Ein einsames Haus und eine Sägemühle

“In einem schmalen Seitentale des Vorderrheins, dem Tal der Yzolla, stand ein einsames Haus und daneben eine Sägemühle.” So beginnt John Knittels berühmter Roman Via Mala, der die gleichnamige wilde Rheinschlucht vom Tal des Hinterrheins in das fiktive Yzollatal verlegt. Die umgebenden Ortschaften heißen im Roman Nauders und Andruss und all diese Namen erinnern stark an die tatsächlichen Namen der Nolla, Thusis`, Zillis`, Andeers: “Dicht unterhalb von Nauders zwängte sich die Yzolla durch eine nur wenige Meter breite Felsenlücke, eine schäumende, kochende, tobende Wassermasse, und ergoß sich dann in eine höhlenartige Spalte, in die noch nie ein Mensch seinen Fuß gesetzt hatte.” Die geografischen Verschiebungen im Roman bewirken, daß die Koordinaten des Bösen nicht mit den realen Koordinaten der Via Mala in Deckung zu bringen sind. Doch gerade aufgrund dieser Verzerrungen werden die Geschehnisse des Romans in der tatsächlichen Via Mala umso vorstellbarer und omnipräsenter: die gesamte Schlucht steht für das fiktive Verbrechen (nicht, daß sich nicht auch historische, aber weniger berühmt gewordene  Schrecken am bezeichneten Ort ereignet hätten). Die reale Schlucht besitzt sommers einiges an Idyllenkraft, ist heuer trotz steiler Passagen leicht begehbar, es führt sogar eine Autostraße hindurch bzw über sie hinweg. Knittel, der Fakten und Fiktion stets gut miteinander verrührt: “(…) um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts nahm die Regierung die Sache (…) in die Hand. Die hölzernen Bretterstege und wackeligen Stufen wurden beseitigt, und man konnte nun auf bequemer Straße reisen, ohne ständig Gefahr zu laufen, in einen Abgrund zu stürzen. In den allerletzten Jahren hat das kantonale Baudepartement in das Gestein Tunnels sprengen und Mauern und Zäune errichten lassen zum Schutze der modernen Touristen, die hierherkommen und mit ehrfürchtigem Staunen das Werk der Natur bewundern.” Touristenziel ist die Via Mala heute in eher geringfügigem Maße. Wer dort über Waldpfade und eine schwankende, aber sichere Hängebrücke in den Schluchtenrhein hinabsteigt, spürt die Fragilität menschlicher Sicherheit und die Großartigkeit der Natur, wer die hoch im Fels bezeichneten Saumwege früherer Zeiten erblickt, den erfaßt, wenn er nicht grad geübter Alpinist ist, auch heute noch schnell das Schaudern bei der Vorstellung, selbst dort herumkraxeln zu sollen. Im Roman ist die Gegend überhaupt nur während vierer Sommermonate querbar, den Rest des Jahres liegt der Paß “im Schnee begraben”. Die Langeweile der überlangen Winter habe den Sägemüller Jonas Lauretz zum Tyrannen seiner Familie geformt, heißt es im Buch. Nach solcher Lektüre wird verständlicher wie ein Ahnherr der Familie, die das Gasthaus an der benachbarten, einige Kilometer tiefer im Hinterrheintal gelegenen Roflaschlucht besitzt, über sieben solcher (wenngleich vielleicht nicht ganz so langer) Winter in unermüdlicher Kleinarbeit eine unfaßbare Galerie in den Felsen hackte, die heute als Touristenplattform dient: die Einflüsse der alpinen Jahreszeiten auf die Seele sind in erheblichem Ausmaße vorhanden, dieses gleichzeitig formbare und so schwer faßbare Organ reagiert jedoch recht individuell auf klimatische Ausgesetztheiten.

Zitate aus
John Knittel: Via Mala. Roman, Lizenzausgabe des Deutschen Bücherbundes, Stuttgart/München (ohne Jahresangabe)

Vom Fliegen der Murmeltiere oder: Neue Schifffahrtswege über die Alpen

Über einen in mehrerlei Hinsicht kolossal erscheinenden, vor 100 Jahren in Italien ernsthaft diskutierten Plan des Bündner Ingenieurs Pietro Caminada berichtet Till Hein für die Zeitschrift mare in ihrer aktuellen Ausgabe (Nr. 84): eine Schifffahrtstrasse über die Alpen! Zu Beginn des längeren Artikels konstatiert der Autor, daß es zwar Naturgesetze gäbe, die besagten, daß etwa Murmeltiere nicht fliegen könnten, begeistert sich im Verlaufe des Artikels nichtsdestotrotz für einen Plan, der am Aufheben von Naturgesetzen kratzen dürfte:

„(…) Caminada (…) will Lastschiffe in einem Kanal über die Alpen schwimmen lassen, über den 2113 Meter hohen Splügenpass in Graubünden. Caminada schwebt ein durchgängiger Wasserweg von der Nordsee bis zum Mittelmeer vor – eine viele hundert Kilometer lange Wasserstraße, die von der Hafenstadt Genua über Alessandria, Mailand, Como, Chiavenna, den Splügenpass, den Bodensee bis nach Basel führt und von dort über den Rhein bis in die Nordsee.“

1907, als Caminada an die Öffentlichkeit ging, wird über Umweltbelange wohl kaum diskutiert worden sein. Denn die natürliche Umwelt gilt noch eher als feindlich und bezwingens-, anstatt erhaltenswert. Wenige Jahrzehnte zuvor wurde die große Rheinbegradigung vollzogen, vermutlich galt der, immerhin nicht selten bedichtete, Rheinfall, für ein Handelswegprojekt als wenn schon nicht sprengens-, dann doch sicherlich umbuddelnswert. Den Hinterrhein, der bis heute trotz diverser Eingriffe Naturschönheiten (Rofla, Via Mala, Domleschg) aufweist, wollte Caminada mit einem Röhrensystem beehren, das, mithilfe von Wasserkraft und Spezialschleusen, 50 Meter langen Schiffen mit einer Lastenkapazität von 500 Tonnen das Überwinden der örtlichen Steigung von fast einem Kilometer ermöglichen sollte.

Auch wenn Murmeltiere nicht aus eigener Kraft fliegen können, ist es (nicht erst) mit heutigen technischen Gerätschaften unzweifelhaft möglich, sie fliegen zu lassen. Es wird ihnen als eingefleischten Troglodyten nur nicht sonderlich bekommen. In den Alpen fließt das Wasser seit Menschengedenken aus Fels und Gletscher zu Tal. Wer jemals sah, wie die, teilweise gebändigten, Rheine sich zu Tal bewegen, kann sich Schifffahrt an Vorder- oder Hinterrhein nur unter erheblichen Schmerzen vorstellen. Ohnehin schon durchbohrte Berge indes könnten statt Eisenbahntrassen natürlich auch druckregulierte Wasserleitungen für die Schifffahrt führen. Solche müßten einfach nur noch länger, größer, breiter gebohrt werden. Befürworter der Alpenflußfahrt jedenfalls finden sich bis heute: der Südtiroler Albert Mairhofer, „ein Wasserkraftaktivist und pensionierter Staatsbeamter, hat sich von Caminadas Projekt inspirieren lassen. Die Entwürfe des Pioniers seien “sehr beeindruckend”, schwärmt er, “aber etwas zu kompliziert”. Sein eigener Vorschlag kommt denn auch ohne raffinierte Doppelkammerschleusen oder hydraulische Schiffshebewerke aus: Statt über die Alpen will er mittendurch.“

Schikos Rhein (3)

Via-MalaNoch ein schluchtiger Hinterrhein: bekannt wurde die Via Mala meiner Generation hauptsächlich über den im deutschen Fernsehen ausgestrahlten gleichnamigen, eindrucksvollen Dreiteiler von 1985 mit Mario Adorf und Maruschka Detmers nach dem Roman von John Knittel. Aus einer älteren Verfilmung (von 1961, mit Gert Fröbe und Christine Kaufmann) sind schluchtenvernebelte Anfangsminuten auf Youtube zu finden – der zu hinterquerende Wasserfall der Sequenz scheint jedoch jener aus der Rofla.

Schikos Rhein (2)

RoflaDer berühmte Roflawicht: an gegebener Stelle bereits erwähnt, hier von Schiko in Schwarzweiß gebannt wie er felsnasig-sinnend überm Wildsal des Kleinrheins wacht. Die durch ein Restaurant zugängliche Roflaschlucht zählt sicher zu den kuriosesten Rheineinheiten.

Am Ende spricht man deutsch

Rheinsein kämpft sich im alpinen Dauerregen durch den stellenweise etwas wirren Spescha und stellt fest, daß manch ausgerottete Tierart Dezennien später sich wieder einrottet: „Gleich vor Sils theilen sich die Gewäßer und Thäler des Domläsker-Thals, und deßen rechter Arm nimmt seinen Bezug Thusis vorüber gegen Süden und Südwesten hin und erreicht alsbald den gräuslichen Schlund der via mala. Man nennt diesen Fluß bald Schamser-, bald Rheinwalder-Rhein. Den ersten Zufluß bekommt dieser Rhein von der Nolla, die (…) von Westnorden herrinnt. Hinter Runcaglia (=ausgereutetes Ort) und via mala breitet sich das Thalgeländ Schams aus und erfreuet den Wanderer nach der Wüstenei der via mala. Andaer ist Hauptort des Thals und hat ein Gesundbad. Es ist fruchtbar und nährt ein aufgewegtes und tapferes Volk, welches den reformirten Gottesdienst hält und romanisch spricht. Von beiden Thalseiten her empfängt der Rhein Zufluß, vorzüglich aber vom Averser-Bach, der aus dem Thale gleichen Namens, prächtig fallend, und der Matoner-Bach, welcher von Westnorden, schäumend, herbeieilen. Schams scheint seinem lateinischen Namen Sexamnium nach, das schon frühzeitig in der Geschichte vorkommt, von sechs Bächen herzuleiten; ich bin aber der Meinung, es stamme ehender von den Felsenwänden, über welchen es bewohnt, oder von jenen, mit denen sein Ein- und Ausgang verengt und beschloßen wird. Es sollte also ehender Saxamnium heißen. Das Seitenthal Avers nimmt bei dem verfallenden Schloß Bärenburg seinen Anfang und streicht nach Ostsüden bei 2 Stunden hinein. Es vertheilt sich in mehrern Seiten- und Hinterthälern, und am Ende spricht man deutsch. Deßen südlicher Grund ist mit sehr hohen Bergen und vielen Glätschern belastet, und von daher rinnt das meiste Waßer her. (…) Von der sogenannten Rofla thalhinein strömmt der Rhein von Südwesten her bis zum Rheinwald-Gletscher, woraus er entspringt, hervor; von dort aber neigt sich das Thal mehr gegen Westen, und verschiedene Bäche rinnen von den Thalseiten herab und verbergen sich unter ihm. (…) Im Hertergrund (…) erhebt sich der piz Valrhein über alle seine nachbaren Berge und ist einer der höchsten in der Centralkette der Alpen. Von ihm aus gehen 6 bis 8 Thäler in allen Gegenden der Welt, die mit ungeheuern Glätscher belastet sind, aus. Und wenn die wiederhohlte Sage wahr ist, daß der Bernardin-See, welcher auf der Anhöhe dieses Bergs (…) liegt, zwei Ausleehrungen: die eine in den Rhein und die andere in die Moesa habe, so steht das deutsche mit dem adriatischen Meer vermittelst dieses Sees in Verbindung, welches eine Seltenheit der Natur ist. (…) Wenn man aber das Thalgeländ von Domläsk (…) betrachtet, so stellt es eine seltsame Vermischung von Zahm- und Wildheit dar. Denn vom Weinstock und den niedlichsten Garten- und Baumfrüchten von Reichenau an bis zum feinsten Einhauch der Thiere und Menschen trifft man da an; und wir vermissen nichts von unsrem Alterthum hier als den Steinbock, der vom Anbeginn der Freiheit an bis zur gänzlichen Ausrottung verfolgt worden ist. Denn man sieht hier aller Gattungen von Laub- und Nadelholz, von Getreid- und Pflanzenarten und von Menschen, welche verschiedentlich sich kleiden, sprechen und Gottesdienst halten. Wenn also das alte Sprichwort gilt, daß die Menschen nemlich nach der Verschiedenheit ein Belieben tragen, so findet man es da.“