ein Schreck der Thierwelt

“(…) Leise, stets lauernd, mit schiefem, scharfem Blick, halb furchtsam und halb tölpisch durchforscht der alte Mörder, den sein hagerer, knochiger Bau, sein schleichender, unentschlossener Gang charakterisiren, gegen den Wind das Dickicht des Hochwaldes, und hinterläßt eine Fährte, die der eines großen Hundes ähnlich, aber länger, breiter und gewöhnlich schnurgerade ist. Widerlich und unangenehm in seinen Manieren, gierig, boshaft, verschlagen, gehässig in seinem Naturell, unerträglich durch seinen abscheulichen Geruch, ist er ein Schreck der Thierwelt, der sich naht. Mit hängendem Schwanze lauert er auf die spärliche Beute, beschleicht ein Hasel- oder Steinhühnchen, paßt den Ratten, Wieseln und Mäusen auf und schlingt auch eine Eidechse, eine Kröte, einen Grasfrosch, oder selbst eine Blindschleiche oder Ringelnatter hinunter, wenn ihm bessere Jagd abgeht. Größere Thiere verfolgt er laufend, bis sie müde sind, was die Katzenarten nie thun. Doch verscheucht er durch seinen Gestank und sein tölpisches Wesen oft alles Gethier (er ist bei weitem nicht so vorsichtig und elegant in seinem Auftreten wie der klügere Fuchs) und lungert beinmager, elend und verkommen viele Nächte lang durch die menschenleeren Felsenödungen. Im Winter vermehrt die Kälte seinen ohnehin fast unersättlichen Heißhunger; doch ist dann die Jagd besser, die Fährte sicherer. Er überrascht den weißen Alpenhasen und selbst den vorsichtigen Fuchs; aber immer hungrig und gierig schleicht er mit seinen schiefen, funkelnden Augen, die kurzen, spitzen Ohren stets aufgerichtet, den fuchsartigen Kopf lauernd nach allen Seiten hin wendend und den Hinterkörper einziehend, als ob er lendenlahm wäre, von Berg zu Berg, von Wald zu Wald und heult in den kalten, frostklirrenden Winternächten schauerlich durch die in Schnee begrabenen Hochweiden. Dann dehnt er seine Jagd nicht nur stundenweit aus, sondern geht durch ganze Alpenzüge, vom Engadin durch die berner und walliser Alpen bis in die offenen Ebenen des Waadtlandes oder vom Wasgau den Rhein hinan und die ganze Jurakette entlang, ein Schrecken für Mensch und Thier. (…)

Vor dem Beginn unsers Jahrhunderts war die Auffindung einer Wolfsspur das Signal zum Aufbruch ganzer Gemeinden, und die Chronik erzählt: „Wiebald man einen Wolf gewar wird, schlecht man Sturm über ihn: alsdann empört sich eine ganze Landschaft zum Gejägt, bis er umbracht oder vertriben ist.“ Letzteres geschah bei solchem „gemeinen Gejägt“ denn auch häufiger als ersteres, da die Wölfe, besonders wenn sie starke Beute gemacht haben, als ahnten sie die nothwendig eintretende Verfolgung, rasch das Revier verlassen. Man bediente sich großer Netze, „Wolfsgarne“, die der Reisende noch jetzt in den Leberbergischen Dörfern und auf dem Rathhause zu Davos sieht, wo bis in die neueste Zeit noch mehr als dreißig Wolfsköpfe und Wolfsrachen unter dem Vordache herausgrinzten und ihm wol deutlich genug erzählten, wie furchtbar häufig diese Bestien in jenen Gebirgen hausten. Gar kalte Winter, die alle Alpenthiere den Thälern zutreiben, zwangen die Wölfe oft, sich bis an die größern Städte hinanzuwagen, und wir lesen in den Chroniken oft genug, wie im sechzehnten Jahrhundert und bis in die neuere Zeit diese Tiere selbst bei Zürich und Schaffhausen Menschen und Tiere zerrissen, die Schindanger aufsuchten und die Hunde an der Kette erwürgten. (…)

Das Graben von Wolfsgruben ist auch bei uns in frühern Zeiten gebräuchlich gewesen und Vater Geßner erzählt, daß ein Jäger Gobler in einer solchen einen dreifachen Fang auf einmal gemacht habe, nämlich einen Wolf, einen Fuchs und ein altes Weib, von denen jedes aus Furcht vor dem andern die ganze Nacht sich nicht gerührt habe. (…)

Menschen hat er im letzten Jahrhundert in der Schweiz kaum angegriffen; er flieht sie vielmehr und ist sehr feige, wenn ihn nicht der bittere Hunger halb rasend macht oder schwere Verwundung zur Nothwehr reizt. So wurde ein Herr v. Marca aus Misox, als er an einem Winterabend aus der Hauthür trat, plötzlich von einem hungrigen Wolfe überfallen. Mit einem Faustschlage streckte ihn der kaltblütige, baumstarke Mann todt zu Boden. Dann nahm er ihn beim Schwanze und warf ihn seiner Frau, die ihn eben erzürnt hatte, in der Stube vor die Füße. (…)

In der Reihe der thierischen Individualitäten nimmt er eine sehr tiefe Stufe ein; selbst unter den Raubtieren ist er eines der widerwärtigsten. Mit dem reißendsten wetteifert er an Heißhunger, der selbst dem schlechtesten Aase gierig nachstellt, an Tücke, Perfidie, während er dabei keine Spur vom Edelmuth des Löwen, von der frischen Tapferkeit des Eisbären, vom Humor des Landbären, von der Anhänglichkeit des Hundes hat. Tölpischer als der Fuchs, dabei aber tückisch und höchst mistrauisch, ist er tollkühn ohne Schlauheit, in seinem ganzen Wesen ohne alle Schönheit und wol überhaupt eine der häßlichsten Thiernaturen. Mit dem Hunde hat er nur körperliche Aehnlichkeit; man kann nicht sagen, er sei der wilde Hund, der Hund im Urzustande; er ist vielmehr der durch und durch verdorbene Hund, das Zerrbild des Hundes, das alle übeln Seiten der Hundenatur an sich trägt, aber nichts von den guten, sodaß er hierin, da die Natur sonst nicht so häufig in Zerrbildern zeichnet, eine wirklich interessante Erscheinung bildet. (…)”

(aus: Friedrich von Tschudi – Das Thierleben der Alpenwelt, Leipzig 1853)

Nietzsches schwermüthige Schnellreisen

Basel, 5. Mai 73

[...] Weißt Du, daß unser überaus festlicher Abschiedstrunk in Lichtenfels mich berauscht gemacht hatte? Nämlich es trat ein Phänomen ein, daß ich wähnte, ich würde in einem großen Rade mit herumgedreht: dabei wurde mir schwindlicht, ich schlief ein, wachte in Bamberg auf, trank Kaffee: und war Mensch wie zu­vor. Verlebte dann den Nachmittag in Nürnberg, sowie den zweiten Ostertag und befand mich körperlich ebenso wohl als höchst, höchst schwermüthig! Dabei waren alle Leute geputzt und liefen im Freien herum, und die Sonne so herbstlich mild.
Nachts sauste ich nach Lindau ab, fuhr, im Kampf von Nacht­ und Tagesgestirn, früh um 5 Uhr über den Bodensee, kam noch zeitig am Rheinfall bei Schaffhausen an, machte dort Mittag. Neue Schwermuth, dann Heimreise; an Lauffenburg vorbeikom­mend sah ich, daß die Stadt mächtig brannte. [...]

(aus: Friedrich Nietzsche, Briefe II, 3 (Mai 1872 – Dezember 1874))

Rheinfall vs Staubbachfall

(…) Gleich nachdem wir vor dem Pfarrhause abgestiegen waren, und dies war Abends um 6 Uhr, eilten wir, so geschwind wir konnten, diesem Phänomen zu. Wir betrachteten den Fall lange sowohl von vorne als von beyden Seiten, allein wir stimmten alle in dem Urtheile zusammen, daß der Ruhm des Staubbachs viel grösser, als seine Verdienste sey, und daß man ihm zuviel Ehre erweise, wenn man ihn mit dem Rheinfalle bey Schaffhausen vergleiche. Der Anblick des Staubbachs, den man sowohl vor dem Pfarrhause, als auf der Gallerie desselben beständig vor Augen hat, gewährt zwar ein neues wunderbares Schauspiel, das die Neugierde reizt; bringt aber keine von den Rührungen und Betrachlungen hervor, die ich beym Rheinfall in mir wahrnahm. Man entdeckt nirgends Spuren von der unbegreiflichen Kraft und Geschwindigkeit, wodurch der Rheinfall so groß und Seelenerhebend wird, und wenn einmal die erste Neugierde befriedigt ist, ja selbst während der ersten Beobachtung, bleibt man eben so ruhig und kalt, als man vorher war. Zwar ist die Höhe, von welcher der Staubbach herabfällt, viel beträchtlicher, als die des Rheinfalls. Denn man schäzt die erstere, wie ich glaube, etwas übertrieben, auf neunhundert Schuh; allein diese Höhe, die mächtig wirken würde, wenn der Fels, von welchem der Staubbach sich herabstürzt, ganz allein da stünde, trägt jezt wenig zur Verstärkung des Eindrucks bey, da man seit dem Eintritt in das Lauterbrunner Thal beständig von eben so hohen oder noch höhern Bergen umringt war, und man noch überdem rund um sich her viel höhere Berge, besonders die unersteigliche Jungfrau vor sich sieht, deren niedrigster Fuß sich über die Felswand erhebt, an welcher der Staubbach herabschießt. Selbst das Geräusch, was der zerstäubende und sich wieder sammlende Bach verursacht, ist so geringe, daß man es nur in der Nähe hören kann, und daß es auch in der Nähe von dem fürchterlichen Getöse gleichsam verschluckt wird, was die in ziemlicher Entfernung und in der Tiefe strömende Lütschine hervorbringt. Wenn aber der Bach bey anhaltendem Regen, oder heftigen Ungewittern plözlich angeschwellt wird, so soll er mit einer furchtbaren Gewalt Felsstücke herabrollen, die durch ihre wiederhohlten Fälle von einer Wand auf die andre, ein unaufhörliches Donnern verursachen müssen. Nicht lange vorher, als wir in Lauterbrunnen anlangten, schien es, als wenn ein starkes Ungewitter kommen würde, allein in weniger, als einer Stunde zerstreuten sich alle Wolken, und mit ihnen verschwand die Hoffnung, den verstärkten Laut und Wiederhall des Donners in diesem engen, und mit den höchsten Bergen von Europa umgebenen Thal zu hören. Eben deßwegen, weil der Staubbach nichts wahrhaftig grosses hat, kann man ihn viel besser beschreiben, und zeichnen als den Rheinfall, und wenn Sie das Blatt , auf welchem Herr Aberli den Staubbach gezeichnet hat, aufmerksam betrachten, so werden Sie sich den Eindrücken, welche der wirkliche Anblick erzeugt, unendlich mehr nähern, als wenn Sie die Zeichnung eben dieses Künstlers vom Rheinfall, ansehen. Der Bach stürzt sich aus einer mit Tannen besezten Höhe in zween schäumenden Strömen, von welchen der rechte der stärkste ist, über den Rand einer steilen mehrere hundert Schuhe hohen Felswand weg, an welcher er in sichtbaren, aber sich immer verdünnenden Wellen bis ohngefahr an die Hälfte seines Falls herabzugleiten scheint. Dies Herabglitschen ist zwar eine blosse Täuschung, indem der Bach sich wirklich vom Felsen losreißt, und in den leeren Luftraum hinein stürzt; allein diese Täuschung schwächt doch den Eindruck des ganzen Schauspiels nicht wenig, da die Wassermasse durch das sanfte Hinabglitschen vieles von ihrer Kraft zu verlieren, oder eine sanftere Bewegung zu erhalten scheint, als man sich einbildet, daß sie sonst würde gehabt haben. Ohngefähr gegen die Mitte der Felswand ist es, als wenn der Bach aufhörte, eine zusammenhängende Wassermasse zu seyn, und als wenn seine sich immer mehr und mehr zuspitzenden und divergirenden Wellen, in Staubwolken aufgelöst würden. Diese aufgelösten Dünste sammlen sich aber bald auf einer hervorragenden Felsbank wieder, und rinnen in vier bis fünf kleinen Strömchen und unzähligen einzelnen Tropfen in ein nicht sehr tiefes Loch hinab, in welches wir ohne Gefahr und ohne einmal ganz durchgenäßt zu werden, hinuntersteigen konnten. Wegen der Höhe des Falls verbreiten sich die zerstäubten Tropfen, wie ein feiner Regen, auf einige hundert Schritte, aber nicht so stark und so weit umher, als ich nach mehreren Beschreibungen erwartete. Wenn man den Bach von der Seite betrachtet, so kommt es einem vor, als wenn man in eine Wolkenlaule hinein sähe, die durch beständig veränderte Windstösse, in jedem Augenblicke neue Richtungen, Gestalten, und wenn Sie dies Wort anders verstehen, Wallungen erhielte. Der Weg vom Pfarrhause bis an den Rand des Beckens, in welches der Bach hinabfällt, ist äusserst beschwerlich, weil man in dem nassen Grase eine beträchtliche Anhöhe hinansteigen muß, die allmälich aus den von oben herabgewälzten Steinen entstanden ist. Nachdem wir den Staubbach für diesmal genug beobachtet zu haben glaubten, legten wir uns unter den Fall, aber doch so, daß wir von dem Staubregen nicht erreicht werden konnten, auf den weichen mit wohlriechenden Kräutern und Gräsern reich bewachsenen Wiesengrund hin, um uns den Empfindungen ganz zu überlassen, welche der nahe und ungestörte Anblick eines der höchsten Schneeberge und seiner Nachbaren in uns hervorbringen würde. (…)

(aus: Christoph Meiners – Briefe über die Schweiz, Band 1, Erster Brief)

Beschreibung des Rheinfalls in der Zeitung für die elegante Welt (2)

Der Rheinfall bei Schaffhausen im August 1809 gesehen. (Beschluß.)

Nicht fern von dem Falle erweitert sich das Bette des Stroms etwas; ich habe vergessen, zu fragen, wie breit er hier ist, kann mich auch nicht erinnern, irgendwo eine Angabe gelesen zu haben, und finde das sehr natürlich. Welcher Kleinigkeitsgeist, welcher phlegmatische Zahlensinn gehört dazu, in den Augenblicken, wo man ein Naturwunder anstaunt, an Welten und an den Schöpfer aller Welten denkt, nach Fußlängen sich zu erkundigen! Bei der Rückerinnerung dünket mich, daß der Rhein hier etwa halb oder zwei Drittel so breit seyn mag, wie bei Basel. Die dasige Brücke über denselben hat 715 rheinische Fuß, und der Fluß ist bei höherm Wasserstande im Sommer, nur etwa 50 bis 60 Fuß schmäler.

Je reißender der Strom nicht fern vom Falle noch ist, je mehr Felsenblicke in seinem Bette liegen, um so größer muß der Bogen werden, um so mehr müssen der besondern Krümmungen seyn, wodurch die Ueberfahrt verlängert wird. Wir brauchten ungefähr 5 Minuten. Keiner von uns dreien dachte daran, die Dauer der Ueberfahrt nach der Uhr genau zu messen, ohne Zweifel aus derselben Ursache, warum wir vergaßen, nach der Breite des Flusses zu fragen. Ich wünschte hierdurch einen Reisenden aufmerksam zu machen, um beides zu bestimmen.

Nach dem Landen auf dem linken Ufer stiegen wir eine nicht kleine Anhöhe hinauf, zu dem Schlosse Lauffen; dann, ohne uns für jetzt zu verweilen, einen, durch Stufen bequem, durch ein Geländer gefahrlos gemachten Weg an den Rhein hinunter, wo eine Gallerie über den Strom hinein gebaut ist, und bis unter das äußerste linke Ende des Falles hinläuft. Hier wird das Brausen der Wellen ein mächtiges Donnern. Vom Arme der Allmacht unter einander geschleudert, vom Kampfe gegen die Felsen zu einem mit sich selbst übergehend, löst ein Theil sich in Staub auf, welcher dicht vor dem Wasserfalle herschwebt, sich zu einem immer feiner werdenden Nebel verdünnt, bis er in einer Entfernung von 6 bis 700 Fuß verschwindet. Regenbogen in diesem dichtern Nebel und in den Fluten des Falles selbst müssen einen prachtvollen Anblick gewähren. Uns wurde diese Erhöhung des großen Naturzaubers nicht; nur Momente blickte die Abendsonne unter Wolken hervor.

Auf dem äußersten Ende der Gallerie steht man beständig wie in einem sanften Sprühregen, indeß die herabstürzenden Fluten hart neben, zum Theil über einen wegfallen. Zuweilen, wenn der Wind sie ergreift, wird man derb davon benetzt. Dreimal vertrieben sie mich, und dreimal trat ich wieder hin; hätte nicht der Abend sich bereits genähert, ich würde Stundenlang gestanden haben auf dieser Stelle, gewiß eine der schönsten und erhabensten auf der ganzen weiten Erde. Bald blickt man über sich in die in Absätzen herunterstürzenden Fluten, bis zu deren Anfange das Auge nicht emporschauen kann, bald auf den Fall über die andern Felsen im Strombette, welche man, so stehend, links hat, dann wieder rückwärts in das Toben der furchtbar beunruhigten Wogen. Man sieht, empfindet, staunt, bewundert, fühlt den Schöpfer solcher Zauber größer und sich näher, und betet an im reinern Geiste, denn in irgend einem Tempel. Beschreiben, malen zu wollen, fällt einem nicht ein. An dieser Natur scheitert alle Kunst; dieses Bild mit allen seinen wechselnden, dennoch zu einem großen Ganzen sich einigenden Wirkungen auf Seele und Sinne kann auch keine Dunkelkammer auffangen — nur der Geist, die Phantasie.

Ein Lebensmüder aus Schaffhausen stürzte sich vor 3 oder 4 Jahren von der Gallerie in die schäumenden Wogen. Wie war es möglich, daß an diesem erhabenen Altare der Allmacht und Güte Gottes eines seiner Geschöpfe verzweifeln konnte!

Mit uns zugleich standen zwei Damen aus Schaffhausen auf der Gallerie, und trotzten dem Benetzen des bewegten Wassers. Sie wurden mir achtungswerth, weil sie, was sie ohne Zweifel schon öfters sahen, von neuem mit hohem, innigem Gefühl bewunderten. Gewiß muß aber auch für jeden Menschen von Gefühl dieses Schauspiel immer neu und hinreißend bleiben. Wohnte ich in Schaffhausen, ich würde oft, wenn andere Menschen in die winzigen Tempel in der Stadt gingen, nach dem erhabenen Naturtempel am Rheinfalle wallfahrten.

Gejagt von der Zeit, stieg ich mit meinem Gefährten wieder zum Schlosse Lauffen hinauf. In einem Pavillon, wo man dem Fremden ein Buch zu Einzeichnung des Namens reicht, sahen wir hinab in die Fluten, unter welchen wir vor wenig Minuten standen. Ein neuer, prachtvoller Anblick, doch minder groß. Hier sieht man deutlich, wie des Wassers Gewalt in den am meisten rechts stehenden Felsen, eine weite 4 bis 5 Fuß hohe Oeffnung gerissen hat. Bricht auch er dereinst, so wird der Rheinfall noch mehr von seiner Schönheit verlieren. Wahrscheinlich kämpft er aber noch mehrere Menschenalter lang gegen den Andrang der ihn rastlos bestürmenden Wogen.

Gern wäre ich noch oben am linken Ufer möglichst nahe an den nächststehenden Felsen gegangen, über welchen des Falles höchster und schönster Theil gehet. Die Zeit verstattete es nicht.

Vom Schlosse Lauffen ist es nach Schaffhausen um vieles weiter, wie vom entgegengesetzten rechten Ufer. Theils darum ließen wir uns noch einmal überfahren, theils und besonders aber deshalb, um in einiger Entfernung hinter dem Falle, bei der Tobaksmühle, zu sehen, wie sich der Strom gegen die ihn hemmenden Felsen hindrängt. Bekanntlich fließt er schon vor der schönen bedeckten Schaffhauser Brücke an, in einem Felsenbette. Wild rauscht er über die ihn immer mehr hindernden Felsen, bis die weithervorragenden seinen Lauf zu stören versuchen, im Kampfe gegen sie die Wogen den höchsten Grad der Wuth erreichen, aber nach dem Siege bald sich austoben, und in geringer Entfernung wieder so ruhig dahingleiten, daß ein schwacher Nachen sich ihnen gefahrlos anvertrauen kann. Strom des Lebens, beruhigtest du dich doch nach dem heftigsten Toben der Leidenschaften auch so bald wieder! Heinse.

(Welcher der zahlreichen Heinses der unterzeichnende Heinse war, konnten wir noch nicht bestimmen. Jedenfalls lohnt ein Abgleich des Textes mit diesem hier in rheinseins Tiefen.)

Beschreibung des Rheinfalls in der Zeitung für die elegante Welt

Der Rheinfall bei Schaffhausen im August 1809 gesehen.

Dieses erhabene Schauspiel der Natur ist schon so oft beschrieben worden, daß eine neue Beschreibung bei dem ersten Gedanken so unnöthig als vermessen scheinen möchte. Ich wage sie dennoch, nicht nur darum, weil jeder Mensch seine besondere individuelle Ansicht hat, und nur das Zusammenhalten und Vergleichen mehrerer einem Leser von etwas, das er nicht selbst sah, und keine Kunst treu nachzubilden fähig ist, ein schwaches Bild zu geben vermag, sondern vornehmlich deshalb, weil der Rheinfall vor einigen Jahren eine Veränderung erlitten hat, weil ferner viele ältere Beschreibungen dadurch undeutlich werden, daß die Bezeichnung der Ufer mit rechts und links, die durch die neuern Zeitereignisse so allgemein worden ist, sonst wenig üblich war. Man bediente sich daher anderer Bezeichnungen, wurde unrichtig und unverständlich. So z. B. spricht Meiners, dessen Kopf doch tiefe philosophische Begriffe aufhellten, und der die Sprache vor vielen andern Schriftstellern in seiner Gewalt hat, von einem Zürcher Ufer, welches in Wahrheit nicht besser ist, als, wenn man das rechte Rheinufer in der Nähe von Karlsruh oder Rastadt, das Wirtembergische nennen wollte. Die Bemerkung der Veränderung des berühmten Wasserfalles wird Lesern, welche selbst ihn zu bewundern so glücklich waren, nicht unwillkommen seyn; die übrigen Bezeichnungen können Reisenden zu einem sicherern Leitfaden dienen, als mancher von den früher angebotenen.

Von Basel aus liegt der Rheinfall diesseit Schafhausen. Ich stieg daher ungefähr 1 Stunde vor der Stadt aus und machte mich auf den Weg, welchen der Kutscher mir zeigte. Schon hörte ich das Brausen der beunruhigten Fluten, ob ich gleich etwa noch eine halbe Stunde davon entfernt war, mit einem nicht minder starken Geräusch, als ein beträchtliches Wehr ganz in der Nähe macht. Voll hoher Erwartung und mit einem Gefühle von Andacht erfüllt, wandelte ich weiter, und rief einen mir begegnenden Landmann an, um mich an den Fall und nachher in die Stadt zu führen. Er hatte schon mehrere Fremde geleitet, wußte manches zu erzählen, und verkürzte mir dadurch den Weg, welcher immer abwärts bis an das Ufer des Rheins hinläuft.

Gleich unter dem Falle nimmt der Strom eine Wendung links, daher man den Fall auf dem rechten Ufer nicht sowohl von der Seite als von vorn sieht, wenigstens dem größten Theile nach, doch mit Ausnahme des Sturzes über den ganz nahe am linken Ufer stehenden Felsen, welcher eben unter der ganzen Partie den prächtigsten und erhabensten Anblick gewährt. Aus mehrern Beschreibungen, unter welchen die von Meiners, im ersten und dritten Bande seiner Briefe gelieferte, eine der ausführlichsten und gelungensten ist, war es mir bereits bekannt, daß dieser Wasserfall, an welchem eine Menge Dichter uud Prosaisten, Maler und Kupferstecher ihre Kräfte versuchten, von der rechten Rheinseite betrachtet minder schön und groß erscheint, wie von der linken. Gleichwohl blieb sein Anblick noch unter meiner Erwartung, welches zum Theil sehr natürlich mit daher kommen mochte, daß er wirklich seit einigen Jahren etwas von seiner Größe verloren hat. Von den Felsen, über welche sich die Fluten des Stromes herabstürzen, ragten, außer den auf dem linken Ufer befindlichen, mitten im Strombette drei, in ungefähr gleich weiter Entfernung etwa 15 Fuß hoch über die tobenden Fluten hervor. Der mittelste mußte nothwendig von dem Andrange der Wellen am meisten leiden. Jahrtausende widerstand ihnen seine Festigkeit, doch nach und nach löste des Wassers Gewalt den trotzenden Felsen auf, und führte ihn endlich im Sommer 1806 mit sich fort. Daher stürzt sich nun der Strom zwischen den beiden noch stehenden Felsen, ungefähr einige vierzig Fuß breit, zwar immer noch mit unbeschreiblicher Gewalt über das Felsenbett herab, doch der Kampf der Wogen gegen die sich entgegen stemmenden Felsen, die erhabenste Partie des ganzen großen Schauspiels, hat viel verloren.

Dieser Kampf zwischen zwei Riesenkräften ist es, was bei dem Anblicke des Rheinfalles das Gefühl am mächtigsten ergreift, zur Anbetung hinreißt, und Betrachtungen veranlaßt, deren Ausführung die Kunst des Redners oder Dichters bewähren könnte, und tiefen Eindruck auf den Leser machen müßte. Hier ist zu Versuchen dieser Art nicht der Ort.

Die Erhabenheit jenes Kampfes erblickt man vornehmlich an dem Felsen zur rechten Seite. Hier brechen sich die Fluten nicht blos mit Gebrüll an den Seiten, ein Theil schäumt mitten durch den Felsen, in welchen sie bereits eine beträchtliche Oefnung gerissen haben.

Ende August 1809 hatte der Rhein mehr Wasser, als es um diese Zeit öfters der Fall ist. Es war seit vierzehn Tagen sehr heiß gewesen, daher ihm von dem geschmolzenen Schnee der Berge in der obern Schweiz eine Menge Wassers zuströmen mußte. Der Fall war also sehr reich, da ich ihn am 27sten August sah, dennoch machte er, auf der rechten Seite, den erwarteten Eindruck nicht auf mich, theils aus der schon angegebenen Ursache, theils auch, weil ich ihn nicht so hoch fand, als ich mir ihn vorgestellt hatte. Die meisten Beschreibungen geben ihm 70 bis 75 Fuß Höhe, ich glaube hingegen, daß er im Strombette schwerlich über 50 Fuß hat. Höher ist der Fall über dem Felsen zunächst am linken Ufer, von diesem erblickt man aber am rechten wenig und auf der Gallerie unter dem Falle am linken, kann man die ganze Höhe auch nicht übersehen. Die wirkliche Höhe verliert freilich scheinbar auch dadurch, daß die herabstürzenden Fluten die vor ihnen gefallenen wieder emportreiben und schleudern, daher das, Wasser unmittelbar unter dem Falle weit höher ist, als etwa 100 Schritt weiter, bis wohin die tosenden und schäumenden Fluten sich allmälig abdachen und sich zu beruhigen anfangen. Alle Messungen nach bloßem Augenmaße sind überhaupt sehr unsicher, und mit dem Lothe wird der Rheinfall wohl nie gemessen werden. Mir schien er nicht so hoch, wie ein dreistockiges Hans mit seinem Dache, welches mit der von mir angegebenen Höhe ungefähr übereinkommen möchte. Wirklich ist das auf dem rechten Ufer erbaute Haus von drei Geschoß, das Erdgeschoß mit gerechnet, augenscheinlich höher, der Grund dieses Hauses liegt aber beträchtlich tiefer als die Stelle, wo der Fall ist.

Von diesem Hause, einem Weinhause, wäre zu wünschen, daß seine Gastzimmer die Aussicht auf den Rhein hätten, welcher man nur in etlichen Vorsaalfenstern und in einem Zimmer des obersten Stockes genießen kann. Hier, wo der Fall, wegen des höhern Gesichtspunkts noch weniger hoch erscheint, ließ ein Mann dessen Bild, vermittelst einer Dunkelkammer, auf einige an einander befestigte Bogen Papier fallen, und ich läugne nicht, daß mir der Wasserfall, auf dieser Seite betrachtet, im Bilde größer wie in der Wirklichkeit schien, weil man dort keine Gelegenheit hatte, seine wahre Größe nach Gegenständen der Umgebung zn messen.

In diesem Zimmer traf ich zwei Lehrer an der Akademie zu Lausanne, welche, in der französischen Schweiz geboren, beide Deutsch sprachen. Der eine mußte sich zuweilen mit Umschreibungen, auch wohl mit Einmischung französischer Wörter helfen, der andere sprach es aber, sowohl in Betref des Ausdrucks als der Aussprache, so treflich, daß ich mich darüber wunderte, bis er mir sagte, daß er in Jena, wo er studirt, dem Studium der deutschen Sprache viele Zeit gewidmet, und seine Aussprache vornehmlich im Umgange mit Cur- und Liefländern gebildet hätte.

In Gesellschaft der beiden Lausanner ließ ich mich über den Strom setzen. Dieß geschah nicht fern von dem Falle, wo der Strom immer noch sehr reißend ist, wo ihn noch hier und da der weiße Schaum der herabgestürzten, wieder emporgeschleuderten und endlich ansgelösten Wellen bedeckt, wo in seinem Bette eine Menge Felsentrümmern liegen, zum Theil über die Wasserfläche hervorragen. Stieße der leichte Kahn, worin die Ueberfahrt, wegen des reißenden Stromes, geschehen muß, an einen solchen Felsblock, so würde das Umschlagen freilich unvermeidlich, und man kann, wenn des Kahnes Vordertheil einer Gefahr drohenden Klippe vorbeirauscht, sich kaum der Furcht erwehren, daß der breitere Mitteltheil anstoßen werde; allein die geübten Schiffleute wissen ihr unsicheres Fahrzeug mit so geschickter und fester Hand zu regieren, und sind mit dem Terrain so genau bekannt, daß sie die gefährlichsten Stellen glücklich umfahren. Ungern würde ich indeß in stärkerer Gesellschaft als vier Personen, außer dem Schiffer, oder mit Leuten fahren, die nicht stille sitzen können oder ängstlich sind, und sich daher bei dem kleinsten Wanken des Kahnes auf eine Seite neigen, in der Angst nicht selten auf die, wohin des Kahnes Neigung geht.

Wer zu der Geschicklichkeit des Schiffers nicht volles Vertrauen, von sich selbst nicht das vollkommenste Bewußtseyn hat, auf dem Wasser furchtlos zu seyn, wird immer am besten thun, den Weg an beide Ufer auf dem Lande zu machen, um nicht sich und seine ganze Gesellschaft in Gefahr zu bringen. Von dem rechten Ufer, wo man die Beschauung anfangen muß, um den Eindruck durch den weit erhabenern auf dem linken Ufer nicht zu schwächen, muß er dann freilich nach Schaffhausen zurück, um über die Brücke zu gehen, und, auf einem weiten Umwege am linken Ufer, sich dem Wasserfalle wieder zu nähern. Auch verliert er dann die Ansicht des Falles bei der Ueberfahrt, und das zu erhabenen Gedanken begeisternde Hochgefühl, über den Rücken solcher Wellen, wie sie vor feinen Augen unbeschreiblich wild brausen, sich an den Felsen brechen und wüthend durch einander peitschen und schleudern, kaum einen Büchsenschuß davon sanft und sicher dahin zu gleiten. Im Vergleiche mit dem Strom des Lebens oder der Zeit — welche Bilder drängen einer regen Phantasie an dieser merkwürdigen Stelle sich auf! Mehr noch bei der Rückerinnerung; denn in den Augenblicken der Gegenwart wirbeln die Gegenstände außer uns, ihre Bilder und das Gedankenchaos in uns, wie die Fluten im Rheinfälle so kraus durch einander, daß man keines von dem andern zu scheiden, keins längere Zeit fest zu halten und auszuarbeiten vermag.

(Der Beschluß folgt.)

Uhland vom Rheinfall

Schaffhausen, Samstag, 15. October 1853.

Liebste Emma!

Meine Reise ist bis jetzt gut abgelaufen. Daß ich in Rottweil bis Dienstag Abend verweilen mußte, habe ich nicht zu bedauern. Unter der Leitung des Stadtpfarrers Wolf, eines Freundes von Prof. Keller, besuchte ich den ältesten Sänger in Schwaben, Orpheus, und andere römische Alterthümer, dann besonders auch die in der Lorenzkapelle ein eigenes Museum bildende Sammlung alter Holzschnitzwerke. In Donaueschingen wurde ich wieder überall freundlich aufgenommen und eine handschriftliche Chronik voll Mährchen, Sagen, Schwänke und alter Volksgebräuche hätte mich vielleicht noch den vierten Tag festgehalten, wenn ich nicht hier in Schaffhausen an dem für meine Nachfragen ungünstigen Sonntag anzulangen gefürchtet hätte. So schiffte ich mich in strömendem Regen gestern Abend 10 Uhr auf dem Eilwagen nach Schaffhausen ein, kam hier zwischen 3 und 4 Uhr frühe an, begab mich dann im einfachen aber mir wohl zusagenden Gasthof zum Schwan noch auf mehrere Stunden zur Ruhe und verspürte am Morgen, der freundlich aufgieng, nichts mehr von der Nachtfahrt. Frauer ist in den Ferien abwesend. Aber sein Amtsvorgänger Götzinger, ein Bekannter von früherer Zeit, geleitete mich diesen Vormittag bei warmem, hellem Sonnenschein zum Rheinfall, an dessen Anblick ich Herz und Auge weidete. Götzinger gab sein Lehramt am Gymnasium auf, weil er auf der rechten Seite des Oberleibs gelähmt ist, geht jedoch rüstig und scheint gerne sich zu bewegen. Er will sich mir auch diesen Nachmittag und Abend widmen und seine Mittheilungen werden auch für meine Studien nicht unergiebig sein. Morgen um 8 Uhr fährt das Rheindampfboot von hier nach Konstanz ab, von wo ich dann Nachmittags werde nach Meersburg überfahren können. Ob ich dann am Dienstag, Mittwoch oder gar noch später mit der Eisenbahn nach Stuttgart fahre, wird davon abhängen, wie ich es bei Laßberg treffe. Er soll sich recht erfreulich erholt haben. Am wahrscheinlichsten wird der Dienstag mich nach Stuttgart bringen, ein späterer Tag nur, wenn ich besonderen Anlaß fände, mich länger zu verweilen. Ich freue mich innig darauf, Dich dort wiederzusehen, und je früher ich ankomme, werde ich um so eher auch für den Stuttgarter Aufenthalt zugeben können.

Lebewohl, sei mit Wilhelm und Mayer herzlich gegrüßt von

Deinem

L.

In Donaueschingen, wo ich den größten Theil des Tags auf dem Archiv zubrachte, hättest Du wenig Kurzweil gehabt, aber am Rheinfall hättest Du bei mir sein sollen.

Das Riesenwort

Ich stand am Rheinfall zu Schaffhausen
Und sah mit wonnevollem Grausen
Die schaumbedeckten Wasserrosse,
Umwallt von langen Silbermähnen,
In unaufhaltsam wildem Trosse
Sich stürzen in des Abgrunds Gähnen.
Ich konnte lange Stunden lauschen
Des Stromes urgewalt`gem Rauschen.
So hallen, Schiller, deine Lieder
Dem Jüngling in der Seele wieder;
Das Riesenwort, das du gesprochen,
Hat einst der Kunst die Bahn gebrochen,
Und gleich dem ernsten deutschen Flusse
Ziehn im begeisterten Ergusse
Zum Meere der Unsterblichkeit
Des Liedes Wellen. Seid bereit,
Ihr Dichter! Sammelt euch am Strande,
Daß nicht im fremden Ufersande,
Dem Rheine gleich, sie sich verlieren:
Sorgt, daß sie Deutschlands Zukunft zieren!

(Alexander von Württemberg)

Karlson flieht an den Rheinfall

(…) Auch in Karlsons Augen flog etwas von dieser Staub=Wolke; bei ihm bestand sie aber aus aufgewehter Asche einer Urne. Er kann alle Schmerzen verschmerzen – ihre Erinnerungen ausgenommen; – seine Jahre hat er durch Länder ersetzt und der durchlaufne Raum wird ihm für durchlaufne Zeit angerechnet: aber hier wurde der tiefe feste Jüngling blaß, als er heraufkam und mir erzahlte, daß der Liebhaber der bleichen Corday ihre langen gefalteten Hände auseinander geworfen und auf seinen Knien an seinen wilden Mund angerissen habe.

Er nahm sein Entfärben im Spiegel wahr, und um es mir zu erklären, so theilt` er mir gleichsam das letzte und geheimste Blatt aus seiner Lebens=Robinsonade mit. Du siehest was für ein undurchsichtiger Edelstein dieser Jüngling ist, der seinen Freunden durch ganz Frankreich nachreisen kann, ohne seinem offenherzigen Reisegefährten nur eine Fuge oder ein Astloch in das Verhältniß mit ihnen aufzumachen. Jetzt erst, zumal aus Rührung über das nahe Kampaner=Thal zieht er den Schlüssel aus dem Schlüsselloch, das für dich ein Souflörloch wird.

Daß er mit dem Baron Wilhelmi und der Braut desselben, Gione und ihrer Schwester Nadine bis nach Lausanne gereiset war, um mit ihnen bis ins Kampaner=Thal zu ihrer arkadischen Hochzeitfeier mit zu gehen – das weißt du schon. Daß er sich in Lausanne von ihnen plötzlich wegriß und sich zurück an den Rheinfall zu Schafhausen stellte – das weißt Du auch; aber die Ursache nicht. Diese wird dir nun von ihm und mir erzählt.

Karlson sah in der täglichen Nähe endlich durch den enggegitterten Schleier Gionens durch, der über einen verwandten groß und fest gezeichneten Charakter, den noch dazu die bräutliche Liebe magisch kolorierte, geworfen war. Karlson wurde von sich vermuthlich viel später als von andern errathen: sein Herz wurde wie im Wasser das sogenannte Weltauge, anfangs glänzend, dann wechselt` es die Farben, dann wurd` es ein Nebel und endlich transparent. Um das schöne Verhältniß nicht zu trüben, wandte er den verdächtigen Theil seiner Aufmerksamkeit auf ihre Schwester Nadine, er sagte mir nicht klar, ob er nicht diese in einen schönen Irrthum führte, ohne Gionen eine schöne Wahrheit zu nehmen.

Alle diese Schauspiels=Knoten schien die Sense des Todes zerschneiden zu wollen: Gionen, diese Gesunde und Ruhige, befiel ein plötzliches Nervenübel. An einem Abend trat Wilhelmi mit seiner dichterischen Heftigkeit weinend in Karlsons Zimmer und konnte nur unter der Umarmung stottern: “Sie ist nicht mehr.”

Karlson sagte kein Wort, aber er reisete noch zu Nachts im Tumulte fremder und eigner Trauer nach Schafhausen fort, und nahm vielleicht eben so sehr vor einer Liebenden als vor einer Geliebten die Flucht, ich meine vor Nadine und Gione zugleich. Vor der ewigen Wasserhose des Rheins, dieser fortstürzenden geschmolznen Schlaglauwine, dieser schimmernden steilrechten Milchstraße heilte sich seine Seele langsam aus: Aber er war vorher lange in die düstere kalte Schlangengrube stechender Schmerzen eingeschlossen, sie bekrochen und umwickelten ihn bis ans Herz: denn er glaubte wie die meisten Weltleute, unter, denen er erwachsen war, – und vielleicht auch durch sein Schoosstudium, die Chemie, zu sehr an physische An- und Aussichten verwöhnt – daß unser letztes Entschlafen Vergehen sei, wie in der Epopöe der erste Mensch den ersten Schlummer für den ersten Tod ansah. (…)

(aus Jean Paul: Das Kampaner Thal)

Ist der wein so gudt gewesen, das Ich die schuh vergessen habe

„(…) dornach auff schaffhaussen, zu schaffhaussen habe Ich so viel erbedtelt, das Ich habe wollen schuh kauffen, aber Ich bin In das wirtshaus vorgegangen, da Ist der wein so gudt gewesen, das Ich die schuh vergessen habe, habe die schuh mit wieden gebunden, vndt // gelauffen bis nach vlm, an der dona, etc.
Dessen 1627 gars In Abpril den 3. habe Ich mich vnter den pabpenhemsen Regemendt, zu Vlm, lassen vnterhalten, den Ich gans abgeRissen gewessen, fur einen gefreiten, von daaus, sindt wir auff den musterplatz getzogen, nach die ober Margraffschaff baden, Aldort In quartier gelehgen, gefressen vndt gesoffen, das es gudt heisset. (…)“

Kurzer Ausschnitt aus Peter Hagendorfs umfänglichen Tagebuch, das dieser während des Dreißigjährigen Krieges verfaßte, das bis heute erhalten blieb und das Prof. Jan Peters im Akademie Verlag herausgegeben hat:
Peter Hagendorf: Ein Söldnerleben im Dreissigjährigen Krieg, Berlin 1993

Theodor Herzl mit dem definitiven Rheinfallzitat

Das definitive, ultimative, ja reinkarnative (und hier (wie sovieles) bei rheinsein erstmals im Internet auftauchende) Zitat zum Rheinfall stammt wohl aus den 1883er Reisetagebüchern Theodor Herzls, dem Wegbereiter des Zionismus, und bildet als solches eine französische Sprachinsel der Hochvernunft im sonst deutsch-tosenden Gedankengewitter über unser aller Schaffhausen:

“24 Juli
(…) Enttäuschung von Konstanz! Gleichgültige, schmale, charakterlose Gassen, aber die Lage reizend am See. Und wenn man im säulengetragenen Refectorium des Inselhôtels opulent zu Mittag gegessen hat, dann ist es entzückend vom Balcon hinauszuschauen auf die meerhafte Fläche des Bodensees, auf die verschwimmenden Bergzacken am fernen jenseitigen Ufer. –

Selbigen Tags acht Uhr (Abend)
Allein gestanden auf der Eisenbahnbrücke oberhalb des Rheinfalls. – !

25 Juli
Am Känzeli beim Rheinfall!
Nicht nur der Rhein – auch jeder von uns hat sein Schaff­hausen, das ist: seine brausende, rauschende, stürmische Zeit, in der er seine junge Titanenkraft vergeblich an trotzigen Felsen bricht. Und wenn ein Sonnenstrahl fällt, so glänzen farbige Regenbogen der Poesie über ihm auf. Und alles umsonst! Wie der Rhein verlaufen wir schliesslich alle im Sand der Alltäglichkeit. Und dann kommen wir ins große Meer der Vergessenheit… –

25 Juli
Im Coupe.
On revient de tout – même de la chute du Rhin.”

(Anm. rheinsein: Man kommt von allem zurück – selbst vom Rheinfall.)