Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE

Auf ARTE läuft seit gestern und noch von heute bis Donnerstag jeweils um 19.30 Uhr erstmals eine vierteilige Dokumentation aus dem vergangenen Jahr über den Rhein. Der erste Teil von Ralf Dilger bot die versprochen hübschen Luftaufnahmen, einige Halbunterwasserbilder und dokutypische Geschichtchen vom Vorder-, Hinter- und Alpenrhein plus ein paar seltenere Informationen. Der Film besitzt seine eigene Website , auf der die DVD zu erwerben ist und die nach einigem Anlaufgeholper zunehmend mit außerfilmischen rheinischen Kuriosa dient, z.B. der Geschichte über den Leuchtturm am Gotthard. Dort geht es auch an der Sedruner Staziun Alpina hinein in den Berg zum jüngst durchstoßenen längsten Eisenbahntunnel der Welt, wir erfahren, daß der für 100 Jahre ausgelegt sei, aber wohl auch 1000 Jahre halten würde, während überall 40°C warmes Gebirgswasser aus den Wänden dringt: das Schwitzen der Berge, ihre Lymfströme, Stein und Wasser, das alte Spiel. Es folgt die Erwähnung von Placidus Speschas „Entdeckungsreisen am Rhein“, ein recht frei stehender Bezug zum touristischen Wiederaufleben der Goldwäscherei bei Disentis, die Sprecherin betont den Ortsnamen auf dem e wie wir auch, bis wir die korrekte lokale (i-betonende) Aussprache vernahmen. Weiter gehts mit einer Gruppe in Neoprenanzüge gekleideter Passagiere der Räthischen Bahn, unterwegs nach Ilanz zum Ruinaulta-Rafting. „Schwarzes Loch“ wird eine dortige Stromschnellenstelle genannt und wir rufen unsere Leser dazu auf, einmal zu zählen, bzw uns davon zu erzählen, wieviele schwarze Löcher der Rhein insgesamt zu bieten hat. Vom Hinterrhein zeigt der Film vornehmlich die Rofflaschlucht. Doris Melchior, die Patronin des dortigen Ausflugslokals, berichtet wie bei Hochwasser das ganze Haus erzittert und führt zu einem bisher geheimen Wasserfall. Den Zusammenfluß bei Reichenau kommentiert Gian Battista von Tscharner, Schloßherr und selbsternannter Hofnarr von Schloß Reichenau: „in ganz Reichenau fließt es“. Der Mann, dessen breiten Rücken wir einst zwischen den Stauden seines Gartens verschwinden sahen, ist auch der erste Winzer am Rhein, die Spezialität unter seinen Rebsorten ist der Spätburgunder, seine Weine seien so dunkel, weil er eine schwarze Seele eigne. Schwarze Löcher, schwarze Seelen, schwarze Weine. Schwärzliche Würste, heißt es in unserm Hörspiel (s. obere Menueleiste). Adlerschwarz. Alpenschwarz. Schwarz ist die Trumpffarbe der alpinen Rheingegenden. Auf den Bodensee zu hält sich der Film bei Werner Wolgensinger auf, einem der wieder zahlreichen Rheinholzer im St. Galler Rheintal. Die Rheinholzer erhielten ähnlich den Goldwäschern zuletzt einige mediale Aufmerksamkeit. Angesichts der technisch eingeleiteten Bodenseemündung fällt schließlich das Wort vom „Kies als eigentlichem Rheingold“, ein hinkender Vergleich, aber besser als gar keiner.

Im Bauch der Berge

(Ein Gastbeitrag von Florian Blaschke, zuerst erschienen am 5. April 2008 in der Leipziger Volkszeitung. Rheinsein wollte schon lange wissen, was es mit solchen Behauptungen auf sich habe, die Schweizer Alpen seien von der Armee ausgehöhlt und dankt herzlich für diesen feinen Artikel!)

Das Artilleriewerk Crestawald bei Sufers war jahrelang strenger Geheimhaltung unterworfen. Heute ist die Festungsanlage als Museum dem Publikum zugänglich — und das will die Geschichte des Bunkers hören.

Jakob Waser sagt, rückblickend sei das alles wohl ziemlich sinnlos gewesen. Waser ist ein Mann von 65 Jahren, die grauen Haare militärisch kurz. 30 Jahre hat er geschwiegen über seine Arbeit, selbst gegenüber seiner Frau, denn »wenn einer geplappert hat, dann haben sie den geholt«. Das erzählt Jakob Waser heute, denn heute darf er erzählen.

Auch Hugo Zarn darf erzählen, dort, wo Waser Dienst geleistet hat. Er muss sogar, denn deshalb kommen sie. Deutsche vor allem, aber auch Holländer, Belgier, Luxemburger. Und Italiener. Sie wollen von dem 72-Jährigen wissen, wie das war mit dieser Festung vor der Tür, den Gerüchten, der Bedrohung, der Angst. Sie wollen die Geschichte von Crestawald hören.

Hinter der Viamala, dem Schlechten Weg, zieht sich vierspurig die neue A13 durch die Schweizer Alpen, an der Rofflaschlucht vorbei über den San Bernardino nach Italien — eine der wichtigsten Routen in den Süden. Vor der Talsperre Sufers zweigt die alte A13 ab, nach einigen hundert Metern verschwindet ein Weg im Wald, dahinter ein Schild: Festungsmuseum. Jahrzehntelang durfte es diesen Ort nicht geben, wie alle Stellungen in den Alpen. 10 000 Kubikmeter Gestein schleppen sie zwischen 1939 und 1941 aus dem Berg, 120 Mann, Tag und Nacht, mit Hammer und Meißel. Und sie bauen zwei schwedische Schiffskanonen ein, denen der Kommandant nach einem Glas zu viel die Namen seiner Töchter gibt: Silvia und Lukretia. Denn Geschütze über zehn Zentimeter Kaliber bekommen Mädchennamen, so ist das eben. Mehr als fünfzig Jahre hockt die Schweizer Armee bis an die Zähne bewaffnet in den Bergen und wartet auf einen Feind, der nie kommen wird. Auf die Deutschen und die Italiener, später auf die Russen, dann weiß nicht einmal die Militärführung mehr, auf wen sie noch warten soll. Selbst die Einheimischen witzeln heute über ihre mit Bunkern durchlöcherten Berge, sie sähen aus wie ein Emmentaler. 20 000 Anlagen sollen es auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges gewesen sein — eine auf jedem zweiten Quadratkilometer.

Jakob Waser war Festungswächter in Crestawald, von 1967 bis 1995, da gibt es schon keinen echten Feind mehr. »Trotzdem wären wir in 24 Stunden einsatzbereit gewesen«, sagt er. Seine zehn Mann sorgen dafür, 365 Tage im Jahr. Sie kontrollieren die Turbinen und Munitionsaufzüge, veranstalten Rettungsübungen und tauschen Lebensmittel aus. Sie räumen Schnee und halten die Schuss-Schneisen frei. Sie füllen die Dieseltanks nach und schrubben die Abluftschächte. Und einmal pro Woche tritt Waser zum Rapport an: »Da haben sie uns wieder Geheimhaltung eingetrichtert.« Zu Hause erzählt er mit schlechtem Gewissen gerade so viel, dass die Familie nicht nachfragt. Seine Frau arbeitet im Krankenhaus, der Sohn ist Polizist. Die Wasers wissen, was Schweigen heißt.

Auch in Sufers erzählen sie sechzig Jahre nur, da sei was hinter dem See, irgendwas vom Militär. Alle paar Wochen feuern die Soldaten Übungsschüsse nach Süden, dann zischen Geschosse über die alten Häuser hinweg, mit etwas Glück sieht man sie am Horizont verschwinden. Was aber drinnen genau vor sich geht, im Berg, weiß niemand. Einmal im Jahr wird das Sperrgebiet zum Himbeerenpflücken freigegeben, sonst herrscht Ruhe.

45 Aperitif hat Zarn im vergangenen Jahr in der Festungsküche zubereitet, hat 46 Mittagessen und 27 Nachtessen serviert. Sogar ein Ehepaar hat hier schon seine Hochzeitsnacht verbracht — eine Überraschung des Gatten. Auch in diesem Jahr werden wieder Gruppen im Berg absteigen. Hugo Zarn wird ihre Menüwünsche entgegennehmen und einkaufen, er wird zwei Tage vor dem Besuch in die Festung fahren und die Heizung einschalten, er wird die Betten beziehen und seine eigene Pritsche. Seit eine Gruppe von 16 Mann hier für 800 Franken gezecht hat, bleibt auch er über Nacht. »Zu Hause schlafe ich nicht mehr richtig«, sagt er, gleich zweimal habe ihn der Feueralarm auf dem Nachttisch damals aus dem Bett geholt. Er wird mit den Besuchern die Notausgänge abgehen und das Abendessen machen. Vielleicht kocht er Bündner Gerstensuppe, serviert in der nierenförmigen Gamelle. Oder es gibt Schinken im Brotteig.

Und er wird sie durch die Festung führen, vorbei an den 66 Karabinern, Modell 31, zum Feuerleitstand und zum Maschinenraum, in dem es nach Diesel riecht. Er wird ihnen die Krankenstation mit den acht Pritschen zeigen und die Telefonzentrale, in der noch das Einsatzbuch liegt. Der letzte Eintrag stammt vom 24. Juni 1993. »Tagwache, weiter trüb« hat der Soldat eingetragen. »Nebel, Nieselregen, 5°«. Er wird mit ihnen zur Offiziersmesse gehen, wo hinter dem Tisch und den elf Stühlen eine Miniaturversion von Van Goghs Nachtwache hängt, und zur Stube des Kommandanten, dem seine Kameraden ein kleines Holzfenster auf die Betonwand über das Bett gezimmert haben. »Damit er auch mal rausgucken kann«, wird Zarn sagen und lächeln. Sie werden die 29 Stufen zur Druckschleuse hinaufsteigen, durch die fünf Tonnen schweren grauen Tore. Zwölf Eisenstufen werden sie zählen bis zur Lukretia, dann im fahlen Licht an den nackten Granitwänden entlang, an denen stetig Wasser herabtropft, sich in einer schmalen Rinne sammelt und die Gänge hinab fließt. Sie werden zur Totenkammer gehen, in der nie ein Toter gelegen hat, und merken, wie der Tunnel vor der steilen Treppe zum Beobachtungsposten langsam ansteigt. Dann ist Schluss, nach zwei Kilometern geht es nicht weiter.

Noch heute liegen am ganzen Hinterrhein verlassene Stellungen. Als Scheunen getarnte Bunker vor Splügen, eine Sperre in der Rofflaschlucht, dazu dutzende ehemals heiße Objekte. »Beinahe jede Brücke im Tal war mit Dynamit präpariert und wäre gesprengt worden«, erzählt Waser. Wahnsinn sagt er dazu. Als nach dem Ende des Warschauer Pakts auch seine Anlage geschlossen wird, muss er in Frührente gehen. »Ein Schlag ins Gesicht.« Heute ist sein ehemaliger Arbeitsplatz ein Museum. Viele Einheimische haben sich dagegen gewehrt, die Anlage einfach zuzuschütten. Vor acht Jahren dann haben sie einen Verein gegründet, der dieses Stück Geschichte bewahrt. Eine Geschichte, die auch die Schweizer erst nach und nach entdeckt haben und von der bis heute nur wenige Touristen etwas ahnen. »Auf der einen Seite kann ich das Projekt schon nachvollziehen«, sagt Jakob Waser. »Auf der anderen Seite ist der Aufwand eigentlich zu hoch.« Alleine für Strom zahlen sie pro Jahr 10 000 Franken, die Entfeuchter laufen 365 Tage am Stück. Bis zu 5000 Besucher pro Jahr und 400 Vereinsmitglieder braucht es, um solche Unkosten zu decken.

Wenn die Besucher wieder weg sind, wird die Arbeit für Hugo Zarn weitergehen. Dann wird er den Müll entsorgen und putzen, er wird zwischendurch auf die Uhr schauen, um die Zeit nicht zu vergessen. Er wird die Heizung abschalten und das Licht löschen — 57 Schalter, gleiche Reihenfolge wie immer. Und wenn ihm draußen auffällt, dass er doch einen vergessen hat, wird er den ganzen Weg wieder zurück gehen. Dann wird er die Alarmanlage scharf stellen, das Holztor zusperren, und in Crestawald wird wieder Ruhe einkehren.

Jakob Waser war seit der Eröffnung des Museums nur noch einmal dort, mit diesem Ort habe er abgeschlossen, sagt er. Mit dem Militär nicht ganz. Auf einem Bergrücken hoch über Andeer hat er einen alten Beobachtungsposten gekauft — als Hütte für die Gamsbockjagd.

Dielhelms Hinterrhein

“Der Hintere= oder Nieder=Rhein, lateinisch Rhenus Posterior, sammlet sich in dem Vogelberge aus einem Gletscher, oder Eisberge, der sich über zwey Stunden weit erstreckt. Er fließt aber unter dem Moschelhorn / von der Alp zum Port in vielen Bächen hervor und stürzet sich in einen sehr tiefen Schlund hinab. (Anm.: es ist, als würden die Berge überschwappen, als gäbe es dort oben, hinter bzw unterhalb der sichtbaren Kante Rheinwasserbecken mit geheimen Durchstichen in die belebbare Welt. Dazu verbreitet dieses Wasser überirdisches Rauschen. Dielhelm beschreibt hier äußerst profan und vermutlich nicht aus eigener Anschauung. Wer hat je die Rheinquellen gesehen und welchen Gewährsleuten wird geglaubt?) Es läuft dieser Rhein erstlich gegen Mittag, hernach gegen Morgen, wohl drey bis vier Stunden von seinem Ursprunge bis zum ersten Dorfe Hinter=Rhein (Anm.: heuer passiert er zuvor noch die gelangweilte Schildwache der Schweizer Armee und dieses Dorf Hinterrhein, auch wenn es einen Begriff von Asfalt, Motorfahrzeugen und womöglich sogar Internet hat, strahlt etwas seltsam (da unangemessen) abgeschiedenes aus, wirkt wie hingemalt und dann in der Moderne stehengelassen, heißt, es mischen sich die natürlichen Elemente Kuhglockensinfonie, Instalgeducktsein, granitne Verwachsenheit mit den Kompositionen des Paßstraßenbaus, der Elektrizität und des Schweizer Wahlrechts); eh er aber dahin komt, fliessen von der linken Seite hinein die Theiltobelach, die Weißbach / die Marsinbach / und die Steinbach / von der rechten Seite aber die Moselbach (Anm.: oder auch andere, mehrere, anderen oder gleichen Namens). Wenn er das Dorf Hinter=Rhein oder zum Rhein zurück gelegt hat, nimmt er in einer S und Wegs davon die Kirchalpenbach, Cadariolerbach und Saltmannsbach ein (Anm.: siehe letzte Anm.). Nach Einnehmung dieser Bäche gelanget der Hinterrhein auf Nuffenen, wo ihm in Zeit von einer halben Stunde abermals die Tellenbach, Reierbach, Praschelbach, Heinisbach, und Fuchstobelbach zufliessen. Unterhalb dieser Zuflüsse, bey dem Dorfe Ebene, oder Planura / empfängt der Rhein die Böbacher Bach / zur Linken aber die Mühlbach. Hierauf fliesset er nach Medels und in einer halben Stunde nach Splügen. Splügen, lateinisch Speluca, und vor Zeiten Tarvesedun und Trinnetia genant, ist ein vornehmer Flecken und Niederlage in dem sogenanten Rheinwalde, wenn man von Chur über den Vogelberg und den Urschler Berg in Italien reisen will, und sind dessen Einwohner alle deutsche Lepontier. Allda fliesset das Splüger Wasser, und die Wüterichbach / welche oft grossen Schaden thut, in den Rhein hinein. Hierbey ist zu merken, daß das Thal, welches sich von dem Ursprunge bis hierher ziehet, der Rheinwald heisset. Unter Splügen krümmet sich der Rhein gegen Südost, und läßt auf linker Seite das zerstörte Schloß zur Burg, und das Bergdorf Suffers liegen. In der Bergenge Rufeln stürzet sich der hintere Rhein, so bis dahin durch den Rheinwald ziemlich zahm gelauffen ist, über entsetzlich jähe Felsen hinunter, und formiret mitten im Walde bey der hohen Brücke einen gar schönen Wasserfall, worinnen man einen Regenbogen siehet. Von dannen wendet sich der Rhein gegen Norden, bald aber wieder gegen Osten, eh er noch in das Schamser Thal komt. Bey dem Dorfe Ander empfängt er sodann einen Zufluß, und geht zur Rechten an dem zerstörten Schloße Bärenburg hin. In dem Schamser Thal nimt er auf jeder Seite drey Bäche zu sich, daher auch dieses Thal den Namen Vallis Sexamina bekommen. Auf der Rechten liegen darinnen die Dörfer Ander, Zillis, und auf der Linken das zerstörte Schloß Castellatsch, nebst den Dörfern Clugin und Danet. An dem Ende dieses anmuthigen Schamser Thals unter der steinernen gewölbten Brücke, fängt der böse Weg, lat. via mala an, welcher nicht allein eine beschwerliche, sondern auch eine höchst gefährliche Straße ist. Denn dieselbe geht über ein grausam wildes und hohes Gebürge, so hin und wieder an vielen Orten in die harten Felsen eingehauen, welche felsigte Berge durch unterschiedene Brücken in entsetzlicher Höhe sehr schlecht aneinander gehängt werden, unter welchen der in der Tiefe fliessende Rhein mit ganz ungestümmen Rauschen fast immer Wasserfälle machet, und an manchen Orten drey, vier, bis fünf Klaftern tief, mit grossen Gestöß sich über die wilden Felsen und Klippen hinabstürzet. Welcher Anblick von diesen liederlichen Brücken sonderlich der übermäßigen Höhe wegen, einem Reisenden Furcht und Schauer verursachet, und es währen diese Wasserfälle bis zu dem Dorfe Roncaglia / ja bis ins Domleschger Thal beständig fort. (Anm.: ja, damals, als Bouldern noch kein Trendsport war.) Nachdem der hintere Rhein in dieses Thal eingedrungen ist, begiebt er sich auf Tusis, einen schönen Marktflecken. (Anm.: und den ersten, den Dielhelm menschlich zeichnet. Immerhin sind die ersten Rheindörfer ja allesamt bewohnt, von Menschen und Tieren teils außergewöhnlicher Gestalt. Dennoch wird über die Bewohner dieser Orte kaum ein Wort verloren, bei Spescha, später, werden zu jedem Dorf wenigstens Ethnie und Konfession genannt – und vielleicht ist das ja auch tatsächlich schon alles, was über die Rheinursprungsanwohner bekannt werden sollte, denn wenn ich Tuor richtig lese, scheint einiger Wahnsinn in den Bergmenschen und der sie umhüllenden und bedrückenden Natur zu brodeln.) Er liegt in dem obern Graubündten, an der Landstraße nach Italien, und zwar an des Rheins linken Ufer fünf Stunden oberhalb Chur. Von den Lateinern wird dieser Ort Tuscia, oder Tusciana vicus, oder Tusanna, statt Toscana, genant. Er hat seinen Ursprung von den Tußciern, oder Toscanern, den alten Einwohnern des heutigen Großherzogthums Toscana, welche durch die Gallier vertrieben worden, alsdann eine sichere Wohnung in den Gebürgen gesucht, und sich anfänglich allda niedergelassen, selbigen Ort erbauet, und nach ihres verlassenen Vaterlandes Namen Tuscia genennet haben. Anfangs war der Ort vermuthlich mit Ringmauern umgeben, so aber nach der Zeit zerstöret, und nicht wieder aufgerichtet worden. Indessen findet man allda noch stattliche Gebäude, auch ist daselbst eine berühmte Niederlage von Kaufmannsgütern, und ein gewöhnlicher Wochenmarkt, so mit großem Zulauf des Volks gehalten wird. Im Jahr 1727. brannte dieser Flecken bis auf einige Häuser völlig ab. (Anm.: heute steht er bekanntlich wieder, sogar ein paar Hochhäuser hat Thusis ins Tal gepflockt, die aus dem Boden ragen wie Versuchsanordnungen, die man nach zwei drei Fehlschlägen vergessen hat wieder mitzunehmen.)”

Rofflaschlucht

Landstraße wie Via Spluga, die beizeiten eines sind, führen auf das praktisch gelegene Gasthaus der Familie Melchior-Lanicca. Deren Vorfahr Christian Pitschen Melchior erschloß, inspiriert von einem Besuch der Niagarafälle, in den Wintern von 1907 bis 1914 mit harter, ausdauernder (von den raren Nachbarn als Spinnerei bewerteter) Bohrarbeit und nicht zuletzt 8000 Sprengladungen den Wasserfall der Rofflaschlucht als Touristenattraktion: „Galerie zum romantischen Rofflafall und unter dem Rhein hindurch“ kündet heute ein zurecht selbstbewußtes Schild am Straßenrand – und zum zweiten Mal (nach der Durchquerung des unterrheinischen Kölner Fernwärmetunnels) begibt sich Rheinsein, nun, was eigentlich genau: unter?, hinter?, zwischen?, jedenfalls hautnah heran an: den (hier: reißenden, schluchtenbildenden) Rhein. „Zweimal war ich schon am Rofflafall, / und ich hoffe, daß ich bald schnall / wie Christian Melchior dies hat erbaut, / mit einfachem Werkzeug er nur hat in den Stein gehaut“, dichtet die dreizehnjährige Clara F. aus Duisburg unter solchen Eindrücken und Rheinseins eigenen Augen ins Gästebuch – und weiter: „Das Wasser rast an einem vorbei / und von den Sorgen ist man frei“. Ob der Rhein sie tatsächlich beichtvatergleich abnimmt, die Sorgen dreizehnjähriger Mädchen? In der Schlucht (romanisch-magisch: tgavorgia de la Punt Crap) finden sich immerhin regnende Felsen, holografischer Rheinwiderschein und ein respekteinflößender Rofflawicht aus grünlichem Stein bei der Flußmeditation. Für drei Fränkli ist das nicht zuwenig, und sofort meldet sich der Gedanke, eine Liste der Rhein(fall)attraktionen im Preisleistungsverhältnis aufzustellen.