Am Ende der Rhein

Als schwarzen Sarg des Rheins stellt sich Roger Monnerat den Rotterdamer Hafen zu Beginn seines Erzähl-Essays Am Ende der Rhein. Vom Verschwinden der Realien im Hafen von Rotterdam vor. Das vor allem, weil der Basler Autor im Laufe der Sandoz-Katastrofe von 1986 sich mit niederländischen Tauchern unterhielt, welche die Reinigungsarbeiten auf dem Schweizerhaller Rheingrund gegenüber ihrer sonstigen Tätigkeit im Rotterdamer Hafen als „Sonntagsspaziergang“ bezeichneten: „Sie können da mit der stärksten Lampe hinuntergehen, Sie sehen Ihre Hand nicht vor dem Gesicht; es ist tintentuschekohlerabenschwarz dort unten, unerträglich kalt und klamm, unerträglich laut. Das Dröhnen von Motoren aus allen Richtungen läßt Sie die Orientierung verlieren, und bei jeder Bewegung haben Sie das Gefühl, schwarze Schleimschlingen würden nach Ihnen greifen und Sie in den Schlick am Grund hinunterziehen, wo sie von rostzerfressenen Stahlträgern aufgespießt oder von rostzerfressenen Stahlkanten zerschnitten werden. Sie sind in einem schwarzen Fass eingesperrt und wissen, dass die Rasierklingen aller Matrosen aus aller Welt nur darauf warten, Sie und die Schläuche Ihrer Ausrüstung aufzuschlitzen.“ Gut zwei Jahrzehnte später treibt es Monnerat nach Rotterdam, endlich das Ende des Rheins zu schauen, eine Reise, die auch zur Allegorie auf den gleichzeitig voranschleichenden Tod seines Vaters wird. Glaubt man den Ausführungen des Autors, so liefert Am Ende der Rhein wie nebenbei wahrscheinlich die erste ausführlichere Beschreibung Rotterdams, denn: „Bei meinen Reiseerkundungen stellte ich fest, dass Rotterdam offenbar keines Besuchs wert befunden wird. Es gibt weder auf Deutsch, Englisch oder Französisch einen Stadtführer für Rotterdam und in den Führern für Holland sind über Rotterdam nicht mehr als drei Seiten zu finden. Vermutlich, weil Reisende das Alte suchen und Rotterdam fast nichts zu bieten hat, das älter ist als ich.“ Monnerat streift also durch diese scheinbar geschichtslose, erst von den Bombardements der Wehrmacht, dann von jenen der Alliierten niedergemachte Stadt, beschreibt ihre heutige Architektur, den berühmten Hafen, kommt einem unerklärlichen Geheimnis desselben auf die Schliche, schweift ab in Assoziationen über gelesene Bücher und gesehene Bilder, übersieht bei Rotterdams Errungenschaften lediglich den Gabber Techno und liefert letztlich ein seltenes, dafür umso interessanteres, bildstarkes und persönliches Reisebüchlein, das über den Buchhandel garnicht so leicht zu erhalten ist, erschienen in der schlichtschönen édition sacré in signierter und numerierter 400er-Auflage und rheinsein eine starke Empfehlung wert.

Neues aus dem Sommerloch (3)

Die Nachrichtenlage nähert sich in hiesigen Gefilden bereits seit Mitte Mai mit Ansage ihrer alljährlichen Sauregurkenzeit, dem gefürchteten Sommerloch, weswegen der Rhein als Themengenerator wieder stärker in den Fokus der Tagespresse gerät. Da werden plötzlich exotische Tiere im Fluß ausgemacht, die eigentlich schon recht lange zugewandert sind. Krokodile, die sich alsbald als hölzerne erweisen, sind bisher noch keine drunter. (Dabei wurde bereits im März bei Duisburg-Mündelheim, taktisch wohl etwas zu früh, ein solches gefilmt und auf Youtube eingestellt.) In einem Artikel „Darum ist es am Rhein nicht so schön“ konstatiert der Kölner Stadt-Anzeiger nach all den Jahren längst in vielfältigen Publikationen von uns bedichtete Fänomene wie die Graffiti an der Zoobrücke, die vermüllten Pfade, die verwilderte Uferböschung und darüberhinaus noch (bisher von uns unbedichtete) Blumenbeete ohne Blumen. Die Autoren beziehen sich dabei aber nicht auf unsere Texte, sondern auf die deutlich älteren Kollegen Adolf von Bergsattel und Franz Suppan, die in den 1920ern in ihrem populären gleichnamigen Lied fragten „Warum ist es am Rhein so schön?“. Darin heißt es unter anderem „weil die Mädel so lustig / und die Burschen so durstig / darum ist es am Rhein so schön“. Diese wiederum altbekannten rheinischen Tugenden beklagt ein weiterer Artikel desgleichen Blattes, übertitelt „Ballermann am Rhein“, der nun erstmals von der ebenfalls seit Jahren und Jahrzehnten in der Stadt zu beobachtenden Entwicklung zum Ganzjahreskarneval handelt, indem er die Junggesellenabschiede in der Altstadt entdeckt und warnt: „(…) Ein (…) Risiko gehen die Anbieter von schicken Flusskreuzfahrtschiffen ein, wenn sie sich dafür entscheiden, in Köln gleich am Altstadt-Ufer Station zu machen. Als im neuen Vorzeigeschiff von TUI bei der Jungfahrtfahrt den fein gemachten, zahlenden Gästen das aufwendige Sechs-Gang-Abendessen serviert wurde, turnte ein Junggesellenabschied anderthalb Stunden mit einem aufblasbaren Riesenpenis vor den Panoramascheiben herum. (…)“ Die Rheinische Post wiederum scheint sich, als Rüstzeug für das dräuende Sommerloch, auf Meldungen zum Schiffsverkehr zu konzentrieren: „Es war ein lautes Krachen, das in der Nacht (…) viele Emmericher weckte: Gegen 1 Uhr kollidierte das Tankerschiff „Margaux“ mit dem Passagierschiff „River Concerto“ in Höhe des Segelflughafens aus noch bislang unbekannter Ursache. (…) Die 132 Fahrgäste, die bei dem Unfall aus dem Schlaf gerissen wurden, mussten ihre Kabinen verlassen. In Bademänteln und mit Rettungswesten standen sie mit den 36 Besatzungsmitgliedern an Deck, als das Schiff aus eigener Kraft den städtischen Steiger ansteuerte, damit Rettungskräfte an Bord kommen konnten.“ Die Passagiere wurden dann im Kernwasser-Wunderland Kalkar untergebracht, was bei uns einige Verwunderung darüber auslöste, was unter einem Kernwasser-Wunderland zu verstehen sei. Eine weitere Meldung der Rheinischen Post betraf den Düsseldorfer Hafen, in dem ein Kohlefrachter aus Rotterdam auf Grund gelaufen war und für mehrere Stunden die Einfahrt blockierte. Das Schiff hatte für den niedrigen Wasserstand zuviele Kohlen geladen, weshalb die Hafeneinfahrt für einen Tag gesperrt werden mußte. Conclusio: „Von der Sperrung waren jedoch nur zwei Binnenschiffe betroffen.“

Das Nashorn vom Rhein

Das Nashorn vom Rhein war (nebst Wasserbüffel und Flußpferd) eines von drei frühen Schubschiffen der Reederei Raab Karcher und wurde zum Star eines wunderbaren Lehrfilms des Museums der deutschen Binnenschifffahrt in Duisburg-Ruhrort. Der gleichnamige Film zeigt aus Kapitänswarte die Einfahrt eines Schubverbands mit vier Leichtern à 1500 Tonnen Verfassungsvermögen in den Rotterdamer Hafen, das dortige Aufnehmen von Schwedenerz für die Hüttenwerke am Niederrhein und die weitere Bergfahrt, „in Gottes Namen“, vor allem durch die schwierige Passage am Binger Loch, mit Ruhrkohle für das Badenwerk in Karlsruhe. Der Kapitän erklärt Schiff, Leichter und Manöver und weist auf die herrlichen Landschaften des Stroms, für die er angeblich keine Blicke haben darf. Auf Youtube ist der knapp viertelstündige Film gestückelt, hier geht es zu Teil 1 und hier zu Teil 2.

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE (3)

Mutiger Beginn des letzten Dokuteils, wiederum von Klaus Kafitz: Drachenfels, Köln und Düsseldorf sind in ca 15 Sekunden abgehandelt. Im Duisburger Hafen werden 21 Becken gezählt, die Hängebrücke von Emmerich hält irgendeinen Rekord, bei Kalkar hockt Rudi Hell auf seiner Grieth, dem angeblich letztverbliebenen Schokker am Rhein, um Aale und Chinesische Wollhandkrabben aus seinen Fluten hervorzuziehen. Die Grieth ist gewiß nicht der einzig verbliebene Aalschokker auf dem Fluß, vielleicht aber der einzig aktive. Über die Wollhandkrabbe weiß Wikipedia: “Zur Zubereitung werden die Krabben mit Schnüren zusammengebunden, um zu verhindern, dass der wohlschmeckende Saft beim Kochen austritt. Danach werden sie in Dampf gegart. Weil die große Menge von Wollhandkrabben aber nicht ausschließlich in der Gastronomie verwertet werden kann, erfolgt eine Nutzung vor allem gewerblich-industriell, etwa zur Chitosan-Herstellung und zur Biogas-Produktion. Chitosan ist ein begehrter Rohstoff, der z. B. bei der Abwasserbehandlung, in der Medizin (Nahtmaterial), in der Landwirtschaft (Saatgutbehandlung) und in der Lebensmittelindustrie eingesetzt wird. (…) Inzwischen soll die Art sogar von Europa in das Ursprungsland China zurückverfrachtet werden, um die dortigen Bestände zu stützen (…)” Bei Lobith finden Jugend-Speedboatmeisterschaften statt, in Schoonhoven am Lek sehen wir einer Kunstmalerin beim Aquarellieren von Strandkühen zu. Kühe im Wasser und Kühe am Rhein seien ein Markenzeichen der Niederlande, sagt die Malerin, der es nur aufgrund jahrelanger Gewöhnung vergönnt ist, bis auf wenige Meter an die scheuen Tiere heranzukommen. Hausboote, Windmühlen. Die Merwede verbreitert sich zu einem imposanten Fluß- und Inselsystem: de Biesbosch, im kleinen Holland ein Nationalpark so groß wie ganz Paris, mit Fischadlern über Polderland. In Bodegraven am Oude Rijn steht eine Biermühle, in Koudekerk aan den Rijn die einzige Klappbrücke über den schmalen Restfluß, der bei Katwijk als kleinster von fünf Mündungsarmen in die Nordsee fließt. Bei Rotterdam wird Westland, die gläserne Stadt, in der vornehmlich Gewächshausgemüse wohnt, bei Regenknappheit rheingespeist. Es sieht wie eine kosmische Versuchsanordnung aus, wenn ein einsamer Gärtner, für ein fünf Fußballfelder großes Gewächshausareal alleinverantwortlich, leuchtend grünen Kopfsalat in Klarsichttüten schneidet, während um ihn herum im nichtbeschriebenen Raum des computergenerierten Gewächshausklimas fantastische Neozoen sich ausbilden, nukleargetriebene Untiere, farblose Läuse, UV-Strahlen absondernde Motten und mimikryfähige Blütenpredatoren – ein schillernder und versöhnlicher Abschluß der Reihe, bei der Lang- und Kurzweil sich in etwa die Waage halten.

Frankfurt am Main (2)

“(…) We made a short halt at Frankfort-on-the-Main, and found it an interesting city. I would have liked to visit the birthplace of Gutenburg, but it could not be done, as no memorandum of the site of the house has been kept. (Gutenburg, Gutenberg, wer weiß? Die beiden werden ja häufiger verwechselt. Anm. Rheinsein) So we spent an hour in the Goethe mansion instead. The city permits this house to belong to private parties, instead of gracing and dignifying herself with the honor of possessing and protecting it. Frankfort is one of the sixteen cities which have the distinction of being the place where the following incident occurred. Charlemagne, while chasing the Saxons (as HE said), or being chased by them (as THEY said), arrived at the bank of the river at dawn, in a fog. The enemy were either before him or behind him; but in any case he wanted to get across, very badly. He would have given anything for a guide, but none was to be had. Presently he saw a deer, followed by her young, approach the water. He watched her, judging that she would seek a ford, and he was right. She waded over, and the army followed. So a great Frankish victory or defeat was gained or avoided; and in order to commemorate the episode, Charlemagne commanded a city to be built there, which he named Frankfort — the ford of the Franks. None of the other cities where this event happened were named for it. This is good evidence that Frankfort was the first place it occurred at. Frankfort has another distinction — it is the birthplace of the German alphabet; or at least of the German word for alphabet — BUCHSTABEN. They say that the first movable types were made on birch sticks — BUCHSTABE — hence the name. (…) In Frankfort everybody wears clean clothes (…). Even in the narrowest and poorest and most ancient quarters of Frankfort neat and clean clothes were the rule. The little children of both sexes were nearly always nice enough to take into a body’s lap. And as for the uniforms of the soldiers, they were newness and brightness carried to perfection. One could never detect a smirch or a grain of dust upon them. The street-car conductors and drivers wore pretty uniforms which seemed to be just out of the bandbox, and their manners were as fine as their clothes. In one of the shops I had the luck to stumble upon a book which has charmed me nearly to death. It is entitled THE LEGENDS OF THE RHINE FROM BASLE TO ROTTERDAM, by F. J. Kiefer; translated by L. W. Garnham, B.A. All tourists MENTION the Rhine legends — in that sort of way which quietly pretends that the mentioner has been familiar with them all his life, and that the reader cannot possibly be ignorant of them — but no tourist ever TELLS them. (…)”

(aus: Mark Twain – A tramp abroad, Chapter I)

Der Rhein für die gebildeten Stände (2)

Vom Bodensee bis Basel, wo der Rhein schon eine Breite von 750 F. erhält, hat er ein felsenreiches Bett. Von Basel aus wird sein Bett von vielen Inseln durchschnitten, die jedoch zum größten Theil blos aus Sand- und Kiesbänken bestehen, welche häufig von einer Seite weggerissen und an der andern wieder angesetzt werden. Von Breisach herab trifft man schon mehre bestaudete und selbst angebaute Inseln. Zwischen Strasburg und Germersheim ist das Bett immer noch sehr inselreich, aber der größte Theil dieser Inseln ist mit Gebüsch bewachsen. Zwischen Strasburg und Speier ist der Rhein 1000—1200 F., bei Mainz 1500—1700 F., und bei Schenkenschanz, wo er in die Niederlande eintritt, 2150 F. breit. Die Tiefe des Rheins beträgt 5—28, bei Düsseldorf sogar 50 F. Bei Schenkenschanz theilt er sich in zwei Arme, wovon der südl. die Waal heißt, zwei Drittheile seines Gewässers nimmt, sich hernach zweimal mit der Maas vereinigt und unter dem Namen Merwe in das deutsche Meer fließt. Der nördl. Arm des Rheins hatte vormals in seinem Laufe nach Arnheim zu mehre Windungen; seit 1720 aber hat man von der Waal aus bei dem Dorfe Pannerden einen Kanal gegraben, wodurch das alte Bett des Stroms nun größtentheils vertrocknet ist. Durch diesen pannerdenschen Kanal fließen jetzt die Gewässer des Rheins fort, nachdem sie sich unterhalb Millingen von der Waal getrennt haben. Ehe dieser Arm des Rheins nach Arnheim kommt, theilt derselbe sich wieder oberhalb Westervoort und bildet die sogenannte neue Yssel. Diese Abtheilung des Stroms ist eigentlich der Kanal, den Drusus graben ließ, indem die Gewässer sich bei Doesburg mit der alten Yssel vereinigen und zuletzt sich in die Zuydersee ergießen. Von da, wo sich der Drusische Kanal von dem Rheine trennt, wendet dieser letztere sich nach Arnheim und behält seinen Namen, bis er bei Wageningen und Rhenen vorbei ist, wo er Lech heißt und auf Wyk bei Durstede fließt. Von hier floß sonst der Rhein mit vollem Strome nach Utrecht, jetzt ist aber nur noch ein sehr schwacher Arm übrig, der krumme Rhein genannt. Weiterhin, Vianen gegenüber, ist schon vor mehren Jahren aus dem Lech ein Kanal gegraben worden, welcher nach Utrecht geht und gewöhnlich die Vaart genannt wird. Da derselbe mit Schleusen versehen ist, so kommen auf demselben sehr beträchtliche Schiffe nach Utrecht und von da weiter nach Amsterdam. Unterhalb Vianen sondert sich ein kleiner Arm vom Lech ab, den man die Yssel nennt, und der sich eine Meile oberhalb Rotterdam in die Merwe ergießt. Der Lech fließt von Vianen nach Schoonhofen und geht oberhalb Crimpen op de Lek in die Maas. Von den Gewässern des Rheins, die nach Utrecht fließen, geht abermals ein Arm ab, welcher die Vecht genannt wird und sich nach einem achtstündigen Laufe bei Muyden in die Zuydersee ergießt. Der übrige Rhein fließt von Utrecht nach Leyden, wo er beinahe einem Graben ähnlich sieht. Bei Rhynsburg vorbei kommt endlich dessen kleines Gewässer, drei Stunden von Leyden, nach Katwyk op Rhyn, wo derselbe eine halbe Stunde davon sich noch zu Anfange dieses Jahrh. in den Sand verlor. Sonst hatte der Rhein da einen Ausfluß in die See bei Katwyk op Zee. Nach einigen vergeblichen Versuchen, die alte Mündung wieder zu öffnen, welche durch die entstandenen Dünen verschwunden war, hat man erst seit wenigen Jahren die Schwierigkeiten völlig überwunden, indem man in einem Kanale die in den Sand sich verlierenden Gewässer des Rheins gesammelt hat. Am äußersten Ende desselben befindet sich eine Hauptschleuse, eine zweite inmitten, beim Anfange der Seedünen, eine dritte kleinere beim Ausgang des Kanals aus dem Rhein, und so ist durch Hülfe der Kunst der Ausfluß des Rheins wiederhergestellt worden. Hierbei hatte man den Hauptzweck, die niedrigen Gegenden der Provinz Holland von dem überflüssigen Wasser zu entledigen und dadurch deren Werth zu erhöhen, welcher Zweck auch in hohem Grade erreicht worden ist.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Fiebrig durch Konstanz (2)

Von brennenden Ghettos schreibt Jochen Kelter in seinem Konstanz-Gedicht „Ruderer“ von 1982 und von acht Mann, die sich auf dem Seerhein ranlegen, als wollten sie übers schilpende Wasser bis Stein oder Rotterdam, während überm Ried der Mond mit der Republik seine Schärpe tauscht. Kräftige Bilder, an deren Entschlüsselung wir noch arbeiten. Das Konstanzer Ghetto ist auf unseren fiebrigen Erkundungsgängen nicht zu entdecken, wahrscheinlich ist es mittlerweile überbaut oder versteckt sich im Internet. Tatsächlich hat ein User auf Youtube einen Konstanzer Ghettorap eingestellt, in dem es unter anderem heißt: „Konstanz, diese Psychostadt ist krank / vor ihr hat sogar der Teufel Angst (…) Aufgewachsen bin ich in dunklen Gassen / wo Freunde dich verraten und eigentlich hassen (…) Abschaum City (…)“ Der relativierende Refrain: „Diese eine Stadt, in der ich aufgewachsen bin / diese eine Stadt, in der ich immer bleiben will / Das ist nicht nur Ghetto, sondern auch ein guter Shop“ Lyrische Zeilen über Konstanz, mutmaßen wir, sowohl von uns auf andere schließend, als auch aufgrund solcher Fremdzeilen, unterliegen offenbar, solang sie in der Gegend selbst entstanden sind, unmittelbar den Ausdünstungen des Seewassers. Deren Schwingungen versetzen nicht nur den Körper in erhöhte Temperatur, sondern auch den Geist in matschbirnigen Frohmut: „Durch die Gitter meiner Zelle / grüßt der See mich jeden Tag. / Lächelt mir mit jeder Welle, / und vergessen ist die Plag`“ schreibt Hans Arnold 1885 einen „Gruß aus dem Konstanzer Amtsgefängnis“. Der See wirkt also schon länger. Und die von ihm ausgelösten Fieberwellen bewirken, daß wir uns vorstellen müssen, wie es früher, als alles noch viel größer war, der See das Rheintal bis weit in die Alpen hinauf füllte, zugegangen sein mochte: welche Sorte Saurier wohl an seinen Ufern sich tränkten und fraßen, welche Urfelchen ihre Traumräume vom Landgang, vom Fortflug gar, verwoben, welche Außerirdischen die Gegend damals besuchten, um Bodenproben zu entnehmen und schicke abenteuerliche Postkartenmotive ausfindig zu machen, welche Grundschulkinder – jedoch nur in hirngewebeähnlicher Spontanmanifestation eines letztlich materielosen kugelblitzförmigen Welt/Geistes – in aus damaliger Sicht ferner Zukunft die brennenden Ghettos von Konstanz in Wasserfarben zu bannen hätten. Wir wollen uns solche Szenen nicht vorstellen, wir müssen es. Das Seefieber zwingt uns dazu. Die Wasseroberfläche säuselt – oder surrt wie eine Stechmücke, ganz nah am Ohr. Vielleicht meint Jochen Kelter mit seinen acht Ruderern heroische Kämpfer, die sisyfotisch versuchen, die Wasseroberfläche zu erschlagen. Vielleicht angelehnt bei den Sieben Schwaben, die ursprünglich einmal neun gewesen sein sollen. Und von denen einer Seehas geheißen haben soll. Wie man heuer die Konstanzer nenne oder diese sich selbst oder die Friedrichshafener sich oder andere am See. Weil der Hase ja (bei den Sieben Schwaben) ein Ungeheuer und als Seehas in Fisch-Hasen-Mischform… Es gibt eine Pille gegen das Seefieber. Wer die einwirft, hat für 24 Stunden davor Ruhe. Und vor allem anderen auch. Der dämmert weg in wohlige Welten, während am Horizont das leise Geknister und die Rauchzeichen brennender Vorstädte mit der Unerheblichkeit ausgestorbener, noch dazu niemals bekannter Randvölker und ihrer Dialekte vor sich hinwerkeln und nuscheln: aus Weltraumsicht, elf hoch fümmunzwanzig Galaxien weit entfernt von der Erde.

Rheintochter (3)

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Kopf einer Rheintochter auf einem Stein, (…) Ablagerungen aus Eisenerz (…) am Rheinufer, mitten im Kies, mit den Rheintöchtern darin baden…, mit der Rheintochter aus gutem Haus ein paar Schritte darüber schreiten oder gehen, unsere Leben, unsere nicht überlieferten Gedanken und Empfindungen, die in Eisenkernen, Eisenatomen und Blutplasma gespeichert sind, werden in Zeiten die Winde verwehen, unbeschrien, gehend, schreitend über Kies und Sand, am Übergang von Wasser zu Land, bei Verstand, Wachsein, dann wieder schlafend, denkend, träumend, in Wellen eintauchend, in das Licht, es aufnehmend, von der Sonne beschienen, Dinge im Licht der Sonne erkennnen, Empfindungen wahrnehmend, loslassend, mit der Strömung gehen lassend, eine Welle schlägt ans Ufer (…), immer wieder neue Wellen, neues Leben, vetrautes Leben, Leben, Wellen die sich gleichen, ähneln, immer wieder entstehen, nach einem vetrauten Muster… Es ist dein Muster, it is your pattern, darin du lebst und gehst im Kreis, über dem Ozean verdunstet das Wasser, über dem Meer, die Wolken bringen es uns als Dampf zurück, spenden Regen, aus dem Ozean kehren die Aale zur Leichzeit zu uns in die Flüße zurück, nicht nur von den Rheintöchtern und den Fischern erwartet, via Rotterdam, spenden Leben, sind Raubfische, Aasvertilger, Teil der Nahrungskette, wie wir, “wer ist der Retter, wenn der Mensch verreckt, das Insekt, das Insekt” (Der Plan aus Düsseldorf) Gott, was ist dein Plan mit uns? Wir erhellen uns im Rausch, um etwas davon zu erhaschen, zu erkennen…

(Bild und Text ergeben einen Gastbeitrag von Rainer Vogel. Rheinsein dankt!)

Rheintiere

Heute im Kölner Zoo die Schautafeln gesehen, auf denen Elefanten auf den Trampelpfaden am Niehler Ufer und Kamele über die Zoobrücke flanieren: fotoshopgenerierte, recht lebensecht wirkende Vermengungen urbanen und selvatischen Lebens, eine hübsche Idee, zumal die Tiere im Zoo, darunter nun auch ein Tapir (ein veritabler Salatfreund) die Rheinluft zu schnuppern ja reichlich gewohnt sind (der Fluß fließt praktisch nebenan), daß es gradezu Wunder nimmt, daß nicht ständig tierische Ausbruchsversuche geschehen. (Immerhin: den himalayischen Halsband- und Alexandersittichen, die mittlerweile einige Städte der Rheinschiene und sogar noch ganz andere freifliegend bevölkern, wird nachgesagt, sie hätten ihren anhaltenden deutschen Eroberungsfeldzug vom Kölner Zoo aus begonnen.) Im angeschlossenen Aquarium findet sich die gesamte Rheinstrecke raumgrafisch stilisiert, darunter abgetrennte Becken mit jeweils der alpinen, bodenseeischen, ober-, mittel-, niederrheinischen Fischfauna, im Mündungsbereich des Rotterdamer Hafenbeckens zieht der aquaristische, ansonsten selten gesehene Sterlet seine ruhigen Runden und direkt gegenüber der amazonische Arapaima (ein menschenähnlich-mystisches Schwimmwesen, in dessen Visage Jahrtausende abzulesen sind), in einem Zwischenbereich der Piranha, der ja in einigen industrienahen Rheinzonen im warmen Abwasser leben, gar überwintern soll. Ich stelle mir einen Rheintsunami vor, eine Riesenwelle, die die Tiere anland, ins weitgehend unvergitterte Rheinland schwemmt. Clown- und Nasenfische ziehen an meinem Fenster zum Hinterhof vorbei. Überhaupt werde ich dort, in dieser Hinterhofmulde, eines Tages, wenn der Nordseespiegel steigt, meine Gondolieren festmachen, um Touristen auf den neuen Wasserwegen durch die Stadt zu schaukeln, lang kanns nicht mehr dauern und es wird mindestens ebenso romantisch werden und monetär sicher einträglicher als mein bisheriges Dichterleben.

Kaiserswerth

Über den Gründer der Diakonie, Theodor Fliedner, schreibt Rev. William Fleming Stevenson in seinem Buch „Praying and Working“ (London 1862), das von Lebenswegen berühmter Christen erzählt, und nimmt dabei mit Thomas Hood (dessen Stil er mäßig kopiert) und Lord Byron einen langen rheinischen Anlauf, bevor er „The blue flag of Kaiserswerth“ sichtet: „Up the Rhine, has no more the meaning it bore in Thomas Hood`s exquisitely droll itinerary, – not so long ago, but for this railway and now telegraph speed at which the world is flying past us, – when it meant leisurely sailing for days together from the very Rhine mouth up to Basel, with nightly bivouacs at the villages on either side, and endless opportunity of observing the vicissitudes of social life from the crowded quarter-deck. For the first point of departure from Rotterdam is now the pretty station of the Dutch-Rhenish Railway, and along this railway you are whirled at a steady, comfortable pace, without so much as a peep at the rejoicing river, or at anything else, save a deep, full ditch, close to the rails, an occasional sand-hill, or flat colourless fields where the hard soil is bleached by the sun, until you see the towers of the great cathedral at Cologne, and there take the water for Coblenz and Bingen. But should any one be simple, quiet, and old-fashioned enough to embark at the Boompjes, in one of the fast Rhine steamers, and be content to look, for two days, at a row of bulrushes on the one side and poplar trees upon the other, or at poplar trees upon the one side and a row of bulrushes on the other, he will not only come upon the exquisite scenery higher up with all the advantage of contrast and relief, but will probably see, about an hour before reaching Düsseldorf, a strange flag floating from a tower upon the left. It is not time for the „Fruit, foliage, crags, wood, cornfield, mountain, vine / And chiefless castles breathing stern farewells, / From green, but leafy walls, where rain greenly dwells;“ the only rising ground in sight is on the horizon, and the tower is only the relic of a windmill. Neither does the flag suggest anything of battles passed below, but is simply a large blue flag, bearing in the centre a white dove with an olive branch. It is the signal that you are passing Kaiserswerth, a paltry, ordinary village, as you would presently say, looking at the houses that straggle down to the river; and is nothing more, notwithstanding its ruins of the eleventh century, and that St Suibert, the first evangelist of the district, is buried in the Pfarrkirche. Moreover, on nearer inspection it turns out to be dirty, as most Roman Catholic towns unfortunately are. And yet it is better worth stopping at than St Goar or Ehrenbreitstein. It is the seat of a movement which is exercising a profound influence on the German Church, and drawing no little attention from England, as well; where an unpretending German clergyman has been working out in his own way a problem which deeply concerns us all – the right relation of womanly gifts and service to the kingdom of God. (…)“