Alpenrheinfähre

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Der Alpenrhein zweigte ursprünglich beim heutigen Sargans Richtung Westen ab; das St. Galler Rheintal (oder auch Bodenseerheintal) durchfließt er “erst” seit rund einer Million Jahren. Durch das im Süden schmale und sich zum Bodensee hin weitende Tal mäanderte der Fluß, suchte sich gelegentlich neue Wege, bildete Sumpfgebiete und führte vernichtende Hochwasser. Im Laufe des 19. Jahrhunderts begann mit den sogenannten Wuhrprovisorien die Korrektion dieses Abschnitts, die bis auf den heutigen Tag anhält und immer wieder neu überdacht wird. So steht seit einigen Jahren am liechtensteinischen Streckenabschnitt der Bau von Staustufen zur Energiegewinnung zur Debatte. Mittlerweile führen zahlreiche Brücken über den begradigten und dadurch reißenderen Alpenrhein; zuvor wurde der Fluß mit Fähren überquert, deren letzte zwischen Salez und Ruggell 1918 den Betrieb einstellte. Die Postkarte zeigt die Fähre Rüthi-Bangs, das Datum der Aufnahme konnte nicht ermittelt werden. Eine größere Auflösung des Bildes und jede Menge lokalhistorischer Funde, Geschichten, Rezepte und Kuriositäten aus dem Werdenbergischen gibt es bei Doazmol von Karin Lehner zu entdecken!

Der Geiger auf dem Vaduzer Galgen

Geiger Hans-Jöri ging spät abends von Sargans über den Rhein in die Grafschaft Vaduz, wo er zum Tanz aufspielen sollte. Als er unter Balzers hinkam, dunkelte es schon tief. Unversehens wurde er da an der Strasse von schön gekleideten Leuten beiseite gerufen und traf eine glänzende Gesellschaft.
Man hiess ihn auf eine Bühne sitzen, wo er auserlesenes Essen und Trinken vorfand; ein Herr aber bedeutete ihm, er möge sich durch nichts beunruhigen lassen, auf nichts achten und namentlich keine Gesundheit trinken. Das fiel ihm zwar auf, aber er schwieg, spielte und liess sich’s schmecken. Es wurde toll und bunt getanzt, nur kümmerte sich niemand um ihn, so dass er sich schliesslich doch langweilte. Der Mahnung vergessend, sagte er nach seiner Gewohnheit in sich hinein: “Gesundheit, Hans! Gesegne dir’s Gott, Hans! So geschieht dir nichts!”
Kaum war ihm das über die Lippen gekommen, war alles verschwunden. Es ging gegen den Morgen, und der Geiger fand sich auf dem Vaduzer Galgen sitzend, statt des silbernen Trinkbechers einen Kuhhuf in der Hand.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966)

Der rheinische Biber

Die unverkennbaren Nagespuren hatten wir vor Jahr und Tag bereits bei einem Streifzug durchs Gebüsch entdeckt – vor einem guten Monat wurde uns erstmals eine glaubwürdige Sichtung des Bibers „in ganzer Pracht“ übermittelt, und zwar exakt jenes Exemplars Castor fiber, das im und am Kanal auf Höhe der Schaan-Vaduzer-Gemarkungsgrenze sich herumzutreiben seit geraumer Zeit in höchstem Verdacht stand. Noch während uns die Nachricht erreichte, hatten wir geschworen, dem Biber solange aufzulauern, bis wir ihn, in memoriam Bernhard Grzimek und Heinz Sielmann, mit eigenen Augen die freie Wildbahn durchstreifen sähen. Am 03. September startete unsere Expedition.

Auf einer schier endlosen, strapaziösen Zugreise (mit bis Basel versiegelten, ab Basel wundersam wieder geöffneten und mit frischem Tissue ausgestatteten Bordtoiletten), gelangten wir aus Köln, durch ungezählte Reihen weinbestandener, spätsommerlich goldener Täler, deren Farben der Fluß anmischte, indem er das Septembersonnengleißen mit überschwänglicher Freude weithin streuend reflektierte, erneut bis in die bedrohlichen Alpen mit ihren archaischen Staatsformen.

Ab Sargans ließen wir das Gepäck mit dem Jeep ins Vaduzer Basislager transportieren, wo wir nach den Entbehrungen der Reise mit etlichem Griebenschmalz versorgt wurden. Das Nachtmahl verschmolz wie so häufig mit dem Buschfunk. Der Biber gilt gemeinhin als unberechenbarer Geselle, doch ab der Abenddämmerung sollte, ging im Lager die Kunde, mit unserem Exemplar zu rechnen sein. Um keine Zeit zu verschwenden, brachen wir gegen 19 Uhr, nur mit Notizbüchern bewaffnet, ganz nach Gehör in Richtung des tosenden Rheinstroms auf. Einheimische Führer/Träger waren zu dieser späten Stunde wegen ihres ausgeprägten Aberglaubens und unseres kurzfristigen Entschlusses keine mehr aufzutreiben. Die große Filmausrüstung mußte bedauerlicherweise im Lager zurückbleiben.

Bis zum Anbruch der Dämmerung verblieb noch eine halbe Stunde, als wir den Fluß erreichten. Das magisch-milde Abendlicht tönte unsere Gesichter in freundliche, gesunde Farben. Auf den Kiesbänken inmitten des rasend davonfliehenden Stroms sammelten sich zu Dutzenden, wenn nicht zu Hunderten schwarzglänzende Saatkrähen, hielten abgehackte Palaver und vermittelten den Anschein, als hätten sie keine rechte Ahnung, was sie eigentlich dort sollten: als wären den ersten Herumlungernden in einer Art vogelfreier Glaubenskongregation immer mehr ihresgleichen an den wasserumbrausten Zufallsort gefolgt. Von Osten zogen Blaukohlschwaden auf, von jenseits der westlichen Bergkette war Donner zu vernehmen, über die Schaaner Eisenbahnbrücke weit im Norden eilte mit Schwellengeratter der seltene Railjet ins mählich wabernde Fangnetz der Nacht.

Beim Griebenschmalz hatten wir den Einheimischen abgelauscht, daß sie Biber anlocken, indem sie zwei Stöcke gegeneinanderschlagen. Ein simpler Trick. Der Biber, hieß es, denke dann, es halte sich ein Rivale in der Nähe auf und käme nachschauen. Am Kanal herrschte inzwischen ideale Dämmerung. Sogleich marschierten wir ins Unterholz und fanden nach wenigen Minuten Kampfes mit dem Geäst, das uns, wie wir später bemerkten, mehrere versorgungspflichtige Wunden zufügte, einen Zweig mit Bißspuren, die nicht älter als 24 Stunden sein konnten! Ein deutliches Zeichen für die Anwesenheit eines erwachsenen Bibermännchens ganz in unserer Nähe! Mit angehaltenem Atem sondierten wir das Terrain. Dort im Osten stand ein verstecktes Uferbänkchen der Schaaner Gemeindeverwaltung. Welch ein Glück! Ein idealer Ansitz!  

Erst nachdem wir die Sitzbank sorgfältig nach allen Seiten geprüft hatten, fiel uns auf, daß wir in der vorherigen Anspannung versäumt hatten, biberlockende Stöcke zu brechen. Doch konnten wir nun unmöglich zurück. Es half (wieder einmal!) nur Improvisation. Also schlugen wir mit den Fingerknöcheln einige bibertypische Takte an die Rückenlehne unserer unter so glücklichen Umständen entdeckten Uferbank. Äußerste Geduld war jetzt gefragt. Alle zwei Minuten wiederholten wir das Geknöchel. Nichts geschah. Zufällig fanden wir einen abgenagten Zwetschgenkern in unserer Hosentasche und setzten ihn zur Abwechslung als Klopfwerkzeug ein. Da! Ein Schemen zeichnete sich am gegenüberliegenden Kanalufer ab und machte sich im Gras zu schaffen.

Unser Instinkt erkannte sofort den Biber, der sich rasch ins Wasser begab und nicht wieder auftauchte. Welch grandioser Erfolg für einen ersten Versuch! Wir hatten ihn tatsächlich auf Anhieb erwischt, den wilden rheinischen Biber! (Kursierten doch sogar Geschichten über offizielle Biberbeauftragte, denen sich angeblich wochenlang kein einziger ihrer Schützlinge zeigen wollte.) Der scheue, nachtaktive Gesell! Voll abgepaßt! Zwar nur als fellig-dunkles biberartiges Etwas, doch wissen wir fortab, wie wir ihn kriegen. Mit Zwetschgenkernen. Die Biberforschung dürfte zu Teilen umgeschrieben werden müssen.

Rajkas Rhein

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Werke in Konfrontation lautet der Titel einer Ausstellung mit Bildern des Künstler-Ehepaars Rajka Poljak und Vlado Franjević, die am 01. April auf Schloss Sargans mit einer nachmittäglichen Vernissage eröffnet wird. Rajka stellte rheinsein vorab zwei ihrer Alpenrhein-Bilder zur Verfügung, wofür wir uns herzlich bedanken! Rajkas Porträt- und Landschaftsstudien werden in Sargans Vlados bunte Formgebilde  gegenüberstehen, von denen Al’ Leu schreibt, daß Vlado mit ihnen  “Grenzbereiche und kritische Randzonen der Kunst auslotet und dadurch (…) in endogene bildnerische Bereiche vorstösst, die im elektronischen Zeitalter genügend visuelles Potential entwickeln, um auf multimedialen Ebenen mit kraftvollen Impulsen neue Projekte anzustossen”. Damit dürfte auf Vlados unermüdliche Tätigkeit als Netzwerker angespielt sein – tatsächlich war Vlado derjenige, der uns den langgehegten Wunsch, einmal das kleine Fürstentum Liechtenstein (auf den Bildern oben: dessen Rhein, mit Schweizblick) zu besuchen, zu erfüllen verhalf!

Rajka Poljak und Vlado Franjević
Werke in Konfrontation
Schloss Sargans
01. April bis 03. Juni 2012

Vernissage: Sonntag, 01. April um 14.00 Uhr
(Begrüssung durch SE Botschafter der Republik Kroatien in der Schweiz; Rede zur Kunst von Al’ Leu, Kunstkritiker und Präsident ZSV)

Das Rahmenprogramm zur Ausstellung bietet diverse weitere Anlässe wie etwa Lesungen. (Vlado tritt neben seiner bildnerischen und Netzwerker-Tätigkeit auch als Autor hervor.) Das genaue Programm ist den regionalen Zeitungen/Zeitschriften zu entnehmen.

Von Thusis nach Chur

“(…) I will now returne unto that part of the Grisons country where-hence I digressed, even to Tossana, where I entred a fourth valley which is called by the same name as the other immediately behind it, namely the valley of Rhene, because that river runneth through this also where it inlargeth it selfe in a farre greater bredth then in the other valley. Also some doe call it the valley of Curia from the citie of Curia the metropolitane of the country, standing in the principall and most fertil place thereof.
I departed from Tossana about seven of the clocke in the morning, the three and twentieth of August beeing Tuesday, and came to Curia tenne miles beyond it, which is the head citie of the country (as I have before said) about one of the clocke in the afternoone.
I observed many wooden bridges in this valley, made of whole pine trees (as those of Savoy) which are rudely clapped together. One of those bridges is of a great length, about one hundred and twenty paces long, and sixe broad, and roofed over with timber. Also it hath foure very huge wooden pillars in the water. This bridge is made over the river Rhene, about five miles on this side the citie of Curia, over the which every stranger that passeth payeth money.
I observed this country to bee colder by halfe then Italie, the ayre beeing heere as temperate as with us in England.
The abundance of peares and apples in many places of Rhetia, especially about the citie of Curia, is such that I wondred at it: for I never saw so much store together in my life, neither doe I thinke that Calabria which is so much stored with peares, can yeeld more plenty for the quantitie or space of ground, then this part of Rhetia doth. Their trees being so exceedingly laden, that the boughes were even ready to breake through the weight of the fruite. (…)”

(aus: Coryat`s Crudities, hastily gobled up in five moneths travells in France, Savoy, Italy, Rhetia commonly called the Grisons country, Helvetia alias Switzerland, some parts of high Germany and the Netherlands; newly digested in the hungry aire of Odcombe in the county of Somerset, and now dispersed to the nourishment of the travelling members of this kingdome)

Vergeblich suchten wir in den Crudities nach einer Beschreibung der Via Mala, die Coryat – so ziemlich zu ihren wildesten Zeiten – auf seiner Alpenrheinreise passiert haben müßte. Der Marktflecken Tossana (Thusis) bleibt ebenso nahezu unbeschrieben wie die übrigen Dörfer des Hinterrheins, erst Chur erfährt ausführlichere Notizen (die wir evtl noch hier vorstellen). Von Chur geht Coryats Reise den Rhein abwärts bis Sargans, von wo er über Walastat (Walenstadt) nach Zürich abbiegt, um erst wieder bei Basel auf den Strom zu treffen. Seine Ausführungen zu diesem Alpenrheinabschnitt bleiben dürftig, viel mehr als Schätzungen der Wiesenflächen stehen nicht zu Buche, doch vermerkt Coryat, daß er ab Sargans bis tief in die Niederlande fortan lückenlos jeden Reisetag mindestens einen Rheinwein kredenzt bekam.

Walensee (3)

Grünschnabel, das neue Buch von Monica Cantieni, beschreibt über einige Seiten den Walensee, dessen Anblick bereits von der Zugstrecke Zürich-Sargans Wunder nimmt, mit den steil aufragenden Felsen, aus denen da und dort über Hunderte Meter die Wasser fallen. Ein kleiner Ausschnitt über die wenig bekannten ozeanischen Fähigkeiten des Walensees:

“(…) – Er kann richtig wild werden, der Walensee. Föhn ist hier selten, wenn er aber aufkommt, schlägt er alles. Er trägt dem See ganze Bäume zu. Die Touristen bekommen Gänsehaut von den großen Wurzeln, die aus dem Wasser ragen, sie bekommen Gänsehaut vom Wind, der das Schiff über den See jagt, und sie bekommen Gänsehaut von der Geschichte, dass nämlich hier und nirgends sonst in der Schweiz ein Dampfschiff untergegangen ist, abgesoffen mit Mann und Maus, das Ufer von Wellenbergen verschluckt, und über den Wellenbergen die Churfirsten, von Wolkenbergen verschluckt, kein Steg, kein Holz, nur wütendes Wasser und ein zischender Kahn, ein heulender Sturm, seither ist den Touristen mulmig auf der Überfahrt. Schon wenn ein Lüftchen geht, wird ihnen mulmig – zu Recht – und sie sind froh, wenn sie den Fuß hier an Land haben oder wieder drüben, auf der anderen Seite, wo sie am Sonntag die Straße verstopfen. Ja, der Wind kann hier bloß spielen, und plötzlich sticht ihn der Hafer, und der See beginnt anders zu riechen, riecht nach Tang, nach Fisch, als würde er alle Fenster aufreißen, bevor er anfängt zu kochen. (…)”

Monica Cantieni – Grünschnabel (Roman), Schöffling & Co, 2011
240 Seiten. Gebunden. € 19,95,  SFR 30,50

Rheinische Tierwelt (8)

Froshas

Der Frooshaas (auch: Froshas) ist ein regionales Flurwesen des Alpenrheins, das im Dämmerlicht in den schmalen Talstreifen um Sargans und Schaan auftritt, um Kinder anzufallen, die sich dort schweifend dem zeitigen Zubettgehen verweigern. Die Wortbedeutung liegt ebenfalls im Zwielicht, “Freßhase” bzw “Fraßhase” scheint auszuscheiden, das verniedlichende “Froschhase” (hier in einer Interpretation Heidi Starcks) stammt aus jüngerer Zeit, wie überhaupt die heutige Dorfjugend forscher, dh mit selbsterdachten Fallen, gegen das blutrünstige Tier vorgeht.

Walensee

Der Walensee ist ein erquickliches Naturschauspiel und Erholungsgebiet (mit Bade- und Panoramablickmöglichkeiten): das Schweizer Militär hat den Schweizern aus Dankbarkeit für die gute Zusammenarbeit mehrere ausgewählt sanfte Strandabschnitte zur Freizeitgestaltung zur Verfügung gestellt. Es gibt einige imposante Wasserfälle (schmale, sehr hohe: auch diese Wasser sollen, dem Wortstamm nach, zumeist Rheine heißen), die Zugstrecke zwischen Ziegelbrücke und Walenstadt lohnt den Ticketpreis: der ständige Blick auf den im Norden an die steilen Felswände der Appenzeller Alpen ufernden See, das plötzliche Dörflein Quinten, in einer, wies vom Zug her aussieht, hangartigen Bucht gelegen, die nur übers Wasser erreichbar scheint. (Zur Beachtung: die Schweizer Züge fahren pünktlich los und kommen pünktlich an, ohne zwischenzeitliche Verspätungen, sogar bei Schnee – in Deutschland seit der Mehdorn-Ära nahezu undenkbar.) Walenstadt macht dann natürlich mit einem Wal Werbung und den Anschein eines Kurorts, an dem man sich trotz des verjüngenden Effekts eines kühlen Gebirgswasserbades aufgrund des Stadtbilds gleich dermaßen alt fühlt, daß die stattfindende Verjüngung einen bestenfalls auf sein wahres Alter zurückwirft. Insofern wäre nicht viel gewonnen, aber es gibt noch den Blick Richtung Sargans und dort tut sich ein hohlwegartiges, vorbildliches Tal auf, von dem sich leicht vorstellen läßt, wie der Rhein, einmal in diese Richtung losgelassen, es durchschwemmte, in biblischen oder sogar prähistorischen Dimensionen, volle Spülung auf einen zu, von den Appenzeller an die Glarner Alpenwände klatschend und zurück, die ganzen Heidiland-Schilder entwurzelnd, ein Alpentsunami (japanische Touristen, angeführt von Bokushi Suzuki, dem tiefschneeerfahrenen, ersten aller japanischen Alpentouristen, sitzen auf sicheren Föhrenholzpodesten um wenige Franken Benutzungsgebühr und zeichnen die Wellen, ersinnen und kalligrafieren zum Schauspiel passende Haikus), sogar die Tagesschau berichtet, der Rhein findet sein neues Bett und von Speedbooten aus lassen sich jetzt Touren in die natürlich umgestaltete Region unternehmen, bei denen man mit etwas Glück regionaltypische hornlose Kühe auf regionaltypischen Fettwiesen fotografieren kann.

Kurze Gedanken über den Rheinverlauf bei Sargans

Sind nur wenige Meter Bodenerhebung, heißts, die den Rheinlauf Richtung Bodensee bestimmen, bei Sargans (im von Donhauser so fein besungenen Sarganserland), wenn er da von Bad Ragaz herkommt als kräftiger Schuß alpenkaltes Rauschewasser, könnte nämlich genausogut Richtung Walensee abfließen (der davon etwas überlaufen dürfte, (das zu Quarten gehörige) Quinten wär in Gefahr, während der Bodensee etwas absaufen dürfte, wodurch seine Strände Raum gewönnen), die Linth überlinthen, Richtung Zürichsee, Limmat und Aare (selbige namenstechnisch eliminierend) und schließlich in sich selbst, den Rhein, der aber nicht dort wär, wo er jetzt herkommt, sondern als deutscher Rhein erst begönne, während man in Liechtenstein (das dann eine andere Nationalhymne bräuchte) und im St. Galler Rheintal (das dann anders hieße) nur unbedeutende Rinnsale vorfände. Oder aber der Rhein ginge auf in der Aare und es wär nichts mehr mit „deutschem Rhein“. Dafür bräuchten bloß die Schweizer einen Anfall kriegen und einen Durchstich probieren, bei den Tunneln sind sie ja auch nicht zimperlich und mit Volksentscheiden, über die notfalls, je nach Interessenlage, eh hinwegentschieden wird, bzw: die solang wiederholt werden, bis sie passen. Und so schau ich mir die Szenerie an, solang sie noch auf altehrwürdige Art vorhanden ist, von der Anhöhe Schloß Sargans mit seiner weiteren Aussicht aufn Gonzen (mit seinen einst erzfördernden, nun zu Hightech-Ingenieuren ausgebildeten Zwergen) und aufs Heidiland (mit seinen mangaäugigen Bewohnern beim Zvieri an der Gourmet-Autobahnraststätte): ganz und gar vorstellbar so ein Durchstich und bestimmt existieren bereits Geheimpläne, auch darüber, wie man einen solchen Durchstich schnell mal ganz perfide nachts vollführt außerhalb jeder öffentlichen Debatte, die dann gern danach stattfinden darf. Oder tagsüber im Stile Kasimir Blaumilchs. Jedenfalls ist es auch ein Ausblick auf eine Naturlaune. Hinweg über eine 7,5 cm Gebirgskanone mit Halbautomatik, hergestellt von der eidgenössischen Konstruktions-Werkstätte Thun, mit Ausrüstung fast eine Tonne schwer, mit konstantem Rechtsdrall, Schußauslösung mechanisch von Hand, die Geschosse wiegen 5,7 bis 6,4 Kilogramm, die Anfangsgeschwindigkeit liegt 180 bis 404 Meter pro Sekunde, die Schußdistanz beträgt maximal 8,5 bis 10 Kilometer (was locker ausreichen würde), mit hydraulischer Rohrrücklaufbremse, die letzte Dienstleistung datiert auf 1981, dh, das Gerät dürfte erneut in Schuß zu bekommen sein. Gorrh, übernehmen Sie!

Sargansparallaxe

Sarganser Danksagungen nach oben und unten, sowie nach ganz oben und bis ziemlich immer, zu finden in Schloß Sargans, das sich selbst übers Rhein- wie übers Seeztal (das auch das Rheintal hätte werden können) erhebt:

„Als man Zelt sehszehen Hundert Jar / Darzuo funff sehs, und funzig war / Hatt Josue Heinrich genampt / von Zug, regiert Sarganser Landt / In dem die gantze Eidsgnoschafft / Mitt krieg und unruow war behafft / Ihm hatt Gott geben Dapferkeit / Daß er mit kluoger bscheidenheit / Sargans durch wachen, fruow und spatt / Vor aller unruw gschirmet hatt / Darumb Sargans wie sich geburt / In Ewigkeit Im danckhen wurt“

„Wem Gott woll will, kan nit mißlingen / Das gspür ich wol in meinen dingen / Als Vatterland in Gröster gfor / Ich schlechter Landtvogt alhie war / Doch hatt Mir Gott die gnad und sägen / Und braw Unterthanen geben / Das Sargans Bleibt in Fridtsamkeit / Das Gott sig gedanckt in Ewigkeit“

Das Rheinbassin

Rheinsein nähert sich in absehbarer Zeit (wo nicht ständig partiell aus der Ferne) erneut (sagen wir: fysisch) dem Alpenrhein und zieht zu Dielhelm und Spescha nun regelmäßig auch den Kohl hinzu, das zu betretende Gebiet aus vergangenen, doch bis ins Heute hinüberscheinenden Dimensionen zu erfassen: “Das Schweizerbecken enthält die entlegensten Zuflüsse des ganzen Stromgebietes. Wir können es daher auch das Quellengebiet des Rheins nennen, in welchem dieser Strom wie in seiner Wiege geboren und großgezogen wird. Die Alpenmassen, welche im Süden dieses Becken ummauern und es zum Theil mit ihren Ausläufern erfüllen, haben hier ihren Hauptknoten- und Centralpunkt im St. Gotthard, einer kolossalen Erdwarze, von welcher nach allen Richtungen hin Erdspalten, Risse, Thäler und Flüsse ausgehen, und von der auch die bedeutendsten der äußersten Rheinzuflüsse, die Aar, die Reuß, die Limmat, der Vorderrhein, herabkommen. Sowie das schweizerische Rheinbecken seinen höchsten Massenpunkt im St. Gotthard hat, so hat es seinen tiefsten Punkt in der Gegend des Durchbruchs seiner Gewässer durch den Jura und Schwarzwald; zu diesem Punkte hin strömen, zum Theil mit großen Bogen und auf Umwegen, alle Gewässer fächerförmig zusammen: der Rhein aus Osten, die Limmat aus Südosten, die Reuß aus Süden, die Aar aus Westen. Der Hauptsache nach kann man also diesen Kessel von hier aus als in allen den besagten Richtungen aufsteigend betrachten. Zwei Haupt-Unterabtheilungen und Nebenabdachungen dieses Beckens werden aber durch die Art und Weise bestimmt, in welcher sich seine gesammten Gewässer, bevor sie sich beim Durchbruch verbinden, in zwei Hauptbranchen, in einer westlichen und einer östlichen Ader, vereinigen. Beide Adern sammeln von einem beinahe gleich großen Oberflächenstücke die Gewässer und führen eine beinahe gleich große Quantität Wasser mit sich, beziehen auch aus fast gleicher Entfernung ihre Quellen. Man hat der östlichen Ader den Hauptnamen Rhein gegeben, der westlichen den der Aar. Der Rhein rinnt aus den Gletscher- und Quellenwässern, die aus einer Menge verschieden gerichteter Thäler des St. Gotthard und der rhätischen Alpen hervorstürzen, zusammen. Das Hauptthal ist das des Vorderrheins, das vom St. Gotthard in sehr gerader Richtung von Osten nach Westen bis Chur durchsetzt. Vom Norden nimmt dieses Thal und seine Wasserader eine Menge kleiner Thäler und Gewässer auf, vom Süden mehre größere und ein mit ihm fast gleich großes, das Thal und den Fluß des Hinterrheins, der aus mehren Bergströmen der rhätischen Alpen sich bildet, direct aus Süden nach Norden fließt und unweit Chur bei Reichenau sich mit dem Vorderrhein verbindet. Aus Osten aber nimmt der Rhein etwas weiter abwärts die Thäler und Flüsse der Plessur und der Landquart auf und wendet sich dabei zugleich aus seiner bisherigen östlichen Richtung zu einer nördlichen um, die er bis zum Bodensee beibehält. Dieses von allen Seiten her stattfindende concentrische Zulaufen der Thäler und Wässer in dem hier vorliegenden Rheinstücke, und die nach allen Seiten hin stattfindende Ummauerung dieses obersten Rheinquellenstücks mit hohen Schneegebirgen, berechtigt uns, hier einen großen Kessel zu erblicken, den wir den „rhätischen, graubündner” oder den obersten Quellenkessel des Rheins nennen können. Nach unten zu, bei Maienfeld oder Sargans, wird dieser Kessel durch das Rhäticongebirge und die sich ihm anschließenden Glarner und Walliser Hochalpen abgeschlossen. Diesen Abschluß oder Riegel durchbricht der Rhein nicht weit unterhalb Chur in einer Verengung seines Thales, das sowol oberhalb dieses Punktes weiter war, als auch unterhalb desselben wieder in ein bequemeres Thal hinaustritt. Fast alle Flüsse dieses obersten rhätischen Quellenbeckens des Rheins sind nur wilde Berggewässer, die zum Theil in tiefen Schluchten brausen, zum Theil in stürmischen Wasserfällen die Thalabsätze herabfallen, und die zu weiter nichts als nur zum Transporte der aus den Wäldern geförderten Holzblöcke benutzt werden können. Erst nachdem sie sich bei Reichenau zu einem größern Faden vereinigt haben, können diese Gewässer auch größere zusammengesetzte Holzmassen tragen. Der Rhein wird hier floßbar. Und von dem Punkte bei Chur an, wo er, nach Norden umsetzend, einen Winkel macht, und wo zugleich auch die Plessur neues Gewässer hinzufügt, wird der Fluß für Schiffe benutzbar. Bei Chur erreicht der Rhein den ersten Grad seiner Schiffbarkeit, vermöge deren er kleine Schiffe von 200 – 300 Centnern Ladungsfähigkeit trägt. Und diesen Schiffbarkeitsgrad behält er 10 Meilen weit bis zum Bodensee unverändert bei. Nachdem der Rhein die Enge zwischen dem Rhäticon und den Walliser Alpen passirt hat, fließt er auf einem ebenen Boden in einem breiten Thale abwärts bis zum Bodensee. Dieses Thal liegt zwischen den Appenzeller und Vorarlberger Gebirgen und hat ein weit geringeres Gefälle, eine viel allmäligere Abdachung als alle die obern Rheinthäler. Vermuthlich hat es einmal der Bodensee ganz aufwärts bis zu dem eben bezeichneten Gebirgsriegel bei Sargans bedeckt. Der Bodensee ist noch jetzt in einem fortwährenden Rückzuge seiner Gewässer begriffen. Der bedeutendste Nebenfluß, den der Rhein auf dieser Strecke aufnimmt, ist die Ill, die in einem sehr gerade, direct nordwestlich gerichteten Thale aus den Bergen Tirols hervorkommt. Auf der Linie des 30. Breitengrades fällt der Rhein in jene bedeutende Austiefung der Erdoberfläche, die zum Theil über 1000 Fuß unter das allgemeine Niveau der sämmtlichen umherliegenden Ländergebiete herabgesunken ist. Er füllt sie mit seinen Gewässern aus, und es entsteht so der Bodensee, der einen höchst merkwürdigen Theil des Rheinsystems bildet und ein Wasserbecken von circa sechs Meilen Länge und circa drei Stunden durchschnittlicher Breite darbietet. Der Bodensee ist ringsumher von Hügellanden umschlossen, nur nach zwei Seiten hin, nach oben, wo der Rhein einfällt, und nach unten, wo dieser hinausgeht, offen. Er nimmt außer dem Rheine gar keine irgend bedeutenden Flüsse mehr auf. Bei Konstanz verengt sich der See zu einem schmalen Stromarme, um sich gleich darauf noch einmal zu dem kleinen Nebenbecken des Radolphszellersees auszubreiten. Dieser See verlängert sich zu einem langen Arme, der sich bei Stein dann wieder ganz in einen Fluß verwandelt. Doch behält er noch drei Meilen weiter bis Schaffhausen gewissermaßen die Natur eines Seearmes bei, ich meine eine große Tiefe, eine ziemlich ruhige Bewegung, eine nicht unbedeutende Breite und dabei denselben Grad der Schiffbarkeit, der auf dem See stattfand. (Die 2000 Centner tragenden Bodenseeschiffe können auf dem Rheine bis Schaffhausen fahren.) Unweit Schaffhausen erreicht diese Beschaffenheit des Rheins mit den Wasserfällen von Laufen und Zurzach ihr Ende. Ruhige Bewegung, gleichmäßige Tiefe und mit ihnen auch die bis Schaffhausen mögliche Großartigkeit der Schiffahrt hören auf, und der Fluß nimmt, von Felsenterrassen zu wiederholten malen abwärtsstürzend, über Felsenbänke in Stromschnellen herabwirbelnd, die Natur eines großen wilden Berggewässers an, die er mit verschiedenen Unterbrechungen in reißendem Laufe 12 Meilen weit beibehält, bis er in der Nähe von Basel den Durchbruch durch den Schwarzwald-Jurariegel zu Stande gebracht hat und in das badisch-elsässische oder oberrheinische Becken eintritt.”

Heidirhein

Sargans, so gansbenamst, so schnell wieder verlassen: da ragt schwach im Rücken wahrnehmbar das instandgesetzte Hügelschloß ausm Durfahrtsörtli, die umgebenden Berge ragen da schon deutlich strenger und sind doch nur erschreckende Versprechen auf die Bündner Täler und Höhen weiter im Süden. Über die Passerelle ins industriegebietne Nichts entstehender Straßen: die riesigen Malbuner Kochschinkenberge auf der Ospelt-Fabrik, vom Mittagsglast gedörrte Wegschnecken, plötzlich blockt eine Herde berggängiger Rinder meine staubige Bahn, der Viehtreiber aufm Fahrrad hinterher, den Rhein hat in Sargans noch selten jemand erblickt, so versteckt liegt er hinter Feldern und Auen und stärker als seine Fluten rauscht im Tal die Autobahn, wieder einmal – womöglich ist die Autobahn längst der eigentliche Rhein und nur Nostalgie hält uns davon ab, das auch zu glauben. Nach einigem, linksbündig orientierten Fußmarsch ist der Damm erreicht. Zarteste Bläulinge umflattern den Hauhechel, im Gebüsch zwitschern, flipschern und itschern sonstwie, die Landschaft kommentierend, Fitis und Ammer, unter Wallungen eilt er dahin, kalkig-milchig, aller protzigen Umgebung EEG, stur, strikt, stet: der Rhein. Auf halber Strecke nach Bad Ragaz eine ansehnliche Kiesbank, auf der sich der Fluß, gleich einem natürlich zerstreuselten Japanischen Garten, sozusagen begehen läßt. Wundersame Welt der Kiesel: grünliche oder edelmetalln schimmernde; ein paar sammle ich ein und mit ihnen die darin eingefaßten flitschigen Zwerg-, Kleinst- und Nanogeister, alpine Amulette für den Fahrensmann. Granitne Höhen, die stilsicher mit Wolkenfetzen jonglieren. Silbriger Kiesbankbewuchs; eine Schirmkappe kühlen Kalkwassers übern Schädel geschöpft. Zurück aufm Damm tummeln sich Natternkopf und Schlingnatter, Hundehalter und Rennradler, Schwarzkehlchen und Hermelin ohne größere Zusammenstöße im Uferbereich. Die Fläscher Brücke führt ins Herz des Heidirheingebiets: ganz nah an die Autobahn.

Schaan

Rheinsein erobert seinen Lieblingszwergstaat, das Fürstentum Liechtenstein, verortet sich zumindest im dortigen Schaan. Genauer gesagt: ziemlich exakt zwischen lokalem Programmkino und Migros, umspült von jeher kühl und klar schießenden, mit improvisierten, nichtsdestotrotz vertrauenswürdigen Bretterkonstruktionen überbrückten Gießen, unweit der restlos alle sieben Wochentage bis zum Schluß geöffneten Damage Bar, gegenüber dem an die Durchgangsstraße zur Schweiz eingebuchteten Ha Long Take-Away. Schaan… hat Elan, behauptet die Eigenwerbung dieser mit der fürstlich-liechtensteinischen Hauptstadt Vaduz mittlerweile zum kaum mehr überschaubaren Agglomerationsgebiet zusammengewachsenen Rheinmetropole. In der Tat, Schaan… hat Elan: die Bautätigkeit ist enorm, die Busse fahren grob nach Plan. Auch alpenbestanden büßt das Rheintal nichts von seinen verkehrs- und baulärmerischen Qualitäten ein. Zumindest nicht in Liechtenstein. In den Gärten reifen auf verheißungsvollste Art formschöne Spalierbirnen, wälzen sich frühe Glasäpfel waidwund auf meditativ rasierten Rasenflächen. Spielerisch, ungelenk und sinnlos sich bespringende Kühe mitten im stets Richtung Zukunft orientierten Schaaner Zentrum; Geruch frischgebügelter Fränklinoten mit Akzenten von Pferdeschweiß. Im össara Loma schießt der Ribelmais. In den Vorgärten schwellen Hortensien: kalbskopfgroße Blumenmonster saisonaler Schönheit zwischen den Bergrücken. Es muß mal gesagt sein: von der Eisenbahntrasse zwischen Sargans und Buchs sieht Liechtenstein sehr niedlich und winzig aus, ziemlich genau so wie in allen billigen Witzen über dieses erstaunliche Land – doch ist dieser äußerst rare Flecken erst einmal betreten, weitet und vertieft er sich plötzlich ungemein, die Straßen werfen, nebst ihren Baustellen, lauter bedeutungsschwere Häuser auf. In denen lauter ungewöhnliche Begriffe lagern. Wie Zustupf (dt.: Geldgabe/Spende) z.B. Dies nur als kleiner, randseitiger, beliebig mit tausend anderen multiplizierbarer Ansatz interkulturellen Verstehens, Scheiterns, Liebens etc. Rheinsein jedenfalls ist soeben erst in der Alpenregion angekommen, sucht noch ein wenig Orientierung, und mag jubelnd vermelden, daß der Geist des Schaaner Autors Stefan Sprenger sich dankenswerterweise einfach mal so, aus dem angewandten Weltverständnishandgelenk, als guter Stern über alle anstehenden Regionalerkundungen an den Rheinsein aktuell verfügbaren Abendhimmel emporgeschwungen hat; welch letzterer mit den Sternbildern des Milchbrötchens und des iMacs in übernatürlicher Klarheit protzt, eine seltene stellare Konstellation, die sowohl auf übermäßigen Wortfluß hinweist, als auch auf feinste (resp. gröbste) alpine Zerdrängung.