Vorderrheincruising (2)

Ganz und gar durchzogen von flachen, dünnen, geteilten, in ihren zerwühlten Betten zeitlos-unverständliches grummelnden Rheinen, blauschattigen Wiesen, versteckten Industrien und urigen Holzdörfern, behütet vom Skitourismus: die Surselvaner wachsen noch direkt aus den Böden ihrer Magerwiesen. Was die Maulwürfe hier oben wohl suchen? In Einmachgläsern sterilisierte Voressen zwischen deftigen schwärzlichen Würsten, in Mangoldblätter und Spätzleteig gewickeltes Trockenfleisch und Sedruner Käse unterfüttern das Dasein mit Nährsubstanz. „Wenns hagelt, dann Salsiz!“ Oder Dachlawinen. Das eine ins andre gewandelt per Photo Play. Zwischensaison schafft Zwischenwelten mit Zwischenwesen. Von Sedrun ein Spaziergang von Sommer zu Winter und retour. Leicht eisbedeckt die stark abfallende Straße ins hier inmitten heftigster Natur nie vermutete Kies- und Industriegebiet: Räumfahrzeuge und Laster, Schienen und energieentzogener Restrhein. Lärm, Eis, Schatten, Staub, Rauschen, Kälte. Röhren und Maschinen. Dazwischen überleben auf unbekannte Art leicht deplaziert anmutende Arbeiter in Signalwesten. Gauklerblume und Moorlurch leben hier sommers, direkt am Werkzaun weist ein Schild die Szenerie als Naturschutzgebiet aus. Es ist der 19. November 2009 um 12.36 Uhr, an der genauen Grenze zwischen Sommer und Winter, als es mir erstmals gelingt, mit einem einzigen Satz (und trotz der schweren Stiefel trockenen Fußes) über den Rhein hinwegzuspringen. Die Sonne brennt dieweil, weils besser aussieht, den Reif von Büschen und Matten, unterm verziehenden Reifdampf wandelt sich der verbliebene Tau in glitzernde Juwelen, als hätten die Maulwürfe die Wiese mit Perlensaat bestreut bzw. als seien diverse Sternschnuppensplitter über Nacht zu funkelnder Kitschbeleuchtung in Pipilottiristfarben gereift. Vergleichstest: schmeckte der Hinterrhein mineralisch, schmeckt der angeeiste Vorderrhein vor allen Dingen weich. Jenseits des Rheinflüßleins ragt der düstere Kaltwald, und diesseits auf Rueras, Sedrun, an dessen Holzhäusern Vic Hendrys romanische Heimatgedichte zu lesen stehen, blöken die Schafe vor fototapetentauglicher Bergkulisse ihr ewiges warum? warum? warum?