Einfalte Delineation (4)

Rheinursprung
„Der andere Hof ist das Tawetscher Thal, eine Wildnus. Die ältesten Einwohner allhier hießen Aetuatii. Hier findet man die rudera des Schlosses Pultmenga, item die Nachbarschaften: 1. St. Jakob, 2. Selva, 3. St. Vigili, 4. Cumanils, 5. Cimunt, quasi cima del munt in Rhaetischer Sprach. Das ist der höchste Gipfel des Bergs, trifft auch schier ein, dann hier besteigt man den allerhöchsten Berg, der so zu sagen in der Welt zu finden, und komt man zum Ursprung des vordern Rheins aus dem Berg Crispalta, an welchem auf der einten Seiten Ursulen und der Gotthard, auf der andern Seiten der Berg Bicornus oder die Furken anstosen. Dieser überaus hoche Berg, aus deme der Rhein entspringet, wird sonsten auch genennet Badus. Auf dem Gipfel dieses Bergs ist ein See. Einige beschreiben diesen See groß, so gar dz etwelche in die Welt schreiben dörfen, er sey zwei Meilen lang und eine breit, – als wie Castelberg, Pfarrer in Tavetsch, deme es Escharbotj, französischer Dollmetsch, nachgeschrieben. Andere aber, denen mehr zu glauben und mit dergleichen einem ich auch selbst geredt, beschreiben diesen See klein, allso daß er kaum 1/4 Stund lang und breit in der Circumferenz.
Under diesem See entspringt der Rhein aus einem harten Felsen, formirt sogleich einen schönen Wasserfall und senkt sich mit praßlen und Geräusch eine gewaltige Tiefe hinunder, von welchem Fall in dieser Gegne auch im warmen Sommer ein so kalter rauchender Dampf erreget wird, dz die sich herzunachende selbigen keineswegs vertragen können. Bey bemeltem Berg Crispalta passirt man Sommerszeit über hoche Alpen auf Ursulen.
Auf der andern Seiten dieses Bergs, aus der Furka entspringt der Rhodanus, so Wallis durchströhmet, aus dem Grimsel, so ein Ast der Furka ist, entspringt die Aar, welche durch die Schweiz hinfließt. Allso, daß die Distanz der Quellen dieser drei Hauptflüssen nach geometrischer Ausrechnung nicht über 20 000 Schritt ausragt.
Zwischen der Aar und dem Rhein entspringet aus dem Gotthard auch die Reuß, und gegenüber auf der italiänischen Seiten entspringt der Thesin, item der Aracer, die Madian etc. und nicht weit davon die Muesa. Ist allso dieses fünfspizige Kreuzwerk in der Höche dieses Gebirgs gleichsam ein hydrophilacium, oder Wasserkammer, aus welcher sich viel Haubtflüsse in ganz weit von einander zertheilte Ende der Welt ergießen.“

Nolla
„Der Bach Nolla hat diese Eigenschaft, dz er über Jahr immer trüb komt, mehrentheils Zeit ist er recht schwarz, gleichsam wie Dinten. Das rührt daher, weil oberhalb under Tschoppina ein faul Gebirg ist, von welchem immerhin etwas von blauem Leim und Erden in den Bach reißet. Deßwegen dieses Bachwasser auch von sonderbarer Schwere ist – also dz wann ein starker Mann in diesen Bach fiele, auch wann er klein gehet, und seine Kleider damit benezte, so wäre es ihm ohnmöglich, sich allein ohne Jemands Hilf heraus zu wikeln, weil seine Kleider an ihm nicht anderst sind als wie ein bleyerner Mantel, allso dz er seine Glieder kaum regen kan. Die Proben sind schon mehrmalen gemacht. Dieser Bach wütet zu Zeiten erschreklich und verursachet bisweilen ziemlich Schaden. Von diesem Bach ist auch dieses curieuses zu annottiren, dz er das gemeinlich jederzeit ganz klare oder helle Wasser des hindern Rheins von seiner Vereinigung an bis hinab under der Fürstenauer Zoll Bruk bis an seine Hälfte tingirt, allso dz der hindere Rhein einen guten Strich under Thusis hinab halb weiß und halb schwarz anzusehen, weil sich das schwere, schwarze Nollawasser nicht sogleich durchaus mit dem Rheinwasser vermischet.“

Via Mala
„Vor Zeiten gienge die Landstraß neben Ronggellen den gächen und hohen Berg hinauf bis auf die Höche desselben, und von danen wieder einen weiten Weg hinab bis in die Ebene von Schammß. Vor Jahren aber hat man durch Anwendung vieler Unkosten und Sprengung vieler Felsen die Landstraß durch Viamala, oder das sehr enge rauche gräßliche Felsen Thal hinein gemacht bis in Schamß. Dieses enge Thal hat auf beiden ganz gäche Wolken hoche Felsen neben sich, under sich fließt der Hinderrhein durch eine ungeheure tiefe Kluft hinunter gegen Thusis, da die Felsen an theils Orten zusammen ragen, und beynache an einandern stoßen, dz man nichts vom Rhein sehen mag, an theils Orten machen sie auch eine Oeffnung, dz man in einen entsezlichen abyssum hinunder sehen kan, wie der Rhein mit seinem Anputschen an die enge Felsen einen weisen Schaum zeiget, und einen Wasserstaub von sich wirft. Man kan nicht wohl ohne Grausen und Schwindel durch diese Felsenklüfte hinunder sehen.“

Einfalte Delineation (3)

Der Mordpfarrer
„Ein Stuk vor Ronggellen hinein mitten in der Viamala ist ein gräßlicher Durchpaß bey einem Ponte pensili, oder gleichsam in die Luft hinaus angesezten steinernen Bruk an einem ausgesprengten Felsen zu, über welche Bruk man nicht ohne Grausen durch eine gäche Felsen Kähle hinab siehet in die grausame Tiefe des Tobels. An diesem Ort ist anno 1705 eine greuliche Mordthat verichtet worden, wie jederman beglaubt von einem Pfarrer; es ware nemlich Pfarrer in Farära ein Under-Engadiner M. ex M. Der hatte ein junges starkes Baurenmensch geschwängert. Am heil. Wienacht Fest theilt er noch selbsten in seiner Gemeind das heil. Nachtmal aus, nachdeme er den Bissen eingenommen hatte, fuhr der Teufel in ihne, wie in den Verräther Judas. Er gehet zu seiner schwangern Concubin oder Braut hin (dann er hatte ihr die Ehe versprochen) und beredet sie, er wolle mit ihr irgendwo heimlich Hochzeit halten und zu solchem End hin wollen sie morgens früh vor Tag mit einandern verreisen, welches sie noch Abends ihren Hausgenossen eröffnet. Was geschiecht? In der Nacht verreisen diese beide von Hauß mit einandern an bemeltes Ort, die Stein Bruk, allda pakt der durchteufelte Mörder das arme schwangere Mensch unvermuthet an und ersticht sie mit etlichen Messerstichen und schmeißt sie über die Bruk hinunder, durch die Felsenkähle in den Abyssum des wüsten Tobels, doch muß sich das Mensch noch vor ihrem End tapfer gewehrt haben, denn man fande im Schnee den Kampf Plaz völlig zerstampfet und etliche Resten Haar, die sie dem Mörder ausgerissen hatte – unden in den Felsen-Kähle bliebe auch noch ihr Halß Fazolettlin an einem Stäudlin behangen, zum Zeichen, dz es eine Weibs-Person gekostet. Er der Mörder eylet nach der That allsobald in Schamß zurück, gehet alldorten in eine Filial Kirchen nach Zillis, allwo Hr. Pfarrer Calleonard Predigt hielte, mit Nammen zu Ruschein; nach der Predig ruft ihm der Pfarrer, er solle auch kommen gen helfen singen; der Mörder parirt, doch ware er voller Schweiß und zitterte darbey, dz er das Buch nicht wohl halten konte. Dem Pfarrer kame die Sach suspect vor, bald nach vollendetem Gottes-Dienst stellte er ihn zurede, warum er so übel aussehe und was seine blutige Schuhe bedeuten. Der elende Kerl befande sich in seinem Gewissen geschlagen und sagte, die Leuth haben ihn in Verdacht unverschuldeter weiß, als wann er das und das Mensch ermordet hätte etc. Der Pfarrer erseufzende und wohl sehende, wie viel die Gloken geschlagen, sagt: O du elender Mensch, mach dich bald ab den Augen und aus dem Land, dz dich niemand nimmer mehr sehe; er schiede allso von ihme und passirte selbige Nacht einen sonst Winterszeit unpassablen Berg, allso dz sich Jedermann darüber bestürzen müssen und niemand glauben können, daß es einem Menschen möglich gewesen wäre, durch den ungebrochnen Schnee über den Berg zu kommen, allso eschappirte er. Bald noch selbigen Tags wurde es in Schamß kund, dz an bemeltem Ort eine Mordthat geschehen. – Die Obrigkeit inquirirt bald, der Argwohn kam auf bemelten Mann, doch weil er entronnen, konte man nicht weiter; es war Jammer im Land über den Greuel und Aergernus. – Gegen dem Frühling bey anwachsendem Wasser wurde der Körper der Ermordeten durch den hindern Rhein aus seiner kalten Winterherrberg heraus geschwemet bis hinder Thusis under alta Rhaezia, allda ans Land geworfen gefunden. Die Oberkeit hat ihn sogleich visitiren lassen, da dann selbiger mit etlichen Stichen durchbohrt befunden worden, und da man den Leib aufgeschnitten, fande man in selbigem ein beynache ausgetragenes Knäblein. Der Körper wurde auch mit vieleren Thränen ehrlich zur Erden bestattet. Der Thäter indessen kam nach seiner Flucht hinaus in die Pfalz, bekam sogleich einen guten Dienst, heurathete, wurde Scholarcha und lebte äußerlich in gutem Wohlseyn. Als ich Pfarrer zu Malix ware, ist er einmal ins Vaterland kommen, logirte zu Chur beym Ochsen; er reiste zu Pferd und wohl mondirt und hatte keinen Scheu, seinen Nammen anzugeben, sagende: er sey der, den man vor Jahren in Schamß so greulich verleumdet gehabt. Die Sach komt bald in Schamß, allda war man in procinctu, ihne in seinem Vaterland oberkeitlich abzufordern. Seine Verwandte schmekten Feur und schafften ihn drei Tag nach seiner Ankunft wieder aus dem Land, er kehrte wieder in die Pfalz zu seiner Frau und Kindern und stirbt einige Jahre hernachen alldorten in seiner Würde als Scholarcha. Allso ist mir die ganze Historie erzählt worden. O wie sind die Verhängnisse Gottes so wunderbar und wie ist die Langmuth Gottes so groß, die Gefäße des Zorns zu ertragen. Wer hat des Herrn Sinn erkannt oder wer ist sein Rathgeb gewesen? O wie lang wartet die göttliche Langmuth auf der sündlich verkehrten Menschen-Kindern Buß und gestattet ihnen noch Zeit dazu, wie manche züchtiget er noch hie in Zeit, damit sie zur Buß getrieben werden? Wie manchen erweiset er alles Guts, damit sie seine Gerichte zur Buße leite? Wie manche läßt er auch in ihrer Sicherheit wie die Schlacht-Schaaf dahin laufen bis an ihr End, damit sie zum Gericht aufbehalten werden, zu empfangen, was ihrer Thaten werth ist. Wie unbegreiflich sind Gottes Wege und wie unerforschlich sind seine Gericht. Rom. Cap. 11.“

Einfalte Delineation

„Einfalte Delineation aller Gemeinden gemeiner dreyen Bünden nach der Ordnung der Hochgerichten eines jeden Bunds, ihren Nammen, Nachbarschafften, Höfen, Situationen, Landsart, Religion und Landsprach nach kurz entworfen, Samt beygefügten etwelchen merkwürdigen Begebenheiten auch Seltsamkeiten der Natur verfast durch einen Liebhaber guter Freunden Nicolin Sererhard einem Bundsmann, beschrieben im Prettigeu auf Seewis des Loblichen X Gerichten Bunds im Jahr unsers Heils 1742“ lautet der vollständige Titel eines lang gesuchten und nun in der Ausgabe von 1944 in der Liechtensteinischen Landesbibliothek vorgefundenen Bandes, dessen Entstehen in Dielhelms Zeit fällt, ohne daß zwischen beiden Werken direkte Bezüge auszumachen wären. Wohl aber finden sich Überschneidungen einiger Anekdoten „vom Hörensagen“ und Vorgriffe auf die Geistergeschichten aus Büchlis 200 Jahre jüngerer Mythologischen Landeskunde. Sererhards bisweilen launische Kommentare funkeln lustig im Zeitkolorit. Dergleiche berühmte Alpenföhn, der seinerzeit bisweilen Sererhards Gedankengänge beeinflußt haben mag, hat uns folgende Ausschnitte ins Netz geweht:

Der graue Bund
„Dieser Bund wird der graue Bund genennet, wie man meynet von dem Lugnezer Landwasser Gloin har, welches bey Ilanz, allwo es sich in den vordern Rhein ergießet, eine graue Farb praesentirt. Von diesem so genanten Bund La Liga Grisa werden alle Bündner mit einem General Nammen bey den Ausländischen benamset Grisonei, oder die Grau Bündner.
Ja, weil bey dem Zusammenfluß des Rheins und Glorin oder Gleners der Rhein weiser Farb und der Glener grauer Farb ist, soll auch der Ober Bund diese zwei Farben zu seiner Liberei angenommen haben.
Dieser Bund ist das erste mahl geschworen worden anno 1424 zu Trünß under einer Linden. Dazu sind die gute Leuth veranlaßt worden durch die unmenschliche Proceduren und Tyraney ihrer Oberherren und deren Vogten, danachen sie sich bemüssiget befunden, sich zum gemeinen Schutz wider die unbilliche Gewalt zusammen zu verbinden.
Von viel Exemplen nur eines zu bemerken, so ist bekannt, wie der Vogt zu Bernburg in Schamß einen Baur gezwungen, mit den Hennen und salvo honore Schweinen aus ihren Trögen zu essen. – Doch hernach als die Bauren Meister worden, ist eben diesem ein gleiches wiederfahren, und er zu gleicher Näscherey gezwungen worden. Dergleichen Exempel noch manche beyzubringen wären.“

Heute heißts, der Bund sei unter einem Ahorn geschworen worden, von dem ein Teil in Truns noch zu besichtigen sei. Linde oder Ahorn, Ahorn oder Linde? Zu den Baumauswirkungen auf Schwüre: Rita Lüthy-Schwöri – Naturwesen, Baumfeen, Berggeister. Unsere unsichtbaren Freunde, Maienfeld 1977. Die Geschichte des Vogts von der Bärenburg und dem Bauern Johannes Caldar gibts auch in einer anderen Version, die stark an jene von Pidder Lüng auf Sylt erinnert.

Dielhelms Hinterrhein (2)

“Hinter dem Flecken Tusis fließt ein kleines Wasser, die Noll genant, hervor in den Rhein. Es entspringt solches drey Stunden hinter Tusis in Cepina / an einem wilden, doch bewohnten Orte an dem Fusse des hohen Spitzbeuerinbergs. Es führet einen luckern schwarzen Modderschleim bey sich, welcher von allerhand Wassern, insonderheit auch von dem Schneewasser aufgelöst, je mehr und mehr weggefressen und fortgeschleppet wird. Sonderlich läuft es vom starken Regen öfters dermassen an, daß es großen Schaden verursachet, und den Einwohnern in Tusis ganze Häuser und Ställe mit vieler Erde wegfrißt, anbey wegen seiner dickschwarzen Farbe, die ziemlich lang dauret, und den ganzen Rhein schwärzet, abscheulich anzusehen ist. Im übrigen scheidet es das Schamser Thal und das Domlesch von einander. Diesem Tusis gegen über, zur rechten Seite an dem Hinterrhein, liegt ein hoher Felsen, der Sanct Johannesberg von einem diesem Heiligen zu Ehren vor Alters allda erbauten Kirchlein genant. Es hat derselbe Felsen eine gerad aufsteigende Höhe, worauf das alte Schloß Hohen Realt, oder Rhätia, lat. Rhaetia alta, zu sehen ist, und soll von dem Fürsten Rheto, der Räthier uralten Stamm= und Namensvater erbauet, oder doch nach ihm seyn genennt worden. Nunmehro liegt es öde und ist Alterthums wegen verfallen, doch sind noch vier aufrecht stehende feste Thürne und sonst andere alte Mauren, als namhafte Ueberbleibsel, davon zu sehen. Von diesen Orten richtet der hintere Rhein seinen Lauf gegen Norden, und verschluckt unterhalb Sils den Albelfluß, fliesset sodann unter der Zollbrücke durch, auf das Bischöflich Churische Schloß und Flecken Fürstenau und das Frauenkloster Ratz oder Razes. Dieses Ratz oder Razis, lateinisch Chacias, war ehemals ein vornehmes adeliches Benedictiner Nonnenkloster im Domletzger Thal am hintern Rhein, anderthalbe Stunden von Chur. Im Jahr 758. hat solches Paschalis, ein Graf in Rhäthien und Bregenz und der vierzehende Bischof zu Chur nebst seiner andächtigen Gemahlin Aesopeia, die aber Münster und andere Schriftsteller jedoch unrecht Episcopia nennen, eine geborne Gräfin von Hohen Realt, samt ihrem Sohn Victor dem Ersten, so nach seinem Vater Bischof zu Chur worden, gestiftet. Zur ersten Abtißin haben sie ihre älteste Tochter Vespula, und zur Stiftsfrau ihre jüngste Tochter Ursina verordnet. Im Jahr 1537. hat die letzte Abtißin gelebet, nach deren Absterben der Obergrauenbund das Kloster secularisirt und reformirt, und dessen Einkünfte unter seine Gemeinde zur Erhaltung ihrer Kirchen und Schulen ausgetheilet. Seit dem Jahr 1666. ist dieses Kloster wieder hergestellet worden, und hat nun eine Priorin zur Vorsteherin. Von diesem Kloster richtet der hintere Rhein seinen Lauf nach dem Dorf Rotels / nach den beyden zerstörten Schlössern Ortenstein und Juvalt / wie auch auf Rothenbrunn / wo ein Bad ist, ferner auf Dumilz und Räzuns, oder Rezins / lat. Rezona, Raethia Ima, oder Raethium Castrum, wendet. Es ist dieses ein Schloß, so auch noch seinen Namen von obgedachtem Rheto führet, und den Titul einer Herrschaft hat, so dem Erzhause Oesterreich zustehet, welches daselbst einen Verwalter, oder Voigt hält. Es ist dieser Ort eine Feste, so das sogenante Dumlesch bedeckt. Die Freyherrn dieses Namens sind schon im Jahr 1459. abgestorben.”

Dielhelms Hinterrhein

“Der Hintere= oder Nieder=Rhein, lateinisch Rhenus Posterior, sammlet sich in dem Vogelberge aus einem Gletscher, oder Eisberge, der sich über zwey Stunden weit erstreckt. Er fließt aber unter dem Moschelhorn / von der Alp zum Port in vielen Bächen hervor und stürzet sich in einen sehr tiefen Schlund hinab. (Anm.: es ist, als würden die Berge überschwappen, als gäbe es dort oben, hinter bzw unterhalb der sichtbaren Kante Rheinwasserbecken mit geheimen Durchstichen in die belebbare Welt. Dazu verbreitet dieses Wasser überirdisches Rauschen. Dielhelm beschreibt hier äußerst profan und vermutlich nicht aus eigener Anschauung. Wer hat je die Rheinquellen gesehen und welchen Gewährsleuten wird geglaubt?) Es läuft dieser Rhein erstlich gegen Mittag, hernach gegen Morgen, wohl drey bis vier Stunden von seinem Ursprunge bis zum ersten Dorfe Hinter=Rhein (Anm.: heuer passiert er zuvor noch die gelangweilte Schildwache der Schweizer Armee und dieses Dorf Hinterrhein, auch wenn es einen Begriff von Asfalt, Motorfahrzeugen und womöglich sogar Internet hat, strahlt etwas seltsam (da unangemessen) abgeschiedenes aus, wirkt wie hingemalt und dann in der Moderne stehengelassen, heißt, es mischen sich die natürlichen Elemente Kuhglockensinfonie, Instalgeducktsein, granitne Verwachsenheit mit den Kompositionen des Paßstraßenbaus, der Elektrizität und des Schweizer Wahlrechts); eh er aber dahin komt, fliessen von der linken Seite hinein die Theiltobelach, die Weißbach / die Marsinbach / und die Steinbach / von der rechten Seite aber die Moselbach (Anm.: oder auch andere, mehrere, anderen oder gleichen Namens). Wenn er das Dorf Hinter=Rhein oder zum Rhein zurück gelegt hat, nimmt er in einer S und Wegs davon die Kirchalpenbach, Cadariolerbach und Saltmannsbach ein (Anm.: siehe letzte Anm.). Nach Einnehmung dieser Bäche gelanget der Hinterrhein auf Nuffenen, wo ihm in Zeit von einer halben Stunde abermals die Tellenbach, Reierbach, Praschelbach, Heinisbach, und Fuchstobelbach zufliessen. Unterhalb dieser Zuflüsse, bey dem Dorfe Ebene, oder Planura / empfängt der Rhein die Böbacher Bach / zur Linken aber die Mühlbach. Hierauf fliesset er nach Medels und in einer halben Stunde nach Splügen. Splügen, lateinisch Speluca, und vor Zeiten Tarvesedun und Trinnetia genant, ist ein vornehmer Flecken und Niederlage in dem sogenanten Rheinwalde, wenn man von Chur über den Vogelberg und den Urschler Berg in Italien reisen will, und sind dessen Einwohner alle deutsche Lepontier. Allda fliesset das Splüger Wasser, und die Wüterichbach / welche oft grossen Schaden thut, in den Rhein hinein. Hierbey ist zu merken, daß das Thal, welches sich von dem Ursprunge bis hierher ziehet, der Rheinwald heisset. Unter Splügen krümmet sich der Rhein gegen Südost, und läßt auf linker Seite das zerstörte Schloß zur Burg, und das Bergdorf Suffers liegen. In der Bergenge Rufeln stürzet sich der hintere Rhein, so bis dahin durch den Rheinwald ziemlich zahm gelauffen ist, über entsetzlich jähe Felsen hinunter, und formiret mitten im Walde bey der hohen Brücke einen gar schönen Wasserfall, worinnen man einen Regenbogen siehet. Von dannen wendet sich der Rhein gegen Norden, bald aber wieder gegen Osten, eh er noch in das Schamser Thal komt. Bey dem Dorfe Ander empfängt er sodann einen Zufluß, und geht zur Rechten an dem zerstörten Schloße Bärenburg hin. In dem Schamser Thal nimt er auf jeder Seite drey Bäche zu sich, daher auch dieses Thal den Namen Vallis Sexamina bekommen. Auf der Rechten liegen darinnen die Dörfer Ander, Zillis, und auf der Linken das zerstörte Schloß Castellatsch, nebst den Dörfern Clugin und Danet. An dem Ende dieses anmuthigen Schamser Thals unter der steinernen gewölbten Brücke, fängt der böse Weg, lat. via mala an, welcher nicht allein eine beschwerliche, sondern auch eine höchst gefährliche Straße ist. Denn dieselbe geht über ein grausam wildes und hohes Gebürge, so hin und wieder an vielen Orten in die harten Felsen eingehauen, welche felsigte Berge durch unterschiedene Brücken in entsetzlicher Höhe sehr schlecht aneinander gehängt werden, unter welchen der in der Tiefe fliessende Rhein mit ganz ungestümmen Rauschen fast immer Wasserfälle machet, und an manchen Orten drey, vier, bis fünf Klaftern tief, mit grossen Gestöß sich über die wilden Felsen und Klippen hinabstürzet. Welcher Anblick von diesen liederlichen Brücken sonderlich der übermäßigen Höhe wegen, einem Reisenden Furcht und Schauer verursachet, und es währen diese Wasserfälle bis zu dem Dorfe Roncaglia / ja bis ins Domleschger Thal beständig fort. (Anm.: ja, damals, als Bouldern noch kein Trendsport war.) Nachdem der hintere Rhein in dieses Thal eingedrungen ist, begiebt er sich auf Tusis, einen schönen Marktflecken. (Anm.: und den ersten, den Dielhelm menschlich zeichnet. Immerhin sind die ersten Rheindörfer ja allesamt bewohnt, von Menschen und Tieren teils außergewöhnlicher Gestalt. Dennoch wird über die Bewohner dieser Orte kaum ein Wort verloren, bei Spescha, später, werden zu jedem Dorf wenigstens Ethnie und Konfession genannt – und vielleicht ist das ja auch tatsächlich schon alles, was über die Rheinursprungsanwohner bekannt werden sollte, denn wenn ich Tuor richtig lese, scheint einiger Wahnsinn in den Bergmenschen und der sie umhüllenden und bedrückenden Natur zu brodeln.) Er liegt in dem obern Graubündten, an der Landstraße nach Italien, und zwar an des Rheins linken Ufer fünf Stunden oberhalb Chur. Von den Lateinern wird dieser Ort Tuscia, oder Tusciana vicus, oder Tusanna, statt Toscana, genant. Er hat seinen Ursprung von den Tußciern, oder Toscanern, den alten Einwohnern des heutigen Großherzogthums Toscana, welche durch die Gallier vertrieben worden, alsdann eine sichere Wohnung in den Gebürgen gesucht, und sich anfänglich allda niedergelassen, selbigen Ort erbauet, und nach ihres verlassenen Vaterlandes Namen Tuscia genennet haben. Anfangs war der Ort vermuthlich mit Ringmauern umgeben, so aber nach der Zeit zerstöret, und nicht wieder aufgerichtet worden. Indessen findet man allda noch stattliche Gebäude, auch ist daselbst eine berühmte Niederlage von Kaufmannsgütern, und ein gewöhnlicher Wochenmarkt, so mit großem Zulauf des Volks gehalten wird. Im Jahr 1727. brannte dieser Flecken bis auf einige Häuser völlig ab. (Anm.: heute steht er bekanntlich wieder, sogar ein paar Hochhäuser hat Thusis ins Tal gepflockt, die aus dem Boden ragen wie Versuchsanordnungen, die man nach zwei drei Fehlschlägen vergessen hat wieder mitzunehmen.)”

Am Ende spricht man deutsch

Rheinsein kämpft sich im alpinen Dauerregen durch den stellenweise etwas wirren Spescha und stellt fest, daß manch ausgerottete Tierart Dezennien später sich wieder einrottet: „Gleich vor Sils theilen sich die Gewäßer und Thäler des Domläsker-Thals, und deßen rechter Arm nimmt seinen Bezug Thusis vorüber gegen Süden und Südwesten hin und erreicht alsbald den gräuslichen Schlund der via mala. Man nennt diesen Fluß bald Schamser-, bald Rheinwalder-Rhein. Den ersten Zufluß bekommt dieser Rhein von der Nolla, die (…) von Westnorden herrinnt. Hinter Runcaglia (=ausgereutetes Ort) und via mala breitet sich das Thalgeländ Schams aus und erfreuet den Wanderer nach der Wüstenei der via mala. Andaer ist Hauptort des Thals und hat ein Gesundbad. Es ist fruchtbar und nährt ein aufgewegtes und tapferes Volk, welches den reformirten Gottesdienst hält und romanisch spricht. Von beiden Thalseiten her empfängt der Rhein Zufluß, vorzüglich aber vom Averser-Bach, der aus dem Thale gleichen Namens, prächtig fallend, und der Matoner-Bach, welcher von Westnorden, schäumend, herbeieilen. Schams scheint seinem lateinischen Namen Sexamnium nach, das schon frühzeitig in der Geschichte vorkommt, von sechs Bächen herzuleiten; ich bin aber der Meinung, es stamme ehender von den Felsenwänden, über welchen es bewohnt, oder von jenen, mit denen sein Ein- und Ausgang verengt und beschloßen wird. Es sollte also ehender Saxamnium heißen. Das Seitenthal Avers nimmt bei dem verfallenden Schloß Bärenburg seinen Anfang und streicht nach Ostsüden bei 2 Stunden hinein. Es vertheilt sich in mehrern Seiten- und Hinterthälern, und am Ende spricht man deutsch. Deßen südlicher Grund ist mit sehr hohen Bergen und vielen Glätschern belastet, und von daher rinnt das meiste Waßer her. (…) Von der sogenannten Rofla thalhinein strömmt der Rhein von Südwesten her bis zum Rheinwald-Gletscher, woraus er entspringt, hervor; von dort aber neigt sich das Thal mehr gegen Westen, und verschiedene Bäche rinnen von den Thalseiten herab und verbergen sich unter ihm. (…) Im Hertergrund (…) erhebt sich der piz Valrhein über alle seine nachbaren Berge und ist einer der höchsten in der Centralkette der Alpen. Von ihm aus gehen 6 bis 8 Thäler in allen Gegenden der Welt, die mit ungeheuern Glätscher belastet sind, aus. Und wenn die wiederhohlte Sage wahr ist, daß der Bernardin-See, welcher auf der Anhöhe dieses Bergs (…) liegt, zwei Ausleehrungen: die eine in den Rhein und die andere in die Moesa habe, so steht das deutsche mit dem adriatischen Meer vermittelst dieses Sees in Verbindung, welches eine Seltenheit der Natur ist. (…) Wenn man aber das Thalgeländ von Domläsk (…) betrachtet, so stellt es eine seltsame Vermischung von Zahm- und Wildheit dar. Denn vom Weinstock und den niedlichsten Garten- und Baumfrüchten von Reichenau an bis zum feinsten Einhauch der Thiere und Menschen trifft man da an; und wir vermissen nichts von unsrem Alterthum hier als den Steinbock, der vom Anbeginn der Freiheit an bis zur gänzlichen Ausrottung verfolgt worden ist. Denn man sieht hier aller Gattungen von Laub- und Nadelholz, von Getreid- und Pflanzenarten und von Menschen, welche verschiedentlich sich kleiden, sprechen und Gottesdienst halten. Wenn also das alte Sprichwort gilt, daß die Menschen nemlich nach der Verschiedenheit ein Belieben tragen, so findet man es da.“