Über Marcel Crépon

Aktuell läuft im Kunstpavillon Burgbrohl die rheinsein-Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss mit Exponaten aus der Sammlung unseres Korrespondenten Marcel Crépon. Zur Vernissage am vergangenen Samstag sprach die Bonner Kunsthistorikerin Rita Anna Tüpper einführende Worte. In einer weiteren Vernissagenrede näherten wir uns der Person Marcel Crépon anhand der raren privaten Einlassungen in seinen Texten und unserer Korrespondenz der vergangenen Jahre, sowie mit Hilfe einer Netzrecherche:

“An einem Sommertag vor fünf Jahren meldete sich Marcel Crépon bei rheinsein, per E-Mail, mit einem fotografisch illustrierten Bericht über seinen Besuch in Andernach. Umgehend fielen mir sein eigenwilliges Interesse für Nebensächlichkeiten und die hochgradig originelle Sprache auf. Damals habe ich seinen Text auf ein paar wesentliche Informationen gekürzt und ins Netz gestellt, im Glauben, dass es sich, was häufig vorkommt, um eine einmalige Einsendung handeln würde. In Abständen von mehreren Monaten langten jedoch weitere, ähnlich geartete und schließlich immer ausführlichere Berichte von Monsieur Crépon bei rheinsein ein. Nach und nach bemerkte ich, dass in Frankreich ein Autor der Randseitigkeiten sich meinem Rheinprojekt verbunden fühlte. Denn an keiner anderen Stelle hat Crépon bisher veröffentlicht. Auffällig auch, dass die zeitlich, geografisch und inhaltlich sprunghaften, nur auf den ersten Blick desorganisiert erscheinenden Beiträge perfekt mit Idee und Anlage des rheinsein-Projekts korrespondieren, das in ähnlicher Weise mit Chaos und Verdichtung arbeitet. Zunehmend kam es mir in den vergangenen Jahren vor, als würde Marcel Crépon seine Reisen an den Rhein eigens für rheinsein unternehmen, auch wenn keiner seiner Sätze direkt darauf hindeutet und ich ihn auch nicht – wie im Falle anderer Autoren geschehen – darum ersucht hatte. Was mir anfangs befremdlich vorkam – nämlich, dass ein derart für rheinsein engagierter und investigativ arbeitender Beobachter in der Korrespondenz persönliche Rückfragen konsequent ignorierte – habe ich nach dem zweiten vergeblichen Versuch einfach akzeptiert; die eigenwilligen Berichte sind eigentlich beredt genug, sich den Charakter dahinter vorzustellen: jemand, den das Abseitige, Spleenige anzieht, der zumindest ein ausgesprochenes Talent besitzt, schräge Bekanntschaften zu machen, der darüber hinaus eine nihilistische Ader zu verfolgen und gern hinter den Dingen und Fänomenen zurückzutreten scheint, vielleicht aus Scheu oder weil sie ihm absolut oder auch nur fragwürdig genug erscheinen, um volle Aufmerksamkeit zu erhalten und vielleicht auch, um in diesem Abseits, paradoxerweise, selbst zum Fänomen zu werden. Jemand, dem Kommunikation offenbar vor allem dazu dient, Geschichten aus den Menschen herauszukitzeln. Jedenfalls bin ich für diese Ausstellung, und das habe ich Marcel Crépon auch mitgeteilt, auf eigenständige Spurensuche gegangen, um etwas mehr über ihn herauszufinden.

Weder eine fysische Adresse, noch seine Telefonnummer hat Marcel Crépon mir jemals mitgeteilt. Die Ausstellungsstücke erreichten mich in unausgesprochener, leicht erkennbarer Absicht in Verpackungen ohne Absender. Eine Ausnahme gibt es: die hier zu sehenden Fotos lagen in einer Versandrolle mit der Absenderadresse „Rue des Degrés“. Ein Scherz offenbar, denn in dieser sehr kurzen Straße im 2. Pariser Arrondissement, die eigentlich eine Treppe ist, gibt es weder Hausnummern noch Wohnungen. Sie erlangte sogar Ruhm, als Hauptschauplatz des Films „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“.
Persönliche Informationen, die sich aus Crépons Texten ergeben, sind spärlich und stets vage. Auch wenn es sich dabei um reine Fiktion handeln könnte, selbst der Name könnte ein Pseudonym vorstellen, verleitet mich mein Instinkt, den meisten davon zu trauen. Nur helfen ein paar grobe zeitgeschichtliche Erwähnungen und die an einer Stelle angeführte Behauptung, er bereise keinen Ort der Welt je ein zweites Mal, in Hinsicht auf ein Personenprofil nicht sonderlich weiter.
Marcel Crépon bewahrt, wo er sich schon öffentlich äußert, definitiv, und das ist alles andere als selbstverständlich in unserer Enthüllungsgesellschaft, mit Geschick und leisem Witz die Würde der Privatheit.
Also habe ich mich, beginnend mit der in imposante Ferne zurückreichenden Herkunft des Familiennamens, auf eine Basisrecherche verlegt, die wenigstens sein Umfeld beleuchten könnte, um auf diese Weise vielleicht einen Schattenwurf zu fixieren:

In der Normandie existiert im Département Calvados ein 200-Seelendorf namens Crépon. Viele Indizien in seinen Texten, aber auch seine in Frankreich registrierte Mail-Adresse, deuten darauf hin, dass Marcel Crépon, obgleich er sich trittsicher im Deutschen bewegt, Franzose ist und in Frankreich lebt. Aus diesem Dorf dürften also seine Vorfahren bzw. Familie ursprünglich stammen, wobei die Toponymie den Namen als „Anhöhe“ deklariert. Crépon selber äußert sich an keiner Stelle zu seiner Herkunft.

Die normannischen Crépons sollen skandinavischen Linien entstammen, was eine Hinwendung nach Deutschland allenfalls mäßig erklären würde. Sie gehen zurück auf Roricon de Crépon, geboren ungefähr 870 n. Chr. Mit Guillaume de Crépon (besser bekannt als William FitzOsbern) starb im Jahre 1071 in der Schlacht von Cassel ein früher prominenter Namensvetter und möglicher Verwandter. Der (vermeintliche) Hinweis auf einen ersten Crépon mit Deutschland-Neigungen geht allerdings fehl, da diese Schlacht nicht im hessischen Kassel, sondern bei einem französischen Ort gleichen Namens in der Nähe von Dunkerque geschlagen wurde.

Danach klafft eine Jahrhunderte währende Lücke bezüglich öffentlich aufgetretener Familien- bzw. Stammesmitglieder. Laut Internet existierte im 19. Jahrhundert ein Illustrator namens L. Crépon, der mit Holzstichen wie „Fuchsteufelssabbath“ oder „Sportdarbietung in Kyoto“ in Erscheinung trat.

Ein Crépon mit gänzlich unbekanntem Vornamen arbeitete im Schlachthof von Diego Suárez, dem heutigen Antsiranana, auf Madagaskar, bis er 1895, offenbar fristlos, entlassen wurde. Die entsprechende Meldung ist zu finden im Journal Officiel de la République Francaise, das, Zufall oder nicht, auch Marcel Crépon in seinen Ausführungen zu Victor Hugo auf rheinsein erwähnt, weil er es liebe, auf der Suche nach journalistischen Perlen durch alte Magazine zu blättern. Die kurze Meldung ist der erste und einzige Link zwischen Marcel Crépon und einem seiner möglichen Vorfahren, der allerdings, wie alle anderen Hinweise auch, letztlich ins Leere, zumindest ins Ungewisse führt.

Besonders auffällig ist Marcel Crépons namentliche Nähe zu Marc Crépon, einem zeitgenössischen französischen Filosofen, der, ähnlich wie Marcel Crépon, des Deutschen mächtig ist, der mit Jahrgang 1962 in etwa im gleichen Alter – wenngleich wohl doch etwas jünger – sein dürfte und sich, eine interessante Koinzidenz, auf Aspekte des deutschen Denkens spezialisiert hat. Marc Crépon hat zahlreiche Veröffentlichungen vorzuweisen. Außerdem ist er Vorsitzender des Nationalen Zentrums für wissenschaftliche Forschung (CNRS) und leitet die Filosofie-Abteilung der École normale supérieure. Leider konnte ich Marc Crépon nicht rechtzeitig vor dieser Ausstellung für ein Statement gewinnen.

Außerdem existiert in Saint-Maurice-de-Lignon im Département Haute-Loire eine Rue Marcel Crépon, was unserem Crépon bekannt ist, wie sich seinen Tagebucheinträgen entnehmen lässt, in denen er die Existenz einer Straße mit seinem Namen in einer eleganten Denkkurve, weil Straßen eben nicht nach lebenden Personen benannt würden, als erfreuliche Garantie für seine Anonymität deutet. Was einmal mehr bestätigt, wie sehr ihm letztere am Herzen liegt.

Erstaunlich bei aller Toponymie und Ahnenkunde: das französische Wort „crépon“ bedeutet auf Deutsch: „Krepp“ oder „Trauerflor“. Marcel Crépon zählt in seinem Tagebuch eine ansehnliche Reihe von französischen Wortspielen, Witzen, Hänseleien und Verballhornungen auf, denen er als Kind wegen seines Nachnamens ausgesetzt war. Er selbst identifiziert sich mit der Übersetzungsvariante „Trauerflor“.

Zusammengefasst: Dem Tagebuch und zeitlichen Ereignissen zufolge, die er in seinen Berichten erwähnt, lässt sich Monsieur Crépons Alter auf „ungefähr Anfang 60“ einordnen. Der Wohnsitz ist höchstwahrscheinlich Paris, darauf lassen mehrere, aber nicht alle Poststempel und einzelne Textpassagen schließen. Crépon reist, auch wenn die Reisen nur zu einem geringen Teil von eindeutigen Zeugnissen belegt sind und er den Sinn des Reisens in seinen Texten infrage stellt. Seine Reiseberichte klingen gerade aufgrund ihrer abstrusen und trotz einiger nachweislich fiktionalisierter Passagen großteils glaubhaft – zumindest für jemanden wie mich, der ähnliche Reisen unternommen und einen Gutteil der beschriebenen Orte mit eigenen Augen gesehen hat. Erwähnenswert sind exzellente Deutschkenntnisse, wobei Grammatik und Wortwahl gelegentlich den Franzosen verraten. Seine Texte spielen bisweilen mit Elementen aus beiden Sprachen. Unser Mann ist definitiv gebildet, zitiert aus Gewohnheit Werke der Weltliteratur und hegt ein besonderes Interesse für Randzonen der Kulturgeschichte. In einer kurzen Labilitätsfase offenbart er eine gewisse Zugänglichkeit für Traumdeutung und esoterische Praktiken, denen er sonst kühl gegenübersteht. Crépon gesteht in einem Text, dass er sich gerne in Warteräumen (wie Bahnhöfen, Arztpraxen oder Krankenhaus-Caféterien) aufhält. Er raucht oder war früher einmal Raucher.

Seine Rheinaffinität erklärt Crépon mit keinem Wort, wodurch sie eine, für mich nur halb verwunderliche, Selbstverständlichkeit erlangt. Sie korrespondiert mit dem Begriff „Grenzforscher“, den Crépon, nebst der Alternative „Sammler von Momenten“, angab, als ich ihn fragte, mit welcher Bezeichnung ich ihn vorstellen solle. Nach meinem Verständnis stellt der Rhein für Marcel Crépon ein Symbol dar, mit dem er als junger Mann per Zufall konfrontiert wurde und über das nachzudenken ihn seither antreibt: den schmalen Grat, die „dünne rote Linie“, die für jeden Menschen existiert, entlang derer das Leben in seiner ungleichmäßigen Gleichmäßigkeit und Zerbrechlichkeit verläuft. Seine Rheinbegehungen sind Balanceakte, auf dem Hochseil der experimentellen Erkundung entzieht sich der schwanke Blick der Diktatur der Norm.

Bevor ich kurz auf zwei Exponate eingehe, sollte Marcel Crépons Faszination für ein bestimmtes Objekt Erwähnung finden: den Eimer. In den Ankündigungen für diese Ausstellung war von einer fetischfreien Berührung mit diskreten Objekten und Texten die Rede. Auffallend ist aber doch das ständige Vorkommen von bzw. die häufige Beschäftigung Crépons mit Eimern in Text und Bild, sowie als Objekt.
Womöglich aus einer fehlerhaften Übersetzung Epiktets an einer Stelle bei James Joyce abgeleitet, empfindet Marcel Crépon, so schrieb er mir in einer Mail, das Wasser als Symbol für die Seele und den Eimer entsprechend als Seelenbehälter. Wahrscheinlich bei keinem anderen Autor (und Crépons Schriften sind bisher noch übersichtlich) häufen sich in vergleichbarem Maße Gedanken, die das Gebilde eines Eimers bzw. den Eimer-an-sich zum Ausgangspunkt nehmen.
Z.B. notiert Crépon in seinem Tagebuch eine Äußerung des Taikonauten Yang Liwei, der während der Weltraummission des Shuttles Shenzhou 5 nicht ortbare Klopfgeräusche „wie mit einem Holzhammer, der gegen einen Eimer schlägt“ wahrgenommen habe. Spätere Missionen bestätigten das mysteriöse Geräusch. Bei Laurence Sterne findet Crépon eine Stelle, die ihn zu poetisch-pragmatischen Analogien zwischen einem Wassereimer und dem Ozean anregt. Ob einen Eimer voller Farbe auf eine Leinwand zu werfen nicht die Essenz von Malerei bedeute, stellt er eine unbeantwortet bleibende, dringliche Frage. Plastikeimer bringt Crépon in einem gewagten Gedankensprung mit der schamlosen Enthüllung der Identität Godots in Verbindung, dieweil Zinkeimer sein Vertrauen erweckten. So geht das immer weiter. Eine Stelle des Tagebuchs fasst sein gesamtes Vorgehen, womöglich sein Weltbild, in einem mystischen, zugleich glasklaren Eimer-Aforismus zusammen: „Die Eimer erklären nichts, ich erkläre die Eimer nicht.“

Zum Exponat der fotografierten Nebellandschaft
Das Bild einer Nebellandschaft passt sowohl zum Ausstellungstitel Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss, als auch exemplarisch auf den Beginn der Beziehung rheinsein – Crépon, als ich seine Berichte noch in indirekte Rede gesetzt in den rheinsein-Textdschungel entließ. Monsieur Crépon beschreibt zu diesem Bild extensiv sein gespenstisches Irren durch den mit märchenhaften Täuschungsmanövern aufwartenden Novembernebel – den Fluss, sein eigentliches Ziel, für das er mit dem Auto aus Frankreich angereist war, konnte er an diesem Tag, so behauptet er zumindest, trotz Mitführens moderner Navigationstechnik nicht entdecken. Ein wenig erinnert die Beschreibung an die Verlorenheit des Monsieur Hulot in den Filmen von Jacques Tati, aber auch an einen Jäger auf falscher Spur, der vor der plötzlichen Erkenntnis erschrickt, dass so etwas wie eine richtige Spur womöglich gar nicht existiert und er selber die Beute sein könnte. (Natürlich schwingt im Titel Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss auch eine zutiefst rheinische Metafer für die Unlösbarkeit der Frage nach dem Sinn mit.)

Zum Exponat der in einer Vitrine befindlichen Papierkugeln
„Was ist das für ein Mensch, der sucht, und nichts findet?“ fragt eine seiner Bekanntschaften Crépon ausgerechnet in einem Baumarkt, ausgerechnet während eines Gesprächs über Heidegger. Marcel Crépon gibt sich selbst zur Antwort: „Ich weiß es nicht. Ich habe wahrlich schon genug gefunden, ohne es gesucht zu haben.“ Auch so lässt sich Marcel Crépon leicht vorstellen: als jemand, der hinnimmt und dokumentiert, was ihm im Leben begegnet, weil das als Herausforderung mehr als genügt. Doch kann dies bestenfalls die halbe Wahrheit sein. Denn sobald ihn ein Thema, und sei es noch so abseitig, gepackt hat, geht Marcel Crépon ihm auf den Grund, recherchiert und nutzt dabei in auffälliger Weise einen Filter für getriebene Personen, Spinner, Lebenskünstler. Über Stunden und Tage setzt Crépon sich deren Manien, Ideen und Produktionen aus, um sie minutiös zu protokollieren. Zur Beharrlichkeit und Ernsthaftigkeit seines Vorgehens gesellen sich Hintergründigkeit und abrupte Brüche, sobald ein Gedanke sich abgenutzt hat.
heideggerkugeln
Exemplarisch für die Absurdität einiger seiner Fundstücke stehen die durchgekauten und zu Kugeln geformten Buchseiten, hinter denen eine lange Geschichte steckt: es soll sich um besonders zähe Passagen aus dem Werk Martin Heideggers handeln. Der typische Künstlerhumor, das Wortspiel zum Objekt zu transformieren, greift hier nur bedingt, denn eine künstlerische Absicht war ursprünglich nicht gegeben.

Hinter diesem wie allen anderen Exponaten stehen meist schräge, oft auch verwirrende Geschichten, die den ausgestellten Stücken nicht ohne weiteres anzusehen sind. Auf rheinsein hat Marcel Crépon sie alle erzählt, ein paar habe ich kurz angerissen, an unserem Ausstellungsrechner, in einem Buchunikat und natürlich auch zu Hause oder sonstwo können sie bei Interesse im Netz genau nachgelesen werden.

Ein letztes noch: Meine Bitte, seine Sammelstücke in Burgbrohl ausstellen zu dürfen, beschied Monsieur Crépon in einer für unsere Korrespondenz typischen Art mit insgesamt drei lakonischen Sätzen: „Machen Sie, was Sie für richtig halten.“ „Schreiben Sie mir, was Sie brauchen.“ Und, auf die Frage, wie er angekündigt werden wolle: „Das ist mir gleich.“ Eine Haltung, die, was Ausstellungen betrifft, ihresgleichen sucht.”

Eine Heranführung an die Crépon-Ausstellung

Aktuell läuft im Kunstpavillon Burgbrohl die rheinsein-Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss mit Exponaten aus der Sammlung unseres Korrespondenten Marcel Crépon. Zur Vernissage am vergangenen Samstag sprach die Bonner Kunsthistorikerin Rita Anna Tüpper einführende Worte. Ihre Rede dokumentieren wir an dieser Stelle (leicht gekürzt) in Bild und Wortlaut:

rita anna tüpper beim vortrag
“Ich darf Sie, liebe Damen und Herrn, an die hier präsentierten Arbeiten des Grenzforschers Marcel Crépon heranführen, an die Präsentation seiner Texte, Objekte, Videoinstallationen und Fotografien. Was Sie hier sehen, scheint er aber – so habe ich ihn verstanden – als Werk eines Flusses, des Rheines nämlich, zu betrachten. Er selbst „fischt“ die Objekte und Geschichten quasi nur heraus aus dem Strom des Wassers und aus dem Zeitstrom der Ereignisse um den Rhein herum. Erlauben sie mir zu diesem unkonventionellen Ansatz vier kurze Bemerkungen.

1. Die Präsentation
Vor Ihnen befinden sich Exponate, die Crépon als Grenzforscher – der Rhein ist seit Jahrhunderten eben auch eine Grenze zwischen Nationen – an den Ufern des Rheines aufgelesen und Fotografien, zu denen der Rhein ihn inspiriert hat, zudem Objekte, zu deren Zusammenstellung ihn der Fluß und die ihn umgebenden Geschichten bewogen haben. Genau genommen sind alle sichtbaren Gegenstände hier Elemente von Geschichten, also narrative Details, die nicht für sich allein stehen, sondern erst im Kontext ihres Narrativs, ihrer Erzählung lebendig werden.
Ich bitte Sie daher, sich die Zeit zu nehmen, die Objekte näher zu betrachten und dabei zugleich in die sie umgebenden Geschichten einzutauchen.
Es ist durchaus ungewöhnlich, dass ein lebender Akteur von nicht sehr hohem Bekanntheitsgrad bei seiner eigenen Ausstellungseröffnung nicht anwesend ist. Dies wirft ein Schlaglicht auf die Prioritäten, die Crépon setzt: Es geht ihm, einfach gesagt, um die Erzählungen und nicht um den Erzähler.
In der gegenwärtigen Kunstszene ist es nicht ganz leicht, vergleichbare und ebenso radikale wie spielerische Positionen der Zurücknahme des künstlerischen Subjektes zu finden, um Crépon doch ein wenig und vage in einen kunstzeithistorischen Kontext stellen zu können – nicht nur, weil diese Szene schwer zu überblicken ist. Als Referenzgröße lässt sich natürlich immer die documenta in Kassel als größte internationale Ausstellung der Gegenwartskunst heranziehen und das scheint hier und jetzt mit Blick auf die documenta 14 nicht ganz verfehlt.
Bei aller Kritik an der documenta des letzten Jahres interessiert doch das in den öffentlichen Medien untergegangene Prinzip ihres Kurators Adam Szymczyk, Kunst nicht durch Erklärungen zu Tode zu definieren und den ausgestellten Arbeiten ihr Unsagbares zu lassen. Er wollte zudem die Einheit von Zeit, Ort und Raum aufbrechen – ich habe hier nicht zu entscheiden, ob dies durch die Teilverlagerung nach Athen gelungen ist, aber der Anspruch spiegelt ein wichtiges Phänomen gegenwärtiger Lebenswelten, deren Zeiten, Orte und Räume verschwimmen; jedenfalls scheint mir dieses Vorhaben in der heute eröffneten Ausstellung der Absurden Phänomene des Realen umgesetzt worden zu sein. Denn, was Sie hier sehen, sind tatsächlich gleichzeitig konkrete Objekte vor Ort als auch im Blog rheinsein.de, also im Internet weiterströmende digitale Elemente und zudem Erinnerungsstücke verschiedener Geschichten und Berichte aus diversen Jahrhunderten.
So verwundert es nicht, dass die hiesige Präsentation ausgerechnet an einen Raum der documenta-Halle in Kassel erinnert, in dem 2017 des verstorbenen afrikanischen Musikers Ali Farka Touré gedacht wurde, bekannt als „König des Wüsten-Blues“. Denn neben der dort dauerhaft zu hörenden Musik Tourés waren dokumentarische Materialien wie Plattencover, Kleidungsstücke, Brillen, Instrumente etc. unprätentiös versammelt und verwiesen in ähnlicher Weise auf das Musikerleben Tourés wie die Créponschen Objekte auf den Rhein.
Ein abseitiges und offenbar unbeabsichtigtes und doch sehr passendes Detail in diesem Zusammenhang ist die Tatsache – nachzulesen in der Fachzeitschrift „Kunstforum“ vom August/September 2017 – dass die Ausstellungsmacher vergessen haben, den Namen Ali Farka Tourés in der Liste der documenta-Künstler aufzuführen. Dort findet sich dagegen der Name desjenigen, der die Erinnerungsstücke zusammengestellt hat. Wie die Musik Tourés führen die Geschichten und Objekte Crépons hier und auf rheinsein ihr Eigenleben und versprühen ihren Zauber ohne irgendeiner Zuordnung zu unterliegen oder der Präsenz oder Hervorhebung ihres Schöpfers zu bedürfen.
Was bei der documenta das passende Zufallsergebnis einer Unaufmerksamkeit war, scheint bei Crépon zum Kern des Konzeptes zu gehören, denn es enthält, sehr einfach gesagt, die Aufforderung: Schaut nicht auf mich, sondern auf den Fluss und sein Treiben!

2. Der Titel
Hier sind wir beim zweiten und vielleicht schwierigsten Punkt, dem Ausstellungstitel: „Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluß“ – ein Zitat von Marcel Crépon selbst, das ursprünglich die Situation einer Reise an den Rhein im Nebel beschrieb.
Jetzt aber löst er den Satz aus dem Zusammenhang und mutet uns Besuchern damit die Paradoxie zu, etwas ausdrücklich Unsichtbares offenbar zum Thema einer sichtbaren Ausstellung gemacht zu haben: „Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluß!“ – Etwas verständlicher wäre im ersten Moment die umgekehrte Logik: Wo der Fluß fließt, dort ist nichts zu sehen! Das erscheint irgendwie plausibel, denn das Fließen selber ist ja nicht wahrzunehmen, sondern nur seine Begleiterscheinungen: Wellen, Wasser, Treibgut, Schiffe, Lichtspiegelungen.
Die Umkehrung aber – Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluß – bringt ins Grübeln, scheint gewagt, fast spirituell. So herum bezieht sich der Satz zunächst einmal auf all das, was sich gerade der Wahrnehmung entzieht. „Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluß“ kann auch bedeuten, dass sich alles dieses, der Wahrnehmung Entzogene in einem permanenten Fließen befindet. Ist der Rhein als Zentrum des Wirkens von Crépon folglich die konkrete Gestalt und Metapher eines Gedankens am Beginn unserer Kulturgeschichte, der damals bereits von den Zeitgenossen als abseitig empfunden wurde?
Heraklit von Ephesos beschrieb vor ca. 2500 Jahren die Auffassung, dass sich die gesamte reale Welt in einem ständigen Prozess des Werdens und Wandels befinde, in dessen Verlauf auch scheinbare Gegensätze in einer größeren, dynamischen Einheit verbunden seien; damit stellte er sich völlig außerhalb aller damals anerkannten philosophischen Schulen und beabsichtigte auch nicht, eine eigene zu gründen. „Panta rhei“ – Alles fließt – auf diese Formel brachte man später seine Gedankengänge – und dieses Prinzip lässt in sich keine gesicherten philosophischen Aussagen über die Wahrheit oder Wirklichkeit zu, da diese stets mit Worten etwas festhalten wollen, was sich aber nach Heraklit eben diesem Zugriff entzieht. „Wer in dieselben Flüsse hinabsteigt, dem strömt stets anderes Wasser zu“ heißt es in den 137 erhaltenen Fragmenten. Das, was als dasselbe erscheint, ist es also doch nicht, es ändert sich in jedem Augenblick. Diese Änderung sehen wir nicht, wir nehmen die festen, vermeintlich identifizierbaren Ufer in den Blick. Tatsächlich aber steigen wir nicht zweimal in denselben Fluss. Heraklit wurde „der Dunkle“ genannt – ist Crépon in einem ganz ähnlichen Sinne „der Neblige“?
Steht also Crépon mit einem Bein zwar im gegenwärtigen Kunstgeschehen mit dem anderen jedoch in der mit Paradoxien spielenden Gedankenwelt Heraklits? Auch das ist nur eine Frage und mögliche Annäherung über den Titel der Ausstellung, die vielleicht deutlich machen kann, wie schwer Crépon mit historischen Kategorien beizukommen ist, und inwiefern er sich als unzeitgemäßer Zeitgenosse zu verstehen scheint.
Den Titel der Ausstellung hat Crépon selbst gewählt und führt uns so über seine gedankliche Flussparadoxie sowohl an den konkreten Fluss, den Rhein, heran als auch an den digitalen Strom von rheinsein, dem Blog, dem wir alle öffentlichen Äußerungen Crépons verdanken.

3. Das Medium
Seit 2013 tauchen die Stücke Crépons auf rheinsein auf und treiben hier in einem digitalen Strom weiter. rheinsein ist eine literarisch basierte Hybridform um Faktisches und Poetisches zum Thema Rhein und zugleich eine stets wachsende Sammlung rheinischer Kulturgeschichte im Internet. Formal ist rheinsein ein klassisches Weblog, das der Kölner Schriftsteller Stan Lafleur angelegt hat, gestaltet und weiter entwickelt. rheinsein schichtet und kreuzt unterschiedliche Textsorten, Bild- und Tondokumente, archiviert sie gleichzeitig und stellt sie für Ergänzungen und Kommentierungen bereit. In dieser ständigen Fortentwicklung und Änderung gleicht der Blog selbst einem digitalen Fluss, der sich aber mit analogen Welten verbindet. Das geschieht, indem er nicht nur deren Geschichten, Eindrücke und Objekte aufnimmt, sondern auch umgekehrt in die analoge Welt hineinwirkt. Aus dem rheinsein-Datenpool entstehen literarische und künstlerische Derivate wie Bücher, Hörspiele, Lesungen oder – wie nun hier – Ausstellungen.
Ein besonders aufschlussreiches Derivat ist die 2014 in Buchform erschienene „Rhein-Meditation“ von Stan Lafleur selbst, ein Stück poetischer Prosa, das in Teilen den eigenen Einlassungen Lafleurs auf rheinsein entnommen wurde und das er durch weitere Textelemente ergänzt hat. Die Rhein-Meditation lässt ahnen, so meine ich, warum sich Crépon gerade in rheinsein der Öffentlichkeit zuwendet und warum umgekehrt Lafleur gerade diesen Gastautoren besonders schätzt und – gemeinsam mit Karin Meiner – zu einer Ausstellung aufgefordert hat; mit der bemerkten Geistesverwandtschaft soll jedoch keineswegs unterstellt werden, dass Crépon die Rhein-Meditation gelesen hat. Dies ist zwar durchaus möglich, aber ungewiss.
„Seit ich denken kann“, so Lafleur, „vielleicht sogar noch länger, lebe ich am Rhein. Mittlerweile ahne ich: er durchfließt mich, mehr noch, ich halte es für möglich, dass er mir mein Leben vorgibt. Immer wieder lockt er mich an seine Ufer. Ich sehe seine Wasser strömen. Fließendem, wallendem Wasser wohnen beruhigende Kräfte inne. Starre ich auf den Rhein, strömt er anstelle meiner Gedanken weiter.“
Lafleur schildert die Wechselwirkung von Gedankenströmen mit der von ihm so genannten „stillsitzenden Flussschau“, die das Festhalten an irgendwelchen Grundsätzen unmöglich mache. Ein solcher Flussmeditierender erscheint – sowohl in seiner leibhaftigen Person als auch mittels seines Blogs – als ideales Medium für den Grenzforscher Crépon: Begriffsgrenzen, Grundsätze, ja auch das Begreifen selbst geraten in Fluss und entschwinden.

4. Der Geist
Das Motiv des Flusses und die forschende, schildernde, erzählende, fischende Konzentration auf das Fließen fordert die Assoziation zu Fluxus geradezu heraus, einer Kunstrichtung, die sich seit den 60er Jahren auf das lateinische Wort „flux“ von fluere bezieht, das fließend und vergänglich bedeutet. Sie stellte, vereinfacht gesagt, den schöpferischen Akt in Form von aktionskünstlerischen Ereignissen heraus, um so das lebendige Schaffen dem Fetisch Kunstwerk und der Verdinglichung des Künstlerischen entgegenzustellen. Wie der Dadaismus war Fluxus auf die Auflösung des hergebrachten Kunstbegriffes gerichtet. Geht es Crépon und Lafleur auch offenbar nicht um Protest und Umwälzung durch das Fließende, sondern eher um seine poetische Betrachtung, lassen sich doch auch hier hilfreiche Verbindungslinien ziehen, denn: Die Flussschau reißt das Verhärtete und Kommerzielle zwar nicht so furios mit sich wie eine überschwemmende Fluxusaktion, höhlt es aber doch subtil aus und führt zu einem ähnlichen Ergebnis, ganz im Geiste von Fluxus. Allerdings würde der Feder Crépons oder auch Lafleurs – behaupte ich – niemals ein Fluxus-Manifest wie jenes von George Maciunas entspringen, denn seine Grundsätze würden sich in einer stillsitzenden Flussschau auflösen oder durch Wasserflecken auf dem Papier verschwimmen.
Crépon und Lafleur, so meine These, stellen Fluxus mit ihrer Rheinprosa, ihrem Rheintreibgut, ihren reinen Rheingedanken vom Kopf auf die Füße – oder von der kunsttheoretischen Hängebrücke aufs reale Floß. Sie verfolgen, so kann man es vielleicht für einen Moment beschreiben, eine der Natur verbundene, naturalistische, um den echten Fluss erweiterte Fluxus-Idee, in der das Denken und ein physisches Sein und Fühlen zusammenfließen.
Crépon stellt hier unter anderem einen Holzrahmen mit drei völlig gleich aussehenden Gläsern aus, das eine mit Rheinwasser von oberhalb des Rheinfalls von Schaffhausen, das zweite mit Wasser aus dem Moment des Fallens und ein weiteres mit Rheinwasser von unterhalb des Rheinfalls. Er behauptet, dergestalt Zeit verkaufen zu können – eine gleichermaßen witzige wie weise Anmerkung zur Vergänglichkeit, zur Unmöglichkeit Zeitabläufe und Lebensströme zu erfassen und sichtbar machen zu können.
„Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss“ – lassen Sie sich ein wenig treiben, meine Damen und Herrn, liebe Kinder, zwischen den Exponaten und der Präsentation des Blogs rheinsein.de, in den Sie hier ebenso eintauchen können.
Der reale Rhein ist sichtbar, nicht aber das Fließen, das ihn erst zum Fluß macht – es scheint absurd, solange wir es zu greifen und zu begreifen suchen!”

Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss

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Der rheinsein-April steht ganz im Zeichen Marcel Crépons. Im Zuge seiner Rheinbegehungen hat der französische Grenzforscher in den vergangenen Jahren Fundstücke gesammelt, Fotografien, Zeichnungen, Reproduktionen und Artefakte, die sich schwerlich kategorisieren lassen. Die meisten davon sind, eingebunden in Crépons originelle, wunderbar randseitige, mäandernd-nihilistische Forschungsberichte, auf rheinsein nachgewiesen. Im Kunstpavillon Burgbrohl wird nun unter dem Titel Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss im Rahmen der Ausstellungsreihe Absurde Phänomene des Realen erstmals eine Auswahl aus der Sammlung Crépon in Originalen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Vorab und ausstellungsbegleitend schätzt rheinsein sich glücklich, Marcel Crépon in seinen eigenen Worten präsentieren zu dürfen. Crépons Beschreibungen und Gedanken zu Orten wie Bad Breisig, dem Elsaß, dem Land Gling-glang oder dem Rhein in Paris und über historische und zeitgenössische Persönlichkeiten wie Martin Heidegger, Franz Liszt oder Schàrel Grians und weitere charmant beschriebene Reisebekanntschaften haben sich in den vergangenen fünf Jahren auf diesen Seiten akkumuliert und innerhalb des ausufernden rheinsein-Kosmos einen eigenwilligen Crépon-Kosmos herausgebildet. Im Laufe des Aprils werden an dieser Stelle noch Marcel Crépons während der Vorarbeiten für die Ausstellung aufgefrischte Erinnerungen an seine erste, lange zurückliegende Rheinreise, sowie mehrteilige Auszüge aus den Tagebuchnotizen erscheinen, die weniger über den Rhein, als vielmehr von den Denkweisen des Autors sprechen. Hinzu kommt die Dokumentation von Materialien, die eigens für die Ausstellung entstanden.

Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss eröffnet am 14. April um 19 Uhr mit einer Vernissage im Kunstpavillon Burgbrohl. Es sprechen Karin Meiner (Betreiberin des Kunstpavillons), Johannes Beil (Bürgermeister der Verbandsgemeinde Brohltal), Rita Anna Tüpper (Kunsthistorische Einordnung) und Stan Lafleur (Annäherung an das Phänomen Crépon). Die Ausstellung läuft bis zum 25 Mai.