Marcel Broodthaers beschäftigt sich mit dem Rhein

(von unserem Korrespondenten Roland Bergère)

Neulich besuchte ich die sehenswerte Marcel Broodthaers-Retrospektive in Düsseldorf. In einer Vitrine lag ein Buch mit dem Titel: „En lisant Lorelei / Wie ich die Lorelei gelesen habe” von 1975. Die aufgeschlagenen Seiten zeigten drei Mal die gleiche Zeichnung (eine Familie vor einem Fernsehgerät versammelt), mit den Legenden: Programme I, Programme II, Programme III. Die Zeichnungen unterscheiden sich voneinander nur dadurch, was auf dem Bildschirm erscheint (schwer zu erkennen, auch im Katalog, alles recht klein gedruckt), bei Programme II steht eine Blumenvase auf dem Fernsehgerät. Auf der rechten Seite sind drei verschiedene Chromolithographien reproduziert, welche drei Ansichten der Lorelei zeigen. Dazu gehört ein textkritischer Apparat. Das Buch „En lisant Lorelei“ wurde 1974 in Basel ausgestellt, in einem gleichnamigen Raum.
Zu sehen waren auch vier „Zeichnungen“. Drei ohne Titel, eine mit der Legende: „Au bord du Rhin“. Drei der vier Zeichnungen stellen Meerjungfrauen dar. Eine, auf einem Felsen stehend, hält eine Baby-Meerjungfrau in ihren Armen, ein Matrose nähert sich dem Felsen mit einem Ruderboot. Die zweite hebt (so scheint es zumindest) die Deckel eines Topfs, welcher womöglich auf einem nicht dargestellten Herd steht. Im Vergleich zu den anderen ist ihr Fischschwanz nur angedeutet. Die dritte trägt einen dampfenden Topf. Die vierte (diejenige mit dem Titel „Au bord du Rhin“) sitzt am Fluß und trinkt eine Tasse Kaffee und hört nachdenklich (dafür spricht die Haltung der rechten Hand, die das Kinn stützt) einer zweiten Frau zu. Die vier Zeichnungen haben verschiedene Größen, sind auf das Jahr 1974 datiert und als Abziehbilder auf Papier bezeichnet, die mit Bleistift und Tusche überarbeitet worden sind.

broodthaers_au bord du rhin

Fotografieren war nicht erlaubt, doch wie eine Wächterin mir flüsterte: „Wenn ich nicht gerade hinschaue, können Sie es versuchen.“ (Später sah ich, wie sie in einem menschenleeren Raum auf die Begleitmusik eines Films Tanzschritte machte). Das Foto zu machen war natürlich nicht einfach. Sie war nicht die einzige Aufpasserin. Die Besucher (in geringerer Anzahl als Wächterinnen vorhanden) wurden von einem Raum zum anderen wortwörtlich verfolgt. Ein Aspekt des aufregenden Museumslebens, über den Broodthaers sich recht amüsieren hätte können.

marcel broodthaers_remonter le rhin

Marcel Broodthaers Werk „Musée d’art moderne – Département des aigles“ (1968-1972) wurde 2015 in Paris ausgestellt (Monnaie de Paris). Am Tag der Eröffnung fand ein Happening statt: ein Frachtkahn fuhr die Seine aufwärts, beladen mit Kisten, Koffern, Palmen, Säcken, usw… die am Ufer abgeladen und in den Ausstellungsräumen plaziert wurden. Die Aktion sollte, laut der Presse-Mitteillung, an zwei nicht realisierte Projekte Broodthaers erinnern: „L’Ile du Musée“ und „Bateau sur le Rhin“ (1971), eine Video-Aufnahme dokumentierte die Aktion.

Im Katalog der Retrospektive steht folgendes zu lesen:
„Die Einladung zur Teilnahme an einer Konferenz im Rahmen von between 6, die im Juni 1971 mit der britischen, nach Düsseldorf eingeladenen Art and Placement Group (APG) stattfand, nutzte Broodthaers zur Präsentation einer hochironischen Variante seiner Museumsidee. Mit dem Collage-Projekt einer unbewohnten Insel im Rhein (“Museumsinsel”) entwickelte er die Vorstellung einer einsamen nahe dem Lorelei-Felsen im Rhein gelegenen Insel als Ort eines Museums, die in größtem Widerspruch zu der von der APG vertretenen Absicht stand, Kunst in der Industriegesellschaft zu verankern und dabei auch vor den Chefetagen nicht Halt zu machen. Broodthaers’ isoliertes Museum entwarf einen Ort der Utopie, das in die Collage eingefügte Cover einer Schallplatte mit Richard Wagners Oper Das Rheingold wies auf die „musikalische Untermalung der Museuminsel hin.“
(Doris Krystof in: Marcel Broodthaers, Eine Retrospektive)

Ein Blog zeigt zwei Fotos, welche eindeutig im Zusammenhang mit der „Museumsinsel“ stehen. Roland Bergère hat sie aus rechtlichen Gründen für rheinsein nachskizziert:

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marcel broodthaers_museuminsel

Projet pour un musée sur une île déserte (1971)

Das Hungertuch

Ein zweijährlicher Preis, der von Künstlern an Künstler vergeben wird, die “mit experimentellem Pioniergeist im 21. Jahrhundert” zu neuem künstlerischen Terrain aufbrechen ist Das Hungertuch, vor 16 Jahren von Ulrich Peters initiiert. Bedacht werden die Sparten Bildende Kunst, Musik und Literatur mit besonderem Fokus auf interdisziplinär arbeitende Künstler. Dieses Jahr zählen zwei ständige rheinsein-Autoren zu den Preisträgern: Roland Bergère und Stan Lafleur, eine Auszeichnung also auch für rheinsein wie die Rheinische Post in einem Vorbericht zur heute in Neuss stattfindenden Preisverleihung schreibt:

“Das Hungertuch im Bereich Literatur wird der bekannte Spoken-Word-Performer und Lyriker Stan Lafleur (…) bekommen. Neben zahlreichen Buchveröffentlichungen, zuletzt: “Mini Welt”, gestaltet er seit 2009 sein gigantisches Netzprojekt rheinsein.de. Das Projekt strebt “eine komplexe, neuartige, literarisch basierte Hybridform um Faktisches und Fiktives zum Thema Rhein und zugleich die umfassendste zusammenhängende, stets wachsende Sammlung rheinischer Kulturgeschichte im Internet” an, wie er selbst es beschreibt. Dieser Blog enthält inzwischen über 2000 Beiträge, auch von anderen Autoren.”

Der Rhein. Eine europäische Flußbiografie

Der Rhein. Eine europäische Flussbiografie war die größere der beiden, parallel stattfindenden Bonner Rhein-Ausstellungen betitelt. Zu besuchen war sie in der Bundeskunsthalle und erlangte reichlich Aufmerksamkeit auch in der überregionalen Presse.

Vom LVR-Landesmuseum in Bonn sind es nur wenige Straßenbahnstationen zur Museumsmeile am Rande des ehemaligen Regierungsviertels. Grauer Jännerregen plästert: eine neoromantische Deutschlandinszenierung mit tagsüber eingeschalteten Autoscheinwerfern entlang pudelesk begossener Bauten. Die Ausstellung findet in einem Rundgang wellenförmig geschnittener, großzügig mit Vitrinen ausstaffierter, thematisch geordneter Kojen statt. Dicht bei dicht hängen Wandexponate. Über Audioguide gibt die deutsche Stimme Robert De Niros kurze Erklärungen zu ausgewählten Stücken ab. Direkt in der ersten Koje Andreas Gurskys Rhein II im Original: das berühmte Foto, das wir in der bilderstrom-Ausstellung erst vermisst und dann als Laminat aus dem Besenschrank unter die Nase gehalten bekommen hatten. Gegenüber sowohl Moritz von Schwinds monumentaler, als auch Max Ernsts grünblaugrüner, surrealistischer “Vater Rhein”: hier wird auf den ersten Blick geklotzt und zugleich gekleckert. Die erstaunte Frage, was diesem Auftakt wohl folgen solle, beantwortet die zweite Koje u.a. mit einem vermüllten Landschaftsmodell Dieter Roths, unserem Lieblingsstück der Ausstellung. Auch dieser Raum wirkt chaotisch und zu 80 bis 100 Prozent dem rheinsein-Konzept entlehnt. Ein Eindruck, der sich von Koje zu Koje abschwächt. Je weiter wir schreiten, desto strenger umreißen die Kojen ihre Themen. Zunehmend sind Exponate aus dem ökonomisch-politischen Komplex zu betrachten, den rheinsein bisher weitgehend ausgespart hat.

Da wir den Besuch gemeinsam mit unserem französischen Korrespondenten Roland Bergère unternehmen, verleiten insbesondere die Darstellungen des Rheins als Grenzfluss, etabliert mit der Eroberung Galliens durch Caesar, hier ausschließlich als neuzeitliche Symbollinie deutsch-französischer Konflikte dargestellt, zu rhetorischen Fortsetzungen vergangener Kriegsakte mehr bis minder hoch angesehener Militärs und Staatsmänner. Ungefähr auf der Hälfte des Rundgangs führt ein Kino zwei oder drei kurze Dokumentarfilme in Endlosschlaufe auf. Vielleicht weil es in den Kojen bis dahin an Sitzgelegenheiten mangelt, sind die Kinoplätze stark begehrt. Ein neuer Film trägt im Titel stolz die falsche alte Rheinlänge – was wir, aufgrund Platzmangels auf dem Teppichboden Platz nehmend, zu sehen bekommen, deckt sich weitgehend mit Inhalten der jüngsten Rhein-Dokus der öffentlich-rechtlichen Sender. Zumindest soweit wir folgen können, denn aus dem Kindern vorbehaltenen Nachbarsaal ertönt in Intervallen organisiertes Gejohle, welches das Kinoprogramm übertönt.

bonn_beethoven_lüpertzBlaugesichtige Beethoven-Büste von Markus Lüpertz, aufgestellt 2014 in der Bonner Innenstadt unweit der Universität und des Rheinufers

Sitzgelegenheiten finden sich dann wieder in der letzten Koje, der größten, in der wir zu Wagnerklängen über Kopfhörer, leichten Ermüdungserscheinungen trotzend, aus sämtlichen, leider nur beschränkt zur Verfügung stehenden Blickwinkeln Joseph Beuys’ Rhein Water Polluted, eine vom Künstler signierte Glasflasche voll gefärbten Wassers, betrachten – und das zuvor Erschaute auf dieser meditativen Oberfläche Revue passieren lassen: neben viel Bekanntem und Teurem bietet die Ausstellung auch seltener beachtete Aspekte der rheinischen Geschichte in reichem Maß. Geflissentlich verliert sie sich, gleich einem Fluss, um in der nächsten Windung mit Pomp zurückkehren. Interaktionsmöglichkeiten Fehlanzeige. Die Begehung evoziert das Gefühl, die Ausstellung zu erfassen bestünde in (intensiver) Arbeit. Die sich auf zwei Stunden, ebenso gut jedoch auch auf zwei Tage verteilen ließe. Reichlich Input, der das Bewusstsein um die dazwischen klaffenden Leerstellen gleich mit befördert. Kunstlicht, Messe-Atmosfäre und ein leiser Sensationismus, der sich nicht erfüllen mag. Draußen plästert es wieder oder weiterhin. Wir schlendern durchs Regierungsviertel ans Rheinufer. Der Blick auf den Strom: selbst im Regengrau wirkt er besser, realer, tiefgehender als jede Ausstellung.

sic vaporant littora rheni

arnhem
Der Nederrijn in Arnhem, abgelichtet von unserem Korrespondenten Roland Bergère.

Der Rhein als Skulpturist

skulptur in köln
Vom Rhein bearbeitetem Geröll, das insbesondere im Alpenraum ästhetische Wertschätzung erfährt, indem Anwohner die auf wandernden Kiesbänken vorzufindenden, polierten und geschliffenen, in seltenen Fällen auch gelochten Steine als häufig anzutreffende Haus- und Gartenzierde verwenden, haben wir bereits eine Serie (mit bisher rund 20 Bildartikeln, die teils erstaunliche Funde nachweisen) gewidmet. Seit Millionen Jahren hält die bildhauerische Tätigkeit des Rheins bereits an und wird täglich aufs neue fortgesetzt. Dafür daß der Rhein eines der ältesten und größten Bildhauer-Ateliers des Erdkreises vorstellen dürfte, wird seinem skulpturalen Werk bisher verschwindend geringe Aufmerksamkeit zuteil.

Wie von Menschenhand errichtet wirkt diese vom Fluß  bearbeitete und vorübergehend (ohne feste Datumsangabe) präsentierte Metall-Skulptur am Kölner Ufer. Unser Korrespondent Roland Bergère fand sie vergangene Woche unter beißender Sonne, dokumentierte den Fund und notierte, daß die ästhetische Einordnung vermutlich im weitläufigen Graubereich zwischen den mbulu ngulu (Reliquiarwächterfratzen der Bakota) und kubistischen Ansätzen anzusiedeln sei (“unklar bleibt nach eingehender Prüfung, ob es sich um ein vorderseitiges Antlitz oder ein Profil oder eine Vermengung von beidem handelt”), wobei letzterem die Frage offenbliebe, ob sich die Ausdrucksform stärker an Picasso oder doch eher an experimentellen Techniken Max Ernsts (als Tribut an den aus dem Rheinland stammenden Künstler) orientiere. Desweiteren habe sich der Gedanke aufgedrängt, ob nach Eisen-, Bronze- und Kupferzeit von der Gegenwart als Rostzeit gesprochen werden könnte.

Baummusik

Die alljährliche Rheinbegehung mit Frankreich-Chefkorrespondent Roland Bergère fand heuer erneut in Köln statt und führte durch die vom aktuellen Hochwasser etwas sumpfigen Wiesen des Niehler Ufers. Zwei Kanadagänse übten auf dem Rhein das Trompeten, als wir, bevor wir losmarschierten, als einzige Gäste des just öffnenden Schwimmbad-Biergartens den traditionellen Auftaktkaffee zu uns nahmen. Die Kölner schienen die Osterferien am Meer oder in den Bergen zu verbringen – außer vereinzelt anzutreffenden Anglern war der Uferstreifen entvölkert. Im Rücken des Cranachwäldchens gerieten wir unvermittelt in eine stattliche Schafherde, die sogleich in polyfones Geblöke ausbrach.

Es gelang uns, einige besonders mutige Tiere beim Trinken aus dem Rhein zu fotografieren, ein gefährliches Unterfangen (für die Tiere), denn Schafen wird nachgesagt, daß sie, sobald sich ihre Wolle beim Trinken in Flüssen mit Wasser vollsaugt, zu schwer für die Fortbewegung würden und untergingen. Ob auf dem Rheingrund Schaffriedhöfe liegen? Ein aufmerksamer Hütehund trieb das erkundungsfrohe Häuflein zur Herde zurück. Als der grau bedeckte Himmel aufbrach, hatten wir die Sandbuchten oberhalb des Hafengeländes erreicht. Inspiriert von der frischen Frühlingssonne, der französisch-deutschen Geschichte und Seruni Bodjawatis wayang-lastigen Kunstfilmen, unter interessierten Blicken erfolgloser Angler, improvisierten wir us d’r Lamäng ein Schattentheaterstück:

asterix vs siegfried_roland_2 Asterix vs Siegfried – Showdown am Rhein, mit Anklängen an Murnaus Nosferatu – Symfonie des Grauens.

Auf der Mauer der Niehler Hafeneinfahrt schließlich die verdiente Rast. Sie mit geschlossenen Augen zu begehen käme gewiß einer Passage durch den berühmten Tunnel zur Ewigkeit gleich. Die Sonne unterdessen lockte daheimgebliebene Kölner samt ihrer Hunde nun doch in Scharen ans Flußufer. Kataraktisch sprudelte der Rhein über die Gipfel der Kribbengebirge. Enten beim Paarungskampf. Linkisch einherhüpfende Wacholderdrosseln. Auf einem Sockel mitten im Strom spross ein karges Bäumchen denkmalgleich vor sich hin. In den Uferbäumen zerrissene Fahnen aus Abfallbeuteln. Das Geschwemmsel: Elektromüll, Löffel, Verpackungen. Dann der Fund des Tages: ein Baumstück in Form einer Musikwalze, deren Muster wiederum als Partitur angelegt schien. Der Dokumentation des Fundes folgte seine Bearbeitung: Monsieur Bergère legte, gewürzt mit einer Spur Willkür, die passenden Notenlinien über das Baumstück

baummusikund las die solcherart entstandene Komposition in seinen Rechner ein, welcher seine ihm eigenen Algorhythmen beisteuerte. Et voilà: ein zweiminütiges Stück rheinischer Baummusik!

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Der Geysir von Andernach

geysirDer Geysir auf dem Namedyer Werth, einer Rheinhalbinsel bei Andernach, mitten im schönsten artifiziellen düsenartigen Ausbruch. Die Wucht des Ausbruchs soll Menschen zum Erzittern bringen: der Andernacher Geysir gilt als der Kaltwassergeysir mit der höchsten Fontäne der Welt. Unser Bild (von Roland Bergère) zeigt den anschwellenden Strahl weit unterhalb seiner Rekordmarke von ca. 60 Metern Höhe.

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Achtung, Steinschlag! (Bild: Roland Bergère)

Wolken bauen

(bâtir des nuages – building clouds) lautet der Titel der kommenden Samstag eröffnenden neuen Ausstellung von Roland Bergère in Neuss. Monsieur Bergère ist nicht nur von Beginn an als rheinsein-Chefkorrespondent für frankorheinische Angelegenheiten unermüdlich tätig, sondern mindestens ebenso und noch sehr viel länger als in Köln und weit darüberhinaus wohlbekannter Künstler. Mit Wolken bauen bezieht Bergère sich auf ein Zitat Ludwig Wittgensteins: „Wolken kann man nicht bauen. Und darum wird die erträumte Zukunft nie wahr.“ Eine Aussage, die tatkräftigen Widerspruch geradezu herausfordert.

Nebst dem Wolkenbau widmet sich die Ausstellung u.a. den universellen Prinzipien der Expansion und des Auseinanderdriftens. Bergères Ausstellungen sind von langer Hand vorbereitet. In den Planungen für die aktuelle Präsentation spielte auch der Rhein eine maßgebliche Rolle. So werden Bilder von Anschwemmseln aus der Serie “Strandgüter des Hubble-Flusses” zu sehen sein, die Bergère während eines Jahres bei seinen Uferspaziergängen fotografierte, auf handgeschöpftes Papier bannte und wiederum vom Rhein beschwemmen ließ.

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Zwei Einsichten in den Rheingüter-Produktionsprozeß Höhe Rodenkirchen.

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Die Ausstellung findet vom 26. Januar bis zum 6. April 2013 im ebenfalls rheinverbundenen amschatzhaus, Hauptstr. 18, Neuss-Holzheim statt.
Vernissage ist am 26. Januar um 16.30 Uhr.

Linke Schuhe

Heute rheinsein-Jahreskonferenz mit unserem Chefkorrespondenten für alles Frankorheinische, Roland Bergère. Spazierten bei wechselndem Wetter mehrere Stunden am linken Kölner Rheinufer. Gab viel zu besprechen. Trafen unterwegs immer wieder auf angeschwemmte, ausschließlich linke Schuhe. Bergère fotografierte sie und meinte geheimnisvoll, daß diese Aktivität mit einem Projekt zur Ausdehnung des Universums zu schaffen habe. Die Ausstellung dazu fände in wenigen Monaten in Neuss statt. Plötzlich der Gedanke, daß die zugehörigen rechten Schuhe auf der anderen Rheinseite zu finden sein müßten. Dort aber nur Prallhang. Speisten hernach ausgiebig Muscheln.

Grace de Dieu

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grace de dieu

(Fotos: Roland Bergère)

In einem unserer Reisegedichte ist von “Gottes Körperfett” die Rede, einem in dieser Kombination seltenen, womöglich einmaligen lyrischen Motiv. In rheinischem Zusammenhang kam es containerführend zum Wiedervorschein, als unser Korrespondent den Schiffsnamen Grace de Dieu (Gottesgnade) von deutscher Zunge ausgesprochen hörte, was ihm als graisse de dieu (Gottesfett) in den Ohren klingelte. Eine exuberante Übersetzungsvariante für graisse de dieux bietet Google Translate, das uns Fett Gott ausspuckte. Das nennen wir elektronisch-autonomes Nach vorne-Werkeln am Weltsprachgebrauch! Das Prinzip der haarscharfen Verfehlung als optionaler Verständnisverfeinerung bzw In- und Deflektionshilfe bzw Verschleierung des globalen Wortbreis zugunsten der Sache-an-sisch (et vice versa) darf als einer der vielfältigen Antriebe rheinseins gelten. Ob von Gottes Gnade oder Gottes Fett am Laufen gehalten: Hauptsache ein gutes Schmiermittel, das funktioniert!

Henri Cartier-Bresson: Auf dem Rhein, 1956

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Das Foto einer geknickten Vorlage schickte unser Frankreich-Chefkorrespondent Roland Bergère. Es gibt im Netz auch gestochenere Varianten des Bildes. Und für ca. 5000 Euro kursieren Gelatinesilberabzüge. Wir bescheiden uns vorerst mit dieser Version.

Mme de Staël über Unterschiede im (gegenseitigen) intellektuellen Verständnis links und rechts des Rheins

“(…) Les hommes de génie de tous les pays sont faits pour se comprendre et pour s`estimer; mais le vulgaire des écrivains et des lecteurs allemands et français rappelle cette fable de la Fontaine, où la cigogne ne peut manger dans le plat, ni le renard dans la bouteille. Le contraste le plus parfait se fait voir entre les esprits développés dans la solitude et ceux qui sont formés par la société. Les impressions du dehors et le recueillement de  l`âme, la connaissance des hommes et l`étude des idées abstraites, l`action et la théorie donnent des résultats tout à fait opposés. La littérature, les arts, la philosophie, la religion des deux peuples, attestent cette différence; et l`éternelle barrière du Rhin sépare deux régions intellectuelles qui, non moins que les deux contrées, sont étrangères l`une à l`autre. (…)”

(aus: Oeuvres complètes de Mme de  Staël: De l`Allemagne. Seconde partie. De la littérature et des arts. Chapitre premier. Pourqoui les Français ne rendent-ils pas justice à la littérature allemande?)

“(…) La poésie française, étant la plus classique de toutes les poésies modernes, est la seule qui ne soit pas répandue parmi le peuple. Les stances du Tasse sont chantées par les gondoliers de Venise; les Espagnols et les Portugais de toutes les classes savent par cœur les vers de Calderon et de Camoëns. Shakspeare est autant admiré par le peuple en Angleterre que par la classe supérieure. Des poèmes de Goethe et de Bürger sont mis en musique, et vous les entendez répéter des bords du Rhin jusqu`à la Baltique. Nos poëtes français sont admirés par tout ce qu`il y a d`esprits cultivés chez nous et dans le reste de l`Europe, mais ils sont tout à fait inconnus aux gens du peuple et aux bourgeois même des villes, parce que les arts en France ne sont pas, comme ailleurs, natifs du pays même où leurs beautés se développent. (…)”

(Dortselbst. Chapitre XI. De la poésie classique et de la poésie romantique.)

“(…) Klopstock a souvent beaucoup de grâce sur des sujets moins sérieux: sa grâce tient à l`imagination et à la sensibilité; car dans ses poésies il n`y a pas beaucoup de ce que nous appelons de l`esprit; le genre lyrique ne le comporte pas. Dans, l`ode sur le rossignol, le poëte allemand a su rajeunir un sujet bien usé, en prêtant à l`oiseau des sentiments si doux et si vifs pour la nature et pour l`homme, qu`il semble un médiateur ailé qui porte de l`une à l`autre des tributs de louange et d`amour. Une ode sur le vin du Rhin est très-originale: les rives du Rhin sont pour les Allemands une image vraiment nationale; ils n`ont rien de plus beau dans toute leur contrée; les pampres croissent dans les mêmes lieux où tant d`actions guerrières se sont passées, et le vin de cent années, contemporain de jours plus glorieux, semble recéler encore la généreuse chaleur des temps passés.
Non – seulement Klopstock a tiré du christianisme les plus grandes beautés de ses ouvrages religieux, mais comme il voulait que la littérature de son pays fût tout à fait indépendante de celle des anciens, il a tâché de donner à la poésie allemande une mythologie toute nouvelle, empruntée des Scandinaves. Quelquefois il l`emploie d`une manière trop savante; mais quelquefois aussi il en a tiré un parti très-heureux, et son imagination a senti les rapports qui existent entre les dieux du Nord et l`aspect de la nature à laquelle ils président. (…)”

(Dortselbst. Chapitre XII. Des  poëmes allmands.)

Wir danken unserem Korrespondenten Roland Bergère fürs Aufstöbern und häppchengerechte Servieren. Mme de Staëls Gedanken ufern sehr viel weiter aus, als wir hier darstellen mögen, und sind tiefere Einblicke wert. Klopstock!, sagen wir nur. Der Originaltext findet sich ua bei Google Books.

Rheingeier (3)

Es existiert, wie uns Roland Bergère mitteilte, noch eine geheimnisvolle vierte Rheingeier-Skizze, die zwar in den Tiefen seines öffentlichen bestiaire abrégé (der weiterführende Link scheint rechts neben den Schubladen auf) abgelegt ist, aber bis Sie sie dort gefunden haben, können Sie sich dumm und dämlich suchen. Denn die äußerst verzweigten Klickwege, die Monsieur Bergère uns zum Auffinden der raren Skizze übermittelte, wollen wir hier, um Ihre Scrollleiste zu schonen, nicht veröffentlichen. (Wenn Sie sich aber für Geier interessen sollten, besuchen Sie die Site und klicken Sie einfach wild in die Gegend: es lohnt in jedem Fall.)

rheingeier_rettung

“Die Rettung”, ein wohl nicht nur zufällig auch österlich passender Titel, zeigt die bisher unbekannte conclusio der Bergèreschen Überlegungen: vor der von mächtigem Sakralbau und  christlicher Symbolik geprägten Silhouette einer offenbar bedeutenden rheinischen Stadt kommt es zum Showdown zwischen vorgeblich menschlichen und vorgeblich animalischen Trieben. Allein der Titel verspricht Hoffnung und Erlösung, denn durch das Wort steht zu erwarten die wundersame Harmonisierung etlicher klassischer Gegensatzpaare (Leben/Tod, Geier/Mensch, Deutschland/blauer Himmel etc).

Rheingeier

Roland Bergère dürfen wir mit Fug und Recht als den Geier-Experten unter Europas Künstlern bezeichnen. Ähnlich wie rheinsein alles Rheinrelevante sammelt und archiviert, hortet Bergère in seinem bestiaire abrégé jegliche Informationen zu den liebenswerten Greifen. Sowohl Bergères als auch rheinseins Arbeitsstränge sind über lange Zeit angelegt, kreuzten dabei mehrfach ihre Wege und setzten inspirative Synergien frei: vor einigen Jahren z.B. beschäftigte uns die Frage, welche Bedeutung dem Geier (jenseits seiner Vorkommen in Zoos und als Flugschauobjekt) am Rhein noch zukommen könne. Bergère schickte uns daraufhin drei Skizzen, welche sich mit möglichen Evolutionsschritten für die in rheinischen Gefilden derzeit raren Landvögel auseinandersetzen:

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Skizze 1 zeigt einen Schnorchelgeier, der sich in seinem neuen Element noch sichtlich unwohl fühlt (“Grillhähnchenhaltung”). Vermutlich hat ihn die Strömung überrascht, die sich von jenen, die in den Lüften herrschen, in wichtigen Punkten unterscheidet.

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Skizze 2 zeigt einen deutlich ausgeklügelteren Plan, sich dem ungewohnten Element zu nähern. Der Luftschlauch soll das Überleben auch bei längeren Unterwassergängen garantieren, zur doppelten Sicherheit dient die Zugleine, welche den Vogel im Notfall in sein angestammtes Element zurückverfrachten soll.

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Skizze 3 schließlich zeigt eine realistische Anpassungsweise unter Wasser. Der evolutionäre Rheingeier scheint das Verhalten einiger Schalentiere beobachtet und kopiert zu haben: der Rumpf bleibt der feindlichen Umgebung verborgen. Beine und Krallen dienen als Steuer und Anker.

Loreley (4)

kitschlore

Im Sommer 1992 fand in Ludwigshafen eine große Ausstellung namens “Mythos Rhein” mit zeitgenössischer und vorzeitgenössischer Kunst statt. Der ansprechende Katalog dazu ist zweigeteilt in einen Kitsch- und einen Vollkunst-Teil, die durchaus gegenseitig wie in sich selbst Osmose treiben. Leider befindet sich nur letzterer Band in unserem Archiv. Doch erlangte unser Korrespondent Roland Bergère nun Zugriff auf den Kitsch-Teil und scannte für rheinsein eine Serie Mythösen wie sie sich bei Rheinkilometer 554 inszenieren oder inszeniert werden. Diese Postkarte, von einem Kunstverlag herausgegeben, zeigt eine wellenlösliche Loreley eines unbekannten Fotografen/Grafikers in ihrer bisher noch kaum bis garnicht besungenen Rückansicht.

Richard W. Gassen und Bernhard Holeczek (Hg.): Mythos Rhein. Ein Fluß – Bild und Bedeutung (Katalog zur Ausstellung im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen, Juni-August 1992). (Durchgehend, teils farbig bebildert), Ludwigshafen 1992