Ich fuhr von Sankt Goar

Ich fuhr von Sankt Goar
Den grünen Rhein zu Berge;
Ein Greis im Silberhaar
War meines Nachens Ferge.

Wir plauderten nicht viel,
Die Felsen sah ich gleiten
Dahin im Wellenspiel,
Und dachte vor’ger Zeiten.

Und als wir an der Pfalz
Bei Kaub vorüber waren,
Kam hellen Liederschalls
Ein Schiff zu Tal gefahren.

Ins weiße Segel schien
Der Abend, daß er glühte;
Studenten saßen drin,
Mit Laub umkränzt die Hüte.

Da ging von Hand zu Hand
Der Kelch von grünem Glaste;
Das schönste Mägdlein stand
In goldnem Haar am Maste;

Sie streute Rosen rot
Hinunter in die Wogen,
Und grüßte, wie im Boot
Wir sacht vorüberzogen.

Und horch, nun unterschied
Das Singen ich der Andern:
Da war’s mein eigen Lied,
Ich sang es einst vom Wandern;

Ich sang’s vor manchem Jahr,
Berauscht vom Maienscheine,
Da ich gleich jenen war
Student zu Bonn am Rheine.

Wie seltsam traf’s das Ohr
Mir jetzt aus fremdem Munde!
Ein Heimweh zuckt’ empor
In meines Herzens Grunde.

Ich lauschte, bis der Klang
Zerfloß in Windesweben;
Doch sah ich drauf noch lang
Das Schifflein glänzend schweben.

Es zog dahin, dahin -
Still saß ich, rückwärts lugend;
Mir war’s, als führe drin
Von dannen meine Jugend.

(Emanuel Geibel)

Vision

Am Weg, der nußbeschattet
Zum Rheinfels führt empor,
Da trat ich jüngst ermattet
Hin an ein eisern Tor.
Die Pforte war’s zum Acker,
Der abtut alle Not;
Drauf seiner Garben wacker
Hinwirft der grimme Schnitter Tod.

Die Dämm’rung kam verstohlen;
Ihr Wehn in Gras und Baum,
Der Rhein, die Nachtviolen -
Es gab mir alles Traum.
Bis jach ein langsam Schreiten
Mich weckte, da ich sann;
Im Festkleid andrer Zeiten
Trat auf mich zu ein eigner Mann.

Sein Hut war breit von Krempe,
Sein Mantel reich an Staat;
Am Gurt hing ihm die Plempe,
Doch schien er nicht Soldat.
Sein Antlitz war wie Erden;
Sein Auge matt doch stet.
Ich dachte: “Was will werden?”
Da sprach er leise: “Grüß Gott, Poet!

“Ich war in meinen Tagen
Ein Dichter weit genannt;
Ich habe frisch geschlagen
Die Leier durch das Land.
In wüsten Kriegesläuften
Mut singend stand ich da,
Ach, in der blutersäuften
Der zitternden Germania.

“Als sie zur Gruft mich brachten
Nach sturmgetriebner Fahrt,
Da war zu Gang das Schlachten,
Das dreißigjährig ward.
Mir fand ich Kampf beschieden,
Dir fiel die Ruhe zu:
Im dreißigjähr’gen Frieden
Übst deine freud’gen Saiten du.

“Dich stört kein Schwedenjagen
Bei Lied und bei Sonett,
Kein springender Pulverwagen,
Kein krachend Falkonett!
Dich irrt auf deinen Wegen
Kein wallensteinisch Volk!
Dir kreuzen nicht die Degen
Der Weimar und der wilde Holk!

“Doch in die Zukunft spähen
Die Schläfer in der Gruft;
Ein Wechsel wird geschehen,
Und Krieg ist in der Luft!
Gleichwie von zieh’nden Heeren
Erbebt mein Grab schon heut!
Nicht lang mehr wird sie währen,
Die überlange Friedenszeit!

“Schon geht ein feindlich Scheiden
Und Sondern durch die Welt;
Bald suchen sich die Schneiden
Wohl auch im offnen Feld!
Ade dann träumend Sinnen!
Ade, zwei Banner wehn!
Im Kampfe mitten drinnen
Wirst dann auch du bei einem stehn!

“Ich sang in jenem Streite:
Drum gehet tapfer an!
Trittst du auch auf die Seite
Der Freiheit als ein Mann!
Kriegsweisen wolle schmettern!
Was Tod, was Acht, was Bann!
Sing’ in den kommenden Wettern -
Auch du: drum gehet tapfer an!” -

Ich sprach: “Nah ist die Fehde,
Und kampfbereit bin ich!
Doch du, mit dem ich rede,
Zinkgref wohl hieß man dich?
Wo du dein Weib erworben
In diesem Sankt Goar
Bist nachmals du gestorben.” -
Er sprach zurück: “Du redest wahr!”

Da wollt’ ich rasch ihm fassen
Die Hand, doch er entwich;
Hinschwebend in dem blassen
Stromdunst verlor er sich.
Er schwebt’, als hätt’ er Flügel.
Nachließ er keine Spur,
Wie längst sein grüner Hügel
Spurlos verloren ging der Flur.

(Ferdinand Freiligrath, 1843)

Abschied von Sankt Goar

(Abschiedsworte an Ferdinand Freiligrath)

Wie flog im Land des Rheines
So rasch die Sommerzeit,
Schon dunkelt blauen Scheines
Die Traube weit und breit;
Es färbt das Laub sich gelber,
Der Kranich zieht dahin;
Mit zieh’ ich, weil ich selber
Ein Wandervogel bin.

Fahr wohl, von Walnußbäumen
Umrauscht mein Sankt Goar!
Das war ein süßes Träumen
In deinem Schoß, fürwahr,
Wie oft im Tal der Grindel
Ward mir die Luft Gesang,
Wenn die kristallne’ Spindel
Der Wasserfei erklang!

Fahr wohl, du Lei der Lore
An wilder Strudel Schwall!
Noch tönt in meinem Ohre
Gedämpft dein Klagehall;
Er rief mir tief im Sinne
Die düstre Sage wach
Vom Herzen, das die Minne
Mit ihrer Falschheit brach.

Ihr Türm’ und Burgen droben,
Ich grüß’ euch tausendmal;
Von euerm Grün umwoben,
Wie schaut’ ich gern zu Tal!
Ich sah mit trunknem Geiste
Die Sonne dort verglühn,
Und mein Gedanke kreiste
Wie euer Falk’ so kühn.

Fahrt wohl, ihr sonnigen Weiler,
Mein Bacharach so traut,
Wo um Sankt Werners Pfeiler
Voll Glanz der Himmel blaut;
Und Kaub voll rosiger Dirnen,
Und Wesel grün von Wein;
Ich denk’ an euern Firnen
Fürwahr noch weit vom Rhein.

Und du, fahr wohl, mein Dichter,
Du Mann so jugendgrün,
Und mag dir immer lichter
Das Herz von Liedern blühn!
Wohl sänge dir Besseres gerne,
Der dieses sang und schrieb:
Doch sei’s – und halt auch ferne
Wie hier am Rhein ihn, lieb!

(Emanuel Geibel)

Von unten auf!

Ein Dämpfer kam von Bieberich: – stolz war die Furche, die er zog!
Er qualmt’ und räderte zu Thal, daß rechts und links die Brandung flog!
Von Wimpeln und von Flaggen voll, schoß er hinab keck und erfreut:
Den König, der in Preußen herrscht, nach seiner Rheinburg trug er heut!

Die Sonne schien wie lauter Gold! Auftauchte schimmernd Stadt um Stadt!
Der Rhein war wie ein Spiegel schier, und das Verdeck war blank und glatt!
Die Dielen blitzten frisch gebohnt, und auf den schmalen her und hin
Vergnügten Auges wandelten der König und die Königin!

Nach allen Seiten schaut’ umher und winkte das erhabne Paar;
Des Rheingau’s Reben grüßten sie und auch dein Nußlaub, Sankt Goar!
Sie sahn zu Rhein, sie sahn zu Berg: – wie war das Schifflein doch so nett!
Es ging sich auf den Dielen fast, als wie auf Sanssouci’s Parket!

Doch unter all der Nettigkeit und unter all der schwimmenden Pracht,
Da frißt und flammt das Element, das sie von dannen schießen macht;
Da schafft in Ruß und Feuersgluth, der dieses Glanzes Seele ist;
Da steht und schürt und ordnet er – der Proletarier-Maschinist!

Da draußen lacht und grünt die Welt, da draußen blitzt und rauscht der Rhein –
Er stiert den lieben langen Tag in seine Flammen nur hinein!
Im wollnen Hemde, halbernackt, vor seiner Esse muß er steh’n,
Derweil ein König über ihm einschlürft der Berge freies Weh’n!

Jetzt ist der Ofen zugekeilt, und Alles geht und Alles paßt;
So gönnt er auf Minuten denn sich eine kurze Sklavenrast.
Mit halbem Leibe taucht er auf aus seinem lodernden Versteck;
In seiner Fallthür steht er da, und überschaut sich das Verdeck.

Das glüh’nde Eisen in der Hand, Antlitz und Arme roth erhitzt,
Mit der gewölbten haar`gen Brust auf das Geländer breit gestützt –
So läßt er schweifen seinen Blick, so murrt er leis dem Fürsten zu:
“Wie mahnt dies Boot mich an den Staat! Licht auf den Höhen wandelst Du!

Tief unten aber, in der Nacht und in der Arbeit dunkelm Schoos,
Tief unten, von der Noth gespornt, da schür’ und schmied’ ich mir mein Loos
Nicht meines nur, auch Deines, Herr! Wer hält die Räder Dir im Takt,
Wenn nicht mit schwielenharter Faust der Heizer seine Eisen packt?

Du bist viel weniger ein Zeus, als ich, 0 König, ein Titan!
Beherrsch’ ich nicht, auf dem Du gehst, den allzeit kochenden Vulkan?
Es liegt an mir; – Ein Ruck von mir, ein Schlag von mir zu dieser Frist,
Und siehe, das Gebäude stürzt, von welchem Du die Spitze bist!

Der Boden birst, aufschlägt die Gluth und sprengt Dich krachend in die Luft!
Wir aber steigen feuerfest aufwärts an’s Licht aus unsrer Gruft!
Wir sind die Kraft! Wir hämmern jung das alte morsche Ding, den Staat,
Die wir von Gottes Zorne sind bis jetzt das Proletariat!

Dann schreit’ ich jauchzend durch die Welt! Auf meinen Schultern, stark und breit
Ein neuer Sankt Christophorus, trag’ ich den Christ der neuen Zeit!
Ich bin der Riese, der nicht wankt! Ich bin’s, durch den zum Siegesfest
Ueber den tosenden Strom der Zeit der Heiland Geist sich tragen läßt!”

So hat in seinen krausen Bart der grollende Cyklop gemurrt;
Dann geht er wieder an sein Werk, nimmt sein Geschirr, und stocht und purrt.
Die Hebel knirschen auf und ab, die Flamme strahlt ihm in’s Gesicht,
Der Dampf rumort; – er aber sagt: „Heut, zornig Element noch nicht!’

Der bunte Dämpfer unterdeß legt vor Kapellen zischend an;
Sechsspännig fährt die Majestät den jungen Stolzenfels hinan.
Der Heizer auch blickt auf zur Burg; von seinen Flammen nur behorcht,
Lacht er: “Ei, wie man immer doch für künftige Ruinen sorgt!”

(Ferdinand Freiligrath)