rheinsein bei der Latinale

Gestern Abend weilten wir im Theater Rottstr. 5, einem wunderbaren Off-Theater in einem herbstdunklen Bochumer Innenstadt-Hinterhof, direkt unter bzw in einer Bahntrasse gelegen, was dem Raum ca alle halbe Stunde eine grollende, prima aufs Programm passende Erschütterung bescherte. Die Latinale, das mobile lateinamerikanische Poesiefestival, hatte geladen und so durften wir Das Lachen der Hühner erstmals auch in spanischer Übersetzung des mexikanischen Dichters Daniel Bencomo vorstellen. In Bochum übernahm Victoria Guerrero aus Peru den Vortrag des spanischsprachigen Parts, dieweil sie zwischen den lyrischen Liechtensteineinheiten, unter einer Sturmhaube versteckt (also falls sies denn selber war), aus ihren eigenen Texten las, die von Mauern handelten, vom Rimac, von Nord und Süd, arm und reich, von der Liebe und vom Tod. Die Themen des Rheins und des Rimac: besitzen (weit über Zufälle in Gedichten hinaus) reichlich Schnittmengen. Neu war aber dies: die spanische Version von Am Rhein (zum Original und einer liechtensteinischen Version geht’s hier) erheiterte Victoria mitten im Vortrag; ob der Auslöser im spanischen Reim, der exotischen Kulisse oder in der Vorstellung von einer Frau als Fisch lagen haben wir dann nicht mehr erfahren – wer weiß, in wie viele Sprachen das Gedicht, das uns, weil es zu den seltenen plötzlich-zugeflogenen gehört, recht am Herzen liegt, noch übertragen werden und welch unterschiedliche Reaktionen es in unterschiedlichen Transformationen auslösen wird. Den Abend beschloß Benjamín Moreno aus Mexiko mit einer auf Leinwand projizierten Vorführung seiner digitalen Dichtkunst. Dh, Benjamín spielte mit Wörtern Pingpong, formatierte eine Politikerrede zu neuen Lügen um, crashte so einiges an visuell-akustischem Fundus und strukturierte nicht zuletzt die Architektur eines Borges-Gedichts zum Pacman-Spiel um. Hier der Link zu Benjamíns concretoons genannten sehens- und spielenswerten Arbeiten. Die Latinale gastiert noch bis Mittwoch in NRW, heute in Köln, morgen in Bonn und übermorgen in Düsseldorf mit einer Abschlußparty mit allen Beteiligten. Genauere Informationen gibt’s auf der Latinale-Website.

Rhein vs Rimac

Aus dem anonym veröffentlichten Brief einer gescheiterten rheinischen Dichterin an ihren fernen Geliebten, der ihr ständig von seiner Heimat schwärmt, diese dabei einerseits als Quell und Nabel aller guten Dinge, andrerseits auch als seiner eigentlichen Kultur beraubten Kolonialstaat betrachtet, von ihren heimatlichen Betrachtungen aber nichts hören und verstehen will: „(…) Ich habe Dir bereits häufig geschrieben, wir haben hier einen Fluß und anders als bei Euch messen wir ihm deutlich größere Bedeutung als die einer reinen Kloake bei. Die Römer waren hier, sie haben uns kolonialisiert, sie haben den Fluß dafür benutzt und uns gelehrt wie man Häuser und Straßen und Wein anbaut. Sie haben ein neues Rechtssystem eingeführt und neue Religionen und diese Dinge haben die Kolonialherren bei uns bis heute überlebt. So ist es ein ständiges Kommen und Gehen auf der Welt, und immer findet sich ein Grund zur Beschwerde, aber wenn garnichts passierte, würden wir uns auch beschweren – mit unseren ganzen reinen Kulturen, die ja doch nur zu Verdummung und Aussterben führen. Aber das wollte ich Dir garnicht schreiben. Es ging mir doch um unseren Fluß. Ich gehe oft an die Ufer, zu jeder Jahreszeit, auch in rauhen Wintern, um mir das Fließen anzuschauen. Soviele Gedichte habe ich schon über unseren Fluß geschrieben und nie scheinen sie endlich zu gelingen, es ist, als entglitten sie mir beim Schreiben wie der Fluß selbst davonfließt. Und obwohl er davonfließt, ist er doch stets da, das ist das Dilemma, das so schwer in Worte zu fassen ist. Und ganz ähnlich wie Dein Ozean spricht der Fluß klare Worte über den Kreislauf des Lebens. Ich will ja ein Verswerk flechten, nur über den Fluß, über die Ströme von Millionen Jahren, ein Epos über Kontinuität und Verschwinden, Gegenwart und Geschichte, Bewußtsein und die Leere des Vergessens, mit vielen vielen kleinen Nebensträngen auf unsere Folklore weisen und darauf wie der moderne Mensch sich benimmt, wie er taumelt, denn der Rhein ist unsere Nabelschnur und in seinen Wogen schwebt unser Gewissen. Und immer wieder gehe ich an den Fluß und alles wächst mir über den Kopf, es überströmt mich, ich will garnicht mehr schreiben – und doch, ich muß, aber verwerfe alles wieder, kaum daß es zu Papier gebracht ist. Was soll ich nur tun? Vielleicht täte ein exotischer Anker wohl, aber wir haben hier keine Pelikane, nur diese öligen Kormorane, Tauben, Möwen, Krähen, sogar ein paar Himalaya-Sittiche seit einiger Zeit und natürlich Singvögel, ich kann sie Dir nicht alle auflisten, aber es sind bei weitem nicht soviele wie in meiner südlichen Heimat. (…)“