An der Alb

an der alb

Die Alb entspringt im Schwarzwald an der Teufelsmühle. Weit mehr noch als der Rhein, in den sie mündet, ist sie der Fluß unserer Kindheit und Jugend. Von einer engen Landstraße flankiert fließt sie von Bad Herrenalb, vorbei an der imposanten Klosterruine Frauenalb und am kuriosen Marxzeller Verkehrsmuseum durch ein schmales grünes Tal vorbei an Busenbach auf die Spinnerei Ettlingen, durch die uralte Kinzig-Murg-Rinne (welche nach Tulla einst den “Ostrhein”, “Bergrhein” bzw “Deutschen Rhein” unterhalb der Schwarzwaldhänge bildete), um in Karlsruhe teilweise unter der Erde zu verschwinden und am Ölhafen im kanalisierten Oberrhein aufzugehen. Das leicht übersteuerte Foto entstand bei Rüppurr, wo der Graureiher auf fette Beute hoffen darf. Unter den Schottern am Grund des normalerweise flachen Alblaufs bilden indes Legionen von Blutegeln ein sich windendes, wenig gelesenes Zeichensystem. Bei der großen Überschwemmung in den 70ern Jahren flächte sich die Alb samt der ihr zufließenden Bächlein und Gräben zum See, sodaß die einmalige und sogleich ergriffene Möglichkeit bestand, auf der A5 Schlauchboot zu fahren.

Donald und Kohl

Ist es ein „Mitmachmuseum“, eine Art Archiv oder eine ganz neue Form des Veröffentlichens? Seit 2008 betreibt Stan Lafleur ein gewaltiges Internet-Blog, und zwar zum Thema „Rhein“, dem deutschen Fluss schlechthin. Über 1000 Artikel und somit Buchseiten, Hunderte von Fotos und Zitate hat er gesammelt, er hat Artikel, Reportagen und Gedichte selbst geschrieben und Leser kommentieren lassen. „Mein ganzes Leben lang habe ich in Rhein-Städten gewohnt“, sagt der gebürtige Karlsruher, der nun in Köln lebt. „Der Rhein ist Thema, seit es in Europa die Schrift gibt.“

Und so finden sich auf „rheinsein.de“ Texte des römischen Dichters Tacitus neben Meldungen aus Boulevard-Blättern. Vieles nimmt Stan Lafleur ironisch und kritisch aufs Korn: „Ich fand`s lustig, daß der Rheinschwimmer im Frühling bis Disentis zu Fuß marschiert ist und von einer Blasmusikkapelle empfangen wurde.“ In „Rheinsein“ tauchen viele skurrile Figuren auf wie etwa die Skulptur des „Nasentrompeters“ am Freiburger Münster, oder der Steinkleber, eine Wasserschnecke, die tatsächlich am Grunde des Rheins lebt.

„Ich habe eine Vorliebe für Fabelwesen“, sagt Lafleur und gibt schmunzelnd zu, dass er ein paar Gestalten in seinem digitalen Mammutwerk selbst erfunden hat. Spaziergänge am Karlsruher Rheinhafen oder Fahrradtouren, Gedichte über den Karlsruher Stadtteil Rüppurr, ja, sogar Frankenstein, der durchs Rheintal flieht – all das findet sich in Lafleurs Blog. „Rheinsein ist eine Art virtuelles Museum, das immer weiterwächst und nach allen Seiten ausfranst.“

Stan Lafleur ist Schriftsteller und gilt als einer der originellsten lebenden Dichter, der außerdem als einer der ersten deutsche Poetry-Slams durchgeführt hat. Das Dasein des 44-Jährigen wird immer mehr vom Rhein geprägt. Vorträge, Shows, ein Lehrauftrag an der FH Düsseldorf und immer wieder Erkundungen von Rhein-Landschaften bestimmen seinen Alltag. Bis zu 200 Leser täglich verfolgen dieses einzigartige Blog, und auch mindestens einen wissenschaftlichen Aufsatz gibt es über Lafleurs Projekt.

Es lohnt sich, immer wieder in Stan Lafleurs amüsantem, seltsamem und manchmal etwas durchgeknalltem Blog einfach mal zu stöbern und zu schmunzeln über das, was sich hinter Stichwörtern wie „Donald Duck“, „Helmut Kohl“ oder „Sowjetunion“ verbirgt.

(Badische Neueste Nachrichten, von Matthias Kehle, 18. Juli 2012. rheinsein dankt dem Autor fürs Überlassen des Artikels für diese Website.)

Ein Heldenlied

Da, wo der junge Rhein erzürnt und wild
Der finstern Viamalaschlucht entschießet
Und abwärts durchs Domleschger Talgefild
In tausend Wirbeln seine Wasser gießet;

Im Schloss, das weithin in die Schlucht hinein
Den Weg nach Welschland räuberisch kann belauern,
Der letzte Zwingherr Bündens steht allein,
Geharnischt auf der Zinne seiner Mauern.

Der Bauernaufruhr schwoll zum Schloß empor,
Im Blute liegen, die es sollten schirmen,
Empörung klopft mit starker Faust ans Tor
Und rüttelt an den Mauern, an den Türmen.

Des Ritters Aug` von Berg zu Berge schweift,
Ob irgendwo noch Rettung zu erpochen;
Doch alle Burgen ringsum sind geschleift
Und alle Warten, alle Türm` gebrochen!

Mit hohlen Augen, wie aus off`nem Grab,
Grinst ihn der Tod an aus des Tales Schlunde,
Gebrochen ist des Adels Herrscherstab –
Er fühlt es tief und spricht mit stolzem Munde:

“Zum mächt`gen Riesen wuchs heran der Zwerg,
Die Ritter können ihn nicht mehr besiegen,
Die Landesherrlichkeit ist von dem Berg
Hinab zum Bauern in das Tal gestiegen.

Der Letzte bin ich und zum Tod bereit;
Allein der Feind soll meinen Leib nicht haben,
Mit ihm will ich die alte Ritterzelt,
Hinunterspringend in den Rhein, begraben!”

So sprechend, stürzt im Harnisch er beherzt
Hinunter in die Tiefe vom Castelle,
Und über seinen Leichnam spielt und scherzt
Aufschäumend im Triumpf des Stromes Welle.

(Text: Friedrich Neßler, wer immer das war; es gab in Rüppurr im frühen 19. Jahrhundert, nach dem der Text klingt, einen Pfarrer Johann Friedrich Neßler – nicht selten traten Pfarrer seinerzeit als Dichter ähnlich und sogar vertrackter geschmiedeter Verse hervor. Wir wissen nicht um Identität oder nicht dieses/dieser Neßlers, es wäre aber interessant, den Jekyll-Hyde-Effekten solch namentlicher und zeitlicher (Beinah-)Überlagerungen weiter nachzuspüren. Der feudalen Perspektive auf den Helden des Gedichts (gemeint ist Ritter Cuno von Hoch Rialt/Hohen Rätien) steht im Übrigen jene der volkstümlichen Überlieferung entgegen, in der sich die Landleute eines Tyrannen entledigten, der noch den Tod vor Augen versuchte, sein Opfer, ein geschändetes Bauernmädchen, mit in die ewigen Strudeltöpfe zu nehmen.)

Durchs Unterland (2)

Mauren vereint in sich nicht nur ein locker gepflanztes und für das ganze talweite, erst im Osten enorm steil aufschießende Land ausgesprochen ansehnliches Häuserensemble, dessen alten bäuerlichen Notwendigkeiten geschuldete Komposition in der Neuzeit weiter den natürlichen (= non-artifiziellen) Eindruck wahrt, sondern auch drei europäische Metropolen, denn wie Rom liegt Mauren über sieben (im Lokalfall sogar saftige) Hügel verteilt, mit Moskau gemein hat Mauren den Roten Platz (besitzt darüberhinaus, genau wie Rüppurr, noch einen Schwarzen), und das architektonisch so erstaunliche neue Vaduzer Parlamentsgebäude verliert einiges an Überraschungseffekt, kennt man nur bereits das Maurner Gemeindehaus, das ganz genauso einem gelb vermauerten Kasperletheater entlehnt ist wie der nur um weniges imposantere metropolitane Prachtbau der Landeshauptstadt. Zentral plaziert die Büste Peter Kaisers, welcher die„bahnbrechende“ (Wikipedia) „Geschichte des Fürstentums Liechtenstein: nebst Schilderungen aus Churrätiens Vorzeit“ verfaßte und dem von Passanten längs seiner Büste zum wenigsten regionale Bekanntheit bis auf den heutigen Tag attestiert wird. Nicht ganz denselben Bekanntheitsgrad erreicht/e bis heute Johann Georg Helbert, dem die entsprechende Skulptur vorm Pfründehaus in Eschen aufgestellt wurde und der als erster Chronist Liechtensteins gilt, wogleich die Nase über den eigenen Gartenzaun hinauszustrecken um 1800 im Tümle noch eher als ehrenrührig galt. Im Pfründehaus-Schaukasten ist eine tönerne Schabmadonna abgebildet, praktisch abnutzbares Bittgut katholischer Prägung. Eine rasante Fahrt vorbei an der „Schwarzes Loch“ genannten Hilti-Lagerhalle, sowie am Papstdenkmal im Sportpark (das, auf magisch-trianguläre Weise einem Besuch Karol Wojtylas vor 25 Jahren gewidmet selbst außerirdische Kornkreiszeichner anzulocken verstand) nendelt Rheinsein der oberländischen Absorptionslinie entgegen, an der ganze angefangene Tage zu verpuffen vermögen um als gewesene, als Unterbau, als sonstewas Eingang in die Annalen zu finden.

kindheit in rueppurr

grell collagierte nils holgersson-himmel
ueber maszvoller erdrotation. alles dreht
sich: vorwaerts, rueckwaerts. suesze rote

blasen die ruckhaft aus aronstaeben quellen
jesus am waldrand predigt grimms maerchen
die lautlosen explosionen des springkrauts

als wir beisammen standen. am see. mit
unserer angst. zwischen den lupinenfeldern
verzieht sich der dunst von pizza clubheim

wie tiere lugen boese wolken ueber die
schwarzwaldkuppen. fickdichfickdich ruft
die grasmuecke. jesus latscht mal weiter

Von Ettlingen nach Mühlburg

Was weiß Dielhelm über Ettlingen? (Der Rheinische Antiquarius ist übrigens derzeit um rund 600-800 Euro antiquarisch per ZVAB zu haben. Das liegt etwas außerhalb meines Budgets. Ich werd mir das vorerst weiter über Googles Scan-Bibliothek am Bildschirm gönnen. Muß ohnehin bald mal wieder meine Augen checken lassen.) Nun, viel weiß er nicht, aber was er vermutet, hat es doch in sich, zumal sich unbeweisbare Geschichten von angeblichen Trojanergründungen am Rhein hartnäckig halten: „Ettlingen ist eine kleine Stadt und Amt in der marggrafschaft Baadenbaaden. Anfangs war sie nur ein Dorf, und soll lange vor Christi Geburt schon von einem Trojaner, namens Phorcys, der es Posidonopolis genennet, mit Pforzheim seyn erbauet worden. In ersten Zeiten gehörte es dem Abt zu Cronweissenburg; ist aber nachgehends vom Kaiser Otto dem III. dem Marggrafthum Baaden einverleibet worden, daher es auch noch kommen soll, daß die Weissenburger durch Ettlingen zollfrey sind. Inzwischen ist es das Vaterland Francisci Irenici, welche unter dem Kaiser Maximiliano dem I. gelebet hat, und dessen Exegelis Germaniae oder Beschreibung von Deutschland in 12. Büchern den Gelehrten wohl bekant ist. (…)“ Wohl wohlbekannt war, ist hier anzumerken. Dielhelm beschreibt dann noch das Ettlinger Stadtwappen und nennt die vier Markttage („auf Matthias, Jacobi, Martini und vor Christag“) und zieht dann, ohne Rüppurr und sonstige Siedlungen, die eigentlich dazwischen liegen mußten, zu streifen, weiter nach dem heutigen Karlsruher Stadtteil Mühlburg, das einen der schönsten nichtssagenden Einträge erhält, die ich aus zahlreichen Rheinbeschreibungen kenne: „Mühlberg ist ein kleiner Ort, und liegt etwas einsam, zwey Stunden von Durlach und eine kleine vom Rhein, vormals hat es ein schönes und festes Schloß gehabt.“

Ettlingen

Ettlingen ist Karlsruhes kleine Nachbarstadt, vor allem bekannt aus dem Rundfunk („am Autobahndreieck Karlsruhe-Rüppurr-Ettlingen stockender bis zähflüssiger Verkehr“) und für seine Schloßfestspiele. Minna von Barnhelm im Ettlinger Schloßhof, die Zuschauer unter Plastikcapes, auf die strömender Regen prasselt und die Silben der Schauspieler in tausend Stücke schießt – ein einmaliges Erlebnis, das mich seinerzeit erstmals bewußt auf die Nanoebene der Sprache verleitet hat, Lessing vs. Natur, was blieb, war differenziertes Rauschen, eine Musik aus tropfenartigen Hackstückchen, reduzierten Klangperlen, Sprach-DNS, gelöste Helix, frei im Universum schwebender Wille zum Ausdruck, das menschliche Hirn suchende Energie, unter hunderten Schädeln hat es sich ausgerechnet den meinen als Wirt erwählt. Ettlingen im Regen. Ich starre auf die Alb, wie sie von gleichmäßigem Tropfenschlag getroffen kleine, bereits im Anwachsen verfallende Wasserkreise wie angenehmen Ausschlag produziert und über groben Schotter hüpfend, in gedankenloser Kamikaze, dem Rhein zustrebt. Unter den Brücken stehen wie an Knastwänden abgestrichene Tage die Forellen, kaum mehr als fingergroß. Das Wasser ist dunkel und klar und es führt heraus aus dieser Gegend. Ettlingen im Regen. Das unfaßbarste DFB-Fußballmatch aller Zeiten. Der Platz im Ettlinger Stadtteil Spessart, oben im Schwarzwald, weist von Tor zu Tor im Durchschnitt fünf Prozent Gefälle aus. Von Strafraum zu Strafraum hat sich eine Flußrinne gebildet, deren Ausläufer im Grau der Niederschläge verschwimmen. Im Niemandsland des Mittelfelds schlammige Lachen, die an Wildschweinsuhlen erinnern. Wir spielen in der ersten Halbzeit bergab und mit dem Wind, der den Ball davonträgt, am gegnerischen Tor vorüberhuschen läßt, ein ums andere Mal. Das Spiel kann hier nur in eine Richtung gehen, wenn wir gewinnen wollen (so sicher sind wir uns dessen nicht, der enorme Regen beschäftigt uns aktuell deutlich stärker als unsere Tabellensituation), ist dies einzig mit Treffern in der ersten Halbzeit möglich. Denn in der zweiten geht es bergan, gegen den mittlerweile zum Sturm ausgewachsenen Wind, der den dichten Regen diagonal, also parallel zum Hang, direkt durch die Trikots auf die Haut treibt. In der zweiten steht unser Strafraum komplett unter Wasser, ein natürlicher Schutz gegen die Spessarter Angriffe. Einsam kreist der Ball in den Lachen, als hätte ihn jemand weit hinaus auf einen See geschossen. Die Spieler waten hangauf und hangab, dreschen das Leder in die Luft, um ihm etwas Atem zu verschaffen, es hat sich mit Wasser vollgesogen und platscht dumpf zurück in irgendeine Pfütze, die letzten Streifen trockenen Landes gehen bedrohlich zurück, die ersten von uns versinken bereits wadentief im Morast, da pfeift der Schiedsrichter, mit kulanter Miene, plötzlich ab, zehn Minuten vor der Zeit, das Spiel können wir werten, sagt er, es endet null zu null. Ettlingen im Regen. Nachts stapft ein einsamer Mann auf den Bohlen der Straßenbahnschienen das Albtal entlang. Die Richtungen drehen sich um ihn herum wie in wilder Kamerafahrt. Er sucht den zentralen Einstieg in den Schwarzwald. Neben dem lästigen Kreisen nimmt ihm auch ein verwirrender, äußerst unregelmäßiger Regen die Sicht. Der Mann hat eine Portion Spitzkegeliger Kahlköpfe zu sich genommen und die Situation selbst heraufbeschworen. Aus dem Schotter kriechen Blutegel hervor und haften sich sanft an seine Waden. Der Mann kämpft, gekitzelt von schwarzen Tannenspitzen, mit der weltuntergangshaften Schönheit der Umgebung. Irgendwo dort im Dunkel plätschert, von Regen gelabt, die Alb. Aus dem Strömen der Dinge erklingt eine Zeile von Tocotronic: „Alles was wir hassen, seit dem ersten Tag, wird uns niemals verlassen, weil man es eigentlich ja mag.“