BuchBasel (2)

In Basel herrscht nebst der am Bahnhofsvorplatz ausgeflaggten BuchBasel Jahrmarktsbetrieb: die Herbstmesse mit ihren kunstlichtblinkenden Menschenbeschleunigungs- und -schüttelmaschinen, Chässchüblig- und Biberliständen. Unterm Münster fließet im Mondschein großherzig-gemäßigt der Rhein. Ihm statten wir den ersten Pflichtbesuch ab, den zweiten dem Tinguely-Brunnen, verpassen aufgrund dieser zwingenden Antrittsvisiten sämtliche Abendveranstaltungen. (Gerne hätten wir Navid Kermani mit seinem Tausendseiter gesehen.)

Der Auftrittstag fügt sich in Dauerregen. Das BuchBasel-Programm bietet viele Gleichzeitigkeiten, am Morgen haben wir die Qual der Wahl zwischen Péter Nádas und Arno Camenisch. Von letzterem erhoffen wir eher Rheinbezüge, was schließlich den Ausschlag gibt. Die Entscheidung wird prächtig entlohnt. Camenischs aktuelles Buch Ustrinkata (was soviel wie das Leertrinken einer Beiz am Abend ihrer Schließung bedeutet, gleichzeitig auf den Begriff Osteria und den Richtung Reduktion ausschlagenden Strukturwandel in den Bündner Bergdörfern weist) spielt direkt am Rhein in Tavanasa, in der Bahnhofs-Gaststätte Helvezia, bietet gleich mehrere Flußszenen (“wie eine Kuh frißt der Rhein die Traktoren”), bündnerisch-derb und poetisch zugleich. Camenischs Vortrag besteht in immer gleichgestimmten, Schwung auf Schwung holenden (Halb-)Satzschüben, wodurch eine tranceartige Melodielinie entsteht, auf der die Texte bis hin zur Fantastik sich ausleben. Zum Ende der Lesung trägt Camenisch noch einige wunderbar-lakonische Gedichte auf Sursilvan und Deutsch vor.
Am Nachmittag die litblogs.net-Lesung, gemeinsam mit Hartmut Abendschein und Publikumseinbindung. So sprachen wir über die Stellungskriege der Freundschaft auf Facebook und erhielten dank eines Lesungsgasts Kunde von Ernst Friedrich Löhndorff, einem einstmaligen Abenteurer und Bestsellerautor von Abenteuerromanen, der seine letzten Lebensjahre in Laufenburg verbrachte, wo, bis er im Jahre 1908 gesprengt wurde, der zweite Rheinfall fiel. Im Hof der Galerie Beyeler indessen fiel ahorngold das Herbstlaub und beleuchtete stimmungsvoll die Regenschlieren.

Am Abend der zweite Auftritt, diesmal gemeinsam mit Roger Monnerat, im selten geöffneten Barockzimmer des Museums der Kulturen direkt am Münsterplatz. Es ging um Basler und Kölner Badegewohnheiten, das Grab des Rheins im Rotterdamer Hafenbecken und eine geheimnisvolle Frau, die ein Fisch ist und daher schwer zu verstehen.

Zum Resummee des Tagesgeschehens gings ins Kafka am Strand, das Cafe des Basler Literaturhauses, wo sämtliche Bedienungen unsere Bestellung “ein Appenzeller Holzfaßbier, bitte” mit kräftigem Staunen quittierten.

Zurück im Hotel irrten wir durch dessen weitläufige Flure, welche zusammengenommen sicherlich dem Wegenetz einer mittleren Kleinstadt entsprechen dürften. In der 18. oder 19. Etage stießen wir auf einen vitrinierten Rauchersalon, der nach einer dereinst in Flammen aufgegangenen “Hexe” benannt war (das Hotel schien einen christlichen Hintergrund zu besitzen), traten ein, gerieten in blauen Dunst und das Kreuzfeuer einer von Lichtschranken ausgelösten Wechselbeleuchtung, wie wir sie aus Raucherzimmern bisher noch nicht kannten. In der einen Ecke des Salons stand hinterm Zigarettenqualm sehr einsam ein geheimnisvoll verschlossener Holzschrank, aus der anderen wurden wir freundlich angesprochen: ob wir nicht Platz nehmen wollten? Tatsächlich, dort lugte ein Tischlein aus dem Dunst, dort saßen leibhaftig, nicht nur in Konturen, ein Mann und eine Frau, rauchten und tranken ein pinkfarbenes Gemisch, wobei uns die Frau entfernt bekannt vorkam und schon kurz darauf als Birgit Vanderbeke entpuppte, welche uns von ihrem selbsterfundenen Vanderbeke (ein Mischgetränk moitié moitié aus südfranzösischem Roséwein und rosa Grapefruitsaft) anbot, das spätsommerliche Zitrusnoten in den Rauchersalon hinein entfaltete, während es draußen kräftig plästerte und der mit Ahornlaub schmeißende Herbst wie eine gigantische Wegschnecke dem Winter entgegenkroch, dieweil im Dunkel der Stadt, genau können wirs aufgrund einer gewissen Nachtblindheit allerdings nicht bezeugen, florale Fluggeräte, dh raketenförmige Titanwurzgebilde um das Spalentor schwebten.

BuchBasel

Aus dem etwas rheinentrückten, nichtsdestotrotz sehr wunderbaren, von schwelenden Abraumhalden markierten Lande Ch`ti, das zur Nacht, verbringt man sie denn auf einer solchen Halde, ein Lichterpanorama ganz ähnlich wie Los Angeles bietet, reist rheinsein am heutigen Freitag nach Basel, wo es uns am Samstag, dem 10. November, im Rahmen der BuchBasel bei zwei Auftritten zu sehen geben wird:

Um 15.30 Uhr in der  Galerie Beyeler
Gespräch und Lesung gemeinsam mit Hartmut Abendschein

Um 18.30 Uhr im Museum der Kulturen
Gespräch und Lesung gemeinsam mit Roger Monnerat, moderiert von Peter Burri

Wir freuen uns auf Besucher!

Am Ende der Rhein

Als schwarzen Sarg des Rheins stellt sich Roger Monnerat den Rotterdamer Hafen zu Beginn seines Erzähl-Essays Am Ende der Rhein. Vom Verschwinden der Realien im Hafen von Rotterdam vor. Das vor allem, weil der Basler Autor im Laufe der Sandoz-Katastrofe von 1986 sich mit niederländischen Tauchern unterhielt, welche die Reinigungsarbeiten auf dem Schweizerhaller Rheingrund gegenüber ihrer sonstigen Tätigkeit im Rotterdamer Hafen als „Sonntagsspaziergang“ bezeichneten: „Sie können da mit der stärksten Lampe hinuntergehen, Sie sehen Ihre Hand nicht vor dem Gesicht; es ist tintentuschekohlerabenschwarz dort unten, unerträglich kalt und klamm, unerträglich laut. Das Dröhnen von Motoren aus allen Richtungen läßt Sie die Orientierung verlieren, und bei jeder Bewegung haben Sie das Gefühl, schwarze Schleimschlingen würden nach Ihnen greifen und Sie in den Schlick am Grund hinunterziehen, wo sie von rostzerfressenen Stahlträgern aufgespießt oder von rostzerfressenen Stahlkanten zerschnitten werden. Sie sind in einem schwarzen Fass eingesperrt und wissen, dass die Rasierklingen aller Matrosen aus aller Welt nur darauf warten, Sie und die Schläuche Ihrer Ausrüstung aufzuschlitzen.“ Gut zwei Jahrzehnte später treibt es Monnerat nach Rotterdam, endlich das Ende des Rheins zu schauen, eine Reise, die auch zur Allegorie auf den gleichzeitig voranschleichenden Tod seines Vaters wird. Glaubt man den Ausführungen des Autors, so liefert Am Ende der Rhein wie nebenbei wahrscheinlich die erste ausführlichere Beschreibung Rotterdams, denn: „Bei meinen Reiseerkundungen stellte ich fest, dass Rotterdam offenbar keines Besuchs wert befunden wird. Es gibt weder auf Deutsch, Englisch oder Französisch einen Stadtführer für Rotterdam und in den Führern für Holland sind über Rotterdam nicht mehr als drei Seiten zu finden. Vermutlich, weil Reisende das Alte suchen und Rotterdam fast nichts zu bieten hat, das älter ist als ich.“ Monnerat streift also durch diese scheinbar geschichtslose, erst von den Bombardements der Wehrmacht, dann von jenen der Alliierten niedergemachte Stadt, beschreibt ihre heutige Architektur, den berühmten Hafen, kommt einem unerklärlichen Geheimnis desselben auf die Schliche, schweift ab in Assoziationen über gelesene Bücher und gesehene Bilder, übersieht bei Rotterdams Errungenschaften lediglich den Gabber Techno und liefert letztlich ein seltenes, dafür umso interessanteres, bildstarkes und persönliches Reisebüchlein, das über den Buchhandel garnicht so leicht zu erhalten ist, erschienen in der schlichtschönen édition sacré in signierter und numerierter 400er-Auflage und rheinsein eine starke Empfehlung wert.