Zwischenbilanz (9) – Von Flüssen in Chiapas

Weil unsere Forschungen in den vergangenen beiden Monaten sich, was das fluviale Moment belangt, auf den mexikanischen Bundesstaat Chiapas konzentriert hatten, passierte in dieser Zeit auf diesen Seiten so gut wie nichts. Rheinische Nachrichten erreichten uns dann und wann in kurzen Atempausen während der Erkundungstouren in Chiapas und Oaxaca, zwischen Festival- und Kulturbotschafteraktivitäten, Naturkatastrofen, Fiebern und literarischen Arbeiten. Ab sofort und bis Jahresende wird rheinsein die diesjährige Schlagzahl von zehn Einträgen pro Monat nochmals aufnehmen, bevor zum Jahreswechsel erneut Entscheidungen über Fortführung bzw. Beendigung des Projekts anstehen.

Als Übergang zwischen Leerstelle und neuen rheinischen Einträgen zeigen wir Flußeindrücke aus dem Süden Mexikos. Nach der Ruinaulta, dem “Grand Canyon der Schweiz”, besuchten wir in Chiapas den “Grand Canyon Mexikos”, den Cañón del Sumidero, einen Abschnitt des Río Grijalva. Geführte Flußtouren auf Schnellbooten starten bei Chiapa de Corzo. Mit rasender Geschwindigkeit geht es an dichter Ufervegetation entlang Richtung Schlucht.
sumidero_verschwommene erinnerungVerschwimmende Erinnerung

Daß während der Fahrt bloß niemand seine Hand ins Wasser tauchen solle, lautet eine Warnung des Bootsführers. Bei Brücken, Felshöhlen, auffälligen Pflanzen und Tieren legt er Stops ein und erzählt zum Gesichteten passende Geschichten, von denen der Wind die schönsten Episoden stiehlt. Unsere Sitznachbarin versorgt uns mit frischen Jícama-Scheiben, einem Snack, dessen aztekischer Namensursprung “Wasserwurzel” bedeuten soll. Durch den Himmelskorridor über unseren Köpfen ziehen verirrte Pelikane, darüber kreisen Rabengeier. Silberreiher stehen stolzen Models gleichend in Ufernähe und präsentieren ihr strahlend weißes Gefieder.

Klammeraffen heißen auf Spanisch Spinnenaffen und Krokodile Kokodrile. Hier bekommen wir sie erstmals in freier Wildbahn zu Gesicht. Während die Affen gegenüber den Bootstouristen in etwa diegleiche Neugier aufbringen wie die Bootstouristen gegenüber den Affen, lungern die Krokodile scheinbar desinteressiert auf Schlammbänken. Das braune, blasenwerfende Wasser macht einen nicht ganz ungiftigen Eindruck. Welche monströsen Wesen in seinen verschlammten Tiefen wuseln mögen, erscheint letztlich unausforschbar. Geister der Chiapa, eines Mayavolks, das sich, um der Versklavung durch die Konquistadoren zu entgehen, in die Schlucht stürzte und somit sein Erdendasein auslöschte, könnten heuer auf dem Flußgrund siedeln. Wir erreichen einen gigantischen Teppich aus Treibholz und Plastikmüll, der die gesamte Flußbreite einnimmt. Die Schrauben des Bootes häckseln sich mühsam hindurch, weitere Touristenboote staken im Teppich, und der Wind verweht die Erzählung von der Mülllawine im Naturschutzgebiet.
sumidero_weihnachtsbaum“Weihnachtsbaum” lautet der Name dieser Pflanzenformation, die in der Regenzeit von seitwärts in Sprühregen verwehenden Kaskaden gewässert wird

Nach gut zwanzig Kilometern erreicht die Fahrt ihren Wendepunkt am Chicoasén-Staudamm. An der Staumauer wartende Versorgungsboote bieten Snacks und Getränke. Die Rückfahrt mündet kurz vor Schluß in Starkregen. Komplett durchnäßt gehen wir an Land. In Chiapa de Corzo bestellen wir Sonne, um wieder zu trocknen, und ein paar der berühmten süßen Backwaren.
sumidero_von oben

Über einsame Serpentinen geht es mit dem Sprinter weiter zu Aussichtspunkten, um den Canyon und seine Schattenwürfe aus verschiedenen Höhen zu betrachten. Im Rückspiegel torkelt der angeblich weltgrößte Schmetterling, ein metallisch blau schillernder Falter, unter Einfluß unserer Abgase über die Straße. Nächst einer der Plattformen steht ein Ceiba-Baum, in der Maya-Mythologie der germanischen Weltesche Yggdrasil als Bindeglied zwischen Unter-, Real- und Oberwelt vergleichbar, eine Funktion, die der Cañón del Sumidero auch für sich genommen vermittelt: als Herberge eines untergegangenen Volkes, als Sammler von Gegenwartsmüll und wilden Tieren, sowie mit magischem, von Sonne, Regen und Wind geleitetem Himmelsspiel.

sumidero_el zopilote pasaEl zopilote pasa

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Der Río Sabinal durchfließt die chiapanesische Hauptstadt Tuxtla Gutiérrez. Von kleinen Straßenbrücken überquert, gesäumt von üppiger Tropenvegetation, führen Trampelpfade an den Ufern entlang in menschenleere Zonen der Stadt. Müll liegt auf den Wegen, stinkender Matsch, gespickt mit wohlig-betörenden Frangipani-Blüten. Ein innerstädtischer Leguan beobachtet uns, und zischt, sobald wir die Kamera zücken, mit so nie von einem Leguan erblickter Geschwindigkeit ins ausladende Geäst über dem schmalen Wasserlauf. Rückwände, zerfallende Mauern, Graffiti. Das abschnittsweise gerichtete Flußbett steckt voller Müll.
sabina_tuxtlalMural in der Nähe des Río Sabinal

Verkommene Parkanlagen, von potentiellen Besuchern strikt gemieden. Je länger wir uns an den Ufern aufhalten, desto stärker riechen sie nach Gefahr. Undefinierbare Bäume mit vor Wollust platzenden Früchten, überdimensionale Insekten mit Körperstrukturen, als gälte ihr Leben einer einzigen Aufforderung zur Vivisektion. Wir erinnern uns: an Fundorte blutiger, zuvor gefolterter Leichen auf Zeitungsfotos. Das Elend der Stadt, gekippt in ein Rinnsal. Die überbordende Vegetation, der fantastische Vogelsang. Jeder Baum ein Vanitas-Symbol, krank und zugleich sprießend. Wie hoch mag der Blutanteil am Wasser liegen? In Chiapas, wo der Tod in direkter Nachbarschaft des Lebens wohnt, eignen die Flüsse sehr viel deutlicher, als dies europäischen Flüssen wie dem Rhein anzumerken ist, neben ihrem Kreislauf- und lebensspendenden Charakter den der Selbstzerstörung und des Todes. In stadtplanerischer Hinsicht ist der Río Sabinal das am leichtfertigsten dem Nichts übereignete Naturfänomen, das wir bisher gesehen haben, denn die natürliche Oase einer von Hitze ausgelaugten Stadt inszeniert sich in Tuxtla (dem “Ort der vielen Kaninchen”, in dem wir kein einziges lebendes Kaninchen sahen) als kaum zu betretender Sumpf bzw als touristische Empfehlung für Zyniker und Lebensmüde in einer Stadt, der ohnehin keinen Tourismus anzieht, weil es in ihr nur Alltag gibt, der in allabendlichen öffentlichen Marimba-Partys und mühsam programmierten, regelmäßigen Marienerscheinungen sich auflöst und in uralten, eßbaren Zoquebegriffen, für die keine Übersetzungen mehr aufzufinden sind.

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Während einer Fieberwanderung landen wir in San Cristóbal de las Casas am Río Amarillo, der tatsächlich so gelb aussieht wie sein Name es besagt. Von allen gelben Flüssen einer der gelbsten, gewiß. Wäre es an uns gelegen gewesen, ihn zu benennen, höchstwahrscheinlich hätten wir ihn so benannt wie er längst aus gutem Grunde heißt. Ansonsten handelt es sich eher um ein Flüßchen, denn um einen Fluß. Er streift die Stadt und sieht wie die beiden oben kurz portraitierten Flußabschnitte alles andere als gesund aus. Doch fällt uns mehr als eine weitere Farbnuance die Häufung öffentlich angebrachter Zeilen auf, als wir die auf eine Fahrspur sich verengende Puente Utrilla, klassisch bekannt als Puente Blanco (Weiße Brücke) queren.
amarillo_puente blancoNicht nur sind auf deren Pfeilern Knittelverse zur Geschichte der Brücke wie des “mejicanischen Vaterlands” angebracht, sondern findet sich in unmittelbarer Nähe ein beinahe hauswandgroßer Schriftzug “Vivos los llevaron! Vivos los queremos!” (“Lebendig habt ihr sie geholt! Lebendig wollen wir sie zurück!”), eine Parole, mit der im Zuge der Entführung und mutmaßlichen Ermordung von 43 studentischen Demonstranten in Ayotzinapa im Jahr 2014 das gesamte Land bepinselt wurde und die als Kritik am selben Vaterland aufzufassen ist, denn die Entführungen erfolgten durch Polizei- und Militärkräfte, welche die Studenten später zur Exekution in die Hände eines Verbrecherkartells übergeben haben sollen. Am vielbesungenen, majestätischen Rhein sind, im Gegensatz zum kaum besungenen, plebejischen Río Amarillo, vergleichsweise wenige lyrische Zeugnisse zur öffentlichen Ansicht gebracht: ein Zustand, der nach Veränderung ruft.

Der Rhein – Strom der Geschichte

lautet der Titel der neuesten Rheindoku (von Florian Breier und Christian Stiefenhofer), die dieser Tage bei anlief, bis 11. Juli 2016 in der Arte-Mediathek verfügbar ist und sicher noch einige Wiederholungen erleben wird. Der knapp 90-minütige Film switcht in abgegrenzten, letztlich zusammenhanglosen Szenen zwischen Quellen und Mündungen – Leitfaden ist einmal nicht (wie bei Rheindokumentationen gängig) die Geografie, sondern die Zeitleiste, die chronologisch von der Prähistorie bis in die Gegenwart verhandelt wird.
So beginnt der Film mit Krokodilen, Tapiren und Dinotherien, die sich vor 15 Millionen Jahren am tropischen Urrhein im heutigen Rheinland-Pfalz aufgehalten haben – bevor der Fluß seinen Weg änderte, um das Mittelrheintal auszuschwemmen. Ein jüngst mit moderner Methode ausgewertetes Hirschgeweih verweise auf das lange umstrittene Stromalter, das vermutlich erst mithilfe einer nächsten, noch moderneren Methode korrigiert bzw. ganz neu ermittelt werden wird. (Vor gut einem Jahr hatten wir auf solche Überlegungen zum Flußalter auf rheinsein verwiesen.) Der Urrhein wird dargestellt als Überbleibsel eines Teile Europas bedeckenden Meeres, das von der Alpenauffaltung zurückgedrängt wurde. Die Rede ist von einem “Wachstum nach Süden” und Verschmelzen mit der Uraare, die Flußrichtung müßte mithin gegenläufig zur heutigen verlaufen sein. Der Uralpenrhein dieweil sei bis vor fünf Millionen Jahren noch in die Urdonau geflossen. Erst in einer Eiszeit vor 450.000 Jahren hätten Gletscher den Urrhein von der Urdonau abgeschnitten und nach Westen gedrängt, wo er auf die Rhein-Aareverschmelzung getroffen sei.
Es folgt ein Sprung in die Eiszeit vor rund 14.000 Jahren. In der Gegend des heutigen Bonn jagen von Schauspielern dargestellte Frühmenschen an den Ufern des amazonisch verzweigten, mehrere Kilometer breiten Rheins. Die Pfeile bei der Elchjagd sind mit Feuersteinspitzen versehen. Aus Geweih schnitzten die “Oberkasseler Menschen” wie sie nach Skelettfunden bezeichnet werden, Elchfiguren in fließenden Formen.
Vom Ausbruch eines Eifelvulkans und seinen Folgen für den Rhein erfahren wir in Computeranimationen, von der Ruinaulta, vom Verhältnis zwischen Römern und Germanen, von Deutschen und Franzosen und nicht zu knapp von Tullas Rheinbegradigung, doch gehen sämtliche Abschnitte kaum je über den Teasermodus hinaus: interessante Ansätze, die im Allgemeinen steckenbleiben und Fragen aufwerfen, die wir als Zuschauer lieber geklärt gesehen hätten: eine Dokumentation wie ein Hinweis auf zahlreiche noch zu drehende Dokumentationen!

Fliegende Kühe

kühe in der ruinaulta_kl

Graubünden ist reich an Mythen und Geschichten, Arnold Büchli hat bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts tausende Seiten mündlicher Überlieferungen über das Auftreten seltsamer Bergwesen, verzauberter Kühe oder des Ewigen Juden in Camischolas und sonstige besondere Begebenheiten in Dialekt und Hochsprache zusammengetragen. Auf rheinsein läßt sich u.a. die Geschichte einer deftigen Bündner Gerstensuppe finden, die eine Lawine überstanden hat. Ein Vorfall, der sich jüngst im Vorderrheintal ereignete, und über den verschiedene Schweizer Zeitungen berichteten, dürfte, ein wenig ausgeschmückt, sicherlich das Interesse des Mythologen geweckt haben. Acht Kälber, hieß es in der Presse, seien des Nachts von ihrer Weide ausgerissen (hinter solchen Vorgängen steckte in früheren Zeiten immer ein böswilliger Zauber), die eine Hälfte habe sich im steilen Gelände verstiegen, die andere sei zwischen Sagogn und Valendas in der wildschönen Ruinaulta in den Fluß geraten und von ansteigendem Wasser auf einer Kiesbank eingeschlossen worden. Die Bergung der Tiere, an der Feuerwehrleute, Tierärzte, Landwirte, Rettungshubschrauber und Polizeitaucher beteiligt waren, habe sich über Stunden erstreckt. Schließlich seien die Kühe wohlbehalten auf ihre Weide zurückgeflogen worden. Das Motiv der fliegenden Kuh, in der heutigen Schweizer Bergwelt kein allzu ungewöhnliches Bild, ist indes andernorts (“Aus dem Himmel stürzende Kuh versenkt Fischerboot im Ochotskischen Meer”) in den modernen Sagenschatz eingegangen. Womöglich nur eine vorläufige Lücke, denn bildnerisch und literarisch scheint das zeitgenössische Motiv der zwischen Alpengipfeln schwebenden Kuh durchaus kraftvollen Stoff zu bieten.

kühe in der ruinaulta_3_kl(Bilder: Kantonspolizei Graubünden)

Rheinzitat (13)

“Ich nahm einmal eine sehr reiche Dame und ihr 18-köpfiges Gefolge auf eine Privattour mit. Auf halber Strecke fragte sie, ob man jetzt anhalten und mit den Delfinen schwimmen könnte.” (Oscar Castillo, Rafting Guide in der Ruinaulta)

Groppenfasnacht, Groppen allgemein und eine spezielle Groppe

Mit Fischknusperli ging, wie die Thurgauer Zeitung berichtet, am gestrigen Sonntag der „Große Groppenumzug“ im bodensee-schweizerischen Ermatingen über die Bühne. Die Gemeinde Ermatingen erklärt dieses Lokalereignis wie folgt: „Mitten in der Fastenzeit, wenn das Narrentreiben anderswo längst abgeklungen ist, rüstet sich Ermatingen alljährlich “zur letzten Fasnacht der Welt”. Diese erlebt alle drei Jahre mit dem Grossen Groppenumzug ihren Höhepunkt. Rund 20’000 Besucher wohnen jeweils dem in seiner Form einzigartigen Fischer-, Frühlings- und Fasnachtsumzug bei. Ihren Namen hat die Ermatinger Fasnacht von der Groppe, einem kleinen Fisch, der heute kaum mehr vorkommt. Noch vor 100 Jahren wurden Groppen aber mit dem Schleppnetz zu Tausenden auf einen Zug gefangen. Mit Salz bestreut und in der Pfanne gebraten galten sie als besondere Delikatesse.“ Die Knusperli dürften somit kaum aus Groppe bestanden haben. Weiterführende Informationen über die Spätfasnacht finden sich auf deren eigener Website. Nebst Informationen zur uneindeutigen Herkunft des Brauchs, der mindestens aufs Konzil von Konstanz zurückreichen soll, lesen wir dort über die Groppe: „Der Gropp gehört zur Familie der Knochenfische und ist auf der nördlichen Halbkugel in rund 300 verschiedenen Arten bekannt, die meisten davon sind typische Meeresbewohner. Die verbreitetste Süsswasserart, die Groppe (auch Koppe, Dolm, Cottus gobio) wird bis etwa 15 cm lang. Es sind oberseits grau bis bräunliche Fische mit dunkler Marmorierung. Nachdem der Gropp (oder eben die Groppe) im Bodensee jahrzehntelang als Folge der Gewässerverschmutzung als ausgestorben galt, ist der kleine Raubfisch heute wieder vereinzelt im See zu finden. Seine frühere Population wird er aber kaum jemals wieder erreichen. Das Gleiche gilt für seine kulinarische Bedeutung. Der kleine Fisch, dessen Fleisch von Knochen und Gräten durchsetzt ist, entspricht nicht mehr den Ansprüchen der heutigen Fischliebhaber.“ Über die Dickköpfigkeit der Groppe stand nichts zu lesen. rheinsein geht, ohne der Groppenfasnacht je beigewohnt zu haben, davon aus, daß diese spezielle Eigenschaft des Fischs in die Fasnachtsriten eingebunden sein dürfte und ist jedenfalls angetan von der groppigen Tradition am Schweizer Seeufer. Denn bei einer Wanderung durch die Ruinaulta, den „Schweizer Grand Canyon“, hatten wir einst Gelegenheit, uns mit einem leibhaftigen Exemplar dieser aktuell so seltenen Spezies zu unterhalten. Es handelte sich um eine gestrandete Groppe namens Ueli, die wir nach einigem unerquicklichen verbalen Hin und Her (vulgo: sinnlosen Diskussionen) aus ihrer mißlichen Lage, dem Eingeklemmtsein zwischen größeren rundgeschliffenen Alpenrheinkieseln, per Fingerschnips befreiten (die Groppe flog für einen Moment und das sah teuflisch elegant aus; „Groppendynamik“ flirrte uns ein beschreibendes Kompositum für ihr Flugverhalten durch den Schädel), woraufhin der geschnipste Fisch, dem all das offensichtlich peinlich war, grummelnd davonflösselnd, und auf eine Art und Weise vernuschelt, damit nur jeder wüßte, wie schwer ihm die Sache fiel, uns drei von ihm zu erfüllende Wünsche zugestand, eine fortgesetzt unangenehme Situation also, die wir seinerzeit nicht zuletzt wegen akuter Wunschlosigkeit mit lediglich dem Wunsch eines „Guten Tages“ quittierten, welcher auf die Groppe zurückfallen sollte. Wir haben nie wieder von ihm/ihr gehört.

Abenteuer Rhein (2)

Abenteuer Rhein von Andreas Ewels und Christine Elsner, zuvor kräftig beworben, auch auf rheinsein vorab angekündigt, dann aber still und leise im Termin (auf den heutigen Sonntag) verschoben, wirkt, wie im Vorfeld anzunehmen war, vor allem über seine Luftaufnahmen aus dem Blimp (“Prallluftschiff”), d.h. einem ferngesteuerten Kleinzeppelin und war schon vor der Urausstrahlung auf planet e am heutigen Tag in der ZDF-Mediathek (welche den Vorteil bietet, Filme anzuhalten oder zu spulen) vorhanden.
Wie der Tomasee plötzlich hinter Bergkuppen, die er spiegelt, aufscheint und die Kamera dem Alpenrhein durch enge Schluchten talab folgt, gibt visuell durchaus Stimmungen wider, die uns dort oben noch vor Kurzem erfaßten. Aus den folgenden Bildausschnitten Sedruns, der Ruinaulta, der Via Mala hätte sich mehr machen lassen.
Freundliche, bisweilen etwas unmotiviert wirkende Kurz-Interviews markieren die menschlichen Bojen im Kamerafluß. Tiermotive bevorzugt: ein Bündner Steinbockhüter, die südbadische Biberbeauftragte, der Artenreichtum des Taubergießens und ein Schlangenexperte, der nächst Wiesbaden mähshreddergefährdete Äskulapnattern präsentiert, dabei seine eigene Frage, wie die Schlangen an den Rhein gekommen seien, unbeantwortet läßt.
Kitschige, in der verwendeten Art völlig unangebrachte Hintergrundmusik spült die Talgeräusche weich, überspielt sie die meiste Zeit. Doppelte Länge (sowohl für Bildeinstellungen, als auch Interviews) und deutlich höhere Geschmackssicherheit bei der Musikauswahl (bzw weniger Verblendung bei den Originalgeräuschen) hätten der Doku wohl getan.
Alles in allem ein typisches ZDF-Produkt mit Mut zu Lücke und Lenor und mehrkamerafachem Befliegen der Oberfläche. Welche dann auch häufig (und häufig nichtmal zu unrecht) hübsch aufscheint. Der zweite Teil folgt Sonntag in einer Woche, in der Mediathek vielleicht sogar früher.

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE

Auf ARTE läuft seit gestern und noch von heute bis Donnerstag jeweils um 19.30 Uhr erstmals eine vierteilige Dokumentation aus dem vergangenen Jahr über den Rhein. Der erste Teil von Ralf Dilger bot die versprochen hübschen Luftaufnahmen, einige Halbunterwasserbilder und dokutypische Geschichtchen vom Vorder-, Hinter- und Alpenrhein plus ein paar seltenere Informationen. Der Film besitzt seine eigene Website , auf der die DVD zu erwerben ist und die nach einigem Anlaufgeholper zunehmend mit außerfilmischen rheinischen Kuriosa dient, z.B. der Geschichte über den Leuchtturm am Gotthard. Dort geht es auch an der Sedruner Staziun Alpina hinein in den Berg zum jüngst durchstoßenen längsten Eisenbahntunnel der Welt, wir erfahren, daß der für 100 Jahre ausgelegt sei, aber wohl auch 1000 Jahre halten würde, während überall 40°C warmes Gebirgswasser aus den Wänden dringt: das Schwitzen der Berge, ihre Lymfströme, Stein und Wasser, das alte Spiel. Es folgt die Erwähnung von Placidus Speschas „Entdeckungsreisen am Rhein“, ein recht frei stehender Bezug zum touristischen Wiederaufleben der Goldwäscherei bei Disentis, die Sprecherin betont den Ortsnamen auf dem e wie wir auch, bis wir die korrekte lokale (i-betonende) Aussprache vernahmen. Weiter gehts mit einer Gruppe in Neoprenanzüge gekleideter Passagiere der Räthischen Bahn, unterwegs nach Ilanz zum Ruinaulta-Rafting. „Schwarzes Loch“ wird eine dortige Stromschnellenstelle genannt und wir rufen unsere Leser dazu auf, einmal zu zählen, bzw uns davon zu erzählen, wieviele schwarze Löcher der Rhein insgesamt zu bieten hat. Vom Hinterrhein zeigt der Film vornehmlich die Rofflaschlucht. Doris Melchior, die Patronin des dortigen Ausflugslokals, berichtet wie bei Hochwasser das ganze Haus erzittert und führt zu einem bisher geheimen Wasserfall. Den Zusammenfluß bei Reichenau kommentiert Gian Battista von Tscharner, Schloßherr und selbsternannter Hofnarr von Schloß Reichenau: „in ganz Reichenau fließt es“. Der Mann, dessen breiten Rücken wir einst zwischen den Stauden seines Gartens verschwinden sahen, ist auch der erste Winzer am Rhein, die Spezialität unter seinen Rebsorten ist der Spätburgunder, seine Weine seien so dunkel, weil er eine schwarze Seele eigne. Schwarze Löcher, schwarze Seelen, schwarze Weine. Schwärzliche Würste, heißt es in unserm Hörspiel (s. obere Menueleiste). Adlerschwarz. Alpenschwarz. Schwarz ist die Trumpffarbe der alpinen Rheingegenden. Auf den Bodensee zu hält sich der Film bei Werner Wolgensinger auf, einem der wieder zahlreichen Rheinholzer im St. Galler Rheintal. Die Rheinholzer erhielten ähnlich den Goldwäschern zuletzt einige mediale Aufmerksamkeit. Angesichts der technisch eingeleiteten Bodenseemündung fällt schließlich das Wort vom „Kies als eigentlichem Rheingold“, ein hinkender Vergleich, aber besser als gar keiner.

Ruinaulta (2)

Bis weit außer Sichtweite schneidet sich die Rabiusa mit ihrem wilden Namen ins Tal, schnitzt dabei eine mächtige unzugängliche Schlucht Gott zu Gefallen – entsprungen bei den hinteren und eingefangen von den vorderen Rheinen. Irgendwo dort liegt das Walserdorf Safien, Welten von seinem Bahnhof Versam-Safien entfernt. Die Straße nach Versam ist nur unter vehementer und mehrfach akzentuierter Blickwurfgefahr passierbar, eine kleine Aussichtspyramide überhängt die Rheinschlucht und bietet, bescheiden am Straßenrand plaziert, einen der grandioseren Ausschnitte unserer guten Welt. Unten fließt der Rhein wohl noch auf den Schutttrümmern des Flimser Bergsturzes und er tut dies mit bezauberndem Wildbachcharme, d.h. mit dieser visuell so reizvollen schaumbekrönten Klarheit und in den Farben Klarlack, Amethyst, Turmalin und Türkis. Auch zwischen Versam, einem nett an den Hang gedrückten Dörflein und dem Bahnhof direkt in der Schlucht liegt noch eine gefühlte Sommertagesreise Fußweg und die Differenz einiger hundert Höhenmeter. Damit der Reisende sein Gepäck nicht den berg hinauf- und hinabschleppen muß, verkehrt ein per Verkehrsschild als gefährlich angekündigtes Postauto auf den Serpentinen. Auf halber Strecke läßt sich das verlassene Geistergefährt beim Verschnauferli am Wegrand beobachten. Neben dem Bahnhof steht an der Schlucht ein Zentrum für Kanu- und Energiereisende, es gibt zwei Wanderwege, einer führt schluchtauf, der andere schluchtab. Der Fels wirkt gespalten, bisweilen balanciert er nach Absturz riechende Brocken am Rande der Frischluft. Durchs dunkle Unterholz der schmalen Auwäldchen splitzert der Glitz des Vorderrheins. Der sich spaltet, eint und eilt und Schlaufen vollführt, mal rauscht und mal plätschert, meisenhaft zwitschert und die tief in den Kieseln verborgenen Gesichter freischleift. Zwierheinische Mündungen erfunden wirkender Wasserfälle, insgesamt herrscht eine Ästhetik der vorvorletzten Jahrhundertwende, gelegentlich gekreuzt von Räthischer Bahn und Helikoptern. Unmotiviert hinter feistere Kiesel geduckt läßt sich eine Groppe beim Schwanz aus dem Flußlauf ziehen. Sie windet sich, doch ihre Depressionen scheinen kaum mehr heilbar. Anstiege und Kiesbänke, raschlige Wasauchimmer geschäftigen durchs Gebüsch, übern Rheinkies schrabben grüßende Kanutengruppen. Und droben auf den Alpen werden die Ziegen von vorbeifliegenden Vögeln gemolken.

Übers Wasser gehn

Mit der Viafier retica hoch nach Reichenau. Die Sonne blendet als 200 Watt-Birne ins Tal. In Reichenau ist nicht viel außer Rheinzusammenfluß, was nicht wenig ist, aber niemand interessiert sich für den heiligen Ort. Ich suche den Einstieg in die Ruinaulta, die Schilder weisen auf Tamins, streng bergan. Die Pfeilspitzen der Schilder verlieren sich schließlich im Grau der Autostraße, zu unangenehm zum Weiterwandern, die Einheimischen kennen keinen Fußweg in die Schlucht „so etwas gibt es wohl nicht“, „so etwas soll wohl mal kommen“, „man kann bis da und dort zu Fuß gehen, dann aber endet man im Wald“. Im letzteren gähnt das Gutschaloch. Wenn es aus Reichenau-Tamins nicht recht hinaus geht, wird die Ortschaft schnell zum bedrückend-gebuckelten Kaff. Die nächste Bahn in die Schlucht geht in einer Stunde. Doch da!: führt ein Fußweg hinaus, auf Bonaduz. Hinterrhein also, statt Vorderrhein. Und: aufgetaute Schmetterlinge üben das Flügelklappen auf noch und schon entfalteten Alpenblüten, die haarige Kugel einer schwebenden Hummel wirkt um diese Jahreszeit wie ein Miniaturufo über den bleichen Halmen. Unter der Eisenbahnbrücke durch, unter der südlichen Autobrücke, an die „BÖHS“ gesprayt steht, unter der ein Zaunkönig huscht. Nach einer Viertelstunde verabschiedet sich der Wanderweg von der Fernstraße, der Fluß fließt plötzlich durch selbstaufgeworfene Inseln und übernimmt die Geräuschhoheit. Obgleich streng vorm Betreten des Flußbetts gewarnt, steige ich hinab in die Kiesel, sammle grüne, rote, gelbe, glimmernde derselben, darunter den berühmten Verde Andeer, schreite über den Rhein, der durchs Profil meiner Sohlen rinnt, Jesus muß sich ganz ähnlich gefühlt haben, am See Genezareth. Einige Minuten geht’s durch ein Schluchtidyll, wilder als in der Hauptromantik, und voller Schwirr-, Schmier-, Brumm- und Stechzwirren, mit ihren 17 Unterarten die lästigsten und verbreitetsten aller Schweizer Insekten, dann taucht, kurz vor Bonaduz, mit der Brücke auch der Verkehr wieder auf und überschwemmt die Lage mit seinem Rauschen.

Ruinaulta

Was der Rhein alles ist und wie er sich zeigt, schreibt Victor Hugo in „Le Rhin. Lettres à un ami“: „Er ist mal breit, mal schmal, er ist meergrün, durchsichtig, schnell, freudig und ganz erfüllt von der großen Freude, die allem Machtvollen eigen ist.“ Hinter Castrisch fällt er plötzlich in eine Schlucht. Sein Wasser wird turmalinfarben, bleibt zugleich durchsichtig. Pfeifend und rumantsch plappernd dringt die Rhätische Bahn in die Ruinaulta, neben einem schmalen Fußpfad bedeutet ihre Schmalspur die einzige Verkehrstrasse in einem Gelände voll herrlicher Wildheit und Anspielungen auf Kulissen und Koloration der Winnetou-Filme. Über 1000 Gipfel, 614 Seen und 150 Täler soll Graubünden aufweisen. Doch diese Schlucht, die auch als Schweizer Grand Canyon bezeichnet wird, mag sie alle an Faszination übertreffen – was aus dem Zugabteil leicht Reden ist und nach Möglichkeit bei der ein oder anderen Fußwanderung überprüft werden soll. Vor gut einem Jahr habe ich diese beeindruckende Schlucht samt Flimser Bergsturz ehrfürchtig bis gethrillt und sowieso höhenschwindlig von weit oben an der Asfaltstraße durch eine passende Baumlücke betrachtet; jetzt zockle ich auf ihrem Grunde durch sie hindurch und kann weder diese Vorgaben an Idyll noch die Möglichkeit, sie per Eisenbahn zu queren, richtig fassen. Der Mittelrhein ist ein Abklatsch davon. Ein aufgepumpter. Klassischer Fall für Verlust qua Potenzierung, Mediokrität nach sich ziehende Kulturvervielfältigung. Hier jedoch springt der Fluß wie die Konsonanten der romanischen Sprache, er felselt, besteht aus mehr Kies als Wasser, rauscht, knautscht und gautscht. Nach seinen Taten und Sagen muß man suchen, sie werden einem nicht aufs Auge gedrückt. Kaum jemand hält sich in dieser unsäglich attraktiven Wildnis auf. Die Zugpassagiere wollen allesamt nach Chur. Die Schluchtbahnhöfe liegen weit unterhalb der Ortschaften mit Namen Valendas-Sagogn, Versam-Safien, Trin (Halt bei Bedarf). Kurz vor Reichenau tritt der Lauf aus der Schlucht, das türkisfarbne Wasser fügt sich zum geschmeidigen Dreischneuß des Zusammenfluß`, über den die Rhätische Bahn hinwegschwebt. Die Schneegrenze wird zur Grenze vereisten kalten Schweißes, denn ab Domat-Ems schwitzen die Berge ihre erdrückenden Depressionen aus. Unterhalb Chur bewirbt ein Plakat: www.gottkenner.ch (Fehler! Die von Ihnen aufgerufene Adresse http://www.gottkenner.ch/ ist zurzeit nicht erreichbar. Bitte überprüfen Sie die korrekte Schreibweise der Webadresse (URL) und versuchen Sie dann die Seite neu zu laden.)

Ilanz

Sehr profan, fast kanalartig und ziemlich grau im Gesicht erscheint der von lauten vordergründigen Asfaltbändern eskortierte Rhein (Rein anteriur) in Ilanz. Kaum vorstellbar, daß er kurz darauf in der Ruinaulta zu einem Naturfänomen erster Kategorie aufläuft. Die Stadt Ilanz selbst, wies heißt “die erste am Rhein”, auf 702 Metern Höhe gelegen, gibt sich merklich kühl. Es ist die Zeit zwischen den Saisons, das von außen etwas ranzige, mit einem abstrusen Verkehrsschild behaftete, insofern erfahrungsgemäß vielversprechende Museum Regiunal Surselva hat leider geschlossen. Ein paar Hotels, darunter ein kastenförmiges, mehrstöckiges, ein paar mehr Restaurants, drei oder vier Pubs: Ilanz gibt äußerlich ein urban übertünchtes Dorf, und läßt sich als solches furchtbar schnell abschreiten. Als Besonderheiten fallen auf: Zwei Häuser mit bündnertypisch illusorischen Fensterverzierungen, traditionelle Versuche am 3d-Effekt. Die Gewölbemalereien in der reformierten St. Margarethenkirche. Gotische, eichelnbewachsene Ranken umwuchern Renaissancemotive: das zentrale Heiliggeistloch (durch das vor der Reformation zu Pfingsten der Heilige Geist in Gestalt einer Holztaube eingelassen wurde) ist mit tierischen Evangelisten umrahmt, vierfach im Geranke versteckt und doch präsent lugt der zierliche Tod (schwertumgürtet, pfeileschießend, Waage und Stundenglas haltend, Schach mit einer Frau spielend) auf die Gemeinde herab. Das lyrische Apotheken-Schaufenster zum Thema „Aromabäder“, gestaltet von Patienten und Team der Psychiatrischen Tagesklinik: „In Fichtennadeln baden, das ist mega, / da brauch ich nach dem Boarden keine Rega!“ Die Ilanzer Artikel zur Trennung von Kirche und Staat aus den Jahren 1524 und 1526, bzw. ihre ausgeschilderte Existenz als Bedeutungsgeber der Ortschaft. Die von den lange vorherrschenden Schmid von Grünecks erbaute Casa Gronda (1677), wichtigstes Profangebäude des Städtchens und bedeutendstes Bürgerhaus des Bündner Oberlands. Die goldene Krone, durchflossen vom Rhein, am Obertor, sowie die einsame und todtraurige, aus einer fernen Welt dem mittelalterlichen Kopfstein eintransplantierte Parkuhr davor. Das Mundaun Center, eine gut getarnte Einkaufshalle samt Kantine, in der sich zumindest um die Mittagszeit das eigentliche Stadtleben abspielt. Der Glogn/Glenner, ein rascher Rheinzufluß aus den stilisierten Bergen. Schi ditg che siattan cuolms e vals stai ferm Surselva nossa. Abfahrt!