Entlang der Mosel

mosel_luxembourgWohl bekanntester Nebenfluß des Rheins ist die Mosel, gebürtige Französin mit luxemburgischen Einflüssen, maßgeblich besungen von Ausonius im vierten

mosel_wasserbilligIn Wasserbillig (luxemburgisch Waasserbëlleg) fließt die Sauer in die Mosel

Jahrhundert nach Christus. Die heutige Moselstrecke der Bahn bedient Trier und führt von Koblenz nach Luxembourg und retour über Ortschaften mit irritierenden Namen wie Pommern, Bengel, Wecker, Igel oder Moselkern,

mosel_wein

ausgerufen von einer supersexy luxemburgischen Bandansagestimme mit laszivem französischen Akzent. Über den Ortschaften klangvoll benamte Steillagen, welche die aufdringliche Schönheit des Moseltals bestimmen und auf Dauer so eintönig gestalten, daß dem Bahnreisenden neue visuelle Anreize gesetzt wurden, darunter

mosel_hochmoselbrücke

mit der Hochmoselbrücke zwischen Ürzig und Zeltingen-Rachtig der derzeit umstrittenste.

Zehn Millionen Jahre Rhein

Vor geraumer Zeit erreichte Rheinsein folgende Pressemitteilung des Kölner Künstlers Georg Joachim Schmitt: „Am 23. September 2009 feiert der Rhein ein denkwürdiges Jubiläum: Genau zehn Millionen Jahre zuvor bahnte sich zaghaft der erste Rinnsal des Urrheins seinen Weg an Köln vorbei. Aus diesem Anlaß soll dem Rhein widerfahren, was Menschen seit Urzeiten selten verweigert wurde: An diesem Tag soll der Rhein getauft werden. Da sich sein Name in allen Kulturen und zu allen Zeiten bewährt hat, wird sein offzieller Taufname „Rhein“ lauten. In einer feierlichen Zeremonie am linksrheinischen Ufer unweit des Niehler Hafens, inmitten eines Hains, auf feinsandigen Boden, am seichten Gestade einer weit ausholenden Bucht, wird die Rheintaufe stattfinden. Die Taufsubstanz wird Wasser sein, das seinen Zuflüssen entnommen wurde, bevor es die Gelegenheit hatte, Rhein zu werden. Die Tatsache, daß ein sehr großer Teil des Rheins sich aus Zuflüssen speist, die eben noch gar nichts davon wissen, daß ihre Flüssigkeit demnächst einen anderen Namen tragen wird, wird bei der Rheintaufe genossen. Wenn der Rhein zu dem getauft wird, was er ist, fließt Wasser aus einer Taufkaraffe in den Rhein, das eigentlich längst Rhein geworden wäre: Er wird aus sich selbst getauft, in seinem Namen, auf seinen Namen. Seine Namen: Das sind die Quellbächlein, der namenlose Regen, Gischt, Nebel, tiefliegende Wolken, kleine Flüsse, geschmolzenes Gletschereis, Seen. Es wäre unmöglich, all das aufzuzählen, was den Rhein zum Rhein macht, ihn seit nunmehr 10 Millionen Jahren zu dem macht, was er ist: der schönste Fluß der Welt. Stellvertretend für alle anderen wurde die altehrwürdige Mosel auserwählt, als derjenige Zufluß zu dienen, der Taufwasser mit sich führt, ebenso ihr Zufluß Sauer, deren Zufuß Our, deren Zufluß Ulf und deren Zuflüsse Thommerbach, Huscheiderbach und Mühlenbach in den regenreichen Niederungen der Ardennen. All dies hilft sich gegenseitig zum „einen“ Rhein zu werden, indem es Namen annimmt und seine Namen wechselt.“ Womöglich ist Herr Schmitt aus Naturschutzgründen mit einer nibelungischen Tarnkappe zur Taufzeremonie erschienen, Rheinsein konnte ihn heute Nachmittag auf dem bezeichneten Areal jedenfalls nicht ausmachen. Das natürliche Rheinspektakel war aber auch nicht von schlechten Eltern: changierende Wetter prangten über den sandigen Niehler Buchten, die Sonne: mal brüllte sie unhörbar hochfrequent, dann hielt sie sich wieder bedeckt, am Bootsanleger gegenüber machte sich ein Schwarzgekleideter ritualartig zu schaffen, Schiffe und Vögel zogen Linien durch den Tag und auf dem Hafengelände spielten die Container Stapeldich. Südlich des Cranachwäldchens besprach eine Zehnergruppe protestantisch aussehender älterer Menschen im Kreis stehend und vom Blatt einen abgesägten Baumstumpf. Im Schwimmbad gab es Zwiebelkuchen und Pfälzer Federweißen, der auch für Traubensaft durchgegangen wäre, und als Rheinsein ob solcher Verlockung der letzten Wespe mit drastischen Worten die Jahreszeit klarmachen mußte, beging das erschreckte Tier umgehend im nächsten verblühten Zierstrauch Seppuku.

Echternacher Springprozession

Eine der exzellentesten, meistgeglaubten und liebstfrequentierten Realitäten liefert in der Neuzeit das Fernsehen. Noch im Mittelalter hätte Television für ein Wunder gegolten und wäre diverserseits nicht allzu fern der Ketzerei eingeordnet worden – die meisten Ansichten tragen sich standhaft durch die Zeiten, nur unter verschiedenen Vorzeichen und wechselnden Parteilichkeiten. Pfingsten am Rhein, das sind beispielsweise Schützenfeste, Jugendfußballturniere und die Echternacher Springprozession. Die in ihren Ursprüngen auf das erwähnte Mittelalter rekurriert und für Wunder ebenso bekannt ist, wie sie als heidnisch von Staat und Kirche bereits verboten war wie, hier schließt sich aufs Eleganteste der Kreis der Geschichte, das Fernsehen berichtet. So seh ich also aus der Ferne auf Datenträger gebannte Eifeler springen, sozusagen mit den Füßen beten, zu St. Willibrord, der sie alle einst katholiziert hat, genau: im Mittelalter. Da ziehen sie ihren Glaubensweg über grüne windradverspargelte Eifelwiesen, von Waxweiler aus, von Prüm und Bollendorf, vorbei an Weiden und Kühen, selten sieht man die Eifeler derart lustig und lebensfroh, zunehmend werden sie dafür auch von Touristen bestaunt, für ambulante Überlandbeichten ist gesorgt, für simultane Massengebete und medizinische Betreuung natürlich ebenso, es ist eine Schau und Mühsal, doch wo es früher nur drei Schritte vor und dann einen entscheidenden zurück ging, beim Springen, geht es seit 1945, wie in so vielen anderen Dingen, nur noch voran und wo Karl Marx behauptete, Religion sei Opium fürs Volk, stimmt ein hochneuzeitlicher Prozessionsteilnehmer überein: „Eine ganz tolle Sucht! Die schönste Sucht, die man sich denken kann: mit dem Körper zu beten.“ Auf ihre trockene Art verleihen die Brudermeister die Ehrenabzeichen für fünfzigste, fünfundsiebzigste und hundertste Teilnahmen, und nach einem Schluck hausgebranntem Obstler packen die die eher schweigsamen Prozessionsveteranen sogar die alten Geschichten aus, von der Dorf-SS und dem heiligen Schmuggel von Genußwaren über die Sauer: „Wenn ma damit aufjewachsen is, dann meint ma, dat müßt so sein.“