germanique dans la civilisation alsacienne : études de géographie historique (Nancy-Paris-Strasbourg, 1919))
(11) ”Du temps d’Ichtersheim, qui écrivait en 1710, les grandes îles boisées du Rhin entre Rhinau et Strasbourg contenaient encore beaucoup de castors ; l’évêque et ses chanoines prenaient plaisir à les chasser en même temps que les loutres, les bêtes noires, les cygnes sauvages et les oiseaux aquatiques.” (Charles Gérard, Essai d’une faune historique des mammifères sauvages de l’Alsace (Colmar, 1871))
(12) ”Bulletin de l’étranger (Dépêches Havas et renseignement particuliers) Alsace-Lorraine. „Le tribunal de Strasbourg a, dans son audience du 23 mars, condamné à deux mois de prison Georges Maillet, jardinier à Rhinau, qui avait tenu publiquement des propos offensants à l’adresse de l’empereur d’Allemagne. Joseph Maier, originaire de Wurtemberg cordonnier à Strasbourg, a été condamné à trois mois de prison pour avoir commis le même délit.” (Le Temps 29 mars 1889)
(13) “Embarqué pour Rhisnau. Débarqué et marché à pied jusqu’à Pfortsheim.” (dans : François-René de Chateaubriand, Mémoires d’outre-tombe, 1849-1850) – von einem längeren Aufenthalt in Rhinau ist also nicht die Rede, geschweige denn von melodramatischem Tränenvergießen!
(14) Madame Grians kennt ihre Klassiker, wenngleich ihre Interpretation des goetheschen Entzückens vor den Tapeten, welche dereinst den Pavillon Marie-Antoinettes auf einer Insel bei Rhinau dekorierten, als sehr eigen bezeichnet werden darf
(15) ”(1421, Zug vor Rheinau.) – Danach zogen die von Strassburg vor Rheinau, und schossen die mauer zum sturm, dass ihrer wohl 40 hinein konnten. Den andern abend wollten sie stürmen, hielten aber keine rechte ordnung ; es wurden viel erschlagen, und ein Wormser im graben gefangen. Den andern tag zogen sie unverrichtet wieder heim.“ (Daniel Specklin)
(16) Frau Grians übertreibt wohl, wo sie von “stürzen” spricht, siehe Abbildung:
abb07(17) Bis zum Ersten Weltkrieg existierten in Rhinau mindestens zwei Consumgeschäfte: Flecher und Röttelé. Welches hier gemeint ist, bleibt unklar.
(18) „Au général Clarke, L’hospice civile de Rhinau, département du Bas-Rhin, possède, citoyen général, en propriété sur la rive droite du Rhin, ban de Rouenweyer, au cercle de Souabe, 83 arpens et 3/4 de terres labourables, et 4 arpens de prairie, outre une redevance annuelle et foncière de quarante-huit réseaux de seigle, due par la commune de Rouenweyer. Le cardinal de Rohan s’est emparé, depuis la guerre, de la jouissance destites terres et rentes : il s’en prétend même propriétaire. Il est essentiel que l’hospice civil de Rhinau rentre dans ses biens, et même qu’il soit indemnisé de la perte qu’il a soufferte depuis que le cardinal de Rohan s’en est emparé. Il importe que ces articles ne soient point oubliés dans le traité de paix à intervenir avec l’Empire. Je les recommande, citoyen général, à votre intention. Ch. Mau. Talleyrand” (Dans : Correspondance inédite, officielle et confidentielle de Napoléon Bonaparte avec les cours étrangères, les princes, les ministres et les généraux français et étrangers, en Italie, en Allemagne et en Egypte. Tome VII (Paris, 1820))
(19) “Le même jour [18 août], le maire de Rhinau recevait l’ordre de rétablir l’ancien bac. Ce magistrat, aussitôt dénoncé au commandant supérieur de Neuf-Brisach pour s’être concerté avec le bourgmestre badois de Kappel, vint se justifier auprès du sous-préfet de Schlestadt qui le retint quelques jours [Il était impossible de rendre ce magistrat responsable d’une situation qui était le fait des circonstances plus que de sa faiblesse]. Pendant sa détention, le bac était rétabli, sans résistance de la part des habitants ; placé sous la garde d’un faible poste prussien, il recommença à fonctionner le 25. (…)” (La Guerre de 1870-71 (Paris, 1901-1914) Vol. 30 : Organisation et opérations des forces de seconde ligne dans l’Est avant le 4 septembre 1870 (1908))
(20) ”En dépit des traités. Le Reich exproprie des terrains appartenant à la commune de Rhinau (Bas-Rhin) pour édifier des fortifications. Strasbourg, 5 juillet. – Demain à midi, se tiendra à la mairie de Kappel (Pays de Bade), une séance au cours de laquelle le conseiller d’intendance Kuhn, de Berlin, prendra les premières mesures devant aboutir à l’expropriation de la commune française de Rhinau (Bas-Rhin). Depuis un siècle, cette commune possède un millier d’hectares sur la rive droite du Rhin. La possession de ces terrains communaux était garantie par le traité de paix et un accord spécial du 14 août 1925. Le conseiller d’intendance Kuhn a avisé le maire de Rhinau que l’expropriation va se faire à la requête du fisc militaire allemand, afin d’y édifier des fortifications. Le maire français, invité à se rendre à Kappel, a décliné l’invitation. L’Allemagne considère l’accord d’août 1925 comme nul et non avenu. Elle le dénonce, elle le suprime purement et simplement, en se réclamant d’une loi du 29 mars 1935 concernant l‘”acquisition de terrains dans un but de défense nationale.” (L’Echo d’Alger : le 6 juillet 1938 (N°10196))

Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (4)

“(…) Mit den Grians kam ich über das in der Zeitung erblickte, preisgekrönte Werk leicht ins Gespräch. „Et ma Rhin“, ”Und mein Rhein”, erfuhr ich zu meinem Erstaunen, meinte tatsächlich „Emma Rhein“. Die Arbeit war also eine Liebeserklärung, dachte ich. Doch Monsieur Grians erklärte weiter: man solle den Titel elsässisch lesen: Emmele Rhin, dabei aber wie folgt aussprechen: „émé le Rhin“, d.h. aimer le Rhin (den Rhein lieb haben), eine Subtilität, welche seine Kollegen nicht mitbekommen hätten, als sie sich über den Titel lustig machten.

Von den Grians sollte ich auch erfahren, daß die Mitglieder des Comités Vrais zugleich die Künstler waren, die am Wettbewerb teilgenommen hatten. Sonderlich viele Künstler gab es in der Gegend eben nicht. Und so bekam jeder von ihnen einmal, einer nach dem anderen, beim halbjährlich stattfindenden Wettbewerb den Preis. Diesmal war Schàrel Grians dran gewesen. Wettbewerbsthema waren die Bunker der Ligne Maginot gewesen. Überbleibsel davon gab es genügend auf den nahe liegenden Dämmen: kleine und große, heile oder halb zerstörte, im Gebüsch versteckte oder auf freiem Feld stehende, verlassene oder als Rumpelkammern dienende, usw… Diese Betonklötze hatten Schàrel Grians jedoch kaum inspirieren können.

Als Wettbewerbsthema waren die Bunker der Maginotlinie bereits öfter an der Reihe gewesen. Das Thema ”Rhein” übrigens auch. Mit letzterem konnte Schàrel Grians allerdings deutlich mehr anfangen. Diesmal hatte er sich richtig etwas einfallen lassen. Als Kind hatte er stets gerne Flüsse, den Rhein sowieso, am Fließband sozusagen, gemalt. Mit Hilfe eines Pantographen zeichnete er deren Läufe nach, Azur, mit etwas Miloriblau verdunkelt, auf hellocker Hintergrund.

Einen ganzen Atlas hatte er auf diese Weise geschaffen, nur mit den Flußläufen aller Länder. Wie gern hätte er daraus ein richtiges Buch gemacht! In diesem Sinn hatte er einen Brief an den Straßburger Verlag Treuttel et Würtz verfaßt, dessen Name er in einer alten Nummer einer Gazette (6) gefunden hatte, welche sein Vater sammelte. “In dieser Gazette“, erzählte Grians, „ging es um eine kleine sargförmige Schatulle, in der eine Haarlocke, ein Zahn, eine Silberstecknadel und zwei Knöpfe sich befanden, Reliquien des „Ersten Grenadiers der Republik“, die auf recht mysteriöse Weise in den Räumlichkeiten des Verlags deponiert lagen. Die Adresse des Verlags kopierte ich aus einem Buch meines Vaters, “Rues de Strasbourg” oder so ähnlich (7). Meinem Brief fügte ich einen meiner “Flüsse” bei. Antwort bekam ich nie (8).”

Für den Wettbewerb hatte Monsieur Grians also den verstaubten Pantographen vom Dachspeicher gekramt, und war nach Epfig gefahren, um Karten zu besorgen. Zwei historische Werke (Theodor de Bry, Carte du cours du Rhin (1595) und Simon E…, Carte du Cours du Rhin depuis Schaffhouse à Rotterdam (1840)) erstand er im dortigen Antiquariat – Faksimiles, versteht sich. Aus den daraus gewonnenen Zeichnungen wollte er in Straßburg einen dreidimensionalen Kunststoff-Ausdruck des Flußlaufs anfertigen lassen. (…)” (Fortsetzung folgt)

(6) Gemeint ist die Pariser Gazette anecdotique, littéraire, artistique et bibliographique n°15 vom 15 August 1889, in die Schàrel Grians mir später Einsicht gewährte
(7) Vieux noms et rue nouvelles de Strasbourg. Causeries biographiques d’un flâneur avec une préface, par Rodolfe Reuss (Strasbourg, 1883)
(8) Der Verlag wurde 1914 von einem Schweizer Verleger aufgekauft und behielt seinen Firmennamen bis 1927

Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (3)

“(…) Da ich in Rhinau eigentlich nur auf Durchreise war, hatte ich zuerst getan, was ich für gewöhnlich in mir unbekannten Städten unternehme, wenn ich etwas Zeit mitbringe: ich suchte nach dem Bahnhof. In einem derart kleinen Ort solch ein Gebäude zu errichten hatte man in Rhinau allerdings für unnötig befunden, wiewohl, wie mir eine ältere Dame später erzählte, es einst eine Straßenbahnlinie gegeben hätte, bzw. eine Abzweigung zur Hauptlinie Straßburg-Marckolsheim. Da war zuerst, erinnerte sich die Dame, eine Pferdebahn im Dienst, wissen Sie, dann wurde modernisiert… der Dr. Pétin aus Paris kam ins Hôtel du Lion (1), alle die an Bruchleiden litten wurden geheilt; und dann war da noch dieser Wagen, der auf einmal alleine los fuhr (2), und nach all den Kriegen, all den Jahren, all den Tagen, war es damit aus… alles wurde im Brand gesetzt (3). Daraufhin versank meine Gesprächspartnerin in einem schwarzen Gedächtnisloch. Mangels einer Bahnhofshalle hatte ich mich in das Foyer des lokalen Altersheims begeben.

grußkarteRheinau: “Zum Löwen”, Hauptstraße mit Kirche

moulinRhinau: Moulin

bruchleiden copyAnkündigung methodischer Bruchleidenheilung (Le Juif, n° 43, 12 novembre 1920)

Sie sollen nämlich wissen: ich halte mich gerne in Wartesälen auf, in Bahnhöfen, bei Ärzten. Krankenhaus-Cafeterien läßt sich ein ganz eigener Charme zuschreiben. Zwar wäre den dort servierten Kaffee als “köstlich” zu bewerten schwer übertrieben, gewiß – dafür handelt es sich meistens um ausgesprochen ruhige Orte. Mit Hilfe kurzsilbiger Berichte von Krankheitsverläufen, monotoner Auflistungen von Heilungsversprechen, Austauschmöglichkeiten über unschlagbare neue Therapien, wirkungsvolle Wunder, unter häufigem verständnisvollen Kopfwiegen vergessen Patienten und deren Besucher gerne ihre Lektüre. Tageszeitungen liegen leicht zugänglich herum, am liebsten sind mir die Regionalausgaben. Um von den Schlagzeilen des Weltgeschehens noch beeindruckt zu werden bin ich zu alt, doch andererseits zu jung, um mich geistig von Todesanzeigen zu nähren. Vermischte Meldungen hingegen sind wahres Gold!

Jetzt außer Reichweite gelangt, hatte meine Informantin leider keine Zeitung bei sich getragen. Ich suchte nach einer anderen Quelle, und erblickte einen schläfrigen Greis. Durch das Schattenspiel der Gardinen auf seinem Anzug ähnelte er einem verirrten, vor Kälte erstarrten Exemplar larinus scolymi, ein Coleoptera-Art, welche im Mittelmeerraum bis Nord-Afrika beheimatet ist – wie Sie jedoch wissen, profitieren auch Tiere vom Expandieren des internationalen Verkehrs.

coleopter

Mein Interesse an dem Mann galt aber vor allem der Zeitung, welche er auf seinem Schoß mit beiden Händen festhielt, und die auf der Kontaktanzeigen-Seite aufgeschlagen geblieben war. Zwischen Fotos lächelnder, vereinsamter Seelen, die ich nur verkehrt herum sehen konnte, bemerkte ich ein Fragment : ”… ma Rhin”. Vorsichtig zog ich an der Zeitung, doch der Versuch, sie mir anzueignen, schlug fehl. Was immer diese Finger im echten Leben nicht mehr fest zu halten vermochten – im Schlaf machten sie ihre Sache recht gut. Immerhin erkannte ich nun, daß das Fragment im Ganzen „Et ma Rhin“ hieß und der Titel eines Kunstwerks war, das einen Preis gewonnen hatte. Die Meldung war kurz und unlesbar, doch von einer, leider halb vom Ärmel des Schlafenden bedeckten, grob gerasterten, schwarz-weißen (eigentlich mehr grautönigen) Abbildung begleitet.

feldTypisches Maisfeld wie bei Rhinau anzutreffen (Symbolbild)

Aus verschiedenen hügelähnlichen Frisuren ragte ein Arm, dessen Hand etwas eingerollt hielt. „Et ma Rhin“ hatte meine Neugier geweckt, und wohl wissend, daß Sie ebenfalls an dieser Sache interessiert sein dürften, entschied ich mich ihr nachzugehen. Ein PMU (4) war schnell gefunden. Zwei Minuten später erfuhr ich, daß die Preisverleihung, bei der das Werk gewonnen hatte, eine Veranstaltung des Comité des Arts Vrais (5) gewesen war, und der Preisträger Schàrel Grians hieß. Ihn zu treffen war einfach. Mit seiner Frau, Emmele, wohnte er etwas außerhalb der Gemeinde. Sie waren in der Gegend die einzigen Personen mit diesem Nachnamen. Sie wohnten im einzigen Haus, das ich am Rande der Ortschaft finden konnte; es stand inmitten von Maisfeldern, die es zu bewachen schien. (…)” (Fortsetzung folgt)

(1) Am ”Hôtel du Lion”, oder ”Restaurant au Lion”, hielt übrigens die Straßenbahn an.
(2) ”Tremblement de Terre – Dans la soirée du 11 juin, entre neuf et dix heures, un tremblement de terre a été ressenti à Strasbourg, à Erstein, à Geispolsheim, à Rhinau. L’oscillation a duré à peu près trois secondes. A Rhinau, un wagon de tramway qui se trouvait sur la voie s’est mis en mouvement.“ (Le Petit Parisien, 16 juin 1887, n° 3883) – so alt, daß sie besagtes Erdbeben selber hätte miterleben können, war die Dame freilich nicht.
(3) Die Straßenbahnlinie Strasbourg-Boofzheim-Marckolsheim (54 km), mit einer Verbindung von Boofzheim nach Rhinau (2 km) wurde 1886 eröffnet und 1957 abgeschafft. Der gesamte Straßenbahnverkehr wurde in Strasbourg im Jahr 1960 eingestellt und
das Material im Dépôt de Cronenbourg verbrannt.
(4) Pari Mutuel Urbain: Annahmestelle für Pferdewetten, oft kioskähnlicher Betrieb mit Zeitungsverkauf
(5) Komitee der wahrhaftigen Künste