Marcel Crépon vom Rheinfall

Liebes rheinsein,

Eine Wand des Zimmers, das ich zum Sommerende bewohnte, schmückte ein Ölgemälde. Wenn das Motiv (ein Stillleben mit Weintrauben, Apfel, Birne, einem Krug) der klassischen Tradition entspricht, so ist die Darstellung ungewöhnlich, indem der Maler die Vergänglichkeit der Dinge durch einen Schnipser angedeutet hat. Unsichtbar die dafür verantwortliche Hand, umso effektiver das Umkippen der mit verblassten Weintrauben gefüllten Schale. Durchs Fenster ließ sich auf der gegenüberliegenden Wand die Welt erblicken. Felder mit hochgewachsenem Hopfen im Vordergrund, der Bodensee, und im Hintergrund je nach Wetterlage die Voralpen. Berge. Everest, Ventoux, Kilimandscharo, Säntis, Berge sind da, damit wir hinauf gehen können, um, ist der Gipfel erreicht, auf andere Berge Ausschau zu halten. Aber nicht nur, wie ich ihnen nun berichten werde.

Mit dem Namen Agaric werden Sie wenig anzufangen wissen. Nach Pferdeschweiß, rostiger Rüstung und klirrenden Waffen klingt er – tatsächlich handelt es sich um einen Pilz. “Sebastian Münster”, erzählte mir mein Begleiter als wir eine Pause im Schatten einer Lärche einlegten, “erwähnt ihn in seiner “Cosmographie”, zitierte eine, benutzte jedoch zwei Schilderungen Plinius des Älteren, und brachte ein bisschen alles durcheinander. Da wo der Ingelheimer versicherte, der Pilz sei ein ausgezeichnetes Mittel gegen Kopfschmerz, sagte der Römer, er würde Cephalgie verursachen. Eigentlich beschrieb der Gelehrte den Lärchenschwamm (Polyporus officinalis. Bei Plinius: Agaricus officinalis), doch verwendete er dafür eine Zeichnung von Agaricus arvensis.” Mein Begleiter skizzierte die Holzradierung nach. Schnell jedoch bekam ich den Eindruck, dass dieser Agaric mehr einem Atompilz glich als einem Aspirin, oder dem Blatt einer Kreissäge, und nicht nur Migräne, sondern eine Menge anderes verschwinden zu lassen in der Lage war. “Irrtum, im Gegensatz zum Agaric Amanita muscaria ist Agaricus arvensis ganz harmlos, lässt sich ohne Gefahr fürs Kochen verwenden.” Was mich jedoch interessierte waren weniger die medizinischen oder kulinarischen oder sonstigen Eigenschaften des Pilzes, als vielmehr der Beiname, welchen mein Begleiter irgendwann fallen ließ: Schneeball.

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Ich hatte mal von einen Ritter gehört, der statt der üblichen Menagerie, Pflanzen und abstrusen Symbolen, etwas ähnliches als Wappen führte. Stellen Sie sich nur vor wie dieser Ritter einer Lawine gleich in die Schlacht galoppierte und mit Geschrei seinen Feinden drohte: “Ihr verfluchten feigen Säue! Eure Glieder werde ich zerhacken, eure Gedärme aufsaugen, eure Hirne wie Schneebällchen schmelzen lassen!” Schließlich erreichten wir unser Ziel, die Wetterstation auf der Säntisspitze. Unser Ziel war natürlich nicht eigentlich sie, sie stand nun aber da und konnte als solche wahrgenommen werden – und wurde es in der Tat, betrachtete man das bunt bekleidete Volk, das ebenfalls den Gipfel erobert hatte. Manche kamen noch zu Fuß. Einige hielten beim Gehen einen Stab vor sich hoch. Pilger vielleicht, die sich eine besondere Form der Buße ausgedacht hatten? So war es nicht. Keine Jakobsmuschel hing am Ende des Stabs befestigt, sondern: eine Kamera. Andere bevorzugten die Schwebebahn, darunter zwei eifrige alte Damen. Immer wieder ein Stück Zeitung nachlesend, untersuchten sie akribisch den Boden.

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(Fortsetzung folgt)

10 Mal täglich per Eisenbahn zum Rheinfall für 10 Cent

Hôtel Witzig. – Proprietär H. A. Witzig-Rietmann. – Eisenbahnstation Dachsen am Rheinfall. Die eigentliche Rheinfallstation 15 Minuten bis zum Fall (Fischetz) für Eisenbahnfahrer die bequemste Art, an den Rheinfall zu gelangen. Gute, billige und freundliche Bedienung, Aussicht auf die Gebirge, vom Säntis an bis zur Jungfrau.

Hôtel et Pension Schweizerhof, am Rheinfall, ehemals Hôtel Weber. – Besitzer F. Wegenstein. In nächster Nähe der Eisenbahnstation Neuhausen (neu eröffnete Eisenbahn von Basel nach Schaffhausen und Constanz), in prachtvoller und unstreitig bester Lage, gegenüber dem Rheinfall, mit herrlicher Aussicht auf denselben und auf die ganze Alpenkette; mit Lesekabinet, Musiksaal, Billards, Bädern, Promenaden etc. – Ausstattung und Bedienung vorzüglich. Billige Preise. – Für Familien und Touristen gleich empfehlenswerth. – In wöchentlichem Aufenthalt ermässigte Pensions-Preise.

Hôtel zur Krone. – Besitzer J. Hirt – Nahe bei Bahnhof, Post u. Dampfschiff. – Altes, gutes Haus, von Geschäftsreisenden und Familien stark besucht. – Table d’hôte um 12 Uhr. Restauration à la carte zu jeder Zeit, um die Abreise mit den Nachmittagszügen zu erleichtern. – Wagen und Omnibus sind im Haus zu finden. – 10 Mal täglich per Eisenbahn zum Rheinfall für 10 Cent.

(Annoncen aus dem Anhang des Jahrbuchs des Schweizer Alpenclubs 1865, Band 2)

Alpstein: Faltensystem

alpstein(Auszug aus: Das Säntisgebirge. Vortrag von Prof. Dr. Alb. Heim in “Verhandlungen der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft”, 1905)

Die sieben Schwaben am Bodensee

XXVI
Wie die sieben Schwaben den See erschauten
Und was sie dazu sich zu sagen getrauten

Als die sieben Schwaben weiter giengen,
Kamen sie unweit von Ueberlingen
An ein Gewäßer sehr groß und tief.
Der Seehas die Gesellen zusammenrief,

Und sagt` einem jeden, was er da seh,
Das sei der See, ja der Bodensee.
Da gaben sie den Augen wohl die Kost
Und lugten Eines Lugens: „Bygost!“

Sagt der Allgäuer endlich verwundert:
“Das ist eine Lache, ich wett Eins gegen hundert,
Man könnte den Grindten darin versäufen,
So groß ist sie und von solcher Teufen.”

Der Spiegelschwab, welcher der witzigste noch,
Fragte den Seehasen: “Sag mir doch,
Sind das Wildenten dort in der Ferne?”
Es waren aber Schiffe; das glaubt` er nicht gerne.

Der Gelbfüßler wollte wißen, ob drüben
Auch wieder Leute wohnten, wie hüben?
Und also hatten sie Alle zu fragen,
Aber der Seehas wollt es auf Einmal sagen.

Dieß sei, sagt` er, das deutsche Meer,
Müßten sie wißen, und ohngefähr
Hab es einen Umfang von hundert Meilen
Und dabei müße man doch gewaltig eilen.

Und der See, sagt` er, habe gar keinen Grund
Und Boden, sagt` er, und aus diesem Grund
Heiße man ihn eben den Bodensee,
Wie das denn leicht zu begreifen steh.

Und bei stillem Wetter, sagt` er, und hellem
Sehe man unten tief in den Wellen
Versunkene Schlößer und Städte liegen,
Er sag es, sagt` er, und könne nicht lügen;

Und Fische geb es im Schwabenmeer
So groß wie das Costnitzer Münster und mehr;
Auch Nixen hab es die Menge, zu Land
Und zu Waßer, das sei bekannt.

Wenn aber der See zu stürmen beginne,
So werf er Wellen, so hoch wie die Zinne
Des Straßburger Münsters, oder der Sentis –
Es ist ein Berg, der also benennt ist.

Und er könne der Wunderdinge noch viel
Von dem See berichten, doch sei er am Ziel.
Was helf es den Blinden zu predigen und Tauben?
Denn wer es nicht sehe, der werd es nicht glauben.

Plotz Blitz! rief manchmal der Blitzschwab aus;
Die andern aber zogen die Stirne kraus
Und sagten kein Wörtle. Und also stande
Der Schwabenbund an des Schwabenmeers Strande.

(…)

(Karl Simrock: Die schwäbische Ilias, nach Ludwig Aurbacher, 1850)

Abenteuer Rhein

Das ZDF dreht dieser Tage eine Dokumentation über den Rhein „von der Quelle in der Schweiz bis zur Mündung in Rotterdam“. Als „die Quelle“ fungiert dabei der Tomasee. Weil Rheindokumentation dieser Art Legion sind und das ZDF, vertrauen wir seiner Pressemitteilung, im Vergleich zu den vielen vielen vielen vielen anderen und doch so sehr ähnlich gestrickten Rheindokus dem Fluß kaum neue Informationen abgewinnen wird (immerhin geht es „zu einem Ranger im (längst nicht mehr existenten; Anm. rheinsein) Kanton Säntis“), dient dem Team von Andreas Ewels und Christine Elsner ein zehn Meter langer, mit Helium gefüllter Zeppelin als Alleinstellungsmerkmal. Der Zeppelin wird an einer Leine am Rhein entlang spazierengeführt: „Unter dem Zeppelin hängt eine hochauflösende Spezialkamera, die Bilder der vorbeiziehenden Landschaft einfangen soll. Dabei wird an verschiedenen Stationen “gelandet”, um besondere Naturschönheiten filmisch vorzustellen. Es werden Menschen besucht, die diese Naturschönheit durch ihre Arbeit prägen und formen und einen wichtigen ökologischen Beitrag zu ihrem Erhalt leisten.“ Denn der Zweiteiler will zeigen, was jeder weiß: „dass der Rhein, der in den 70er Jahren ein totaler Problemfluss war, heute wieder unter vielen Aspekten eine intakte Flusslandschaft ist.“ Zwar lautet der Filmtitel „Abenteuer Rhein“, doch ist die Doku weniger entdeckungsfreudig angelegt als vielmehr detailliert geplant. So berichtet das ZDF vorab von Äskulapnattern unterm Niederwalddenkmal und davon, daß der Zeppelin in Köln „spektakulär zwischen den Türmen der Kathedrale hindurch fliegt“. Fliegen wird, bzw fliegen soll, müßte es eigentlich heißen. Seit vergangenen Donnerstag ist das ZDF-Team samt Zeppelin unterwegs, und wird, soweit das Wetter mitspielt, dieser Tage an folgenden Orten anzutreffen sein: 10. Juli: Schaffhausen, 11. Juli: Istein, 12./13. Juli: Taubergießen, 14. Juli: Speyer oder Worms, 15. Juli: Mainz (Dom), 16. Juli: Rüdesheim/Niederwalddenkmal, 17./18. Juli: Bingen/Mittelrheintal/Koblenz, 20. Juli: Neuwied/Drachenfels, 21. Juli: Köln (Rodenkirchen und Dom), 22. Juli: Duisburg, 23. Juli: Kalkar, 24./25. Juli: Rotterdam

Ausgestrahlt wird das Endprodukt an den Sonntagen des 19. und 26. Augusts 2012 um jeweils 13.30 Uhr in der Reihe planet e.

Munggafürz

munggafuerz

Einen grandiosen Blick aufs Rheintal und das umgebende Bergpanorama mit Gipfeln wie den Drei Schwestern (die, vormals menschliche Kinderlein, wegen sonntäglichen Blaubeersammelns, eine wenig bekannte christliche Strafe, versteinert wurden), Altmann, Alvier oder Säntis genießen diese Murmeltiere (lokal: Mungga) nebst tyischen Alphüttengetränken wie Schümlipflümli, Chrüüterlutz und eben Munggafurz in ihrer Freizeit auf etwa 1450 Metern Höhe. Zum Jassen fehlt ihnen heute der Vierte. So pfeifen sie kleinen Zierhunden hinterher und überlassen sich dem Sommerdunst, der mit der Brise von den Hängen schwappt. Veranlaßt vom kaum ortbaren Glocken der Kühe, den gleißenden Reflexionen auf den Hüllblättern der Silberdistel und den älplerischen Signalen schwach blinkender Enziankelche beginnen sie bald mit Schunkeln und Schenkelklopfen. Ihr ohnehin schon zungenbrecherischer Dialekt ist nun praktisch nicht mehr zu verstehen: sie behalten viele Wörter, Halbsätze und Sätze über lange Zeit in den Pausbacken ein, bevor sie sie, als nun gleichzeitiges Gemisch, um die Schneidezähne herum ins Freie entlassen: eine völlig sinnfreie Diskussion, die ihnen einen Heidenspaß zu bereiten scheint. (Aufgabe: diese Sprache erlernen und verschriftlichen (spezielle Partitur!), sie vor dem Aussterben bewahren, mehr noch: ihr zu breiter Popularität verhelfen.)

Appenzell (5)

Ging dann weiter durchn Niesel zur Schaukäserei in Stein AR. Hänge fläzten da links wie rechts der Straßen und flossen ineinander in ihrem Deprigrün, entweder hatte sie der Frühling noch nicht oders ist immer so im Appenzell – letzteres korrespondierte dann sicherlich mit der Selbstmordrate. Die Einzelgehöfte: vor Jahren sollen massig Freaks dort eingezogen sein, weil sie so billig waren, aufgegeben, wer auch wollte schon in diese Abgelegenheiten sonst, damals, als Abgelegenheit noch kein Luxusgut war. Schwer, ein Auskommen zu finden, verwaist die Weiden, leer die Dörfer (so liegt in Hundwil derselbe begraben), das ausgefuchste Panorama mehr oder minder fürn Arsch, überhaupt wirkt das ganze Appenzell (wo ist überhaupt der verdammte Säntis, man sieht ihn garnicht im Appenzell, sondern viel leichter von weit außerhalb) wie in den Abstellraum geschobene, ganz hübsche, nicht ganz koschere Kulissen für ein mäßiges Bergdrama. In Stein jedoch, das neben der Schaukäserei noch ein Volkskundemuseum aufweist, eine öffentlich zugängliche Kleintieranlage (“Bitte kein graues Brot”), einen Gasthof Ochsen (geschlossen) und als Black Rider maskierte Töfflibuben, halten Touristenbusse neben den drei übermannshohen Appenzeller Käsedenkmälern in den Export-Geschmacksrichtungen „mild-würzig“ (ehemals: „classic“), „kräftig-würzig“ bzw “rezent” (ehemals: „surchoix“) und „extra-würzig“ bzw “rassig” (ehemals: „extra“). Auffällig, daß den Touristenbussen keine Touristen entsteigen und hinter den vernieselten Scheiben lassen sich allenfalls geisterhafte Bewegungen wahrnehmen, lebendig wirken die jedenfalls nicht. So schlägt der gesamte Bezirk bereits nach wenigen Stunden mächtig auf die Stimmung. Klar: alles hier ist von zahnigen Bergketten umgeben, die erst überwunden werden müssen, um wieder rheinische Luft zu atmen. Und alles präsentiert sich in einer raumzeitverzögerten Wunderlichkeit, der, selbst wenn man ihr garnichts unterstellen möchte, allein aufgrund des fysisch wahrnehmbaren unangenehmen Verzögerungsziehens etwas potentiell Bedrückendes innewohnt, wahrscheinlich mehr als nur das: ein unscheinbares Tierlein im Grase, der zweiköpfige flugunfähige halbtransparente Malmfalter (auch: Almfalter), dessen weltweites Vorkommen sich auf die Gegend um Gonten beschränkt, symbolisiert diese ganze Alptraumhaftigkeit als zwangsläufiges Opfertier der Bergdohlen, die das zeitlupenhaft zäh flügelschlagende Insekt in geradezu angewiderter Weise erbeuten und verspeisen.

Malbun

Bei Steg zischt die Samina talab, um sich der Ill, somit dem Rhein einzuverleiben. In der Zwischensaison dämmernde Ferienhütten, auf Malbun zu mehrt sich harter nasser Schnee. An den Hängen warten ungeordnete Stellungen der Schneekanonen in bedrohlicher Ruhe auf das große Schießen. Malbun, dessen Nordhälfte zu Vaduz, dessen Südhälfte zu Triesenberg gehört, Namenspatron des Malbuner, zu Werbezwecken stilvoll alpengipfelig und im Geiste milkakompatibel („lila Kühe auf rosa Matten“) präsentierten, Rohschinkens aus der Ospelt-Fabrik – doch kein Schwein weit und breit. Steinbockgehörnte Teufel zu Füßen der staubsaugerklingenden Friedenskapelle mit untertitelten Heiligendarstellungen (darunter Ausschnitte aus dem Liechtensteiner Hirten-Ave („Oho! oho!“)) und Berglerflehen („Liebe Mutter mit dem Kind, breit deinen Schutzmantel über Hütt und Gsind“). Aufm Rundweg geht’s den Gipfeln zu, gesprenkelte, vom Donner getupfte Hangdrosseln flüchten sich in den Dämmer, mitten im Lawinengebiet ächzen tonlos trotz Verbots errichtete und nach lawinaler Zerstörung wiedererrichtete Häuser, der Pfad wird schneeiger, schmaler, rutschiger, droht sich im Allgemeinen zu verlieren, über feuchte steile Hänge gelingt der Abstieg auf die eisüberzogene Straße. Unter der dünnen Eisdecke herrscht ein abartiges Gewimmel amorfer schwarzer Schlangen, immer wieder überraschend und schier unermeßlich die Bösartigkeit der Berge, die zugleich so wunderbare Aussichten (hier aufn Säntis samt seinem Sendeturm) bieten, daß die Grundstückspreise die Gipfelhöhen noch übersteigen. Nach einigem Schliddern zurück im Dorfkern. Vom Wintersporthalligalli keine Spur, der Exklusiv-Kiosk hat geschlossen, einzig regen sich, und zwar sehr mäßig, die Stimmübungen absolvierenden Steinadler in der Voliere des Dorffalkners Vögeli (sic!) und die ähnlich klingenden Baukräne im kalten Wind.