Magrittes rheinischer Jungbrunnen

(von unserem Korrespondenten Roland Bergère)

Marcel Broodthaers stellte in der Städtischen Kunsthalle Düsseldorf (16. Mai 1972 – 09. Juli 1972) das „Musée d’Art Moderne, Département des Aigles, Section des Figures: Der Adler vom Oligozän bis heute“ aus. Dazu gehörte ein Bild von René Magritte (Figure n°181 ) : La fontaine de Jouvence (1957).

Im Catalogue raisonné (*) des belgischen Malers ist Folgendes zu lesen: „In a letter dated 11 June 1957, Magritte asked Colinet (Paul Colinet, Mitglied der belgischen Surrealistengruppe) to provide a title for „another variant of „The fountain of youth“ which had the inscription read on the stone“, and make a sketch [...] which he described as „picture with things in stone, the sky is milky, distant objects are slightly veiled in a sort of mist“. Magritte’s fairly detailed description indicates that the painting was well finished, if not finished. An oblique to „la pierre et Coblence / the stone and Coblence“ in a letter written two days later establishes that Colinet provided the title without seeing the work. Magritte’s choice of Coblenz, the German town at the confluence of the Mosel and the Rhine, for the inscription on the stone tablet may well refer to the tomb of the eighteen-century French general François Marceau (**), who was killed in 1796 when in command of an army of Belgians.“

Auf dem Bild sind eine Stele mit einem Adlerkopf und der Inschrift „Coblenz“, ein versteinertes Blatt, eine Sphäre (sie gehört zu der gespaltenen Sorte) und mehrere Steinbrocken auf nackter Erde zu sehen. Abgebildet war das Gemälde, doch nur in Schwarzweiß. Als ich später las, daß es im Museum Ludwig hing, fuhr ich dorthin, um es anzuschauen und Notizen zu machen. Prompt kam eine Wächterin, die mich fragte ob ich mit einem Bleistift schreiben würde, was ich verneinte und ihr meinen Free Ink Roller präsentierte. Damit könne ich nicht schreiben, sagte sie freundlich, fast beschämt. Ich nahm eine anderen Stift aus meiner Jackentasche: einen Staedtler permanent lumocolor (wasserfest!). Da sie mich darauf hinwies, ich könne auch mit diesem Werkzeug nicht schreiben, holte ich nach und nach einen Kuli, einen Tintenfüller, einen Edding hervor: jedesmal bekam ich die gleiche Antwort, und langsam verstand ich warum: Es war nicht auszuschließen, daß ich damit ein Werk, absichtlich oder aus Ungeschick, beschädigen könnte. So etwas passiert eben. Doch wollte ich den Grund aus ihrem Munde hören und fragte: warum? Etwas verlegen verstummte die Wächterin, informierte mich aber dann, daß ich mir einen Bleistift an der Kasse leihen könne, was ich auch tat. Zum Bild zurückgekehrt winkte ich der Wächterin mit dem Bleistift. Sie wirkte erleichtert, lächelte und ging weiter. Während dieses ganzen Hin und Hers hatte ich bemerkt wie Besucher Werke fotografierten. Schön, das wollte ich auch. Ich griff zu meiner Kamera. Doch vor dem Bild saß eine Besucherin.
magritte_jungbrunnen_besucherin

Davon begeistert war ich natürlich nicht, wartete dennoch geduldig, daß sie sich zum nächstes Bild bewegte. Das tat sie nicht, im Gegenteil. Sie starrte und starrte, und träumte und starrte, schien allmählich selbst versteinert, wie das Blatt rechts der Stele. Farblich betrachtet passte ihr Pulli zu den Bildtönen. Wegen Bauarbeiten im Museum waren Laute von draußen zu hören (als solche nahm ich sie wahr, vielleicht ereigneten sie sich auch drinnen?). Eins davon schien mir von einem Straßenmusiker erzeugt zu werden, der einem Endlostape gleich „Knock knock knocking on heaven’s door“ sang. Ich stellte mir vor wie die Besucherin an die Stele klopfte, um das Wunder des Jungbrunnens zu erleben. Doch regte sie sich, falls das überhaupt möglich war, noch weniger als vorher. Ich ging in einen Nebenraum. Als ich zurück kam war die Besucherin verschwunden.
magritte_jungbrunnen René Magritte, La fontaine de jouvence (1957)

(*) David Sylvester, Sarah Whitfield: René Magritte, Catalogue raisonné, Volume III, 1993.
(**) In Höchstenbach verwundet, starb er in Altenkirchen. Bekanntlich starben die Offiziere der französischen Revolution gern im Rhein-Nähe.

Marcel Broodthaers beschäftigt sich mit dem Rhein

(von unserem Korrespondenten Roland Bergère)

Neulich besuchte ich die sehenswerte Marcel Broodthaers-Retrospektive in Düsseldorf. In einer Vitrine lag ein Buch mit dem Titel: „En lisant Lorelei / Wie ich die Lorelei gelesen habe” von 1975. Die aufgeschlagenen Seiten zeigten drei Mal die gleiche Zeichnung (eine Familie vor einem Fernsehgerät versammelt), mit den Legenden: Programme I, Programme II, Programme III. Die Zeichnungen unterscheiden sich voneinander nur dadurch, was auf dem Bildschirm erscheint (schwer zu erkennen, auch im Katalog, alles recht klein gedruckt), bei Programme II steht eine Blumenvase auf dem Fernsehgerät. Auf der rechten Seite sind drei verschiedene Chromolithographien reproduziert, welche drei Ansichten der Lorelei zeigen. Dazu gehört ein textkritischer Apparat. Das Buch „En lisant Lorelei“ wurde 1974 in Basel ausgestellt, in einem gleichnamigen Raum.
Zu sehen waren auch vier „Zeichnungen“. Drei ohne Titel, eine mit der Legende: „Au bord du Rhin“. Drei der vier Zeichnungen stellen Meerjungfrauen dar. Eine, auf einem Felsen stehend, hält eine Baby-Meerjungfrau in ihren Armen, ein Matrose nähert sich dem Felsen mit einem Ruderboot. Die zweite hebt (so scheint es zumindest) die Deckel eines Topfs, welcher womöglich auf einem nicht dargestellten Herd steht. Im Vergleich zu den anderen ist ihr Fischschwanz nur angedeutet. Die dritte trägt einen dampfenden Topf. Die vierte (diejenige mit dem Titel „Au bord du Rhin“) sitzt am Fluß und trinkt eine Tasse Kaffee und hört nachdenklich (dafür spricht die Haltung der rechten Hand, die das Kinn stützt) einer zweiten Frau zu. Die vier Zeichnungen haben verschiedene Größen, sind auf das Jahr 1974 datiert und als Abziehbilder auf Papier bezeichnet, die mit Bleistift und Tusche überarbeitet worden sind.

broodthaers_au bord du rhin

Fotografieren war nicht erlaubt, doch wie eine Wächterin mir flüsterte: „Wenn ich nicht gerade hinschaue, können Sie es versuchen.“ (Später sah ich, wie sie in einem menschenleeren Raum auf die Begleitmusik eines Films Tanzschritte machte). Das Foto zu machen war natürlich nicht einfach. Sie war nicht die einzige Aufpasserin. Die Besucher (in geringerer Anzahl als Wächterinnen vorhanden) wurden von einem Raum zum anderen wortwörtlich verfolgt. Ein Aspekt des aufregenden Museumslebens, über den Broodthaers sich recht amüsieren hätte können.

marcel broodthaers_remonter le rhin

Marcel Broodthaers Werk „Musée d’art moderne – Département des aigles“ (1968-1972) wurde 2015 in Paris ausgestellt (Monnaie de Paris). Am Tag der Eröffnung fand ein Happening statt: ein Frachtkahn fuhr die Seine aufwärts, beladen mit Kisten, Koffern, Palmen, Säcken, usw… die am Ufer abgeladen und in den Ausstellungsräumen plaziert wurden. Die Aktion sollte, laut der Presse-Mitteillung, an zwei nicht realisierte Projekte Broodthaers erinnern: „L’Ile du Musée“ und „Bateau sur le Rhin“ (1971), eine Video-Aufnahme dokumentierte die Aktion.

Im Katalog der Retrospektive steht folgendes zu lesen:
„Die Einladung zur Teilnahme an einer Konferenz im Rahmen von between 6, die im Juni 1971 mit der britischen, nach Düsseldorf eingeladenen Art and Placement Group (APG) stattfand, nutzte Broodthaers zur Präsentation einer hochironischen Variante seiner Museumsidee. Mit dem Collage-Projekt einer unbewohnten Insel im Rhein (“Museumsinsel”) entwickelte er die Vorstellung einer einsamen nahe dem Lorelei-Felsen im Rhein gelegenen Insel als Ort eines Museums, die in größtem Widerspruch zu der von der APG vertretenen Absicht stand, Kunst in der Industriegesellschaft zu verankern und dabei auch vor den Chefetagen nicht Halt zu machen. Broodthaers’ isoliertes Museum entwarf einen Ort der Utopie, das in die Collage eingefügte Cover einer Schallplatte mit Richard Wagners Oper Das Rheingold wies auf die „musikalische Untermalung der Museuminsel hin.“
(Doris Krystof in: Marcel Broodthaers, Eine Retrospektive)

Ein Blog zeigt zwei Fotos, welche eindeutig im Zusammenhang mit der „Museumsinsel“ stehen. Roland Bergère hat sie aus rechtlichen Gründen für rheinsein nachskizziert:

marcel broodthaers_museuminsel_2

marcel broodthaers_museuminsel

Projet pour un musée sur une île déserte (1971)

Das Hungertuch

Ein zweijährlicher Preis, der von Künstlern an Künstler vergeben wird, die “mit experimentellem Pioniergeist im 21. Jahrhundert” zu neuem künstlerischen Terrain aufbrechen ist Das Hungertuch, vor 16 Jahren von Ulrich Peters initiiert. Bedacht werden die Sparten Bildende Kunst, Musik und Literatur mit besonderem Fokus auf interdisziplinär arbeitende Künstler. Dieses Jahr zählen zwei ständige rheinsein-Autoren zu den Preisträgern: Roland Bergère und Stan Lafleur, eine Auszeichnung also auch für rheinsein wie die Rheinische Post in einem Vorbericht zur heute in Neuss stattfindenden Preisverleihung schreibt:

“Das Hungertuch im Bereich Literatur wird der bekannte Spoken-Word-Performer und Lyriker Stan Lafleur (…) bekommen. Neben zahlreichen Buchveröffentlichungen, zuletzt: “Mini Welt”, gestaltet er seit 2009 sein gigantisches Netzprojekt rheinsein.de. Das Projekt strebt “eine komplexe, neuartige, literarisch basierte Hybridform um Faktisches und Fiktives zum Thema Rhein und zugleich die umfassendste zusammenhängende, stets wachsende Sammlung rheinischer Kulturgeschichte im Internet” an, wie er selbst es beschreibt. Dieser Blog enthält inzwischen über 2000 Beiträge, auch von anderen Autoren.”

Der Rhein. Eine europäische Flußbiografie

Der Rhein. Eine europäische Flussbiografie war die größere der beiden, parallel stattfindenden Bonner Rhein-Ausstellungen betitelt. Zu besuchen war sie in der Bundeskunsthalle und erlangte reichlich Aufmerksamkeit auch in der überregionalen Presse.

Vom LVR-Landesmuseum in Bonn sind es nur wenige Straßenbahnstationen zur Museumsmeile am Rande des ehemaligen Regierungsviertels. Grauer Jännerregen plästert: eine neoromantische Deutschlandinszenierung mit tagsüber eingeschalteten Autoscheinwerfern entlang pudelesk begossener Bauten. Die Ausstellung findet in einem Rundgang wellenförmig geschnittener, großzügig mit Vitrinen ausstaffierter, thematisch geordneter Kojen statt. Dicht bei dicht hängen Wandexponate. Über Audioguide gibt die deutsche Stimme Robert De Niros kurze Erklärungen zu ausgewählten Stücken ab. Direkt in der ersten Koje Andreas Gurskys Rhein II im Original: das berühmte Foto, das wir in der bilderstrom-Ausstellung erst vermisst und dann als Laminat aus dem Besenschrank unter die Nase gehalten bekommen hatten. Gegenüber sowohl Moritz von Schwinds monumentaler, als auch Max Ernsts grünblaugrüner, surrealistischer “Vater Rhein”: hier wird auf den ersten Blick geklotzt und zugleich gekleckert. Die erstaunte Frage, was diesem Auftakt wohl folgen solle, beantwortet die zweite Koje u.a. mit einem vermüllten Landschaftsmodell Dieter Roths, unserem Lieblingsstück der Ausstellung. Auch dieser Raum wirkt chaotisch und zu 80 bis 100 Prozent dem rheinsein-Konzept entlehnt. Ein Eindruck, der sich von Koje zu Koje abschwächt. Je weiter wir schreiten, desto strenger umreißen die Kojen ihre Themen. Zunehmend sind Exponate aus dem ökonomisch-politischen Komplex zu betrachten, den rheinsein bisher weitgehend ausgespart hat.

Da wir den Besuch gemeinsam mit unserem französischen Korrespondenten Roland Bergère unternehmen, verleiten insbesondere die Darstellungen des Rheins als Grenzfluss, etabliert mit der Eroberung Galliens durch Caesar, hier ausschließlich als neuzeitliche Symbollinie deutsch-französischer Konflikte dargestellt, zu rhetorischen Fortsetzungen vergangener Kriegsakte mehr bis minder hoch angesehener Militärs und Staatsmänner. Ungefähr auf der Hälfte des Rundgangs führt ein Kino zwei oder drei kurze Dokumentarfilme in Endlosschlaufe auf. Vielleicht weil es in den Kojen bis dahin an Sitzgelegenheiten mangelt, sind die Kinoplätze stark begehrt. Ein neuer Film trägt im Titel stolz die falsche alte Rheinlänge – was wir, aufgrund Platzmangels auf dem Teppichboden Platz nehmend, zu sehen bekommen, deckt sich weitgehend mit Inhalten der jüngsten Rhein-Dokus der öffentlich-rechtlichen Sender. Zumindest soweit wir folgen können, denn aus dem Kindern vorbehaltenen Nachbarsaal ertönt in Intervallen organisiertes Gejohle, welches das Kinoprogramm übertönt.

bonn_beethoven_lüpertzBlaugesichtige Beethoven-Büste von Markus Lüpertz, aufgestellt 2014 in der Bonner Innenstadt unweit der Universität und des Rheinufers

Sitzgelegenheiten finden sich dann wieder in der letzten Koje, der größten, in der wir zu Wagnerklängen über Kopfhörer, leichten Ermüdungserscheinungen trotzend, aus sämtlichen, leider nur beschränkt zur Verfügung stehenden Blickwinkeln Joseph Beuys’ Rhein Water Polluted, eine vom Künstler signierte Glasflasche voll gefärbten Wassers, betrachten – und das zuvor Erschaute auf dieser meditativen Oberfläche Revue passieren lassen: neben viel Bekanntem und Teurem bietet die Ausstellung auch seltener beachtete Aspekte der rheinischen Geschichte in reichem Maß. Geflissentlich verliert sie sich, gleich einem Fluss, um in der nächsten Windung mit Pomp zurückkehren. Interaktionsmöglichkeiten Fehlanzeige. Die Begehung evoziert das Gefühl, die Ausstellung zu erfassen bestünde in (intensiver) Arbeit. Die sich auf zwei Stunden, ebenso gut jedoch auch auf zwei Tage verteilen ließe. Reichlich Input, der das Bewusstsein um die dazwischen klaffenden Leerstellen gleich mit befördert. Kunstlicht, Messe-Atmosfäre und ein leiser Sensationismus, der sich nicht erfüllen mag. Draußen plästert es wieder oder weiterhin. Wir schlendern durchs Regierungsviertel ans Rheinufer. Der Blick auf den Strom: selbst im Regengrau wirkt er besser, realer, tiefgehender als jede Ausstellung.

sic vaporant littora rheni

arnhem
Der Nederrijn in Arnhem, abgelichtet von unserem Korrespondenten Roland Bergère.

Der Rhein als Skulpturist

skulptur in köln
Vom Rhein bearbeitetem Geröll, das insbesondere im Alpenraum ästhetische Wertschätzung erfährt, indem Anwohner die auf wandernden Kiesbänken vorzufindenden, polierten und geschliffenen, in seltenen Fällen auch gelochten Steine als häufig anzutreffende Haus- und Gartenzierde verwenden, haben wir bereits eine Serie (mit bisher rund 20 Bildartikeln, die teils erstaunliche Funde nachweisen) gewidmet. Seit Millionen Jahren hält die bildhauerische Tätigkeit des Rheins bereits an und wird täglich aufs neue fortgesetzt. Dafür daß der Rhein eines der ältesten und größten Bildhauer-Ateliers des Erdkreises vorstellen dürfte, wird seinem skulpturalen Werk bisher verschwindend geringe Aufmerksamkeit zuteil.

Wie von Menschenhand errichtet wirkt diese vom Fluß  bearbeitete und vorübergehend (ohne feste Datumsangabe) präsentierte Metall-Skulptur am Kölner Ufer. Unser Korrespondent Roland Bergère fand sie vergangene Woche unter beißender Sonne, dokumentierte den Fund und notierte, daß die ästhetische Einordnung vermutlich im weitläufigen Graubereich zwischen den mbulu ngulu (Reliquiarwächterfratzen der Bakota) und kubistischen Ansätzen anzusiedeln sei (“unklar bleibt nach eingehender Prüfung, ob es sich um ein vorderseitiges Antlitz oder ein Profil oder eine Vermengung von beidem handelt”), wobei letzterem die Frage offenbliebe, ob sich die Ausdrucksform stärker an Picasso oder doch eher an experimentellen Techniken Max Ernsts (als Tribut an den aus dem Rheinland stammenden Künstler) orientiere. Desweiteren habe sich der Gedanke aufgedrängt, ob nach Eisen-, Bronze- und Kupferzeit von der Gegenwart als Rostzeit gesprochen werden könnte.

Baummusik

Die alljährliche Rheinbegehung mit Frankreich-Chefkorrespondent Roland Bergère fand heuer erneut in Köln statt und führte durch die vom aktuellen Hochwasser etwas sumpfigen Wiesen des Niehler Ufers. Zwei Kanadagänse übten auf dem Rhein das Trompeten, als wir, bevor wir losmarschierten, als einzige Gäste des just öffnenden Schwimmbad-Biergartens den traditionellen Auftaktkaffee zu uns nahmen. Die Kölner schienen die Osterferien am Meer oder in den Bergen zu verbringen – außer vereinzelt anzutreffenden Anglern war der Uferstreifen entvölkert. Im Rücken des Cranachwäldchens gerieten wir unvermittelt in eine stattliche Schafherde, die sogleich in polyfones Geblöke ausbrach.

Es gelang uns, einige besonders mutige Tiere beim Trinken aus dem Rhein zu fotografieren, ein gefährliches Unterfangen (für die Tiere), denn Schafen wird nachgesagt, daß sie, sobald sich ihre Wolle beim Trinken in Flüssen mit Wasser vollsaugt, zu schwer für die Fortbewegung würden und untergingen. Ob auf dem Rheingrund Schaffriedhöfe liegen? Ein aufmerksamer Hütehund trieb das erkundungsfrohe Häuflein zur Herde zurück. Als der grau bedeckte Himmel aufbrach, hatten wir die Sandbuchten oberhalb des Hafengeländes erreicht. Inspiriert von der frischen Frühlingssonne, der französisch-deutschen Geschichte und Seruni Bodjawatis wayang-lastigen Kunstfilmen, unter interessierten Blicken erfolgloser Angler, improvisierten wir us d’r Lamäng ein Schattentheaterstück:

asterix vs siegfried_roland_2 Asterix vs Siegfried – Showdown am Rhein, mit Anklängen an Murnaus Nosferatu – Symfonie des Grauens.

Auf der Mauer der Niehler Hafeneinfahrt schließlich die verdiente Rast. Sie mit geschlossenen Augen zu begehen käme gewiß einer Passage durch den berühmten Tunnel zur Ewigkeit gleich. Die Sonne unterdessen lockte daheimgebliebene Kölner samt ihrer Hunde nun doch in Scharen ans Flußufer. Kataraktisch sprudelte der Rhein über die Gipfel der Kribbengebirge. Enten beim Paarungskampf. Linkisch einherhüpfende Wacholderdrosseln. Auf einem Sockel mitten im Strom spross ein karges Bäumchen denkmalgleich vor sich hin. In den Uferbäumen zerrissene Fahnen aus Abfallbeuteln. Das Geschwemmsel: Elektromüll, Löffel, Verpackungen. Dann der Fund des Tages: ein Baumstück in Form einer Musikwalze, deren Muster wiederum als Partitur angelegt schien. Der Dokumentation des Fundes folgte seine Bearbeitung: Monsieur Bergère legte, gewürzt mit einer Spur Willkür, die passenden Notenlinien über das Baumstück

baummusikund las die solcherart entstandene Komposition in seinen Rechner ein, welcher seine ihm eigenen Algorhythmen beisteuerte. Et voilà: ein zweiminütiges Stück rheinischer Baummusik!

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Der Geysir von Andernach

geysirDer Geysir auf dem Namedyer Werth, einer Rheinhalbinsel bei Andernach, mitten im schönsten artifiziellen düsenartigen Ausbruch. Die Wucht des Ausbruchs soll Menschen zum Erzittern bringen: der Andernacher Geysir gilt als der Kaltwassergeysir mit der höchsten Fontäne der Welt. Unser Bild (von Roland Bergère) zeigt den anschwellenden Strahl weit unterhalb seiner Rekordmarke von ca. 60 Metern Höhe.

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Achtung, Steinschlag! (Bild: Roland Bergère)

Wolken bauen

(bâtir des nuages – building clouds) lautet der Titel der kommenden Samstag eröffnenden neuen Ausstellung von Roland Bergère in Neuss. Monsieur Bergère ist nicht nur von Beginn an als rheinsein-Chefkorrespondent für frankorheinische Angelegenheiten unermüdlich tätig, sondern mindestens ebenso und noch sehr viel länger als in Köln und weit darüberhinaus wohlbekannter Künstler. Mit Wolken bauen bezieht Bergère sich auf ein Zitat Ludwig Wittgensteins: „Wolken kann man nicht bauen. Und darum wird die erträumte Zukunft nie wahr.“ Eine Aussage, die tatkräftigen Widerspruch geradezu herausfordert.

Nebst dem Wolkenbau widmet sich die Ausstellung u.a. den universellen Prinzipien der Expansion und des Auseinanderdriftens. Bergères Ausstellungen sind von langer Hand vorbereitet. In den Planungen für die aktuelle Präsentation spielte auch der Rhein eine maßgebliche Rolle. So werden Bilder von Anschwemmseln aus der Serie “Strandgüter des Hubble-Flusses” zu sehen sein, die Bergère während eines Jahres bei seinen Uferspaziergängen fotografierte, auf handgeschöpftes Papier bannte und wiederum vom Rhein beschwemmen ließ.

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Zwei Einsichten in den Rheingüter-Produktionsprozeß Höhe Rodenkirchen.

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Die Ausstellung findet vom 26. Januar bis zum 6. April 2013 im ebenfalls rheinverbundenen amschatzhaus, Hauptstr. 18, Neuss-Holzheim statt.
Vernissage ist am 26. Januar um 16.30 Uhr.

Linke Schuhe

Heute rheinsein-Jahreskonferenz mit unserem Chefkorrespondenten für alles Frankorheinische, Roland Bergère. Spazierten bei wechselndem Wetter mehrere Stunden am linken Kölner Rheinufer. Gab viel zu besprechen. Trafen unterwegs immer wieder auf angeschwemmte, ausschließlich linke Schuhe. Bergère fotografierte sie und meinte geheimnisvoll, daß diese Aktivität mit einem Projekt zur Ausdehnung des Universums zu schaffen habe. Die Ausstellung dazu fände in wenigen Monaten in Neuss statt. Plötzlich der Gedanke, daß die zugehörigen rechten Schuhe auf der anderen Rheinseite zu finden sein müßten. Dort aber nur Prallhang. Speisten hernach ausgiebig Muscheln.

Grace de Dieu

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grace de dieu

(Fotos: Roland Bergère)

In einem unserer Reisegedichte ist von “Gottes Körperfett” die Rede, einem in dieser Kombination seltenen, womöglich einmaligen lyrischen Motiv. In rheinischem Zusammenhang kam es containerführend zum Wiedervorschein, als unser Korrespondent den Schiffsnamen Grace de Dieu (Gottesgnade) von deutscher Zunge ausgesprochen hörte, was ihm als graisse de dieu (Gottesfett) in den Ohren klingelte. Eine exuberante Übersetzungsvariante für graisse de dieux bietet Google Translate, das uns Fett Gott ausspuckte. Das nennen wir elektronisch-autonomes Nach vorne-Werkeln am Weltsprachgebrauch! Das Prinzip der haarscharfen Verfehlung als optionaler Verständnisverfeinerung bzw In- und Deflektionshilfe bzw Verschleierung des globalen Wortbreis zugunsten der Sache-an-sisch (et vice versa) darf als einer der vielfältigen Antriebe rheinseins gelten. Ob von Gottes Gnade oder Gottes Fett am Laufen gehalten: Hauptsache ein gutes Schmiermittel, das funktioniert!

Henri Cartier-Bresson: Auf dem Rhein, 1956

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Das Foto einer geknickten Vorlage schickte unser Frankreich-Chefkorrespondent Roland Bergère. Es gibt im Netz auch gestochenere Varianten des Bildes. Und für ca. 5000 Euro kursieren Gelatinesilberabzüge. Wir bescheiden uns vorerst mit dieser Version.