Die Goldene Boos

Frauenstimmrecht gibt es in Liechtenstein seit 1984. Drei Jahre später wurde die Todesstrafe abgeschafft. Die letzte in Liechtenstein zum Tode verurteilte und hingerichtete Person war am 26. Februar 1785 Barbara Erni, bekannt als die Goldene Boos. Am 15. Februar 1743 kam sie in Feldkirch als Tochter eines heimatlosen Paares zur Welt. 1779 heiratete sie den weithin als Verbrecher bekannten Tiroler Franz. Vier ihrer fünf Kinder starben noch im Kindesalter. Um der Armut zu entkommen, faßte Barbara schließlich einen Plan wie sie auf Kosten anderer zu Geld gelangen konnte. Innerhalb von sechs Jahren gelangte sie mit ihren Methoden zu Ruhm und bekam dank ihres rotblonden Haars den Spitznamen Goldene Boos verpaßt. Ihr wurden eine riesige Gestalt und übermenschliche Kräfte nachgesagt. Mit einer großen hölzernen Brustlade wanderte sie durch die Landeam jungen Rhein. Wo immer sie übernachtete, verlangte sie, die Holzlade, die einen wertvollen Schatz enthalte, solle im besten Zimmer des Hauses aufbewahrt werden. Statt eines Schatzes barg die Lade ein Geheimnis: in ihr war ein kleiner Mann versteckt. Ob es sich dabei um den Tiroler Franz oder einen anderen handelte, verschweigt die Geschichte. Zu nachtschlafener Zeit kam das Männlein aus seinem Versteck hervor und räumte die Wertsachen der Gasthäuser ab. Auf diese Weise sollen beide zu einigem Vermögen gekommen sein. Dieser waghalsige Trick, der neben Körperkraft sicher nicht weniges an mündlicher Überzeugungsarbeit gefordert haben mußte, ging über lange Zeit immer wieder neu auf, bis Barbara in Eschen (wo heute eine Gasse nach ihr benannt ist) damit aufflog und auf Schloß Vaduz für 276 Tage in eine winzige Zelle ohne Tageslicht gesteckt wurde. Ein anonym verfaßtes „Gefangenenlied der Goldenen Boos“ („ach ist doch kein Mensch auf Erde / der mich noch erlösen werde“) fand Eingang ins lokale Volksgut. Bei ihrem Prozeß gestand Barbara Erni mindestens 17 Diebstähle. Am 7. Dezember 1784 wurde sie zum Tode verurteilt, vornehmlich wohl, um eine abschreckende Wirkung auf die Ganoven des Umlands auszuüben, denen Liechtenstein mehr und mehr als sichere Zufluchtsstätte galt. Schließlich wurde sie auf den Rofenberg geschleppt, wo sich eine Menge von über tausend Schaulustigen versammelt hatte. Der Landammann brach den Stab über sie. Weil Liechtenstein keinen eigenen besaß, mußte ein Henker von außerhalb bestellt werden. Im Alter von 42 Jahren wurde Barbara Erni professionell enthauptet. Das weitere Schicksal ihres kleinen Komplizen ist nicht überliefert.