Mme de Staël über Unterschiede im (gegenseitigen) intellektuellen Verständnis links und rechts des Rheins

“(…) Les hommes de génie de tous les pays sont faits pour se comprendre et pour s`estimer; mais le vulgaire des écrivains et des lecteurs allemands et français rappelle cette fable de la Fontaine, où la cigogne ne peut manger dans le plat, ni le renard dans la bouteille. Le contraste le plus parfait se fait voir entre les esprits développés dans la solitude et ceux qui sont formés par la société. Les impressions du dehors et le recueillement de  l`âme, la connaissance des hommes et l`étude des idées abstraites, l`action et la théorie donnent des résultats tout à fait opposés. La littérature, les arts, la philosophie, la religion des deux peuples, attestent cette différence; et l`éternelle barrière du Rhin sépare deux régions intellectuelles qui, non moins que les deux contrées, sont étrangères l`une à l`autre. (…)”

(aus: Oeuvres complètes de Mme de  Staël: De l`Allemagne. Seconde partie. De la littérature et des arts. Chapitre premier. Pourqoui les Français ne rendent-ils pas justice à la littérature allemande?)

“(…) La poésie française, étant la plus classique de toutes les poésies modernes, est la seule qui ne soit pas répandue parmi le peuple. Les stances du Tasse sont chantées par les gondoliers de Venise; les Espagnols et les Portugais de toutes les classes savent par cœur les vers de Calderon et de Camoëns. Shakspeare est autant admiré par le peuple en Angleterre que par la classe supérieure. Des poèmes de Goethe et de Bürger sont mis en musique, et vous les entendez répéter des bords du Rhin jusqu`à la Baltique. Nos poëtes français sont admirés par tout ce qu`il y a d`esprits cultivés chez nous et dans le reste de l`Europe, mais ils sont tout à fait inconnus aux gens du peuple et aux bourgeois même des villes, parce que les arts en France ne sont pas, comme ailleurs, natifs du pays même où leurs beautés se développent. (…)”

(Dortselbst. Chapitre XI. De la poésie classique et de la poésie romantique.)

“(…) Klopstock a souvent beaucoup de grâce sur des sujets moins sérieux: sa grâce tient à l`imagination et à la sensibilité; car dans ses poésies il n`y a pas beaucoup de ce que nous appelons de l`esprit; le genre lyrique ne le comporte pas. Dans, l`ode sur le rossignol, le poëte allemand a su rajeunir un sujet bien usé, en prêtant à l`oiseau des sentiments si doux et si vifs pour la nature et pour l`homme, qu`il semble un médiateur ailé qui porte de l`une à l`autre des tributs de louange et d`amour. Une ode sur le vin du Rhin est très-originale: les rives du Rhin sont pour les Allemands une image vraiment nationale; ils n`ont rien de plus beau dans toute leur contrée; les pampres croissent dans les mêmes lieux où tant d`actions guerrières se sont passées, et le vin de cent années, contemporain de jours plus glorieux, semble recéler encore la généreuse chaleur des temps passés.
Non – seulement Klopstock a tiré du christianisme les plus grandes beautés de ses ouvrages religieux, mais comme il voulait que la littérature de son pays fût tout à fait indépendante de celle des anciens, il a tâché de donner à la poésie allemande une mythologie toute nouvelle, empruntée des Scandinaves. Quelquefois il l`emploie d`une manière trop savante; mais quelquefois aussi il en a tiré un parti très-heureux, et son imagination a senti les rapports qui existent entre les dieux du Nord et l`aspect de la nature à laquelle ils président. (…)”

(Dortselbst. Chapitre XII. Des  poëmes allmands.)

Wir danken unserem Korrespondenten Roland Bergère fürs Aufstöbern und häppchengerechte Servieren. Mme de Staëls Gedanken ufern sehr viel weiter aus, als wir hier darstellen mögen, und sind tiefere Einblicke wert. Klopstock!, sagen wir nur. Der Originaltext findet sich ua bei Google Books.

Rheingeier (3)

Es existiert, wie uns Roland Bergère mitteilte, noch eine geheimnisvolle vierte Rheingeier-Skizze, die zwar in den Tiefen seines öffentlichen bestiaire abrégé (der weiterführende Link scheint rechts neben den Schubladen auf) abgelegt ist, aber bis Sie sie dort gefunden haben, können Sie sich dumm und dämlich suchen. Denn die äußerst verzweigten Klickwege, die Monsieur Bergère uns zum Auffinden der raren Skizze übermittelte, wollen wir hier, um Ihre Scrollleiste zu schonen, nicht veröffentlichen. (Wenn Sie sich aber für Geier interessen sollten, besuchen Sie die Site und klicken Sie einfach wild in die Gegend: es lohnt in jedem Fall.)

rheingeier_rettung

“Die Rettung”, ein wohl nicht nur zufällig auch österlich passender Titel, zeigt die bisher unbekannte conclusio der Bergèreschen Überlegungen: vor der von mächtigem Sakralbau und  christlicher Symbolik geprägten Silhouette einer offenbar bedeutenden rheinischen Stadt kommt es zum Showdown zwischen vorgeblich menschlichen und vorgeblich animalischen Trieben. Allein der Titel verspricht Hoffnung und Erlösung, denn durch das Wort steht zu erwarten die wundersame Harmonisierung etlicher klassischer Gegensatzpaare (Leben/Tod, Geier/Mensch, Deutschland/blauer Himmel etc).

Rheingeier

Roland Bergère dürfen wir mit Fug und Recht als den Geier-Experten unter Europas Künstlern bezeichnen. Ähnlich wie rheinsein alles Rheinrelevante sammelt und archiviert, hortet Bergère in seinem bestiaire abrégé jegliche Informationen zu den liebenswerten Greifen. Sowohl Bergères als auch rheinseins Arbeitsstränge sind über lange Zeit angelegt, kreuzten dabei mehrfach ihre Wege und setzten inspirative Synergien frei: vor einigen Jahren z.B. beschäftigte uns die Frage, welche Bedeutung dem Geier (jenseits seiner Vorkommen in Zoos und als Flugschauobjekt) am Rhein noch zukommen könne. Bergère schickte uns daraufhin drei Skizzen, welche sich mit möglichen Evolutionsschritten für die in rheinischen Gefilden derzeit raren Landvögel auseinandersetzen:

rheingeier1_roland

Skizze 1 zeigt einen Schnorchelgeier, der sich in seinem neuen Element noch sichtlich unwohl fühlt (”Grillhähnchenhaltung”). Vermutlich hat ihn die Strömung überrascht, die sich von jenen, die in den Lüften herrschen, in wichtigen Punkten unterscheidet.

rheingeier2_roland

Skizze 2 zeigt einen deutlich ausgeklügelteren Plan, sich dem ungewohnten Element zu nähern. Der Luftschlauch soll das Überleben auch bei längeren Unterwassergängen garantieren, zur doppelten Sicherheit dient die Zugleine, welche den Vogel im Notfall in sein angestammtes Element zurückverfrachten soll.

rheingeier3_roland

Skizze 3 schließlich zeigt eine realistische Anpassungsweise unter Wasser. Der evolutionäre Rheingeier scheint das Verhalten einiger Schalentiere beobachtet und kopiert zu haben: der Rumpf bleibt der feindlichen Umgebung verborgen. Beine und Krallen dienen als Steuer und Anker.

Loreley (4)

kitschlore

Im Sommer 1992 fand in Ludwigshafen eine große Ausstellung namens “Mythos Rhein” mit zeitgenössischer und vorzeitgenössischer Kunst statt. Der ansprechende Katalog dazu ist zweigeteilt in einen Kitsch- und einen Vollkunst-Teil, die durchaus gegenseitig wie in sich selbst Osmose treiben. Leider befindet sich nur letzterer Band in unserem Archiv. Doch erlangte unser Korrespondent Roland Bergère nun Zugriff auf den Kitsch-Teil und scannte für rheinsein eine Serie Mythösen wie sie sich bei Rheinkilometer 554 inszenieren oder inszeniert werden. Diese Postkarte, von einem Kunstverlag herausgegeben, zeigt eine wellenlösliche Loreley in ihrer bisher noch kaum bis garnicht besungenen Rückansicht.

Flaschenpost (4)

„Womöglich war der Sache Ursprung, daß ich als Kunststudent (vor gut 20 Jahren) öfter das Gemälde „Das Narrenschiff“ von Bosch im Louvre betrachtete und in diesem Zusammenhang von Sebastian Brant erfuhr. Das Bild konnte ich also sehen – das Buch lesen jedoch nicht. Denn eine französische Übersetzung war nicht aufzutreiben und der Originalsprache war ich damals noch viel weniger mächtig als heute.
Daß man Träumen keinerlei Glauben schenken sollte: diese Erkenntnis erlangte ich, als ich nach einem Traum den “Leichnam Christi” von Holbein d. J. im oben erwähnten Museum vergeblich zu finden suchte (um das Gemälde mit Dostojewskis Beschreibung zu vergleichen).
Als ich 2006 in Basel zu Besuch war, nutzte ich die Gelegenheit um endlich den Holbein im Kunstmuseum zu sehen und warf danach einen Blick auf Kataloge, Bücher, Postkarten. Ich kaufte zwei Holbein-Postkarten und – siehe da! Zwischen mächtigen, dicken, prachtvollen und dementsprechend teuren Veröffentlichungen lag das kleine Reclambändchen von Brant: nicht in altdeutscher Schrift (die für mich so verständlich ist wie japanische Ideogramme), sondern in lesbaren lateinischen Lettern. Auf Deutsch zwar, aber inzwischen war viel Wasser unter diversen Brücken hingeflossen und die vorherige Sprachbarriere so gut wie überwunden.
Abends nach einem Spaziergang tranken B. und ich ein paar Biere, unterhielten uns und stellten irgendwann fest, daß der Wurf eines Objekts in einen von Süd nach Nord fließenden Fluß zwangslaufig dieses Objekt, da wir im Süden saßen, nach Norden schwimmen lassen würde. Dieser Fluß war der Rhein, die Wahl des potentiellen Empfängers fiel leicht.
Das passende Objekt für das Experiment stand bereits auf dem Tisch: eine leere Bierflasche. Es fehlte nur noch die schwimmenzulassende Botschaft. Brant bot sich natürlich an. Jedoch ist es bekanntermaßen viel einfacher für ein Kamel sich durch ein Nadelöhr zu schwingen, als für ein Buch (sei es nur ein Reclamheft) in eine Flasche Bier zu gelangen. So schrieb ich das Zitat (das ich heute vergessen habe) auf eine der beiden Postkarten, welche ich dann in die leere Pulle beförderte.
Am folgenden Tag, als wir über die Eisenbahnbrücke, die parallel zur Schwarzwaldbrücke verläuft, spazierten, warf ich die zur Flaschenpost beförderte Pulle in den Rhein, und wenn sie bis heute nicht angekommen ist, dann schwimmt sie wahrscheinlich noch.“

Ein (vierteiliger illustrierter) Gastbeitrag von Roland Bergère, von Rheinsein aus dem frz-dt ins virtuell-dt transkribiert. Erwähnte und fotografisch dokumentierte Flaschenpost, die natürlich an (das damals bereits als Geist über dem Wasser schwebende) Rheinsein adressiert war, hat sich inzwischen, und das ist Anlaß für den ganzen Artikel, selbstdigitalisiert und ist solcher Gestalt (oder Pixelifikation) beim Adressaten angelangt. Für diese Wegstrecke benötigte sie gute vier Jahre und womöglich einige Transformationsprozesse, die einst als Vorstufen zwischenweltlichen Beamens betrachtet werden mögen.

Rhein vs Seine – ein Ratespiel mit Gewinnchance

Als unser Korrespondent Roland Bergère jüngst von seinem Vorhaben berichtete, einige Tage an der Seine zu verbringen, baten wir ihn um Vergleichsproben, die er zu unserer größten Freude sogleich auf digitalem Wege übermittelte. Allgemeine Flußdaten sind heuer mit wenigen Mausklicks in einschlägigen Online-Enzyklopädien abrufbar, der literarischen Vergleiche zwischen Rhein und Seine jedoch noch wenige (meist von Franzosen verfaßte), der fotografischen sind uns bis dato überhaupt keine bekannt und somit bietet Rheinsein womöglich den weltersten direkten Rheinseinetest – an dem wir unsere Leser teilhaben lassen wollen, indem wir ihn als Ratespiel präsentieren:

Welche der folgenden Bilder zeigen den Rhein, welche die Seine? Einfach die Bildnummern 1 bis 6 den passenden Flüssen zuordnen. Sie erkennen noch andere als die von uns vorgegebenen Vergleichsflüsse? Nur Mut und her mit den Namen! Unter den richtigen oder besten Antworten verlosen wir ein gebrauchtes Exemplar des Lorelei-Romans von Maurice Genevoix. (Der Preis ist Ihnen zu lausig? Dann machen Sie einfach um der Bestätigung Ihrer hervorragenden Flußintuition willen mit!) Et voilà:

1
welcherfluszists

2
welcherflieszthier

3
kesskesee

4
rheinseine

5
wasndasfuern

6
welchergoldflusz

Rhein-Donau-Zone an der Seine

rheindonauzone

In Frankreich finden sich, ob nun aufgrund eines partiellen Mangels, historischer Schwelgereien oder gesamteuropäischer Hinsichten, überraschend häufig sogenannte Rhein-Donau-Zonen und -Plätze. Diese hier in Colombes bezeugt unser Korrespondent Roland Bergère in Bild, Licht und Strom. Die kleine Galaxie im Mittelgrund bildet den Ausgang aus dem zonalen Kosmos, der durch die Rückseite des Bildschirms (am Originalschauplatz: des Daseins) in die Nacht und von dort, via kreiselnder Träume, zu sich selbst zurückführt.

Rheintöchter (4)

koeler-Lorelei

Das Rheintöchter-Intermezzo sollte bereits geendet haben, doch schickte unser bretonischer Korrespondent Roland Bergère kurzerhand zwei selten erwähnte Zeugnisse zum Thema – obiges Bild „Lorelei needmine munkade poolt“ (von 1887) des estnischen Malers Johann Köler, das zum Motiv der christlich verfolgten Zauberin wahrlich wogende Töchterchen addiert und ein Gedicht von Louise Otto, das den Folgeeintrag erhält.

Mittelrheinbrücke

Loreleybrücke

In den vergangenen Wochen, Monaten, Jahren wurde sie heftig diskutiert: die geplante “neue” Brücke im Mittelrheintal. Der regionale Weltkulturerbe-Status stand darob zur Disposition – dabei wurde völlig vergessen, daß an gleicher Stelle, ein paar Stromkilometer abwärts der Loreley (und entsprechend im Volksmund nach ihr benannt), in den 70er Jahren, in denen alles möglich war, ohne ins Leere zu führen, bereits eine (leicht psychedelisch s-förmige) Brücke den Schicksalsfluß überschlug: eines Nachts war sie einfach aus dem Boden geschossen und andern Morgens verfügbar. So blieb sie für eine Weile, bis sie, eine gewisse, nirgends präzis dokumentierte Zeit später, auf ebenso unspektakuläre Weise wieder verschwand. Das seltene, womöglich nie zuvor veröffentlichte Beweisfoto spielte uns Roland Bergère zu, nachdem er es in den digitalen Stapeln seiner unerschöpflichen Dokumentensammlung erspähte.

Autowäsche

autowaesche
Das Bild zeigt eine von Rheinsein frisierte Repro-Aufnahme von Roland Bergère, entnommen einem Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger, welcher wiederum ein zugrundeliegendes Filmstill zur Illustration seiner Printausgabe gerastert hat: ein mehrstufiges/-kantiges Digitalisat sozusagen, das eine maßgebliche Rheinsein-Verfahrenstechnik, nämlich Verschränkungen und Überlagerungen rheinischer Raum-Zeit-Kontinua zu bewerkstelligen, in beispielhafter Weise birgt. Zu sehen sind Autowäscher am Rhein in den 50er Jahren aus einer Doppel-DVD-Dokumentation von Hermann (sic!) Rheindorf (sic!): Die große Rheinfahrt in historischen Filmaufnahmen – die laut Zeitungsartikel mit Aufnahmen kurz vor dem Ersten Weltkrieg einsetzt und seltenes bis unbekanntes Material verspricht.