Das Lachen der Hühner: Mauren

DLDH_Mauren

Das Lachen der Hühner besteht zur Hälfte aus einer Papierschnitt-Serie Helena Beckers. Schwarze und weiße Flächen sind das Ausgangsmaterial, aus dem die Schaaner Künstlerin ihre Gemeindeportraits aufbaut: teils verspielt und mit filigranem Dekor, teils dynamisch wie Föhnböen, teils auf den von wenigen Umrißlinien bezeichneten Kern reduziert (wie in diesem Fall der Blick auf Mauren).

Vorschau: Das Lachen der Hühner

Mitte März erscheint ein weiteres Rheinsein-Derivat in Buchform – diesmal in der Kölner parasitenpresse:

Das Lachen der Hühner. Liechtenstein-Gedichte und Papierschnitte

Der Band wird elf Sonette über typisch liechtensteinische Konstanten wie Geld, Autos, Gott, Rasenmäher, Überwachungskameras, die Berge und den Rhein aus unserer ausländischen Sicht enthalten, denen jeweils ein Papierschnitt der Schaaner Künstlerin Helena Becker gegenübersteht, in dem sich ihr indigener Blick auf die heimatlichen Gemeinden entfaltet. Auf diese Weise wird das Fürstentum Liechtenstein einem künstlerischen Spannungsfeld ausgesetzt, in dem es, wenn schon nicht in allen, so doch in vielen seiner außerhalb Liechtensteins bisher wenig bekannten Facetten oszillieren mag.

Das Lachen der Hühner kann ab sofort vorbestellt werden. Der Preis beträgt voraussichtlich 9 Euro / 12 Schweizer Franken.

Bestellungen bitte an: parasitenpresse@hotmail.com

Rheinische Tierwelt (12)

rehstapf
“Vier Stapfen im Schnee / tun im Herzen mir weh” reimte einst Der Plan, eine rheinische Musikkapelle mit Hang zu Reduktion und Dada. Desweiteren handelte der Sprech- bzw Schleppgesang von einem Reh, das im Wald steht und der Kälte dorten. Was für ein Reh das war, das Der Plan seinerzeit besang, wissen wir nicht. Von einem durch und durch rheinischen jedenfalls stammt der hier abgelichtete Stapf auf dem Rheindamm bei Schaan. Es war ein kantonales Tier, das seine geliebten Stammberge einmal vom liechtensteinischen Ufer aus betrachten wollte. Und es sang ein rührendes, leider schwer zu verstehendes Lied in alpinem Dialekt, von tausend Herzen, die im Schnee verloren.

Zwischenbilanz (3)

Am weihnachtlichen Liechtenrhein spazierend, kamen uns unvermittelt drei Rehe durch den Schnee entgegengesprungen, grüßten verhalten, aber nicht unpersönlich („hoi!“), antworteten nach kurzem Zögern auf unsere verblüffte Ansprache, erzählten, schnell lockerer werdend, von ihrer abenteuerlichen Flußquerung, orakelten uns sogar was fürs kommende Jahr, stürzten sich endlich den Damm hinab und verschwanden in eleganten Sätzen, ihre typischen herzförmigen Stapfen hinterlassend, in Richtung der mit verwesendem Kohl bestandenen Äcker.
Was die Rehe uns weissagten ist vertraulich und dürfen wir an dieser Stelle daher nicht weitergeben, andernfalls die Profezeihung sich kaum erfüllen wird. Was wir aber sehr wohl dürfen, können und sogar sollten, weil es ansteht (ua auch daran erinnerte uns die Begegnung mit den Rehen im Schaaner Niemandsland), ist: Zwischenbilanz zu ziehen. Denn Rheinsein steht (zumindest in seiner Ausprägung als Weblog) kurz vor Vollendung seines zweiten Lebensjahres. Und will gern auch ins dritte driften, schriften, sehen, gehen.
Das Jahr 2010 brachte nebst den bereits ausführlicher hier vorgestellten Derivaten „Kartonbuch“ und „Hörspiel“ die erste wissenschaftliche Beschäftigung mit unserer (selbst nicht ganz unwissenschaftlichen) Tätigkeit hervor: in Form eines Symposion-Vortrags, den wir in nächster Zeit zu präsentieren hoffen. Desweiteren entwickelten Bonner Grundschüler unter unserer Leitung in Pionierarbeit (unter Einsatz weltweit einzigartiger Tangible User Interfaces) ein szenisches Bühnenstück zum Rheinthema und brachten es im November in einem Bonner Theater zur Aufführung. Daß Rheinsein in viele/n Richtungen dehn- und anwendbar ist, weil die (Grundlagen)Arbeit mit rheinischer Kultur letztlich vor kaum einer Sparte halt macht, war die maßgebliche Erkenntnis des auspendelnden Jahres.
Ansonsten finden sich auf diesen Seiten mittlerweile bald 700 Artikel mit insgesamt rund 2000 verschiedenen Schlagworten zur gesamtrheinischen Kulturgeschichte, Tendenz steigend.
Für Frühjahr 2011 ist das Erscheinen eines kleinen Gedichtbands avisiert, der sich mit einem seltenen Teilabschnitt des Rheinstroms beschäftigt: interessierte Leser mögen bitte noch ein wenig die genauere Ankündigung abwarten. Überhaupt möchten wir uns – nicht zuletzt eingedenk einiger sibyllinischer Worte oberwähnter Rehe – mit Vorschauen zurückhalten. Nur soviel sei verraten: daß wir das ein oder andere rheinisch grundierte Projekt auf der Hinterhand halten.
Ganz herzlich bedanken möchten wir uns schließlich bei allen Korrespondenten, Zuträgern, Lesern und Begleitern im Jahr 2010!
Rheinsein wünscht Dir/Ihnen einen guten Rutsch und ein gesundes und glückliches Jahr 2011, in dem wir uns hoffentlich wiedersehen!

Rheinische Tierwelt (9)

fls first raccoon

Der erste Waschbär, der jemals in Liechtenstein gesichtet wurde, überlebte das Betreten des fremden Staatsterritoriums nur um wenige Minuten. Berichtet ein Schild zu einer Schautafel im liechtensteinischen Nationalmuseum zu Vaduz. Wo auch der ausgestopfte Corpus des betreffenden Tiers hinter Vitrinenglas zu besichtigen steht, gleichsam als subtile Warnung an unerwünschte Eindringlinge. Wie der Waschbär über den Rhein gelangte, oder ob er über österreichische Berggrate kam – wir werden es nicht mehr erfahren. Heidi Starck schnitt die letzten Sekunden des Tiers zu Schaan in Pappe: gut erkennbar der Kirchturm von St. Laurentius und die berühmten Schaaner Quitten.

Rheinische Tierwelt (8)

Froshas

Der Frooshaas (auch: Froshas) ist ein regionales Flurwesen des Alpenrheins, das im Dämmerlicht in den schmalen Talstreifen um Sargans und Schaan auftritt, um Kinder anzufallen, die sich dort schweifend dem zeitigen Zubettgehen verweigern. Die Wortbedeutung liegt ebenfalls im Zwielicht, “Freßhase” bzw “Fraßhase” scheint auszuscheiden, das verniedlichende “Froschhase” (hier in einer Interpretation Heidi Starcks) stammt aus jüngerer Zeit, wie überhaupt die heutige Dorfjugend forscher, dh mit selbsterdachten Fallen, gegen das blutrünstige Tier vorgeht.

Rheinische Tierwelt (6)

blutstroepfchen

Blutströpfchen. Auf Abschnitten des Schaaner Rheindamms finden sich im August beachtliche Aufkommen dieser Kerbtiere, die auch unter der leicht profaneren Bezeichnung Widderchen firmieren. Sie fliegen auf lila Blüten (hier: Sommerflieder) – und ihr traumhafter Flug erinnert ausdrücklich an Zeichentricksequenzen von Oldtimerrennen: künstlich verlangsamte, (rein imaginativ:) motorjaulende Hektik, elegantes, wie am Schnürchen gezogenes Kurvenverhalten, zielgerichtet kreisende Betriebsamkeit, von einer todschicken, ausgestorben anmutenden Ästhetik lackiert.

schaan im dauerregen

viertelstuendlich schlagen die glocken
sie schlagen grad halb alles
jeder glockenschlag foehnt ein schaefchen trocken
die schlagfrequenz liesze sich noch erhoehen
im falle des aeuszersten falles

Challenge League Match im Rheinstadion zu Vaduz

Gestern mit Martin Smyrk im Rheinstadion, das Match zwischen den rheinischen Giganten der Schweizer Challenge League, FC Vaduz und FC Schaffhausen, zu verfolgen. Smyrk besorgte Freikarten für die Haupttribüne, sagte fatalistisch, die würden im ganzen Land verteilt, damit überhaupt noch jemand zu den Spielen gehe, und so genossen wir wahlweise einen prächtigen Blick aufs Spielfeld (durch Pierre „Litti“ Littbarskis exemplarische O-Beine – Litti, der momentan den Gentleman-Trainer des FC Vaduz abgibt) oder, wenn auf dem Feld nicht so viel los war, auf das romantisch-postkartinöse Schweizpanorama oberhalb der Gegentribüne mit seinen schneebekuppt-frühlingsgrünen Höhenzügen unter babyblauen Himmeln – soweit vorhanden zumindest, denn im Laufe des Matches zog sich die Schweiz hinter eine schwere schwarze Leere aus fortgeschrittener, aber verregneter Lichtlosigkeit zurück, wahrscheinlich auf irgendeine Konferenz. Auf der Südtribüne verlor sich unterdessen (inkl Kindern) ein knappes Dutzend Gästefans, ein fähnleinschwingender Haufe, der sich auf mitgeführtem Banner artig „Abarticus“ nannte und im Spielverlauf (evtl mittels Bierkonsum) sowohl eine wundersame Vermehrung an Fähnlein wie Personal voll- (es war grad noch so zu fassen), als auch, auf der blechernen Bandenwerbung, eine veritable Guggenmusik abzog, nebst Gesang, während die apathischen Heimfans bis ca zur sechzigsten Spielminute brauchten, um sich ein „uusse mit Schaffhuuse“ zurechtzudichten und hinauszushouten, da war der Fanslam jedoch längst zugunsten der Gästegruppe mit dem lustigen Namen entschieden, wenngleich auch jener der heimischen Supportertruppe, nämlich „Vaduz Nord“, nicht eines gewissen, nämlich subtilen Humors entbehrte. Zum Spiel bleibt nicht viel zu sagen: Smyrk erklärte mir emotionslos das schweizerisch-liechtensteinische Abseits, Littis rechter Zeigefinger kreiste und markierte oldschoolne Fußballgeheimzeichen in den flutlichtnen Dauerregen, Codes, die seine langaufgeschossenen Spieler aber nicht zu lesen vermochten, weshalb sie denn auch sang- und klangarm mit 1 zu 3 untergingen; auf der Gegentribüne immerhin schrie ein einzelner Irrer sich die Lunge aus dem Leib und fuchtelte mit den Armen, als setze er zum Rundflug an (kurz darauf war er tatsächlich verschwunden) und die lasche Fünffrankenservela ward mit noch lascherem Senf, dafür einer straffen Scheibe Brot serviert. 605 Zuschauer, für deren Besuch man sich bedanke, waren, kündete die Anzeigetafel irgendwann Mitte zweiter Halbzeit, im Stadion, und Martin Smyrk und ich zwei davon, wie uns klar wurde, als ebenjene Zuschauermassen auf der Anzeigetafel mittels simpsonesken Comicvisagen dargestellt wurden: Teil der Geschichte waren wir, jaha, jener großartigen, stets sich fortschreibenden rheinischen, allzu häufig parallel verlaufenden Geschichte der Siege, Unentschieden und Niederlagen, die auf dem gepflegten Rasen vor und im Stadionrund um uns derart symbolisch wie leibhaftig Entsprechung fand, daß wir uns beinahe küssten, so licht war dieser Erkenntnismoment, so klar und so erhaben. Der große Litti analysierte abschließend nach dem Match und durch die zunehmende Entfernung zu uns und/oder sich selbst immer kleiner werdend im Niesel das Geschehene fürs liechtensteinische Fernsehen, das es mittlerweile gibt und stattdessen aber lieber noch einmal das beliebte Portrait über den Schaaner Handorgelverein brachte, der dringend neue Mitglieder sucht.

Melander

Beim Spaziergang durch Schaans hanglagiges Villenviertel: Max Frischs Haus existiert nurmehr als restgeisterfüllte Baulücke und im Gartenteich des saarländischen Öko-Putzmittelkönigs Hans Raab tummeln sich fette dunkle flossige Gestalten, die auf eine ungeheure Geschichte weisen, die jüngst zum Erliegen gekommene Fisch-Frankensteiniade in Oberriet im St. Galler Rheintal: dort nämlich wurde unter Raabs Regie der Melander erfunden, der „perfekte Fisch“, der „Fisch der Zukunft“, unzweifelhaft ein Fisch großer Attribute und Hightechtier, Resultat aus der Kreuzung (hierzu variieren die Meldungen: zweier/dreier afrikanischer/indischer, jedenfalls:) diverser Welsarten, ein nährstoffideales Geschöpf, das weder Bächlein, Fluß, Teich, See noch Ozean je kannte, stattdessen in industriellen, biologisch gereinigten Thermalwasserbecken heranwuchs, mastbeschleuniger-, medikamente- und chemiezusatzfrei mit Soja und Mais gefüttert bis zur Schlachtreife, um darauf, seiner einzigen Bestimmung gemäß, in „Melander Filet“, „Melander geräuchert“, „Melander Wienerli“, „Melander Weisse“, „Melander Brätling weiss“ und „Melander Schnitt-Paté, mild und pikant“ verarbeitet zu werden. Die Produktion sollte 2009 auf fünf Tonnen täglich hochgefahren werden, somit pro Woche die bisherige Fisch-Jahresproduktion der Ostschweiz übertreffen und insgesamt die schweizerische, hauptsächlich aus Forellen bestehende, exotisierendst verdoppeln. Wurde, kannte, wuchs und sollte: die Melander-Fischfabrik ist seit diesem Februar amtlich geschlossen, die Produktion eingestellt, „zwei Veterinäre des Kantons bestätigten (…) nach einer über einstündigen Kontrolle (…), dass sich in der Fischfarm keinerlei lebendige oder geschlachtete Fische mehr befinden“. Zur Schließung kam es nach einigem Rechtsstreit über das Tötungsverfahren, welcher ein multiples Presseecho mit typisch schweizerisch-deutschem Nachhallali und einen Herzinfarkt beim Melander-Schöpfer auslöste. Wo aber ist seither der Melander (ein kürzestes Kapitel der Evolution?) abgeblieben? Konnten ein paar Exemplare Richtung Rhein entfleuchen, ganz ähnlich Dr. Frankensteins galvanischem Sohn? Antennen sie dort herum, axolotln gar und/oder schaffen sich in neue Sagen ein? (Die Zeit wird’s weisen, die Zeit allein.)