Bombenfunde

Der Rhein führt dieser Tage sein Jahrhundert-November-Niedrigwasser, was, so berichtet die Presse, gehäufte Sichtungen von Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg bewirke. Nachdem vergangenen Montag in Köln-Rodenkirchen eine 15-Kilo-Brandbombe gefunden wurde, rief der Kampfmittelräumdienst Passanten dazu auf, verstärkt auf Sprengkörper am Rheinufer zu achten. Auch in Koblenz seien zwei Säurebehälter und eine alte Fliegerbombe aus dem Rhein aufgetaucht. Zwar bewirkt seitdem auch die mediale Berichterstattung eine Sichtungshäufung von obskuren Gegenständen, die sich nicht immer als Bomben entpuppen; der Stadtanzeiger führte heute jedoch ein bemerkenswertes Interview mit Heiko Dietrich, dem Fährmann der Fähre zwischen Weiß und Zündorf. Der hat in seiner 25jährigen Charonskarriere nämlich schon über 20 Brandbomben gefunden. Eine Stunde nach dem Interview rief er den Journalisten an, er hätte da wieder was entdeckt, etwas selteneres: zwei Handgranaten. Der Fährmann kennt außerdem Geschichten von mitunter noch wirkungsvolleren Gefahrenquellen auf dem Flußgrund: vor Jahren habe ein Glasflaschensplitter einem Jungen den Fuß durchbohrt. Der Junge sei bis heute gehbehindert.

Eisgang bei Cölln 1784

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Eigentliche Vorstellung Zum Imerwärende Andencken Des Traurigen Schicksals der Stadt Cölln. Da im Jahr 1784 der Gewaltigen Rhein Strom Sich durch Die Zum Höchsten grad gestiegene Kält 16 Fus Dieff Zusamen Sackte, Und 47 Täg Maur Fest die Schwerste Läst Von Einem Uffer Zum Anderen Beförderte. je Tieffer nun die Zufrierung des Stroms Ware, desto Gewaltsamer Muste der Aufbruch Sein. Da am 27 Feb Wurden Durch den Gewaltsamen Drang des Eises 4 Krahnen Zugrunde gerichtet. Die Landbrück. Schiffbrück. Eisbock Seind von den Rassenden Strom Mit genohmen Worden, 16 Holländischen und Viele Oberländische Schif Zu Grunde Gegangen. Die Stadt Mauren Umgeworffen Samt den Angräntzenden Häuser, und Unzähligen Menschen Zerschmettert, das Waßer Ware bey Diesem Sturm 11 Schuhe, 3 Zoll Höher als 1740. Wodurch Dan Beynächst die Gantze Stadt in Wasser Gesetzet wurde. Auch hat Diese Entsetzliche Hohe Flut jenseit dem bayen thurm Einen ausbruch Gethan. Wovon Viele Felder über Schwemmet. Auch alle Graben Rings um die Stadt Mit Wasser Angefüllet, und der unter der Müntze Ausgebrochene Flut hat in Mauenheim Und andere Örther Viel Schaden gethan. A. Deutz Hat Etlige Häuser und allen Ihr Vieh Verlohren. B. Mülheim hat 161 Häußer und Viel Menschen Eingebüßst. C. Roden Kirchen Hat Gleiches SchicKßall Gehabt. AltenMarcK und HeumarK waren 4 bis 7 Fuß unter Wasser Gesetz

(Kupferstich von J. P. Goffart)

Durch den Kölner Norden

Wer in Mauenheim (wo es, genau wie das berühmte Gedicht behauptet, stets herbstet) wohnt, wo wir in Mauenheim wohnen, wohnt sozusagen eigentlich schon fast in Niehl und als Niehler wohnt man nahezu direkt unterm Bayerkreuz, ist also praktisch Leverkusener. Der Rhein macht in dieser Gegend sehr hübsche Schleifen, deren Schönheit nur deswegen nicht auffallen will, weil die Ufer recht vernutzt sind. Wir radeln durch das alte Fischerdorf Niehl, dessen Einwohner sich einst in Dreiplankenbooten auf den Strom hinaus wagten. Seit die Ford-Werke gebaut wurden, setzen sie lieber Autos zusammen. Die Straßen sind recht leer und werden leerer, je weiter wir nach Norden vordringen, bis plötzlich ein Aussichtspunkt erreicht ist, über dem die Industrie ihre Rachen zur Drohgebärde aufzureißen scheint: Bayer auf der rechten Seite, Ford auf der linken. Einige Schilder zeigen an, was mit Fahrradfahrern passiert, die hier noch weiter wollen. Das Ford-Gelände muß also umgegangen werden, wobei das Umgehen eine Art Queren vorstellt, immer an Werkszäunen und Gleisen entlang, über bröckelnde, von der Natur angegriffene, menschenleere Wege, nur in der Ferne tauchen kleinere Gruppen auf und verschwinden sogleich wieder – reichlich irritierend, daß diese geheimnisvollen Leute allesamt Schlangengurken mit sich führen. Ansonsten gibt es den Imbiss Zur Hexenküche zu notieren – für den großen Slum-Lookalike-Imbissbudenwettbewerb. Am Wochenende ist dort nichts los, leicht vorstellbar jedoch ein Dienstagmittag, an dem die Lackierer dort um Wurst anstehen. Die Luft weist seifige Komponenten auf, dieweil der Himmel sich selbst überlagert wie x-fach gefalteter Stahl. Direkt hinter die Ford-Werke duckt sich Merkenich, an dessen Hauptstraße hockt ein Mann in einem Kabuff, als sei er der Ortschaftspförtner, das Kinn apathisch auf ein Exemplar Cucumis sativus gestützt. Merkenich ist rheinlängs hinterfahrbar. Dort erstrecken sich Naturschutzareale, dh ungemähte Wiesen, aus denen die Kreuzkröte vor zwei Jahren aufs Esso-Gelände auswanderte, wedelnde Holderbüsche, Pappelgeflirre. Köln beginnt nun mit erstaunlicher Ländlichkeit. Pferdekoppeln über Pferdekoppeln, glückliche Pferdemädchen, Erdbeerstände, Spargelstecher, Hofläden. Wir verweilen unter einem Rheinkasseler Kirschbaum. Schwebfliegen registrieren die Bewegungen unseres Stiftes beim Notieren, reagieren auf dessen Tänzchen wie die Kobra auf die Flöte des Schlangenbeschwörers. (Damit müßte sich doch was mit pekuniärem Niederschlag anstellen lassen!) An St. Amandus prangt ein Totenschädel. Die Kirchentünche ist lachsfarben, das mag auf einstigen Salmfang verweisen. Die Langeler Fährgastronomie korrespondiert im Nadelstreifen-Outfit mit der Rheinkasseler Kirche. Langel bietet einige Badebuchten, nicht ganz so hübsch wie die in Rodenkirchen, dafür weniger stark frequentiert. In den Auen ringsumher brüten Wiesenpieper, Stieglitz, Kiebitz, Girlitz, Firzling und weitere Vögel, die auf I lauten, wir entdecken zunächst einen Fasan, der den nächsten Rain entlanggockelt. Wiesensalbei, Klatschmohn, Ackerwinde, Margeriten („sehen aus wie kleine Spiegeleier / innen gelb und an den Rändern weiß / ausgefranst am Rand aber rund in der Mitte / genauso sieht sie aus die Margerite“ – wie Harald „Sack“ Ziegler einst treffend befand). Es piept aus den Wiesen, wir kiebitzen und crossen das Worringer Schlachtfeld.

Rhenus tropicus

Der Rhein sei wärmer als das Mittelmeer, befand und titelte das Kölner Boulevardblatt EXPRESS vor wenigen Tagen in seiner Printausgabe. Das nötige Kleingeld nicht zur Hand, ließen wir die Sensationsnachricht im Sichtrahmen ihres roten Straßenkastens weitertiteln, wohl ahnend, daß im zugehörigen Artikel über Meßstellen und -methoden nicht allzu präzise Angaben zu finden sein würden. Doch eine schnelle Internetrecherche entzog unserer Ahnung einige Quadratzentimeter Bodens. Die messenden Expressreporter legitimierten ihre Angaben mit einer „30 Meter vom Ufer entfernten Meßstelle „in der fließenden Welle“ – wie vom Umwelt-Landesamt empfohlen“: 26,5°C bei Rodenkirchen, im Gegensatz zu mallorquinischen, allerdings nicht selbst gemessenen (vielleicht jedoch selbst manipulierten?) Meerestemperaturen von lediglich 23°C bis 26°C. Falls die Reporter den hauseigenen Wettermeldungen (die immer eine Spur optimistischer ausfallen, als jene des vom selben Verlagshaus verantworteten, „seriöseren“ Kölner Stadt-Anzeigers) getraut haben mögen (ohne sie zuvor zu manipulieren) und falls bei den Messungen alles mit rechten Dingen zugegangen sein sollte, schoß uns durch den Schädel bis ins detaillierte Kraut, dürften künftige Schlagzeilen wohl tropisch-exotischen Neozoenwelten im Rhein und seinen Nebenflüssen gelten, aus denen ja nicht selten schon Piranhas gezogen wurden.

Badebuchten

An heißen Sommersonntagen kommt in den Rodenkirchener Buchten ein Volk zusammen, das sich leicht ganz ähnlich zur Okkupationszeit durch Rom vorstellen ließe: Internationalität mit vorwiegend südsüdosteuropäischem Einschlag und Tonfall, doch auch Westafrikaenglisch, britannisiert und nachfolgend us-amerikanisiert manifestiert sich da im Strandsand, in Person etwa eines Hobbyprivatdozenten, der über die vier heißesten Mittagsstunden ununterbrochen über internationale staatliche Toleranzschwellen gegenüber Homosexualität, Oprah, öffentliche Kühlräume für Senioren ohne eigene Klimaanlage etc pp, vor allem aber die Großartigkeit der Vereinigten Staaten, ablabert, als sei dies ein asiatischer Hippiestrand und eben nicht Rodenkirchen, um schließlich anhand von Safttüten (nicht etwa von Tütensaft) amerikanisch-simpel das internationale Denken in verschiedenen fixen Größenmaßstäben zusammenzufassen, dabei nur das Klischee vom überselbstbewußt dauerparlierenden, dabei völlig nichtssagenden Ami zu verfestigen, während die Natur so einige Wölkchen an den Himmel getupft hat, um welche sie nun die Luftzüge herumzuleiten scheint. Die Wölkchen jedenfalls stehen reglos wie Wölkchen nur reglos stehen können. Der Autor dieser Zeilen beobachtet das Geschehen indessen von innerhalb einer der berühmten Rodenkirchener Badebuchten. Die Hände in den Sand gekrallt, ansonsten in der Horizontalen, den Blick direkt über die bisweilen von vorüberziehenden Frachtern leicht wogende Wasseroberfläche, vermeint er sich in die Lage eines Schlammpeitzgers oder ähnlichen Bodenfisches zu versetzen, eines solchen, der, den Körper unter der Wasserhaut getarnt, die Augen darüber offen hält, ein für Fische vergleichsweise kosmisches Bewußtsein zu erlangen. Das limitierte Imitieren immerhin führt zu einströmender Weite, Sensualität und schwer dimensionierbaren Gedanken und falls erwähnte Fische tatsächlich ebenso denken sollten, täte kultische Verehrung ihnen recht. Aus dem Hinterkopf dringen hektische Liedzeilen “wir ham als Kinder im Rhein gebadet / das hat uns sicher nicht geschadet” von Family 5. Ein Tretboot mit zwei Insassen unter Schweizer Flagge dimmt dazu in Ufernähe von Süd nach Nord, fadet weg unterm Domdunst wie eine kleine nichtige Halluzination. Glitzernde blitzende Blattwelt der Uferweiden. Schwebender Pappelschnee. Unter der Wasserhaut in Schlieren sich verbergende, verlierende Tiere: schlangenartiges, egliges; insektöses irrschwirrt, sich tiefspiegelnd, drüber hinweg, verliert unter Wasser seine Schatten, vermehrt sich auf solche Art. Seit Stunden plantscht ein blonder Kindergartenknabe im Flachwasser, läßt Steine hüpfen, vergißt sich selbst. Seit Stunden auch zieht ein gigantischer schwarzer Frachter von Nord nach Süd durchs Bild, sein Name: Anaconda.

(Ein Gastbeitrag von Sven Löffler. Rheinsein dankt!)