Die Ortschaft Grund am Oberrhein

„Er ist der Briefträger, das ist, was er tut. Er trägt Briefe zu den Bewohnern von Grund. Er kennt Grund. Jeden Briefkasten, jede Straße, jeden Namen, jedes Haus, jeden Mann und jede Frau. Er weiß, welches Kind zu welchem Hund gehört, welcher Vater zu welchem Kind und welcher nicht. Er kennt jede Straßenlaterne, jede Ampel, jeden von funkelndem Scherbenstaub bedeckten Altglascontainer-Abstellplatz.
Jede Fahrradrampe an jedem Bordstein, jede Baustelle, jeden Kinderhandschuh, der auf einer Zaunlatte steckt, jede Zaunlatte, jede Treppe, jede Straße, Sackgasse, Einfahrt, jeden Feldweg, Schleichweg, Trampelpfad.
Den gesamten Straßenplan von Grund hat er sich einverleibt, und wenn er seine Runde macht, sieht er den krakeligen Verlauf seines Weges so vor sich, als verzeichne er ihn mit den Füßen auf einer Karte.
Er kennt das Dorf und das Neubaugebiet ebenso wie das Tiefgestade mit den Rheinauen, den Gemeinde-Kirschbäumen, dem Klärwerk, dem Recyclinghof und der alten Mülldeponie, die jetzt ein Wald ist, aber der Müll ist immer noch dort. Er kennt den Baggersee, das Kieswerk, das man nicht betreten darf, aber er kennt es trotzdem. Er kennt die Sandberge auf dem Gelände des Kieswerks, die demnächst abgetragen werden sollen. Er kennt die Altrheinarme und das Rheinufer, er weiß, wo die Fische sind, wo die Graureiher nisten, wo die Hirschkäfer kämpfen. Er weiß, dass aus dem See Ochsenfrösche steigen. Von Jahr zu Jahr werden es mehr. Er kennt jedes verrostete Ding, das irgendwer in den Wald gekippt hat, und er weiß auch, wem es gehört.“

(aus: Katharina Hagena – Vom Schlafen und Verschwinden, Köln 2012)

Noch bevor die Gegend näher spezifiziert wird, ist uns bei der Lektüre klar, daß bei Grund von einer badischen Ortschaft in der Nähe Karlsruhes die Rede ist. Denn die Autorin stammt aus Karlsruhe und was sie beschreibt, ist uns kindheitsvertraut. Später im Text wird Grunds Lage näher eingegrenzt: am Ende einer der Stichstraßen Richtung Norden, die vom Karlsruher Schloß aus schnurgerade durch den Hardtwald verlaufen, sei dieses Grund gelegen. Hinterm Rheindeich, halb in den Auen. Eine Ortschaft namens Grund am Rhein existiert auf keiner Karte, das literarische Grund dürfte sich jedoch aus den realen und als Romankulisse noch recht unverbrauchten Käffern Linkenheim, Dettenheim, Rußheim sowie ihren Gegenparts auf der pfälzischen Seite zusammensetzen und wir möchten hiermit alle findigen, von literarischen Beschreibungen des Oberrheins begeisterten Topografieschaffenden anstupsen und darauf hinweisen, daß ein Dorf namens Grund auf fast ganz natürliche Weise künftig in den Kartenwerken des Internets aufscheinen könnte und sollte.

Karibischer Rhein

caribbean-rhine

Gegenüber von Germersheim, nördlich der Rudolf-von-Habsburg-Brücke, im auengeprägten Niemandsland zwischen Rußheim und Rheinsheim, auf der klimabegünstigten badischen Seite, entdeckte unser Fotograf, auf dem Rhein paddelnd, diese Strandbar karibischen Stils, wie sie typischer auch im Socagürtel nicht aufzufinden sein dürfte.
(Bild: Stefan Mittler)

Karlsruhe und Umgebung (2)

Bei Rheinkilometer 375 läuft der Strom mit starkem Sog in die Auwälder aus. Schauflug und Schautauchen der Kormorane werden begleitet von Pappelrauschen und silberreinem Rotkehlchensang. Hin und wieder ruft der wilde Kuckuck auf Selbstfindung seinen bezeichnenden Namen durch Gestrüpp und Wipfel. Alt-Dettenheim wurde mitsamt seinen Malariasümpfen im Zuge von Tullas Rheinbegradigung so gut wie ausgelöscht, dh, es besteht noch aus zwei Häusern und einigen ringgebundenen Infotafeln, die von lokalen Fröschen berichten, die sich zur Paarungszeit aus unbekannten Gründen blau verfärben. In Rußheim, das sich im tiefen Tal voll grüner Au hinter einem teichrosenbestandenen Wasserlauf auftut, gibt es eine Herrgottstraße sowie äußerst schmackhafte Himbeer-Zitronenquark-Flechtteilchen, für die sich sicherlich ein schöner Name erfinden ließe, und um Mittag ein plötzliches, fantomartiges Mutterkindaufkommen, das die leergefegten, in eine trügerische Staubdunstschicht gehüllten Straßen für einen halluzinatorischen Moment belebt. Ein somnambuler Flecken, ganz und gar kontrolliert von seiner zeitlupenhaft tickenden, einzig aufs Unterbewußtsein wirkenden Kirchturmuhr. Und auch ich gerate in diesen Rußheimer Zeitstrudel, der sich ganz in der Nähe sogar zu einem Bunkermuseum verdickt, dh in seine abnehmende Quirlbewegung, die auf Stocken und Verharren weist, Speyer werde ich aufgrund dieser Verzögerung nicht mehr erreichen, ein seltsamer Zwang das Krabbeln der Feuerwanzen zu betrachten trägt dazu bei, auch die empfundene Notwendigkeit die Flugkurven gelegentlich und einzeln anfliegender Insekten zu berechnen, nicht wenige steuern direkt auf meinen Mund; dann geht ein Ruck oder ein Riß durch solche Rußheimsche Gefangenschaft, ich finde mich außerhalb Rußheims auf dem Sattel wieder und den Gießgraben querend erreicht Rheinsein das bereits im Lorscher Codex erwähnte Rheinsheim mit seinem Kleintierzuchtverein, seinen gefallenen Weltkriegshelden, seiner auffälligen Sandstein-Muttergottes-mit-dem-Kind vor der domartigen St. Vitus-Kirche, seinem aus scharfen, unübersichtlichen Kurven dringenden Durchfahrtsstraßenlärm und seinen sacht im Wind wippenden Kastanienblüten. Früher Nachmittag dümpelt über dem Ort, ich suche nach Anzeichen für das nahe Kernkraftwerk Philippsburg, ein paar Anwohner streicheln ihre Autos – nichts Besonderes.