Wem gehört Paradise Island?

Aufgrund eines Berechnungsfehlers an den Führungsdämmen der Vorarlberger Rheinmündung entsteht im Areal Rorschach-Bregenz-Lindau eine neue Bodenseeinsel von der anderthalbfachen Größe der Reichenau. Weil auf dem Bodensee, ein völkerrechtliches Unikum, keine Landesgrenzen gezogen sind, erwächst mit der neuen Insel, die bereits Flora und Fauna anlockt, zugleich ein Eldorado für Aktivisten und Spekulanten verschiedener Couleur. Während die ratlosen, weil nicht zuständigen Länderregierungen das Fänomen mittels Verschweigen zu kontrollieren trachten, taufen Naturschützer das unbedingt vor der Menschheit zu schützende Neuland vom Festland aus auf den Namen Wildau. Doch schon bald ist die Niemandsinsel von Menschen besetzt: eine Gruppe junger Leute will mitten im Bodensee, “auf Glückau”, ihre Gesellschaftsutopien austesten. Aus Protest gegen diese Okkupation setzen sich nun auch die Naturschützer auf der Insel fest, die, ihrer ursprünglichen Wildheit beraubt, kurzerhand in Schönau umbenannt wird. Alsbald werden beide Aktivistengruppen von Baulärm überrascht: in einer Nacht- und Nebelaktion läßt der für seine Beziehungen zu den Emiraten bekannte Baulöwe Wildgruber Fundamente für die Hochhäuser einer ganzen Bankenstadt auf “Paradise Island” anlegen. Denn Wildgruber spekuliert auf das Ende des Schweizer Bankgeheimnisses und setzt auf gigantische Geschäfte mit einer neuen Steueroase.

Die gesamte Geschichte von Udo Zindel über das wundersame Auftauchen von Neuland im Bodensee ist nachzuhören unter dem Titel Wem gehört Paradise Island? im Archiv der SWR2-Sendung Wissen.

Sommerloch-Walversprechen oder: Wels frißt Dackel (Großeweitewelt-Mix feat. Tagblatt Online)

Die Worte Wels und Waller (Waler, Weller, Wähler, Valant) in der Uferzone beim Rorschacher Hauptbahnhof: es gibt sie eben doch! Sie stammen aus der selben sprachlichen Wurzel wie Wal (Qualfisch, Quellfisch, Quallfisch, Quälfisch), welches aus dem germanischen hwalis herwallt: „Diss scheussliche Thier, zum regionalen Tierstar avanciert, könnte wegen seiner Gestalt ein teutscher Wall genennet werden.“ (Was kann, das muß.) Die wahrscheinlichste Rohrleitung, Einleitung rührt vom altpreußischen kalis, was Wels bedeutet. (Kalle, du unpaarhufer Welsmann. Komma Kippschwänze. Barteldu. Mostkompost und Mehlristfackel.) Zwar habe der Wels keine Zähne, sondern nur Platten zum Zermahlen der Beute, aber allein mit der Bucht seiner Wasse könne er böse Prelllungen ursachen. Sachen machen: Jahr um Jahr wär es Spässchen gewesen, See-unkundigen Fussballkollegen vor dem Nachtschwumm nach dem Abendmatch die Mär vom Monsterwels aufzutischen, einem 5-Meter-Kerl, der hier, nach dem Eindunkeln herumzentnert – und dann und wann als Kameramann mit seinem schwartigen bartfadenbehangenen Riesenmaul nach einem bleichen Schwimmerhoden schnappen würde. (Knappen. Altknappe Kehlkistakeln. Schwattemattacke.) In den Geschichten des Uferschnaps, der Brautbirne und des hämeligen Männleins kommen sie seit der Jahrtausendwende am Rande vor: die beiden Angler und ihre Dackel, Wackeldackel, welsgepackt am Angelhaken, auf Stunden übern See gezogen und nie wieder von einer Menschenseele erblickt. So jagen sie Schnaken auf dem Seegrund dahin, die Dackel wackeln, stöbern im Sediment, schieben sich ihre Legenden rüber, spielern schau für Kulturprogramme, Gruseldokus aus dem Sommerloch, Pokerprofis am Wasserloch, einem Strudeldudeldei. Es gibt Fotos davon im Internet, dh Facebook fordert in einem Schwall all seine guten Freunde auf, anonym mitzuteilen, ob es sich um einen echten Wels handelt oder um einen denunziablen Fakefisch. (Wäre diß nicht egall, gäbtes fast alles, was vorhanden ist.) Denken wir den Waller als Fischvogel. Düsenbartel. Ergonomisch tieffliegendes Klatschgewürm. Klappfilet. In seiner Eigenschaft als Melanderpaste. Welcher der momentane Wels in einer seitlichen Anberaumung von Zukunft begegnet, seinem entseelten kulinar-Ich, der blutgemuth-blinden Entsprechung seines Wesens, des sämtlichen Welswesens, durch die Magie der Wildheit dividiert, in einer dem Glubschauge verschwommen ahnbaren Produktionsstraße, fisselige Frequenzen „du www-Wels du ichdu schchd sch-sch-www-wahwahwahwahwah!“ Die Thesen Worthe vom Rorschacher Hauptbahnhof sind nicht einzigartig. Sie erklingen am Rheydter Schloßgraben wie über den Teichen von Mönchengladbach, dialektgefärbt säumen sie die Tümpel und Flüsse der Republik und ihrer Nachbarstaaten, mit den Passagieren der Mayflower eroberten sie die neue Welt: Catfish eyes and tales, Lagerfeuergeschichten über Pennerwelse „a tenement, a dirty street / walked and worn by shoeless feet / inside it`s long and so complete / watched by a shivering sun / old eyes in a small child`s face / watching as the shadows race / through walls and cracks and leave no trace / and daylight`s brightness shuns“ zu Zeiten Pearly Spencers, des ersten Amerikaners, der verbürgtermaßen von einem blinden Bibelfisch verschluckt wurde.

Romanshorn

Mit „Mut zur Heimat“ wirbt die SVP, Partei der Ober-, Voll-, Haupt-, Schweiz- und Totalschweizer, für sich. Wie solch ein SVP-Mut zur Heimat genau bestellt ist und worin er sich zB von rheinseins Mut zur Heimat unterscheidet, außer daß rheinsein sich nicht mit Heimatmut fürs Parlament bewirbt, sollen die Soziologen erforschen.

***

Im Vergleich zu Arbon und Rorschach wirkten die Straßen in Romanshorn weitläufiger, dh noch leerer, was zum einen saisonal bedingt sein mochte, zum andern mitten in der Fußgängerzone ein Gefühl plötzlicher Einsamkeit, gewürzt mit einer Prise Euforie, auslöste, welches uns, nebst dem üblichen Schwanken, warum eigentlich leere Fußgängerzonen stets ansatzweise Euforie in uns auslösen (ob eine solche Reaktion etwa als krankhaft oder wenigstens menscheinfeindlich zu werten sei?), bewog, bei COOP zu speisen, denn wo ein Supermarkt ist, dort finden sich Menschen – so auch in Romanshorn. Der vorgefundene COOP entpuppte sich als zentrale Anlaufstelle derjenigen sehr wenigen, welche in Romanshorn sowieso als angestammte Romanshorner unterwegs waren oder, als Fremde, gerade im Zuge ihrer velozipedischen Bodenseeumrundung dort angelangt. In der Schweiz dienen Supermärkte häufig als Restaurants, zumal am frühen Nachmittag, wenn alle anderen Restaurants gerade geschlossen haben. Wir nahmen also die Gelegenheit in vollem Umfang wahr, bestellten Spiessli und bestaunten die opulenten Vermicelles, welche zu Dessertzwecken klappvitriniert in kastaniös-sahniger Edelmächtigkeit aus der Selbstbedienungstheke leuchteten. Die sehr wenigen anwesenden Schweizer schrieen unterdessen, vielleicht auch um im erweiterten Sinne Mut zur Heimat (somit ggf Loyalität zur SVP) zu demonstrieren, in Megafonlautstärke in ihre Mobiltelefone, typische Dinge ihres Alltags zu verhandeln. Man muß sich das in etwa so vorstellen: die Weite einer großzügig gehaltenen, menschenleeren Fußgängerzone, ausgeweitet auf eine autoleere, parkplatzartige, grau gepflasterte Bucht: den imposanten Vorhof eines Supermarktes nämlich, mit einem gut in Schuß gehaltenen überdachten Fahrradständer und unauffälliger Fußgängerzonenskulptur, welche von niemandem benutzt noch betrachtet werden. Ganz weit hinten in der einen Ecke, also fast schon nicht mehr sichtbar, steht ein gedrungener Schweizer und brüllt in sein Handy, sodaß er über den gesamten Supermarktvorplatz (akustisch) gut zu verstehen ist. Auf ihn ein fliegt (wahrscheinlich) eine Wespe. Der Mann versucht, sie mit der telefonfreien Hand zu verscheuchen. Die Wespe weicht aus und fliegt einen erneuten Vorstoß. Was sie von dem überlaut telefonierenden Mann möchte, ist beiden völlig unklar. Der Mann schlägt nach der Wespe, die Wespe weicht erneut aus und versucht es ein weiteres Mal. Vielleicht entsendet das Mobiltelefon Wellen, welche irrtümlich die Hormone der Wespe ansprechen. Der Mann schreit seinen Privatalltag („die Tochter solle von diesem Kerl die Finger lassen“, „der Soundso sei ein Geizhals sondergleichen, dem gäbe er keinen Auftrag mehr“, „die Frau solle dies und jenes einkaufen und wenn nicht: warum sie ihn denn überhaupt geheiratet habe?“) in sein Handy, während er nach der Wespe fuchtelt. Dieser Vorgang währt etwa zwanzig Minuten. In diesem Zeitraum fahren insgesamt zwei gepäcktaschenbepackte Bodenseeumrunder in professionellen Radfahreraufzügen vor, klimpern mit ihren Radlerschuhen übers Pflaster, versorgen sich im Supermarkt mit Energie, und verlassen, als wären sie nie dagewesen, geräuscharm die Szene, um wieder in ihre Bodenseeumlaufbahn einzutreten. Dabei passieren sie den anderen Mann am anderen Ende des endlos-leeren Supermarktvorplatzes, der dort in sein Handy brüllt: „Nei, muasch nüt! Muasch nüt, säg-i-d`r! Nei! Muasch nüt, nei! Nei, säg-i-d`r! Nei, muasch nüt! (etc)“ Im Gegensatz zum ersten Mann ist er nicht gedrungen, sondern schmal und lang. In seinen Sandalen trägt er als Einlegesohlen je eine Scheibe rohes Kalbfleisch. Der Schnitzelsaft durchtränkt von unten aufsteigend seine Tennissocken. Die über den Dächern installierte Sonne leuchtet ihn kontrastreich aus. – All das goutierten wir, bevor wir uns wieder auf den menschenleeren Weg machten. Auch außerhalb der Fußgängerzone erweckte Romanshorn den Eindruck eines verlassenen Nestes. Wir klauten eine handvoll wurmstichiger Feigen, denn mitten in diesem verlassenen Nest gedieh ein prächtiger Feigenbaum. Mit jedem Schritt da und dorthin in Romanshorn wurde es stiller um uns. Die Stille sammelte sich, verteilte sich, wechselte überraschend die Positionen und wurde immer schriller. Dh, sie entwickelte sich zur gefährlichen akustischen Waffe. Jetzt erblickten wir auch die ersten Leichen. Von der vagabundierenden Stille erwischt lagen sie, mitunter halb von Hecken verdeckt, einfach da. Es war immer noch früh am Nachmittag. Wir machten, daß wir davonkamen.

Rorschach

rorschach

Das Testbild (oben) gelang ohne über/flüssige Assoziationen. Doch schon beim Fotografieren aus dem Zugfenster erkannte die Kamera offenbar die Bewegung, in der sie sich befand und nahm mit ca. zwei Sekunden Verspätung zum Druck auf den Auslöser auf. Auf diese Weise wurden die avisierten Motive zeitlich mutiert angetroffen, dh, sie assoziierten in der Zwischenzeit frei im und um den verfügbaren Raumausschnitt. Die Tauben auf dem Dach etwa stoben erst nach dem Auslösen (der Kamera in der Hand) auseinander…

taube auf dem dach

… und die prominente Panoramasitzreihe zählte im ursprünglich gewählten Ausschnitt nicht vier, sondern 17 Seniorinnen mit dem Rücken zum See.

bodensee_2

Außerhalb des Zuges: bietet Rorschach an seiner Uferpromenade ein Sandskulpturenfestival und im Hafen den Hafen Kebap, ein so schlicht wie weltläufig klingender Imbißname, der im Zusammenhang mit Begriffen wie „Freiheit“, „Sehnsucht“, „Weite“, „Horizont“ oder „Sturm“ noch zu großem Kino auflaufen könnte. Zwischen den beiden Bahnhöfen Rorschach und Rorschach Hafen liegen fünf bis zehn Fußminuten Promenade. Viele Bodenseeumrundende halten auf Rorschachs rollsplitbestreuten Auslaufzonen und werfen mit touristischen Blicken um sich. Die zugewanderten Einheimischen unterdessen werfen höchst erfolgreich ihre Angelruten nach dem Egli aus, um gluschtige Knuschperli im Chörbli draus zu bereiten. (Rezept auf Anfrage)

Arbon

Ostwind-Exkursion an den rheindurchströmten Bodensee. Die Bahntrasse gesäumt von Golfspielern und stochernden Störchen. Ab Buchs und ganz verstärkt ab St. Margrethen zu beobachten: rapide steigende Passagieranteile von Seniorinnen und dunkleren Hauttypen, eine typische Szene für die Afrikanische (anderen Quellen zufolge: Indische) Schweiz. Das Tagesticket verführt zu Pingpong-Reisen zwischen dem St. Gallischen und dem Thurgauischen: Arbon, Rorschach und Romanshorn heißen die Stationen. Alle drei Orte besitzen ihre Häfen und Seepromenaden. WELLEN WOLLEN WALLEN hat jemand drei wagnersch-wuchtige Witzworte aus dünnen Brettern am Arboner Ufer zusammengezimmert; das Holzgespreite liegt flach im Schwappwasser und ist kaum lesbar, aber Kunst. Etwa dreißig Meter vom Ufer entfernt steht ein Quader im See, der (“nur für Einzelpersonen!”) über ein Ziehleinenboot zu erreichen ist und als poetische Eremitage dienen soll, in der auch ein Nachtlager möglich sei:

eremit

Mehr solch öffentlicher Naherholungseinsiedeleien hier und dort und sonstwo überall am Rhein – und die aktuelle Dichterschwemme nähme womöglich tsunamisch-teuflische Ausmaße an. Ob in besagtem Eremitengehäuse gedichtet – oder doch außerhalb: eine lyrische Betrachtung von Maruen und J.A.Z., die das gesamte Wasserskulpturenensemble beschreibt, dem noch ein Eimerbrunnen mit amputierten Händen angehört, findet sich genau zu des Fotografen Füßen – man beachte das tiefsinnige Wortspiel mit Lancelot:

Lance l`eau

Au bout du quai
Et relié à la rive
A l`écart et à échelle humaine
Tendu vers un hypothétique départ
Et un retour certain
Espace aquatique clos

Juste une possibilitée d`écouter differemment
L`eau du lac jouant entre les planches
Celles du quai et celles du récipient
Seaux infirmes de leurs anses
Mains amputées de leurs poignets
Mais l`eau qui danse

Lance l`eau

***

Abseits zeitgenössischer Uferkunst besitzt Arbon eine Altstadt und sogar eine eigene Steinzeitkultur. Das Stadtwappen besteht aus einem stilisierten, nicht näher spezifizierbaren, aber glücklichen Laubbaum (arbor felix), in dessen Krone nicht näher spezifizierbare Vögel nisten, von denen einer senkrecht-kopfüber, also mit comichafter Waghalsigkeit in ein von zwei nicht näher spezifizierbaren prächtigen Fischen bevölkertes Gewässerhalbrund stürzt. Das Arboner Wappen flattert überall auf Fahnen über der Arboner Altstadt und macht deutlich mehr her als manches andere Stadtwappen. Die Arboner Kunsthalle sieht aus wie eine Remise und ist nur an seltenen Wochentagen für zwei Stunden geöffnet. Die Kunst im innerstädtischen, nicht direkt am Ufer gelegenen Raum besteht aus recht experimentellen Versen („Frau verbrüht / Waffen in / Polizei nimmt / der Xamax / Ex-Mann / mit Kabine“), deren typisch schweizerische Kargheit massig Interpretationsspiel läßt – oder aus herkömmlichen Preisungen des Herrn:

gott-hilft

Am Arboner Hafen sehen wir eine mondäne Dame in Kalbsschnitzel-Sandalen und lernen neue Wörter wie „Schlipf-Benützung“ und „Bilgenschwein“. Außerdem gibt es ein bisher völlig an uns vorbeigegangenes Verbot der großen Verbotsnation Schweiz zu entdecken:

verboten

Der Rhein für die gebildeten Stände

Rhein, einer von den Hauptflüssen Deutschlands, der ein schönes, wein- und fruchtreiches Land durchströmt, einen Weg von 190 M. zurücklegt und über 12,200 Flüsse und Bäche dem Oceane zuführt, entspringt in dem helvet. Canton Graubündten aus drei Hauptquellen, welche der vordere, mittlere und hintere Rhein heißen. Der vordere quillt aus dem Gebirge Crispalt, nordöstl. vom Gotthard, und vereinigt sich bei Dissentis mit dem mittlern Rheine, welcher vom Lukmanierberge herabkommt. Diese vereinigten Flüsse vermischen sich bei Reichenau mit dem Hinterrhein, der im Gebirge Adula auf dem Vogelberge aus einem Gletscher sich sammelt und bis Reichenau 20 Stunden weit fließt. Daselbst erhalten diese drei vereinigten Rheinquellen den gemeinschaftlichen Namen Rhein und haben eine Breite von 230 F. In der Gegend von Chur wird er schiffbar; zwischen Rorschach und Fußach stürzt er mit großem Geräusch in den Bodensee, den er zwischen Stiegen und Eschenz wieder verläßt und seinen Lauf nach Schaffhausen und Basel fortsetzt, nachdem er vorher mehre Wasserfälle gebildet hat. Solcher Wasserfälle, vorzugsweise Rheinfälle genannt, gibt es vier: 1) Der Rheinfall, eine Stunde unter Schaffhausen bei den beiden Laufen, wovon das eine (Dorf und Schloß) dicht am Rhein, auf dem Boden des schweizer. Cantons Zürich, und das andere, ein altes Schloß, gegenüber auf einer Insel liegt, ist der bedeutendste und durchaus nicht zu passiren, weshalb die Ladung der Schiffe zur Achse durch Schaffhausen gebracht werden muß und erst unterhalb der Stadt wieder eingeschifft werden kann. Nachdem der Strom ungefähr 500 Schritte oberhalb der beiden Laufen zwischen ungeheuern Felsen, die zum Theil mitten aus seinem Bette hervorragen, eingeengt worden ist, schießt er dann bei immer zunehmendem Abhange in unzähligen Buchten von Fels zu Fels hin und stürzt sich endlich, 80 F. hoch, 300 F. breit, mit einem in der Nähe betäubenden und bei stiller Nacht auf zwei Meilen weit hörbaren Getöse in drei Fällen steil herab, wovon der auf der Südseite, zwischen zwei Felsenpfeilern, der gewaltsamste ist. Die ganze Breite des Sturzes übersieht man aus einem Hause, nicht weit vom Sturze, fast in der Mitte des Flusses, das durch eine Zugbrücke mit dem Ufer verbunden ist; doch kein Bild vermag dieses Schauspiel darzustellen. 2) Der Rheinfall unter Zurzach, bei der Mündung der Wutach, der nur bei hohem Wasserstande die Schiffahrt hindert. Er wird verursacht durch einen quer durch den Strom gehenden Felsendamm, in dessen Mitte eine Lücke sich befindet, durch welche bei niedrigem Wasser die Schiffe passiren. 3) Der Rheinfall bei Laufenburg, der nur in einer Stromschnelle besteht, auf welcher leere Schiffe an Seilen durch Menschen, oft jedoch mit Lebensgefahr, hinuntergelassen werden. 4) Der Rheinfall bei Rheinfelden, der Höllhaken, auch das Gewild genannt. Schon eine Stunde oberhalb Rheinfelden fangen die Felsen im Strome an und streichen bis unter die Brücke dieser Stadt dergestalt fort, daß nur eine schmale Öffnung bleibt, durch welche die Schiffe mit der größten Vorsicht geführt werden müssen.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

St. Gallen

Durchs St. Galler Rheintal auf St. Gallen zu: grün bepelzte Berge über klobigen Industriehallen, Spielzeuglandatmo, übersteuerte Farben, drehgeregelte Temperaturen. Bei Rorschach ins Schiebefenster kippend: der im nach allen Seiten ausflachenden Himmel gespiegelte Bodensee, spiegelverkehrt/mastunten kratzen leuchtweiße Segelboote an Sfärenböden. Der Zug dreht bei und kämpft sich durch Streuobstwiesen empor in einen Wald, aus dessen Kronen (Utopia? Japan?) jähe Hochhausetagen ragen. Bevor die heilige Stadt erreicht werden darf, geht es durch einen langen schwarzen Tunnel, von dem nicht klar ist, ob er wirklich fysisch existiert oder lediglich eine bewußtseinseigene Maßnahme vorstellt, welche vorwarnungslos den Reisenden überfällt, der sich auf die Suche nach nicht weniger als einer modernen Deutung des großen Gallus begibt. (Muffige Luft und das gleichgültige Verhalten der Mitreisenden weisen allerdings auf fysische Existenz.) St. Gallen selbst wartet dann auf mit Menschen (Einheimische? Touristen?), wie sie häufig (ob der Beeinflussung durchs Reisen?) in Bahnhofsnähe zu finden sind: Visagen/Fysiognomien, die wirken, als seien sie mehrfach extrem in die Länge gedehnt worden, um sie dann zurückschnalzen zu lassen: was beachtliche Gehweisen und Mimiken zeitigt. Wenige Gehmeter vom Bahnhof entfernt: wird der städtische Boden ansatzlos von tartanbahnartigem Kunststoff überzogen: was dem Kölner sein betoniertes Vostell-Auto, ist dem St. Galler sein tartanierter Pipilottirist-Porsche, mehr noch: ein ganzes kleines von rotem Polyurethan loungig grund-, tisch-, und sesselbezogenes, videoüberwachtes Bankenviertel tut sich auf, zwischen die Flachdächer sind Luftskulpturen gespannt, die an stark vergrößerte Insekteneier erinnern, die Brunnen sprühen Dampf, der eigene Schritt beginnt zu federn, marktwirtschaftliche Dynamik bemächtigt sich des Körpers, wer sind wir denn?: nichts als korrumpierbare Masse aus Fleisch und Blut, bestenfalls befähigt, in den Himmel (hier also von künstlicher Insektenbrut dominiert) zu blicken.