[SIC]-Sonderheft: Heimat Schweiz/Deutschland

Mit drei Rheingedichten eröffnen wir das just erschienene Sonderheft HEIMAT – Schweiz / Deutschland der transnationalen Literaturzeitschrift [SIC]. Im Strömen und Fallen des legendären Grenzflußes mögen sich Aspekte beider Nationen spiegeln bzw. verschwemmen. Wer die Schweiz durch Deutschland dividiert und noch ein wenig Österreich davon abzieht, erhält zumeist Liechtenstein. Das auch in der Heimatliga mitspielen darf.

Das Heft ist also sehr zur Aneignung eines etwas anderen Schweizblicks zu empfehlen: Ron Winkler dekonstruiert die Alpenlandschaft, Ralf Schlatter nihilisiert mehr oder minder gängige Alltagssituationen und Michael Stauffer öffnet ein riesiges Faß Rechthaberei. Christoph Oeschgers Fotografien zeigen die Schönheit der Freiheit und ihre Rahmenbedingungen in schwarzweiß. Insgesamt rund 20 Autorinnen und Autoren auf 90 Seiten.

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeit auf der Verlags-Website.

Mairhein

Saisonal paßgenau schickt Ron Winkler einige umrheinte Zeilen aus Herman Gorters Langgedicht Mei, Mai zu deutsch, in windschwankender Übersetzung von Max Koblinsky – eine Publikation von 1909:

(…) Das Gras wogte wie Frauenhaar, den Wind
Begann der Wald zu wiegen, wie ein Kind,
Das klagend schlafen ging, und aufgewacht,
Geschlossen noch die Augen, weiter klagt:
Säuseln und Blätterwinken machte ihn
Bald wieder froh. Und Wolken von Karmin
Trieben wie Seegras hin und her, es waren
Bewegliche Halbinseln an dem klaren
Besonnten Horizont. Die Erde lag
Und dunstete: gleich einem Glutenbach,
Aus dessen offnem Munde kam geflossen
Wollust, gelblicher Dampf, doch reichlich gossen
Kühlung die Stromvasen: Donau und Rhein,
Vergiessen Wasser so und kühlen Wein.
Und Wind kam, an der Erde Antlitz wehend.
Die Wälder bebten, auf den Bergen stehend;
Der müde Staub von Porphyr und Granit
Verflog, des Bergbachs goldner Schaum flog mit,
Doch fühlten ihn in jedem grünen Tal
Weder die Blume, noch des Baches Fall.

So ward die Luft von Windrumoren voll,
Und Stimmgekos` aus Vogelkehlen scholl
Wie Bachflut mit, aus ihren Höhlengründen
Sprangen wie Tiere Flüsse; aus den Schlünden
Und Lungen brummend. Doch der Sonnenschein
Füllt` Mai den Blick, der macht die Ohren klein.
Ihr Auge wurde grösser, eine Glut
Entflammte Wang` und Hals, das rote Blut
Rauschte, sie hört` es kaum. Es kam der Wind
Auf sie gleich einem Liebesboten, lind
Wehend, mit Salben und Riechwasserduft.
Sie atmete den Weihrauch der Luft
Und liess ihn doch vorbei. Es fingen dann
Gedanken um ihr Haupt zu schwärmen an
Wie Bienen, einer dicht dem andren nach,
So dass sie nicht verstand, was einer sprach.
Die Ohren summten ihr, es kam ihr vor,
Als ständen leis sprechend vor ihrem Ohr
Viel Lippen, und als steigert`, süss und schwer,
Jedes der Worte ihr Erröten mehr.
Und`s war, als ob die süssen Worte in
Sie führen und in Reih` doch ohne Sinn
Wie Schiffchen umtrieben auf ihrem Blut,
Den ganzen Körper durch, in Ueberflut
Von Herzwärme. Sie fühlt nicht, ob sie her
Von aussen kamen wie ein Bach ans Meer
Strömt, oder ob sie einen Bronn aussprühte
Aus sich selbst in die Sonne. Doch es glühte
Alles vor ihren Augen, und in Grelle
Funkelte es springend, wie eine Schelle (…)

Rheinsein als Kartonbuch

Als Hommage an den außergewöhnlichen, unterdessen weltweit und nun sogar in Deutschand stilbildenden argentinischen Verlag Eloisa Cartonera versteht sich der Berliner PapperLaPapp Kartonbuchverlag, der mit Auszügen aus Rheinsein seine literarische Existenz beginnt. PapperLaPapps Kartonbücher werden auf Recyclingpapier xerografiert, getackert und nur in kleinen und kleinsten Auflagen hergestellt. Die große Besonderheit: handbemalte Kartonumschläge verwandeln jede Kopie in ein Unikat. Bemalt werden die Bücher zunächst in Workshops von Schülern, Künstlern, sonstigen Interessenten. Ich habe für PapperLaPapp rund 30 Texte aus Rheinsein zusammengestellt und für die Papierfassung leicht überarbeitet. Das fertige Produkt, das sich zu einem veritablen Sammlergut auswachsen könnte, kostet sensationelle 5 Euro (vermutlich, näheres weiß ich bisher nicht, plus Porto/Verpackung). Bestellbar unter folgender Adresse:

PapperLaPapp
Timo Berger
Donaustrasse 100, HH QU
12043 Berlin

(Da die PapperLaPapp-Auflagen nur niedrige und schwankende Stückzahlen erreichen, werden ggf. die schnellsten Besteller bevorzugt.)

Das Vorbild, Eloisa Cartonera, sitzt am Rio de la Plata, und wird u.a. von den auch auf Deutsch erschienenen und von mir wärmstens zur Lektüre empfohlenen Dichtern Fabián Casas und Washington Cucurto geführt.  Nach Deutschland importiert wurde die Kartonbuch-Idee vom Berliner Dichter und lyrischen Südamerika-Experten Timo Berger, der längere Zeit in Buenos Aires lebte. Daß die Idee um die Welt geht, beweist u.a. auch ein fundierter, lediglich im Schlußabschnitt mittlerweile überholter englischsprachiger Artikel in The China Post vom 06. Januar diesen Jahres. Eloisa Cartonera veröffentlicht vor allem zeitgenössische und  avantgardistische lateinamerikanische Literatur, aber auch mit der Verlagsidee sympathisierende  internationale Autoren. Ziel dieses Projekts ist Hilfe für die auf der Straße lebenden Cartoneros (d.h. Altpapiersammler), denen der Verlag die Kartons abkauft, sowie das finanzielle Überleben der Gründerdichter. Ehemalige Cartoneros und Arbeitslose fungieren als ehrenamtliche Verlagsmitglieder. Die Textseiten der Eloisa-Bücher werden in einen Einband aus Karton gearbeitet, der von den Arbeitern frei und farbig gestaltet wird. Diese Cover, soweit Rheinsein bekannt, entfalten eine bei Buchumschlägen seltene, ganz enorme Ausstrahlung.

Auftaktveranstaltung mit Buchverkauf und Lesungen von María Paz Levinson, Ron Winkler, Ivo do Carmo und Timo Berger:
24.01.2010  Berlin-Kreuzberg, Rauchhaus, 18 Uhr