Presserückschau (August 2014)

Indem die Berichterstattung über die Krisenherde Ukraine, Israel/Gaza und Syrien/Irak das diesjährige Sommerloch stopfte, hatten Flußmonster und Konsorten kaum Chancen auf mediale Öffentlichkeit. Die Meldungen des Augusts handeln von den Erfolgen der beiden Rheindurchschwimmer, alten Straßenkurvennamen und Lachsen, einer rasenden Plattform und einem Wärememodell:

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Eine 40 Tonnen schwere schwimmende Bauplattform mit zahlreichen Geräten (Hebebock, Generator, Seilwinde) hat sich in Rossboden bei Chur bei starker Strömung aus ihrer Stahlseil-Verankerung gelöst und trat eine unaufhaltsame Reise mit rund 15 Stundenkilometern Richtung Bodensee an: “Auf ihrem Weg zwischen Chur und Hard touchierte sie mehrere Brückenpfeiler. Auf Schweizer Seite kam es laut der St. Galler Kantonspolizei zu fünf Kollisionen. Dabei verlor der Ponton einige Geräte.” (Südostschweiz) Von Passanten erstellte Videos im Netz zeigen wie das 9 mal 15 Meter messende Geschoß die Pfeiler der Vaduzer Holzbrücke ohne Berührung passiert, dafür mit gewaltigem Rumms auf andere Brückenfüße prallt. Die für den Brückenrückbau eingesetzte Plattform erreichte schließlich den Bodensee, wo Seepolizei und Feuerwehr die Bergung einleiten konnten.

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Die Kehren des San Bernardino-Passes erhalten Namensschilder. Dies berichten einige Schweizer Zeitungen, am ausführlichsten jedoch die Website des Parc Adula: “Wie die Hinterrheiner Häuser alle ihren Namen haben, so von früher her auch die Kehren auf der Passstrasse, welche ehemals für die Existenz der Tal- und Dorfbevölkerung von äusserster Wichtigkeit war. Man musste sich genau darüber verständigen können, wovon man sprach, wenn man zum Beispiel als Ruttner oder Postpferdehalter etwas weiterzuleiten hatte – eine Schwierigkeit auf dem Weg, die Meldung über einen Unfall, ein Unglück. Der Unterhalt der Strasse war gerade im Winter eine grosse Herausforderung, manchmal ein Wagnis. Ein Lawinenunglück ereignete sich im Winter 1939 zwischen dem Obersten und dem Tschensch-Cheer. Der vordere Schlitten der passierenden Pferdepost wurde mitgerissen und verschüttet, der Postillion und ein Pferd verloren beim Unglück ihr Leben. Die herbeieilenden Helfer konnten nur eine Person lebend bergen.”

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“Zwei schwere Wintersalme, die 1881 oberhalb von Rees gefangen wurden, kamen (…) in Berlin bei der Hochzeit des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II., auf den Tisch” schreibt die Rheinische Post in Folge 21 ihrer vorbildlichen Sommerserie “Unser Rhein” mit Geschichten und geschichtlichen Rekursen über den Niederrhein im Großraum Düsseldorf und stromabwärts, in diesem Fall über die Umgestaltung des “Schnellen Brüters Kalkar” zum Vergüngungspark: “Wo Besucher im “Wunderland Kalkar” Achterbahn fahren und Pommes essen, gingen die legendären Rheinfischer bis vor circa 100 Jahren ihrer harten Arbeit nach. Häfen wie Grieth, heute Ortsteil von Kalkar, lebten von Fischerei und Schifffahrt. Der Name Grieth geht zurück auf “Gritt”, was Kies bedeutet. Und eben jene Kiesbänke, die zur Rheinmitte abfallen, waren ideale Fanggebiete für die Fischer, die ihre langen Netze dort leicht auslegen und einholen konnten und meist stattliche Lachse, genannt Salme, aus dem Rhein holten. Auf Stromkilometer 834,6 befand sich eine der besten Lachsfangstellen am Rhein. In Körben mit Eisstücken wurden die schönsten Exemplare an die Herrscherhäuser und Luxushotels in ganz Deutschland geliefert.”

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“Der Schweizer Extremsportler und „Wasserbotschafter“ Ernst Bromeis hat es geschafft: Innerhalb von 44 Tagen – einschließlich Ruhezeiten – durchschwamm der 46-Jährige den gesamten Rhein. (…) Gestartet war er am 7. Juli im Lago die Dentro am Lukmanierpass (Kanton Graubünden), dem von der Nordsee am weitesten entfernten Punkt des Rheins. Mit seiner Schwimmaktion über 1247 Kilometer warb der Schweizer für die Umsetzung des Menschenrechts auf sauberes Wasser. Im Mai 2012 hatte er einen ersten Versuch nach rund 400 Kilometern aufgegeben – unter anderem weil ihm die seinerzeit niedrigen Wassertemperaturen zu schaffen machten. Zudem erwiesen sich die damaligen Tagesetappen von 40 Kilometer als zu anstrengend.” (Hessische/Niedersächsische Allgemeine)

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Und auch der zweite Rheinschwimmer, Andreas Fath, hat im August seine letzte Etappe durchschwommen und die Nordsee erreicht: “Bei 17 Grad Wassertemperatur und neun Grad kalter Luft war er (…) zunächst zehn Kilometer bis zum Rotterdamer Hafen geschwommen und dort auf ein Boot der Hafenbehörde umgestiegen. Bei Hoek van Holland legte er dann die letzten fünf Kilometer bis zur Nordsee schwimmend zurück. Ende Juli hatte der 49 Jahre alte Chemieprofessor (…) seinen Schwimm-Marathon begonnen. In den 28 Tagen hatte ihn ein Team auf Booten auf der 1.231 Kilometer langen Strecke von der Quelle bis zur Mündung begleitet und Wasserproben entnommen. “Kein Tag war wie der andere”, sagte Fath nach seiner Ankunft. Überall hätten ihm Menschen zugejubelt und ihn ermutigt. Aufgeben sei für ihn nie eine Option gewesen: “Manchmal musste ich mich extra motivieren, aber das muss man ja manchmal auch, wenn man morgens zur Arbeit geht.”" (SWR) “Fath schilderte auch Eindrücke vom Rhein, die den meisten verborgen bleiben. “Unheimlich laut” sei der Strom, vor allem unter Wasser. Fortwährend rausche der Kies auf dem Grund, das klinge wie ein riesiges Glas voll Murmeln.” (Schwarzwälder Bote)

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“Ein neues Wärmemodell für den Rhein von Basel bis Köln soll ein massenhaftes Fischsterben wie im Jahr 2003 verhindern. Die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) stellte (…) in Karlsruhe ein entsprechendes Gemeinschaftsprojekt mit Hessen und Rheinland-Pfalz vor. “Wassertemperaturmanagement” nennt sich das Vorhaben, mit dem bei Bedarf steuernd eingegriffen werden soll bei zu hohen Temperaturen. Für den Neckar gibt es ein solches Monitoring bereits seit Sommer 2005, für den Oberrhein bis Worms seit 2011″, schreibt die Badische Zeitung. Kühlere Wassertemperaturen sollen dabei durch Drosselungen der Kraftwerke und Auflagen für die Großindustrie entlang des Rheins erreicht werden. So könne allein die BASF Ludwigshafen als größter Wärmeeinleiter in Rheinland-Pfalz die Rheintemperatur um ein Grad Celsius beeinflussen.

Miss Tschingels Bekannter

W. A. B. Coolidge, eine Neffe der Alpinismus-Pionierin Margret Claudia Brevoort und in jungen Jahren guter Bekannter ihres Beagles Miss Tschingel, welcher beide auf zahlreichen Bergtouren begleitete und dafür die Ehrenmitgliedschaft im britischen Alpine Club zuerkannt bekam, was seinem Frauchen (o tempora, o mores) zeitlebens verwehrt blieb, dieser Coolidge verfaßte, herangereift und aus der Erfahrung seiner tantenbehüteten Gratwanderungen gespeist „The Alps in Nature and History“, darin beschrieben u.a. das sprachlich wie religiös hoch Verwirrende an den Lagen der Dörfer in den Rheinursprungstälern, und, so trocken als irgend möglich, auch die Via Mala, nämlich garnicht sie selbst, sondern die Geschichte ihrer Umgehung: „The San Bernardino (6769 ft.) route, like that of the Splügen, follows the course of the main or Hinter Rhine nearly to its sources, and then turns S. to cross the Alps. Throughout the entire Middle Ages it bore the name of „mons avium,“ „Vogelberg,“ or „Monte Uccello“ (i.e. „the pass of the birds,“ in three languages), and to this day there rises some way to its W. a peak called the Vogelberg, while on the E. the pass is overhung by another point, named the Pizzo Uccello. But some time in the second half of the fifteenth century, this name gave way to the present one, given in honour of San Bernardino of Siena, who had wandered through the N. parts of Lombardy as a missionary preacher and was canonised in 1450 – six years after his death. A chapel on the S. slope of the pass was dedicated to him. It is possible that the left wing of the Frankish army crossed this pass in 590 on its way to attack the Lombards. More certain is that in the winter 941 Willa (wife of Berengar, Marquess of Ivrea), though far advanced in pregnancy, fled across it, to escape from Hugh, king of Italy. Much later, in the winter of 1799, Lecourbe, with a French army, traversed the pass. But no doubt, it, like the Splügen, was kept for long in the background through the difficulties of getting through or round the Via Mala gorge, above Thusis. Probably it served only the traffic between the german-speaking colony at the sources of the Rhine with the Italian bailiwicks held by the Swiss, especially after, in 1496, the Val Mesocco (on its S. slope), came into the hands of the Raetians, who thus had direct access to the St. Gotthard route. In 1818-23 the present fine carriage road was built over the pass, and, like that of the St. Gotthard, lies for its whole length within Swiss territory. Most of the expenses were borne by the king of Sardinia, who wished to secure for himself a road across the Alps, which should not be in the hands of the Habsburgers.“

Nietzsche schreibt nichts von der Via Mala

“Ich schreibe nichts von den ungeheuren Großartigkeiten der Via mala: mir ist es als ob ich die Schweiz noch gar nicht gekannt habe. Das ist meine Natur, und als wir in die Nähe des Splügen kamen, überkam mich der Wunsch, hier zu bleiben. Ich fand ein gutes Hôtel, und ein rührend einfaches Zimmerchen. Doch läuft ein Balkon an ihm vorbei, mit schönster Aussicht. Dieses hochalpine Thal (c. 5000 F.) ist ganz meine Lust: da sind reine starke Lüfte, Hügel und Felsblöcke von allen Formen, rings herum gestellt mächtige Schneeberge: aber am meisten gefallen mir die herrlichen Chausseen, in denen ich stundenweit gehe, theils nach dem Bernhardino zu, theils auf die Paßhöhe des Splügen, ohne daß ich auf den Weg Acht zu geben habe: so oft ich aber mich umsehe, ist gewiß etwas Großartiges und Ungeahntes zu sehen.”

Im Bauch der Berge

(Ein Gastbeitrag von Florian Blaschke, zuerst erschienen am 5. April 2008 in der Leipziger Volkszeitung. Rheinsein wollte schon lange wissen, was es mit solchen Behauptungen auf sich habe, die Schweizer Alpen seien von der Armee ausgehöhlt und dankt herzlich für diesen feinen Artikel!)

Das Artilleriewerk Crestawald bei Sufers war jahrelang strenger Geheimhaltung unterworfen. Heute ist die Festungsanlage als Museum dem Publikum zugänglich — und das will die Geschichte des Bunkers hören.

Jakob Waser sagt, rückblickend sei das alles wohl ziemlich sinnlos gewesen. Waser ist ein Mann von 65 Jahren, die grauen Haare militärisch kurz. 30 Jahre hat er geschwiegen über seine Arbeit, selbst gegenüber seiner Frau, denn »wenn einer geplappert hat, dann haben sie den geholt«. Das erzählt Jakob Waser heute, denn heute darf er erzählen.

Auch Hugo Zarn darf erzählen, dort, wo Waser Dienst geleistet hat. Er muss sogar, denn deshalb kommen sie. Deutsche vor allem, aber auch Holländer, Belgier, Luxemburger. Und Italiener. Sie wollen von dem 72-Jährigen wissen, wie das war mit dieser Festung vor der Tür, den Gerüchten, der Bedrohung, der Angst. Sie wollen die Geschichte von Crestawald hören.

Hinter der Viamala, dem Schlechten Weg, zieht sich vierspurig die neue A13 durch die Schweizer Alpen, an der Rofflaschlucht vorbei über den San Bernardino nach Italien — eine der wichtigsten Routen in den Süden. Vor der Talsperre Sufers zweigt die alte A13 ab, nach einigen hundert Metern verschwindet ein Weg im Wald, dahinter ein Schild: Festungsmuseum. Jahrzehntelang durfte es diesen Ort nicht geben, wie alle Stellungen in den Alpen. 10 000 Kubikmeter Gestein schleppen sie zwischen 1939 und 1941 aus dem Berg, 120 Mann, Tag und Nacht, mit Hammer und Meißel. Und sie bauen zwei schwedische Schiffskanonen ein, denen der Kommandant nach einem Glas zu viel die Namen seiner Töchter gibt: Silvia und Lukretia. Denn Geschütze über zehn Zentimeter Kaliber bekommen Mädchennamen, so ist das eben. Mehr als fünfzig Jahre hockt die Schweizer Armee bis an die Zähne bewaffnet in den Bergen und wartet auf einen Feind, der nie kommen wird. Auf die Deutschen und die Italiener, später auf die Russen, dann weiß nicht einmal die Militärführung mehr, auf wen sie noch warten soll. Selbst die Einheimischen witzeln heute über ihre mit Bunkern durchlöcherten Berge, sie sähen aus wie ein Emmentaler. 20 000 Anlagen sollen es auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges gewesen sein — eine auf jedem zweiten Quadratkilometer.

Jakob Waser war Festungswächter in Crestawald, von 1967 bis 1995, da gibt es schon keinen echten Feind mehr. »Trotzdem wären wir in 24 Stunden einsatzbereit gewesen«, sagt er. Seine zehn Mann sorgen dafür, 365 Tage im Jahr. Sie kontrollieren die Turbinen und Munitionsaufzüge, veranstalten Rettungsübungen und tauschen Lebensmittel aus. Sie räumen Schnee und halten die Schuss-Schneisen frei. Sie füllen die Dieseltanks nach und schrubben die Abluftschächte. Und einmal pro Woche tritt Waser zum Rapport an: »Da haben sie uns wieder Geheimhaltung eingetrichtert.« Zu Hause erzählt er mit schlechtem Gewissen gerade so viel, dass die Familie nicht nachfragt. Seine Frau arbeitet im Krankenhaus, der Sohn ist Polizist. Die Wasers wissen, was Schweigen heißt.

Auch in Sufers erzählen sie sechzig Jahre nur, da sei was hinter dem See, irgendwas vom Militär. Alle paar Wochen feuern die Soldaten Übungsschüsse nach Süden, dann zischen Geschosse über die alten Häuser hinweg, mit etwas Glück sieht man sie am Horizont verschwinden. Was aber drinnen genau vor sich geht, im Berg, weiß niemand. Einmal im Jahr wird das Sperrgebiet zum Himbeerenpflücken freigegeben, sonst herrscht Ruhe.

45 Aperitif hat Zarn im vergangenen Jahr in der Festungsküche zubereitet, hat 46 Mittagessen und 27 Nachtessen serviert. Sogar ein Ehepaar hat hier schon seine Hochzeitsnacht verbracht — eine Überraschung des Gatten. Auch in diesem Jahr werden wieder Gruppen im Berg absteigen. Hugo Zarn wird ihre Menüwünsche entgegennehmen und einkaufen, er wird zwei Tage vor dem Besuch in die Festung fahren und die Heizung einschalten, er wird die Betten beziehen und seine eigene Pritsche. Seit eine Gruppe von 16 Mann hier für 800 Franken gezecht hat, bleibt auch er über Nacht. »Zu Hause schlafe ich nicht mehr richtig«, sagt er, gleich zweimal habe ihn der Feueralarm auf dem Nachttisch damals aus dem Bett geholt. Er wird mit den Besuchern die Notausgänge abgehen und das Abendessen machen. Vielleicht kocht er Bündner Gerstensuppe, serviert in der nierenförmigen Gamelle. Oder es gibt Schinken im Brotteig.

Und er wird sie durch die Festung führen, vorbei an den 66 Karabinern, Modell 31, zum Feuerleitstand und zum Maschinenraum, in dem es nach Diesel riecht. Er wird ihnen die Krankenstation mit den acht Pritschen zeigen und die Telefonzentrale, in der noch das Einsatzbuch liegt. Der letzte Eintrag stammt vom 24. Juni 1993. »Tagwache, weiter trüb« hat der Soldat eingetragen. »Nebel, Nieselregen, 5°«. Er wird mit ihnen zur Offiziersmesse gehen, wo hinter dem Tisch und den elf Stühlen eine Miniaturversion von Van Goghs Nachtwache hängt, und zur Stube des Kommandanten, dem seine Kameraden ein kleines Holzfenster auf die Betonwand über das Bett gezimmert haben. »Damit er auch mal rausgucken kann«, wird Zarn sagen und lächeln. Sie werden die 29 Stufen zur Druckschleuse hinaufsteigen, durch die fünf Tonnen schweren grauen Tore. Zwölf Eisenstufen werden sie zählen bis zur Lukretia, dann im fahlen Licht an den nackten Granitwänden entlang, an denen stetig Wasser herabtropft, sich in einer schmalen Rinne sammelt und die Gänge hinab fließt. Sie werden zur Totenkammer gehen, in der nie ein Toter gelegen hat, und merken, wie der Tunnel vor der steilen Treppe zum Beobachtungsposten langsam ansteigt. Dann ist Schluss, nach zwei Kilometern geht es nicht weiter.

Noch heute liegen am ganzen Hinterrhein verlassene Stellungen. Als Scheunen getarnte Bunker vor Splügen, eine Sperre in der Rofflaschlucht, dazu dutzende ehemals heiße Objekte. »Beinahe jede Brücke im Tal war mit Dynamit präpariert und wäre gesprengt worden«, erzählt Waser. Wahnsinn sagt er dazu. Als nach dem Ende des Warschauer Pakts auch seine Anlage geschlossen wird, muss er in Frührente gehen. »Ein Schlag ins Gesicht.« Heute ist sein ehemaliger Arbeitsplatz ein Museum. Viele Einheimische haben sich dagegen gewehrt, die Anlage einfach zuzuschütten. Vor acht Jahren dann haben sie einen Verein gegründet, der dieses Stück Geschichte bewahrt. Eine Geschichte, die auch die Schweizer erst nach und nach entdeckt haben und von der bis heute nur wenige Touristen etwas ahnen. »Auf der einen Seite kann ich das Projekt schon nachvollziehen«, sagt Jakob Waser. »Auf der anderen Seite ist der Aufwand eigentlich zu hoch.« Alleine für Strom zahlen sie pro Jahr 10 000 Franken, die Entfeuchter laufen 365 Tage am Stück. Bis zu 5000 Besucher pro Jahr und 400 Vereinsmitglieder braucht es, um solche Unkosten zu decken.

Wenn die Besucher wieder weg sind, wird die Arbeit für Hugo Zarn weitergehen. Dann wird er den Müll entsorgen und putzen, er wird zwischendurch auf die Uhr schauen, um die Zeit nicht zu vergessen. Er wird die Heizung abschalten und das Licht löschen — 57 Schalter, gleiche Reihenfolge wie immer. Und wenn ihm draußen auffällt, dass er doch einen vergessen hat, wird er den ganzen Weg wieder zurück gehen. Dann wird er die Alarmanlage scharf stellen, das Holztor zusperren, und in Crestawald wird wieder Ruhe einkehren.

Jakob Waser war seit der Eröffnung des Museums nur noch einmal dort, mit diesem Ort habe er abgeschlossen, sagt er. Mit dem Militär nicht ganz. Auf einem Bergrücken hoch über Andeer hat er einen alten Beobachtungsposten gekauft — als Hütte für die Gamsbockjagd.

Bündner Straßenbau

Auf das Jahr 1823 fällt die Befahrbarmachung der Bündner Pässe Splügen und San Bernardino. Heute besitzt das Hinterrheintal mit National- und Landstraße streckenweise mehr sich gegenseitig umwindende und untertunnelnde Asfaltstrecke als sonst etwas. Seinerzeit wurde der Straßenbau jedenfalls euforisch begrüßt – wie im folgenden Gedicht aus dem Band „Gedichte über die neue Strasse“ des Andeerer Pfarrers Mattli Conrad (1745-1832), das Analogien zwischen Politik, Ingenieurskunst und gottgefälligem Leben nicht scheuend das Schweizer Poesiealbum womöglich erstmalig um das Planierwesen bereichert:

Lobgedicht über die Erfinder, Beförderer
und Ausführer des neuen Strassenbaus

Wenn Erden-Söhne auch verdienen,
Dass man für schöne Thaten ihnen
Viel Ehrerbietung, Ruhm und Dank
Erschallen lässt durch Musenklang,
So seyt ihr Herren Wohlgeboren,
Und weis und kluge Consultoren
Des Strassenbaues, so wie Die
Ihn ausgeführt durch Kunst und Müh,
Und Actionairs und Liberalen
Die auch dazu noch Wohlgefallen
Beytrugen wohl des Ruhmes werth,
So lang die Strasse sicher währt.

Ruhm Ihnen! Glück dem Vaterlande!
Der Himmel schenke jedem Stande
Auch felsenfeste Frömmigkeit
Auf jeder Strass zur Ewigkeit
Die unser Mittler uns gebauet,
Und darauf zu wandeln uns ermahnet;
Zu unserm Glück und ew`gen Wohl,
Obschon der Weg ist Mühevoll!

Am Ende spricht man deutsch

Rheinsein kämpft sich im alpinen Dauerregen durch den stellenweise etwas wirren Spescha und stellt fest, daß manch ausgerottete Tierart Dezennien später sich wieder einrottet: „Gleich vor Sils theilen sich die Gewäßer und Thäler des Domläsker-Thals, und deßen rechter Arm nimmt seinen Bezug Thusis vorüber gegen Süden und Südwesten hin und erreicht alsbald den gräuslichen Schlund der via mala. Man nennt diesen Fluß bald Schamser-, bald Rheinwalder-Rhein. Den ersten Zufluß bekommt dieser Rhein von der Nolla, die (…) von Westnorden herrinnt. Hinter Runcaglia (=ausgereutetes Ort) und via mala breitet sich das Thalgeländ Schams aus und erfreuet den Wanderer nach der Wüstenei der via mala. Andaer ist Hauptort des Thals und hat ein Gesundbad. Es ist fruchtbar und nährt ein aufgewegtes und tapferes Volk, welches den reformirten Gottesdienst hält und romanisch spricht. Von beiden Thalseiten her empfängt der Rhein Zufluß, vorzüglich aber vom Averser-Bach, der aus dem Thale gleichen Namens, prächtig fallend, und der Matoner-Bach, welcher von Westnorden, schäumend, herbeieilen. Schams scheint seinem lateinischen Namen Sexamnium nach, das schon frühzeitig in der Geschichte vorkommt, von sechs Bächen herzuleiten; ich bin aber der Meinung, es stamme ehender von den Felsenwänden, über welchen es bewohnt, oder von jenen, mit denen sein Ein- und Ausgang verengt und beschloßen wird. Es sollte also ehender Saxamnium heißen. Das Seitenthal Avers nimmt bei dem verfallenden Schloß Bärenburg seinen Anfang und streicht nach Ostsüden bei 2 Stunden hinein. Es vertheilt sich in mehrern Seiten- und Hinterthälern, und am Ende spricht man deutsch. Deßen südlicher Grund ist mit sehr hohen Bergen und vielen Glätschern belastet, und von daher rinnt das meiste Waßer her. (…) Von der sogenannten Rofla thalhinein strömmt der Rhein von Südwesten her bis zum Rheinwald-Gletscher, woraus er entspringt, hervor; von dort aber neigt sich das Thal mehr gegen Westen, und verschiedene Bäche rinnen von den Thalseiten herab und verbergen sich unter ihm. (…) Im Hertergrund (…) erhebt sich der piz Valrhein über alle seine nachbaren Berge und ist einer der höchsten in der Centralkette der Alpen. Von ihm aus gehen 6 bis 8 Thäler in allen Gegenden der Welt, die mit ungeheuern Glätscher belastet sind, aus. Und wenn die wiederhohlte Sage wahr ist, daß der Bernardin-See, welcher auf der Anhöhe dieses Bergs (…) liegt, zwei Ausleehrungen: die eine in den Rhein und die andere in die Moesa habe, so steht das deutsche mit dem adriatischen Meer vermittelst dieses Sees in Verbindung, welches eine Seltenheit der Natur ist. (…) Wenn man aber das Thalgeländ von Domläsk (…) betrachtet, so stellt es eine seltsame Vermischung von Zahm- und Wildheit dar. Denn vom Weinstock und den niedlichsten Garten- und Baumfrüchten von Reichenau an bis zum feinsten Einhauch der Thiere und Menschen trifft man da an; und wir vermissen nichts von unsrem Alterthum hier als den Steinbock, der vom Anbeginn der Freiheit an bis zur gänzlichen Ausrottung verfolgt worden ist. Denn man sieht hier aller Gattungen von Laub- und Nadelholz, von Getreid- und Pflanzenarten und von Menschen, welche verschiedentlich sich kleiden, sprechen und Gottesdienst halten. Wenn also das alte Sprichwort gilt, daß die Menschen nemlich nach der Verschiedenheit ein Belieben tragen, so findet man es da.“