Marcel Crépon auf SWR2

Eine erste Presse-Reaktion zur Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss im Kunstpavillon Burgbrohl (der auch unter ArtLab firmiert) mit Exponaten aus der Sammlung Crépon war der mit O-Tönen von Veranstalterin Karin Meiner und dem technischen Leiter des Aufbaus Roland Bergère verschnittene, vergangenen Montag im Journal am Mittag gesendete, leider nicht als Podcast erhältliche Ausstellungs-Bericht von Marianne Lechner für den Kultursender SWR2:

„(…) Seit Jahren ist Crépon entlang des Rheins unterwegs, redet mit Menschen, sammelt Geschichten und Gegenstände, die ihm aufhebenswert erscheinen. Stan Lafleur sagt, Crépon schicke ihm diese Texte per E-Mail, dazu Fotos, Zeitungsartikel und auch Objekte. Eine kleine Auswahl davon hängt jetzt an der Rückwand des ArtLab. Die Zeichnung eines Mannes, der sich von der Rheinreise Victor Hugos inspirieren ließ. Ein Foto, das zeigt wie ein Elsässer auf einem Feld den Verlauf des Rheins nachgebildet hat: ein Mini-Flussbett, ausgegraben und dann mit Wasser gefüllt, das tatsächlich mit Eimern aus dem Rhein geschöpft und zum Feld geschleppt wurde. Drei Fläschchen Wasser aus dem Rheinfall von Schaffhausen in der Schweiz: eine kritische Anmerkung eines Künstlers zum Rheinwasser, das Touristen dort in Aludosen als Souvenir kaufen können. Ein Kasten mit Fundstücken vom Rhein: Knochen, Tierzähne, glitzernder Mineralstaub. An der Wand hängen aber auch Tablets mit bewegten Bildern. (…)“

Der Beitrag schließt mit der Vermutung, dass es sich bei Marcel Crépon, weil die Google-Suche nach seinem Namen keine Ergebnisse zeitige, um eine Kunstfigur handeln könne. Ein Schluss jedenfalls, der ganz auf Marcel Crépons feinen Nerv für Humor passen und gleichzeitig seine dem Kunstbetrieb nahezu unverständlichen Impulse zu Anonymität und Öffentlichkeitsscheu bedienen dürfte: in den für rheinsein bestimmten Schriften äußert Crépon an einer Stelle, dass die durch Saint-Maurice-de-Lignon verlaufende Rue Marcel Crépon, deren Existenz ihn vor wenigen Jahren überrascht und peinlich berührt habe, seine Anonymität letztlich schütze, weil Straßen bekanntlich nie nach lebenden Personen benannt würden.

Wir versichern: Marcel Crépon existiert, auch wenn er kein Freund von Vernissagen ist, nicht einmal (oder ganz besonders nicht) der eigenen. Die Ausstellung läuft noch, begleitet von Workshops zu Möglichkeiten von Kunstverständnis, bis 25. Mai 2018 und kann bis dahin, am besten nach vorheriger Vereinbarung, besichtigt werden.

Das erste Mal

Vergangenen Herbst, als sich die aktuell im Kunstpavillon Burgbrohl stattfindende Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss zu Marcel Crépons außergewöhnlichen, bisher einzig auf rheinsein dokumentierten Rhein-Erkundungen und unterwegs erworbenen Fund- und Sammelstücken abzeichnete, übermittelte uns der Autor (1) mehrere Materialsendungen, die “einen bestimmten, vergangenen und eigentlich nicht wiederholbaren Rhein” in Wort, Bild und Artefakt beinhalten: ein per Mail und klassischer Post portionsweise eingelangter, im Bernstein menschlichen Ausdrucks eingeschlossener Fluss, aus dem wir mit Hilfe des ausstellungserfahrenen Kölner Künstlers und rheinsein-Korrespondenten Roland Bergère behutsam eine Auswahl trafen, die dem Rahmen einer öffentlichen Präsentation gerecht werden soll.

Wir flankieren die analoge Ausstellung mit einem April-Block erstmals veröffentlichter Créponica. Zu diesem Konglomerat gehört der Text Das erste Mal. Er handelt von Erinnerungen und Ausführungen zu den Abenteuern eines jungen Mannes, der sich mittlerweile in seinen frühen 60ern befinden dürfte. (2) Seinerzeit angestiftet von einem älteren Ehepaar, begibt sich Marcel Crépon auf seine erste Rheinreise, wahrscheinlich zugleich seine erste Auslandsreise. Seine Deutschkenntnisse sind zu diesem Zeitpunkt im Anfängerstadium. Für den jungen Mann ergeben sich erstaunliche, unübersichtliche Szenerien, die gleichwohl den Auftakt zu einer unbestimmten, aber erklecklichen Zahl weiterer Erkundungen teils unter den absonderlichsten Aspekten geben, die bisher zum “Rheinreise”-Topos niedergelegt wurden.

***

Liebes rheinsein,

Einem Fisch im Aquarium gleich, der sich fragt wie die Wesen jenseits der Scheibe bloß überleben können, stand ich am Fenster, zog an einer Zigarette, und starrte durch das Glas, während eine verirrte Biene hilflos um meinen Kopf herum summte. Es dämmerte. Aus dem gerade ausgepusteten Rauch schienen zwei Gestalten hervorzutreten. Zunächst als recht unförmiges Etwas, dann als Körper, welche einige Quadratzentimeter des Bürgersteigs in Anspruch nahmen: bescheidene Pfützen, in denen sich jedoch das Unermessliche von Zeit/Raum eines bald abgelaufenen Lebens verdichtete. Er in einen Rollstuhl gekrümmt, sie über ihn gebeugt, so als ob sie an ihn geschweißt oder genäht worden wäre. Sie hielt die Lehne fest, schnaufte und schob. Langsam gingen sie, so langsam, dass das Tempo der anderen Passanten und Verkehrsteilnehmer in der Wahrnehmung beschleunigt erschien. Vielleicht bewegten sie sich überhaupt nicht von der Stelle, während die Welt sehnsüchtig nach Sinn um sie herum raste.
Genau dengleichen Endruck hatte ich bereits zuvor einmal empfunden, vor Jahrzehnten, als ich in die Wohnung der Velloins eintrat. Monsieur Velloin saß in einem abgenutzten Ledersessel. Ein Schleudersitz, dachte ich, der ihn jeden Moment ins Jenseits katapultieren könnte. Hinter ihm stand Madame, dünn und trocken wie ein Blatt Pergament, das man vergeblich  zu zerreißen versuchen würde. Beide strahlten die Unerschütterlichkeit des Dreisatzes aus. In der Wohnung fand ein Kampf zwischen Licht und Schatten statt: schwer zu erkennen, ob die helleren Flächen die dunkleren zu verschlingen drohten oder umgekehrt. Wie auch immer. Der Grund meines Besuchs war nicht, darüber zu richten. Monsieur Velloin war Lehrer gewesen, von der Sorte, die die “écriture républicaine” als Zeichen der Einheit zwischen Geist und Körper verstand, und seine Schüler mit wohlwollendem Sadismus vor arithmetische Probleme stellte: “Ein vraquier verlässt den Hafen mit 2545 Tonnen Sand im Frachtraum, in verschiedenen Anlaufhäfen lädt er 7,5 Prozent seiner Fracht ab. Wie viele Häfen muss er besuchen, bis von seiner Ladung nichts mehr übrig ist?” Seine bevorzugten Fächer waren jedoch Geographie und Geschichte. Große Achtung hatte er vor Sebastian Münster, vor seiner Leistung, es geschafft zu haben, die gesamte Welt zu beschreiben, ohne sich dafür zu bewegen, oder doch zumindest kaum. Als Folge eines gerade noch überlebten Myokardinfarkts war Monsieur Velloins Bewegungsverminderung unfreiwillig. Zum Frührentner erkoren, nutzte er die geschenkte Zeit, um an seinem “Livre des ouï-dire” (Buch vom Hörensagen) zu arbeiten. Hunderte von Schulheften hatte er säuberlich und akribisch gefüllt mit Anekdoten aus der Stadt, Erinnerungen, umgeschriebenen Zeitungs- oder Zeitschriftenartikeln, zusammen getragenen Fernseh- und Rundfunkmeldungen, kurz: Klatsch und Tratsch aus aller Welt. Für die Illustrationen war Madame Velloin zuständig. Ihre Inspiration fand sie in alten Schulbüchern, deren bunte Abbildungen sie geschickt nach Bedarf umzeichnete, transformierte, aquarellierte. Nun wollte sie etwas Moderneres wagen, auch wenn sie keine genaue Vorstellung davon hatte. Was sie bereits probiert hatte, holte sie aus einer Schublade hervor. (Die Probe durfte ich später zur Inspiration mitnehmen.)

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Es sei nur eine Idee, also nicht fertig, betonte sie. Ein Foto hatte sie aus einer Schweizer Touristik-Broschüre ausgeschnitten, und eine ihrer Zeichnungen darauf geklebt. Das Model dafür war eine Abbildung aus einen alten Katalog des Auktionshauses Druot. Ein Arzt, ein guter Freund ihres Mannes, hatte eines Tages von einem Bericht erzählt, den er im Archiv des Krankenhauses, in dem er tätig war, gelesen hatte. Der Verfasser beschrieb den Fall der Madame L. Als er sie zum ersten Mal sah, lag sie regungslos und zwar buchstäblich im Dreck. Nach einiger Zeit stellte er fest, dass sie hochgebildet war. Sie war fest davon überzeugt, in Rheinnähe geboren zu sein, wo sie, ihren Angaben zufolge, Opfer von Soldaten der Revolutionären Armee wurde. Sie schilderte mit schwindelerregender Präzision wie zwei engelsgleiche Volksvertreter der Rheinarmee den Befehl erteilt hatten, ihr den Kopf einzuklemmen und damit unwiderruflichen Schaden verursachten: für immer, so Madame L., seien dabei ihre moralischen Empfindungen verloren gegangen. Als die Armee von Bitche in Richtung Landau marschierte, blieb allein das ”ekelerregende Wesen L.” zurück. Ihr Versuch, sich im Wasser zu reinigen, war erfolglos geblieben, was ihr verwahrlostes Erscheinen erklärte. Das Bild, so Madame Velloin, stellte den Augenblick dar, in dem L. das Eintreffen der Armee wahrnahm.

Madame Velloin bat mich, einige photographische Hintergründe für sie zu realisieren, die sie als Vorlagen verwenden wollte. Dafür hatte sie eine Wunschliste verfasst, die sie mir überreichte. “Der Rhein ist der Fluss der Träumer,” sagte sie lächelnd, “träumen Sie also, lassen Sie Ihr Objektiv träumen, und sparen Sie sich die von Hugo zu Tode beschriebenen pittoresken Landschaften.” Das waren Worte! Mit einem bezwingenden “Nehmen Sie!” drückte sie mir eine Interrail-Fahrkarte in die Hand, sowie einen Briefumschlag, den ich unbesehen einsteckte. Der wahre Historiker fragt nicht nach Sinn oder Unsinn der Dinge, sondern geht einfach der Sache nach. Ich war jung, es war Sommer, ich würde fremde Länder besuchen und den Rhein sehen – warum nicht?
Schon am Anfang der Reise meldeten sich zwei Legenden, die zwar mit dem Fluss in keinerlei Verbindung standen, jedoch in meiner Erinnerung geblieben sind, weil ich kurz vor seiner Überquerung und kurz danach Notiz von ihnen nahm. Die erste hob sich in höchste Höhen empor, auf Nimmerwiedersehen in die Tiefe fiel die zweite. Beim Verlassen des Zuges in Mülhausen hatte ein Reisender ein Musik-Magazin auf seinem Sitz liegen lassen: nicht darin zu blättern wäre töricht gewesen. Es enthielt einen Bericht über die Sex Pistols wie sie das silberne Thronjubiläum der Königin mit einer lärm- und bierreichen Ehrenrunde auf der Themse gefeiert hatten. Im muffigen Fernsehzimmer der Pension, in der ich später Unterkunft gefunden hatte, lief ein Western, als Andenken für den frisch aus dem Leben geschiedenen Elvis Presley. Fröhlich bunt hatte London im Magazin ausgesehen. Recht verschneit dagegen Texas, des schlechten Empfangs wegen.
- Der King is’ tot, kommentierte einer der Gäste, und nippte an seinem Bier.
- So isses, bestätigte ein anderer, mit seinem Schaum gurgelnd.
- Der King of Rock’n'Roll…
- Trotzdem reingefallen.
- ???????
- Ins Todesloch…
”In den Rhein gefallen”, hatte ich verstanden. Im Rhein ertrunken war also Elvis. Dachte ich. (Aufgedunsen wie er war, hätte er doch eigentlich schwimmen können.) Wie die Party in die Themse gefallen war, nach Intervention der Bobbies. Breit und kräftig trug der Fluss beide Legenden mit seiner Strömung fort, das Vergangene und das Aufgehende, um sie später in der Nordsee mühelos auszuspeien, bei seiner eigenen Entlassung in die weite Welt des offenes Meeres.
Ich setzte meine Reise fort, als stiller Peregrinus, den Fluss entlang, so nah als möglich an seinen Ufern, einen Monat lang, mal in der damals noch so genannten BRD, mal in Frankreich, mal in der Schweiz oder sogar in den Niederlanden, gebeugt über meine Brownie Flash, in deren Sucher die Welt verkehrt herum aussah. Hier und da schoss ich Photos, immer 12 Aufnahmen. Dann wechselte ich die Filmrolle aus und setzte die Jagd nach Motiven fort. Den Wünschen und Anweisungen Madame Velloins nachzugehen erwies sich mehr als schwierig, denn genauer betrachtet war ihre Liste ein fein zusammen getragenes Durcheinander.

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Die daraus resultierende Verwirrung festzustellen war eine Sache, damit umzugehen eine andere. Glücklicher Carpaccio, der einfach und gekonnt venezianische zu rheinischen Gebäuden ummalte, die Kronen der Feinde der Republik als kölnische Wappen umdeutete, ottomanische Krieger hinter Hunnen versteckte. Ein Armbrustschütze zielte auf einen Vogel, eindeutig war die Botschaft: für die Heldin der Légende Dorée bedeutete es schlicht das Massakriertwerden. Ruhig und glatt lag der Rhein im zarten Lagunenlicht. Frühmorgendunst. Es war Herbst. Es war Sommer und als ich den Hauptbahnhof verließ, schlug mir die erdrückende Luft eines bald darauf ausbrechenden Gewitters ins Gesicht, während herumziehende Männerbünde mir die Ohren mit ihrem Gegröhle vollstopften. Vom Gewölbe der Hohenzollernbrücke geschützt wartete ich und bezüglich der Ankunft Ursulas hatte ich keine Frage mehr. Nun, welcher Hintergrund passte zu “Et quos nascentes explorat gurgite Rhenus” oder “Rheni mihi Cæsar in undis / Dux erat, hic socius, facinus quos inquinat, æquat”? Mein Latein, liebes rheinsein, ist schon beim Aufschreiben der Worte am Ende. Und was halten Sie von einer 1609 Meter langen Brücke des Heiligen Geistes, welche angeblich von Brückenbrüdern über dem Fluss erbaut wurde? Würden Sie das Biotop der Ephemera longicauda erkennen? Und das des Misgurnus? Wann läßt der Barsch sich sehen, wo versteckt sich die Mulette? Die Strecke, welche d’Enghien von Bingen aus schwamm, um seine Geliebte in Rüdesheim zu besuchen, wäre noch zu erkunden und photographisch festzuhalten, schwieriger nur der Weg, welchen Harpalos auf Bimsstein zurücklegte, wie ein gewisser Dr. Müller einst schilderte. Wo ein Laufkäfer weilt, sind die Ägypter nicht weit. Laut Voltaire gab ihre Lieblingsgöttin Paris seinen Namen, verehrt wurde sie von den dortigen Schiffern, die ihren Kult, samt anderen Waren, zu ihren Kollegen ans Rheinufer paddelten. Kulissen für die dabei praktizierten Rituale brauchte Mme Velloin selbstverständlich auch. Augenentzündungen kuriert der Philosoph übrigens mit einem Cocktail aus Maas-, Weser-, Elbe- und Rheinwasser, eine passende, magische Quelle musste also her. Natürlich durfte das Geburtshaus Sebastian Münsters nicht fehlen, ebenso wenig adäquate Schauplätze für Poum, den Polizeihund (sic!). Aufgelistet war desweiteren ein geeigneter Hintergrund für die Strandidylle der Schwanenritter und die schöne Kleverin – Lohengrin ließ also ebenfalls grüßen, oder sein Cousin. Puzzolanerden, Rhein-Pottasche, oberbergisches Lignit sollten als Gedächtnisaufbewahrer und damit als Geschichtenerzähler erkundet und unter die Lupe bzw. das Objektiv genommen werden, nicht zu vergessen das Echo, welches ein Ton 17 Mal zu wiederholen imstande ist. Über den geistigen Zustand Mme Velloins stellte ich mir, wie gesagt, keinerlei Frage, sondern suchte pragmatisch nach Lösungen, ihre Bitten zu erfüllen.
So versuchte ich, an diesen fliehenden Wassermassen abzulichten, was sie inspirieren könnte, auch das, was an ihrer Oberfläche schwamm, schimmerte, navigierte, abtrieb, schäumte, auftauchte, versank, sich spiegelte, wellte, von links rückwärts geschaukelt nach vorne rechts gezogen zickzackte, wippte, was an den Ufern schwappte, wuchs, gedieh oder unter der Augustsonne verdorrte, abblätterte, verblichene Palisaden, schattige Promenaden, dichte Gebüsche, zu Tode urinierte Grasflächen. Auf Brücken stand ich, dem Vertigo trotzend, um ganze Panoramen zu erfassen, welche aufgrund der geringen Brennweite meiner Kamera höchstwahrscheinlich Eisenbahn-Landschaftsmodellen ähneln würden. Wie unentbehrlich Reisen für die allgemeine Bildung ist, bewies die Symbiose zwischen dem französischen ”pays-bas” und der Niederlandschaft, die ich für das Porträt eines holländischen Offiziers G. Courbets auswählte.
Auf der Rückfahrt in erhöhte Gefilde trat eine Frau ins Abteil, in dem ich halb im Schlaf zu rekapitulieren versuchte was ich alles schon im Kasten hatte. Sprachbrocken und Handzeichen gestatteten eine Art wackeliger Unterhaltung. Meine Kamera lieferte genügend Informationen für den Grund meiner Anwesenheit im Zug, auch wenn der Zweck für sie recht mysteriös blieb. Ihrerseits erzählte sie – besser gesagt: ich glaubte zu verstehen, dass sie es erzählte –, sie käme aus der Nähe eines vulkanischen Sees. In der Umgebung wußte sie eine Stelle, an der eine Art Lachgas aus der Erde entweichen würde, womit sie und ihre Freunde sich genüßlich berauschten. Was die Skizze, die sie trotz des ruckelnden Abteilwagens in mein Notizbuch kritzelte, mir verdeutlichen sollte.

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Spuckte ein Ufer eine Legende aus, fing das andere sie ab und schickte sie zurück. Und so ging es weiter und weiter, doch besaß der Interrail-Fahrschein die gleiche Eigenschaft wie das Chagrinleder. Je mehr ich davon Gebrauch machte, desto weniger Zeit blieb mir, ihn zu verwenden. Kurz: ich trat die Rückfahrt an – bis zur Wohnung der Velloins. Darin war der Schatten zu Licht und dieses zu Schatten geworden, wenn ich mich recht erinnere. Die belichteten Filmrollen übergab ich Mme Velloin. Mr. Velloin rieb sich die Hände, tunkte seinen Federhalter in ein Tintenfass aus Porzellan und schrieb sorgfältig neue Einträge nieder.
Nun, liebes rheinsein, Sie werden sich bestimmt fragen, ob die Fotos, die ich damals schoss, ihren Zweck erfüllt haben? Ich erfuhr es nie. Einen Tag nach Abgabe der Filmrollen verließ ich die Stadt und kehrte nie wieder dorthin zurück.

In Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,
Ihr Marcel Crépon

***

(1) Berufsbezeichnungen wie Autor gefallen Marcel Crépon nicht sonderlich. Wenn es sich schon nicht vermeiden ließe, schrieb er in einer seiner wenigen, stets überaus kurz gehaltenen Repliken auf unsere Nachfragen, möge er als Grenzforscher oder Sammler von Situationen angekündigt werden.
(2) Marcel Crépon gibt über seine Person so gut wie keine direkte Auskunft. Ob seine Verweigerung biografischer Daten aus Scheu, Konzept oder sonstigen Gründen rührt, ist rheinsein nicht bekannt. So sehr wir diese Haltung respektieren, kommen wir hinsichtlich der Ausstellung nicht umhin, einige Spekulationen über den Autor (denn ein solcher ist er, auch wenn ihm die Wortwahl nicht behagt) anzustellen, die sich aus verstreuten Indizien zusammen puzzeln lassen.

Schnee von gestern

land art_südbrücke“Dass der Rhein als Bildhauer tätig ist, wissen wir; dass er gerne Kieselsteine „beschriftet“, wissen wir auch; nun aber ist bewiesen, dass, stimmen die Wetterbedingungen, er auch Land Art betreiben kann. Das Bild ist wahrhaftig „Schnee von Gestern“… (von der Süd-Brücke fotografiert)”, schreibt unser Korrespondent Roland Bergère vom anderen Ende Kölns.

Sohn und Vater

sohn und vater_2Von der Kölner Südbrücke fotografierte unser Korrespondent Roland Bergère das abnehmende Hochwasser direkt am Hochwasserpumperk Schönhauser Straße. Dabei stachen ihm zwei Personen im Wasser ins Auge, die sich bei näherem Heranzoomen aufgrund ihrer in Pose verharrenden Reglosigkeit und Quadratschädel leicht als Skulpturen identifizieren ließen.
sohn und vater_3In den vergangenen Jahren tauchten mehrfach Meldungen über wilde, menschenähnliche Skulpturen an den Rheinufern des Kölner Südens auf: artifizielle Menschenansammlungen im Gebüsch etwa, deren Anblick teils Furcht und Schrecken ausgelöst haben soll. Auch die Skulptur, die unser Korrespondent erblickte, gehört zu den wilden, ohne offizielle Genehmigung angebrachten, vom Kölner Kulturdezernat jedoch mit Duldungsattest versehenen Interventionen im öffentlichen Raum (wie etwa unser Sprechstein im Stadtgarten). Die Skulptur, die bei Normalpegel trockenen Fußes am Ufer steht, hält sich seit vorvergangenem Jahr an Ort und Stelle und trägt den Titel “Sohn und Vater”. Ihr Erschaffer verbirgt sich hinter dem auf dem Ensemble angebrachten Kürzel eXX99.

Magrittes rheinischer Jungbrunnen

(von unserem Korrespondenten Roland Bergère)

Marcel Broodthaers stellte in der Städtischen Kunsthalle Düsseldorf (16. Mai 1972 – 09. Juli 1972) das „Musée d’Art Moderne, Département des Aigles, Section des Figures: Der Adler vom Oligozän bis heute“ aus. Dazu gehörte ein Bild von René Magritte (Figure n°181 ) : La fontaine de Jouvence (1957).

Im Catalogue raisonné (*) des belgischen Malers ist Folgendes zu lesen: „In a letter dated 11 June 1957, Magritte asked Colinet (Paul Colinet, Mitglied der belgischen Surrealistengruppe) to provide a title for „another variant of „The fountain of youth“ which had the inscription read on the stone“, and make a sketch [...] which he described as „picture with things in stone, the sky is milky, distant objects are slightly veiled in a sort of mist“. Magritte’s fairly detailed description indicates that the painting was well finished, if not finished. An oblique to „la pierre et Coblence / the stone and Coblence“ in a letter written two days later establishes that Colinet provided the title without seeing the work. Magritte’s choice of Coblenz, the German town at the confluence of the Mosel and the Rhine, for the inscription on the stone tablet may well refer to the tomb of the eighteen-century French general François Marceau (**), who was killed in 1796 when in command of an army of Belgians.“

Auf dem Bild sind eine Stele mit einem Adlerkopf und der Inschrift „Coblenz“, ein versteinertes Blatt, eine Sphäre (sie gehört zu der gespaltenen Sorte) und mehrere Steinbrocken auf nackter Erde zu sehen. Abgebildet war das Gemälde, doch nur in Schwarzweiß. Als ich später las, daß es im Museum Ludwig hing, fuhr ich dorthin, um es anzuschauen und Notizen zu machen. Prompt kam eine Wächterin, die mich fragte ob ich mit einem Bleistift schreiben würde, was ich verneinte und ihr meinen Free Ink Roller präsentierte. Damit könne ich nicht schreiben, sagte sie freundlich, fast beschämt. Ich nahm eine anderen Stift aus meiner Jackentasche: einen Staedtler permanent lumocolor (wasserfest!). Da sie mich darauf hinwies, ich könne auch mit diesem Werkzeug nicht schreiben, holte ich nach und nach einen Kuli, einen Tintenfüller, einen Edding hervor: jedesmal bekam ich die gleiche Antwort, und langsam verstand ich warum: Es war nicht auszuschließen, daß ich damit ein Werk, absichtlich oder aus Ungeschick, beschädigen könnte. So etwas passiert eben. Doch wollte ich den Grund aus ihrem Munde hören und fragte: warum? Etwas verlegen verstummte die Wächterin, informierte mich aber dann, daß ich mir einen Bleistift an der Kasse leihen könne, was ich auch tat. Zum Bild zurückgekehrt winkte ich der Wächterin mit dem Bleistift. Sie wirkte erleichtert, lächelte und ging weiter. Während dieses ganzen Hin und Hers hatte ich bemerkt wie Besucher Werke fotografierten. Schön, das wollte ich auch. Ich griff zu meiner Kamera. Doch vor dem Bild saß eine Besucherin.
magritte_jungbrunnen_besucherin

Davon begeistert war ich natürlich nicht, wartete dennoch geduldig, daß sie sich zum nächstes Bild bewegte. Das tat sie nicht, im Gegenteil. Sie starrte und starrte, und träumte und starrte, schien allmählich selbst versteinert, wie das Blatt rechts der Stele. Farblich betrachtet passte ihr Pulli zu den Bildtönen. Wegen Bauarbeiten im Museum waren Laute von draußen zu hören (als solche nahm ich sie wahr, vielleicht ereigneten sie sich auch drinnen?). Eins davon schien mir von einem Straßenmusiker erzeugt zu werden, der einem Endlostape gleich „Knock knock knocking on heaven’s door“ sang. Ich stellte mir vor wie die Besucherin an die Stele klopfte, um das Wunder des Jungbrunnens zu erleben. Doch regte sie sich, falls das überhaupt möglich war, noch weniger als vorher. Ich ging in einen Nebenraum. Als ich zurück kam war die Besucherin verschwunden.
magritte_jungbrunnen René Magritte, La fontaine de jouvence (1957)

(*) David Sylvester, Sarah Whitfield: René Magritte, Catalogue raisonné, Volume III, 1993.
(**) In Höchstenbach verwundet, starb er in Altenkirchen. Bekanntlich starben die Offiziere der französischen Revolution gern im Rhein-Nähe.

Marcel Broodthaers beschäftigt sich mit dem Rhein

(von unserem Korrespondenten Roland Bergère)

Neulich besuchte ich die sehenswerte Marcel Broodthaers-Retrospektive in Düsseldorf. In einer Vitrine lag ein Buch mit dem Titel: „En lisant Lorelei / Wie ich die Lorelei gelesen habe” von 1975. Die aufgeschlagenen Seiten zeigten drei Mal die gleiche Zeichnung (eine Familie vor einem Fernsehgerät versammelt), mit den Legenden: Programme I, Programme II, Programme III. Die Zeichnungen unterscheiden sich voneinander nur dadurch, was auf dem Bildschirm erscheint (schwer zu erkennen, auch im Katalog, alles recht klein gedruckt), bei Programme II steht eine Blumenvase auf dem Fernsehgerät. Auf der rechten Seite sind drei verschiedene Chromolithographien reproduziert, welche drei Ansichten der Lorelei zeigen. Dazu gehört ein textkritischer Apparat. Das Buch „En lisant Lorelei“ wurde 1974 in Basel ausgestellt, in einem gleichnamigen Raum.
Zu sehen waren auch vier „Zeichnungen“. Drei ohne Titel, eine mit der Legende: „Au bord du Rhin“. Drei der vier Zeichnungen stellen Meerjungfrauen dar. Eine, auf einem Felsen stehend, hält eine Baby-Meerjungfrau in ihren Armen, ein Matrose nähert sich dem Felsen mit einem Ruderboot. Die zweite hebt (so scheint es zumindest) die Deckel eines Topfs, welcher womöglich auf einem nicht dargestellten Herd steht. Im Vergleich zu den anderen ist ihr Fischschwanz nur angedeutet. Die dritte trägt einen dampfenden Topf. Die vierte (diejenige mit dem Titel „Au bord du Rhin“) sitzt am Fluß und trinkt eine Tasse Kaffee und hört nachdenklich (dafür spricht die Haltung der rechten Hand, die das Kinn stützt) einer zweiten Frau zu. Die vier Zeichnungen haben verschiedene Größen, sind auf das Jahr 1974 datiert und als Abziehbilder auf Papier bezeichnet, die mit Bleistift und Tusche überarbeitet worden sind.

broodthaers_au bord du rhin

Fotografieren war nicht erlaubt, doch wie eine Wächterin mir flüsterte: „Wenn ich nicht gerade hinschaue, können Sie es versuchen.“ (Später sah ich, wie sie in einem menschenleeren Raum auf die Begleitmusik eines Films Tanzschritte machte). Das Foto zu machen war natürlich nicht einfach. Sie war nicht die einzige Aufpasserin. Die Besucher (in geringerer Anzahl als Wächterinnen vorhanden) wurden von einem Raum zum anderen wortwörtlich verfolgt. Ein Aspekt des aufregenden Museumslebens, über den Broodthaers sich recht amüsieren hätte können.

marcel broodthaers_remonter le rhin

Marcel Broodthaers Werk „Musée d’art moderne – Département des aigles“ (1968-1972) wurde 2015 in Paris ausgestellt (Monnaie de Paris). Am Tag der Eröffnung fand ein Happening statt: ein Frachtkahn fuhr die Seine aufwärts, beladen mit Kisten, Koffern, Palmen, Säcken, usw… die am Ufer abgeladen und in den Ausstellungsräumen plaziert wurden. Die Aktion sollte, laut der Presse-Mitteillung, an zwei nicht realisierte Projekte Broodthaers erinnern: „L’Ile du Musée“ und „Bateau sur le Rhin“ (1971), eine Video-Aufnahme dokumentierte die Aktion.

Im Katalog der Retrospektive steht folgendes zu lesen:
„Die Einladung zur Teilnahme an einer Konferenz im Rahmen von between 6, die im Juni 1971 mit der britischen, nach Düsseldorf eingeladenen Art and Placement Group (APG) stattfand, nutzte Broodthaers zur Präsentation einer hochironischen Variante seiner Museumsidee. Mit dem Collage-Projekt einer unbewohnten Insel im Rhein (“Museumsinsel”) entwickelte er die Vorstellung einer einsamen nahe dem Lorelei-Felsen im Rhein gelegenen Insel als Ort eines Museums, die in größtem Widerspruch zu der von der APG vertretenen Absicht stand, Kunst in der Industriegesellschaft zu verankern und dabei auch vor den Chefetagen nicht Halt zu machen. Broodthaers’ isoliertes Museum entwarf einen Ort der Utopie, das in die Collage eingefügte Cover einer Schallplatte mit Richard Wagners Oper Das Rheingold wies auf die „musikalische Untermalung der Museuminsel hin.“
(Doris Krystof in: Marcel Broodthaers, Eine Retrospektive)

Ein Blog zeigt zwei Fotos, welche eindeutig im Zusammenhang mit der „Museumsinsel“ stehen. Roland Bergère hat sie aus rechtlichen Gründen für rheinsein nachskizziert:

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Projet pour un musée sur une île déserte (1971)

Das Hungertuch

Ein zweijährlicher Preis, der von Künstlern an Künstler vergeben wird, die “mit experimentellem Pioniergeist im 21. Jahrhundert” zu neuem künstlerischen Terrain aufbrechen ist Das Hungertuch, vor 16 Jahren von Ulrich Peters initiiert. Bedacht werden die Sparten Bildende Kunst, Musik und Literatur mit besonderem Fokus auf interdisziplinär arbeitende Künstler. Dieses Jahr zählen zwei ständige rheinsein-Autoren zu den Preisträgern: Roland Bergère und Stan Lafleur, eine Auszeichnung also auch für rheinsein wie die Rheinische Post in einem Vorbericht zur heute in Neuss stattfindenden Preisverleihung schreibt:

“Das Hungertuch im Bereich Literatur wird der bekannte Spoken-Word-Performer und Lyriker Stan Lafleur (…) bekommen. Neben zahlreichen Buchveröffentlichungen, zuletzt: “Mini Welt”, gestaltet er seit 2009 sein gigantisches Netzprojekt rheinsein.de. Das Projekt strebt “eine komplexe, neuartige, literarisch basierte Hybridform um Faktisches und Fiktives zum Thema Rhein und zugleich die umfassendste zusammenhängende, stets wachsende Sammlung rheinischer Kulturgeschichte im Internet” an, wie er selbst es beschreibt. Dieser Blog enthält inzwischen über 2000 Beiträge, auch von anderen Autoren.”