Keltische Kulte

Der Oberrheingraben, vormals Bett eines “bis zu acht Kilometer breiten”, sozusagen amazonischen Flußlaufs, spuckt bis heute historische Fundstücke aus, darunter keltische Schwerter, Beile und Nadeln, die einst dem Fluß im Rahmen kultischer Handlungen übergeben worden sein sollen: eine für den Rhein, im Gegensatz zur Saône, angeblich neue Erkenntnis, die rheinsein dem Freiburger Gratisblatt Der Sonntag entnehmen durfte und hiermit den seit Pfingstsonntag neuesten allgemein publiken Stand der Forschung freihändig weitergibt, die über die Kelten im Allgemeinen weiterhin hauptsächlich rätselt: woher sie kamen, wie ihre Kulte aussahen und wohin sie verschwanden. Zusammenfassend ließe sich sagen: ob die Kelten (alle) Kelten waren, bleibt vorerst ungeklärt. Immerhin gibt es längs des Rheins zahlreiche Fundstätten, welche die Forschung ihnen zurechnet, zwischen Basel und Bingen kommt die aktuelle Zählung auf satte 800 “präurbane Siedlungen” aus der Eisen- und Bronzezeit. Daß die vonehmlich aus Museen und Landesdenkmalämtern sowie aus Kiesgruben stammenden, wissenschaftlich untersuchten Schwerter, Beile und Nadeln flußkultischen Zwecken dienten und nicht etwa zufällig in der Landschaft überlebten, schreibt die Forschung laut Zeitung am Sonntag “der Fundhäufung an manchen Stellen” zu, an denen sich bisweilen auch Münzen aus der Römerzeit fänden. rheinsein erinnert sich bei dieser Gelegenheit an den sogenannten Römeracker bei Karlsruhe. Dabei handelte es sich um ein meist brachliegendes Feld, von dem es in den 70er Jahren hieß, es seien dort römische Münzen und Scherben auszugraben – für uns als Latein-Sextaner eine abenteuerliche Vorstellung, vor allem was mögliche Sesterzen- und Golddenarschätze betraf. Gefunden haben wir dort nie etwas. Daß dieser Römeracker einst im Rhein lag, ist denkbar, es soll jedoch auch eine römische Villa darauf gestanden haben. Nun befindet die neueste Forschung, daß Römermünzen- und Keltennadelfunde an denselben Stellen aufträten: die Römer könnten dem Fluß(gott) Münzen für gelungene Bootspassagen geopfert oder die soeben theoretisch festgestellten kultischen Handlungen der Kelten übernommen haben. “Wir könnten, aber…” geht uns eine in rauschende Unschärfe mündende Songzeile der Einstürzenden Neubauten durch den Sinn, sowie das begleitende Bild eines vorzeitlichen Jungen, der an einer Rheinbucht flache Kiesel übers Wasser hüpfen läßt. Denn genau solch ein möglicherweise in komplexen Prozeduren auserwählter, kultisch verwendeter Kiesel liegt als Trofäe auf rheinseins vor lauter massiertem Papier schon ganz durchbogenen Bücherbord.

James Bruce, delirierender Quellensucher

„J’avois vu les sources du Rhin & du Rhône, & les sources de la Saône, encore plus magnifiques. Alors je commençai à regarder le désir de connoître les sources du Nil comme le délire d’un cerveau malade.“

(James Bruce, Voyage aux sources du Nil, en Nubie et en Abyssinie: pendant les années 1768-1772, Tome VI, p. 601.)

Der Rhein als Rhône

In seinen Reisebeschreibungen „Loin de Paris“ von Mitte des 19. Jahrhunderts sieht Théophile Gautier, bei seinem Aufbruch nach Nordafrika, den Rhein, bzw sowas wie eine französische Variante davon, nämlich den Rhein in der Rhône (ein paar hundert Seiten später wird er den tatsächlichen, absolut echten Rhein stilecht dampfschiffbereisen): „Le lit du Rhône est plus profondément creusé que celui de la Saône; la tranchée qu´il s`ouvre vers la mer sépare en deux de hautes collines d`abord, des montagnes ensuite. – Sur ces pentes, chauffées par le soleil méridional, mûrissent le vin de Côte-Rôtie et celui de l`Ermitage. Le mont Pilat se présente et disparaît. – Tournon et son château en ruine restent bientôt en arrière. Déjà le mont Ventoux dessine sa croupe à l`horizon lointain. L`Isère verse ses eaux d`un gris sale dans le Rhône, dont la rapidité s`accroit en raison des affluents qu`il absorbe. – Cette ville, c`est Valence; ces murailles effondrées perchées sur le haut d`un roc inaccessible, ce burg qui ne serait pas déplacé sur les rives du Rhin, c`est le château de Crussol. Le Rhône est une espèce de Rhin francais; ce que les guerres et les années ont émietté de châteaux et de fortresses dans cette onde qui ne s`arrète jamais est vraiment prodigieux; à chacque instant, une tourelle ébréchée, un pan de rempart démantelé s`ébauche dans un rayon de lumière; un reste d`enccinte gravit en zigzags désordonnés les flancs d`un tertre abrupt; une poterne s`ouvre en ogive sur le cours du fleuve; les villes mêmes, à part quelques rares taches de maisons blanches, ont conserve l`aspect qu´elles devaient avoir au moyen âge; et l`illusion serait complète si une foule d´affreux ponts suspendus, que le tuyau du bateau à vapeur est obligé de saluer, ne venaient la déranger.“