Rheindaumenkino

Der Daumenkinograf Volker Gerling ist den Rhein entlang von Konstanz bis ans Meer gewandert und hat dabei für die Ausstellung “Rhein und Gelber Fluss” 2008 im Wissenschaftszentrum Bonn Menschen auf dem Weg portraitiert: in 36 schnell hintereinander geschossenen Bildern, die schließlich als Daumenkino fungieren. Gerling schreibt selbst auf seiner Website: „(…) Am Rheinfall treffe ich den Tuareg aus der Sahara, der zum ersten Mal den Rhein sieht und sich sorgfältig notiert, wie viel Wasser in jeder Sekunde hinabstürzt. Im Elsass begegne ich dem Koch, der die Stelle im Restaurant am Rhein erst vor fünf Tagen bekommen hat und vorher im Obdachlosenheim gelebt hat. In Koblenz dem Fährmann, der seit vielen Jahren Menschen über die Mosel fährt und sich nicht viel aus dem Rhein macht, der direkt vor seinen Augen vorbeifließt. (…)“ Doch bei der Ausstellung bleibt es nicht, die gesamte Aktion erfährt eine poetische Auflösung: „Mit den Geschichten und Bildern, die ich meiner Reise entlang des Rheins zu verdanken habe, kehre ich später an den Fluss zurück. Ich blättere die Daumenkinos auf einer Brücke stehend ab und lasse sie anschließend fallen. Sie wirbeln durch die Luft und schwimmen davon, den Rhein hinab (…). Bis die Fotos das Meer erreicht haben werden, wird das Flusswasser die Bildschicht vom Papierträger weggewaschen haben. (…) Die Nordsee erreichen weiße Bilder. So weiß und leer, wie die Seiten meiner Notizbücher am Anfang der Reise.“

Spin am Rhein

Im pfälzischen Bienwald läuft der Rhein auf den Spin. Jan Souman und seine Mitarbeiter vom Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen haben im Bienwald (dessen Name angeblich nichts mit Bienen zu schaffen hat, sondern auf keltische Wurzeln zurückzuführen ist und somit Waldwald bedeutet), unweit des Rheins, einige mit GPS-Empfängern ausgestattete Testpersonen durchs Gelände geschickt, die zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten kürzere Strecken möglichst schnurgerade hinter sich bringen sollten. Dies gelang ihnen nur, wenn sie Sonne oder Mond zur Kursbestimmung verfügbar hatten. Ansonsten, dh, wenn sie mit verbundenen Augen antraten oder keine äußerlichen Orientierungshilfen zur Verfügung standen, entwickelten selbst ein und dieselben Testpersonen nach spätestens 20 Metern Rechts- oder Linksdrall, bewegten sich in chaotischen Kurven und trafen immer wieder auf die eigenen Spuren. Im Durchschnitt entfernten sich die Testpersonen nicht mehr als 100 Meter von ihrem Ausgangspunkt. Der irritierende Einfluß von Bienwald und nahem Rhein mag durchaus vorhanden gewesen sein, ein Test in der tunesischen Sahara ergab jedoch vergleichbare Ergebnisse. Der schwedisch-amerikanische Navigationsexperte Erik Jonsson vertritt die Theorie, das Laufen im Kreis sei ein evolutionärer Mechanismus, der gewährleistet, daß fliehende Tiere letztlich wieder dorthin zurückkehren, wo sie sich auskennen. Das Fänomen jedoch scheint bisher wissenschaftlich ungeklärt. Für weitere Tests steht mittlerweile ein neu entwickeltes Laufband zur Verfügung, das sich in alle Richtungen bewegen kann. Sobald der mit Cyberview-Brille ausgestattete und durch virtuelle Landschaften stiefelnde Proband seine Laufrichtung ändert, reagiert auch das Laufband: der Proband dreht sich auf der Stelle vorwärts tretend im Kreis. Wieviel Rhein und Bienwald diese virtuellen Landschaften enthalten, war bisher nicht zu erfahren.