Nie ankommen – Köln Poem

Vergangenes Jahr hat der Sprungturm Verlag Jens Hagens Köln-Poem Nie ankommen herausgegeben, ein geschmackvoll schlicht gestaltetes Buch, dem eine CD mit vom Autor eingesprochenen Gesamttext beiliegt – für lyrische Publikationen eine gute, beinahe schon zwingende Idee.

Das erzählerische Langgedicht ist in vier eigenständig lesbare Teile gegliedert. Der erste davon, Dann geh ich mit Picasso in den Park, läßt sich als Grundanstrich betrachten. Mit Köln hat er leidlich wenig zu schaffen, scheint vielmehr überwiegend in Frankreich angesiedelt, zumindest tauchen als konkrete Ortsangaben einzig ein Kernkraftwerk an der Loire, der Boulevard périphérique und das Meer bei Trévignon auf. Auch das Personal verweist zu Teilen auf den südwestlichen Nachbarn, der immerhin 20 Jahre lang (von 1794 bis 1814) die Kölner Geschicke bestimmte: neben diversen Rock- und Jazzgrößen, Till Eulenspiegel und Richard Wagner, Brutus und General Custer tauchen die drei Musketiere samt d’Artagnan, Arthur Rimbaud, Victor Hugo und der Enkel von François Villon auf. Es könnte sich bei diesem Auftakt um einen Traum handeln, der Geschichten und Geschichte durcheinanderwirft und auf die einsetzende Postmoderne verweist, einen raschen Irrlauf durch einen Hippie-Bezugspunkteparcours, in dem die apokalyptischen Reiter in Limousinen vorfahren, ein für den Entstehungszeitraum typischer Bewußtseinsstrom, der das Fegefeuer, Werbeplakate, Betonterrassen, Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten, Motocrossmaschinen, Liveauftritte bei der Fernsehfasenacht, strahlende Substanzen und bekannte Songzeilen der Beat-Ära mit sich reißt, durcheinanderwirbelt und wieder ausblendet, um schließlich den Vorhang zu lichten für den zweiten Teil:

Fragmente vom Rudolfplatz. Der Platz mit der Hahnentorburg, an der berüchtigten Ringstraße gelegen, zugleich Knotenpunkt für über- und unterirdische Stadtbahnlinien steht für das Abenteuer Großstadt, Autos gegen Menschen, Wasserwerfer gegen Demonstranten, erotisch geladene Straßenszenen. Wieder blendet Jens Hagen geschichtliche Epochen übereinander: Mittelalter, preußische Herrschaft, Drittes Reich, das 1960er-Ganovenmilieu an den Ringen und die studentischen Feminismusdebatten der 80er-Jahre. Das Personal besteht nun aus Gestalten des Kölner Stadtgedächtnisses: Die heilige Ursula, Albertus Magnus, Stephan Lochner, Thomas von Aquin, Jacques Offenbach, Orgels-Palm und Rolf Dieter Brinkmann tauchen auf, Jens Hagens Freund, der Straßenmaler und Musiker Manni Löhe, geleitet „im sozialen Netz von Schnaps und schalem Biergeruch“ als kölnisiertes Mischwesen zwischen Dantes Vergil und dem Rattenfänger von Hameln tanzend und flötend durch die Assoziationsstränge. Der Rhein erreicht den Platz in selbstbezüglicher Karnevalsverkleidung („Am Rhein nur / Tschingpeng / Rrammtamm / Geborrrarängtschingwummplängsein…) und verliert sich im umgebenden Ambiente des Gemüsemarkts, der Kaufhäuser, Spielhallen, Nachtbars. Heißes Pflaster Köln hieß ein Film Ernst Hofbauers von 1967 über die Kriminellenszene an den Ringen. Direkt diesem Film entsprungen scheint Hagens Rudolfplatz-Protagonistin Pretty Woman, eine Prostituierte, die ihre Einnahmen an Zuhälter abliefert und Schläge kassiert, um erneut übers Pflaster zu stöckeln. Das tausendjährige Kölle präsentiert sich als mosaikartiges, aus durcheinandergewürfelten Momentaufnahmen diverser Asfaltwahrheiten bestehendes, von Zitaten Jim Morrisons oder der Rolling Stones durchsetztes Fresko, zusammengestaucht aus Spiegelbildern innerer Filme, einem Hechtsprung in die Hinterlassenschaften der Kallendresser oder dem sonnenbeschienenen Totentanz eines handelsüblichen Nachmittags.

Teil 3, City Poem, entfaltet sich in einer Klammer aus Haikus über den abendlichen und morgendlichen Rhein. Radiosounds, gewiß aus dem WDR-Programm, Liedfetzen und Nachrichtenschnipsel erklingen, das Geraune geht über in typisches Alltagsgeschehen der Innenstadt, ein von kleinen Leuten bevölkertes Panorama mit Currywurst-Geruch und seitlichen Einflüsterungen: „Wollen wir fernsehen? / MTV bei C&A / Auf sechzehn Monitoren?“. Der Text widmet sich den wandelnden Massen der Fußgängerzone und Altstadt, lupt auf einzelne Passanten und ihre Hunde: „Dackel sind verrückt.“ Das Personal besteht nun aus anonymen Gestalten, Tieren und Verlierern: dem Schlurfer mit dem weißen Mantel, dem Einbeinigen, der immer Zigarettenstummel sucht, der Zwangsverschickerin vom Ausländeramt, einem durchtrainierten deutschen Oberunterfifi, dem Ratten- und dem Taubenpack, den Streifenbullen und Fisternöllchen, dem Yogi auf dem Warmluftschacht. „Gesellschaftskunde gucken“ heißt das in City Poem, wenn Börsenmeldungen, Protestsongs und Werbebotschaften auf Stadtflaneure treffen: „Am Tage sind die Straßen hier Vollstress / Aber nachts gehört die City unsereins“. Unter dem Kölner Pflaster liegen in Abwandlung eines berühmten Sponti-Spruchs das Breitbandkabel und Agrippinas, der Stadtmutter, Kanapee, auf dem sie mit wer weiß schon wem alles rumfummelte. Zwischenzeitlich geht der Gaul mit dem Dichter durch, sein Parlando gerät in Endreime oder den Sog des Rhythmus von Carl Perkins Blue Suede Shoes, um sich schließlich wieder zu beruhigen und auf leisen Sohlen in eine Chargesheimer-Ausstellung zu entführen, dessen Schwarzweißfotos das Kölnklischee maßgeblich prägten. Zum endgültigen Herunterkommen dient die Überquerung der Lebensader: „Die Brücke, morgens. / Nach langem Gehen hellwach, / Schau ich auf den Rhein.“

Zeitwärts, ufernah, der letzte Teil, ist bei fortgesetzter Plakativität der intensivste, spirituellste. Er handelt von Aufbruch-, Sehnsuchts- und Fluchtbestrebungen der Kriegs- und Nachkriegsgeborenen in eine bessere Welt wie sie in Liedern, Träumen, Geschichten, Kindheitserinnerungen, in der Nacht, im Rausch der „Säfte des Waswärewenn“ millionenfach vorkommt. Den Bombeneinschlägen entronnen, verlegt sich das Entkommenwollen auf das Nazinachfolgeland, es gilt der herrschenden normiert-numerierenden Spießigkeit, dem Versauern bei dumpfer Fabrikarbeit, dem Krieg in den Medien, dem Haste-was-biste-was-Denken, wichtigtuerischen Geschwafel und Einig-tschland-Wufftata, dem Karrierezwang Paroli zu bieten. Die Seitwärtszeituhr des Erfinders Stolk schlägt dem Erzähler den Takt und hilft ihm, in die Utopien fördernde Kindheit zurückzureisen: „Erforschten in Rinnsalen die Quellen des Nils, / Schossen Liebesperlen aus Pistolen“, der Rhein mutiert flugs zum Mississippi Huck Finns oder zu Stevenson’schen Schauplätzen: „An Wolkenrändern / Im Dunst überm Fluss schweben / Schatzinselmöwen.“ Den Sehnsüchten linker Jugendjahre verschnitten präsentiert das Gedicht deren gerechte Ergebnisse, Beispiele für inneren Wertewandel „vom Kreml ins Weiße Haus“, „von Al Fatah zum Muttertag“, „vom Schwarzen Block ins Blumenkästchen“, „von Dobermann auf Schäferhund“. Ob sich Glück mit einer Kurve nachzeichnen läßt? Nie ankommen oder: Ein Atheist im Kreuzgang sollte der vierte Teil ursprünglich heißen, in dem der Fluß für die Möglichkeiten des Unmöglichen auch noch im Jetzt das Bild liefert: „Am Rhein hier weit weg / Der Schiffe Tuckern erzählt / Von allem und nichts“

Nie ankommen ist ein lyrisches Konzeptalbum mit vier Longsongs im Sound der 70er-Jahre. Bei der ersten Lektüre haben wir die Verse in Zimmerlautstärke skandiert, das Schriftbild forderte dazu auf: Klanglichkeit und Rhythmus stellen tragende Komponenten der Textkomposition vor. Jens Hagens Vortrag auf CD wirkt bei den ersten drei Teilen, die im Studio eingesprochen wurden, gelassen, beim letzten, einem Livemitschnitt, getrieben. Seine Worte sprechen von den Träumen einer Generation, die im Geflecht der Zeitalter längst von moderneren Trieben überwuchert werden, so wie in Nie ankommen rückblickend-vorausschauend „die Halbwertszeit der Mandelblüte“ berechnet wird, deren essentielle Eigenschaften in Schönheit, Kürze und Wiederkehr bestehen.

Jens Hagen: Nie ankommen. Köln Poem, Sprungturm Verlag, Köln, Hardcover, Leineneinband, 19 x 14 cm, 104 Seiten plus Audio-CD, 19.90 Euro, ISBN: 978-3-9815061-8-1

Captain Picard (The Robbers of the Rhine)

For many hundreds of years the valley of the Rhine itself, and the various valleys adjacent, were the haunt of numerous bodies of rapacious and desperate banditti. The rugged, mountainous nature of the country naturally made lawlessness the more easy there, and till so late as the beginning of the nineteenth century these gangs of robbers were a constant menace to the traveller in Rhineland. At the time of the French Revolution, indeed, and for some decades thereafter, the district was literally infested with thieves; for the unsettled state of Europe at this date perforce tended to bring desperadoes from far and near, and for a while the inhabitants of the different villages on the banks of the Rhine endured a veritable reign of terror.

But almost from the outset the brigands realized that they would soon be undone if they grew too numerous. They knew that, in that event, strong military measures would probably be taken against them; so they made every effort to practise that union which is proverbially strength, and to prevent the enlisting in their ranks of anyone likely to prove cowardly or perfidious. In some cases, too, they actually had a well and capably organized system whereby one of their number could escape quickly, if need be, from the scene of his crime; for, like the French prisoners described in Stevenson’s St. Ives, they had a line of sanctuaries extending perhaps into Austria or Italy, the retreat in most instances being an inn whose keeper was sworn to hide and protect his robber guest at all costs. In short, there was honour among these thieves, and even a certain spirit of freemasonry; while, more important still, the captain of a band was very often in league with the few police officials of the neighbourhood.

The great highwaymen of Stuart and Georgian England — for example, that gallant Beau Brocade of whom Mr. Austin Dobson writes — were mostly content with waylaying a chance passer-by; while their contemporaries in France usually worked on this principle also, as witness the deeds of the band who figure in Théophile Gautier’s story Le Capitaine Fracasse. But the robbers of the Rhine were of different mettle from these, and often it was almost a predatory warfare rather than mere brigandage which they carried on. Frequently they had an agent in each of the villages on the river, this agent being usually a member of the scattered remnant of Israel; and the business of this person was to discover a house containing especial wealth, and then to inform the robbers accordingly. Having gleaned the requisite information in this wise, the gang would sally down from the mountains at dead of night; and it was customary, as they drew near to their prey, for the captain to call his henchmen to attention and see that each was ready for the imminent fray. Then, having gagged the village watchman and muffled his bell, they would proceed to surround the house they intended to rifle, and, should resistance be offered, to batter in the door with a log or other instrument. Sometimes it would transpire that the Jewish agent had misinformed them, telling them of booty where booty there was little, and woe betide him should this prove the state of affairs. Moreover, unlike the brigands in Gil Blas, these scoundrels of the Rhine would not be encumbered by prisoners, and they were wont to slay outright all who were minded to show fight.

Yet to their own brotherhood the robbers were invariably loyal, seldom failing to carry away with them such of their confrères as were wounded in the assault; for each was sworn to support his fellows under all circumstances, and awful was the fate of the marauder who violated this compact. It is told of a band commanded by one Picard, a cruel but brave leader, that one of its members chanced to be captured, and with a view to purchasing his freedom he gave information about the whereabouts of his chief. The next night, as the captive lay in his dungeon, a masked face suddenly appeared at the barred window, and in awestruck tones the prisoner asked the new-comer to declare his identity. “I am Picard, your captain,” came the answer. “As in duty bound, I have risked my life to set you free,” and having spoken thus, he proceeded to file through one of the bars, which being accomplished, the reprobate was drawn out of his cell by the aid of a rope. He breathed freely now, finding himself once more among some of his old comrades, but a moment later Picard addressed him again. “Traitor,” he snarled, “do not think that your perfidy has failed to reach our ears; you must pay the full penalty.”

“Mercy,” cried the unfortunate one; “at least let me die in action. Lead on against some foe, and let me fall at their hands.”

“Cowards,” retorted Picard, “deserve no such gallant fate,” and with these words he drove his sword deep into the heart of the traitor.

In general it was a point of honour among these bandits that none should reveal to a woman anything about the doings of his band, and one story relates how a young brigand, on the eve of setting out on his first predatory expedition, was rash enough to inform his sweetheart whither he and his mates were bound. Their commander was a Captain Jikjak, reputed something of a wit; and betimes, after the brigands had marched forward silently for a while, this worthy called upon them to halt. They imagined it was but the usual inspection of arms which was about to take place, but Jikjak, speaking in stentorian tones, told them that a traitor was in their midst, and pointing to the culprit, he bade him step forth. The young man pled his youth as an excuse for his fault, and he told the captain that, could he but get a chance to show his prowess once, they would soon see that he was as gallant a robber as any of them. But Jikjak laughed scornfully, saying he was anxious to find out which was stronger, the young man’s legs or a pair of trees. The culprit quailed on hearing the verdict, and implored a less ghastly fate; but Jikjak was obdurate, and smiling blandly, he bade his followers bend a couple of stout branches to the ground and tie their tops to the ankles of the offender….

Such, then, were the robbers of the Rhine, and such the code of honour which existed among them. A romantic institution they no doubt were, yet it was a form of picturesqueness whose disappearance can scarcely be regretted.

(Lewis Spence, Hero Tales and Legends of the Rhine, London; New York: 1915)