Rheinische Tierwelt (16)

kanadagänse auf dem rhein

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Kanadagänse gehören zu den “neuen Tierarten” am Rhein, ihre Formationszüge zu Luft und zu Wasser sind inzwischen vertraute Anblicke. Die Populationen in Europa sollen auf entflohene und ausgewilderte Bestände aus Ziergeflügelhaltungen zurückgehen, die Ansiedlung entlang des Rheins erstreckte sich über Jahrzehnte, seit Mitte der 90er Jahre sind feste Bestände dokumentiert: einige Scharen kommen (wie dieser Tage, als wir am Riehler Ufer von ihnen überrascht wurden) zum Überwintern, andere halten sich dauerhaft im Rheinland auf. Die Gänse lieben beim Fliegen und Schwimmen zu tröten, an ihren Stimmen erkennen sie sich individuell. Was genau sie mit ihren Rufen bezwecken, konnten wir in der Literatur bisher nicht ausfindig machen; die Möglichkeit, daß sie angesichts überwältigender Rheinlandschaften aus Vogel- und Schwimmvogelperspektive improvisierte Gänselyrik produzieren besteht ebenso wie die Möglichkeit (aero)nautischer oder schlicht schwatzhafter Konversation.

reizen

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Zur Fortsetzung des kräftig bebilderten rheinsein-Januars eine typisch kölnische Rheinuferstimmung, aufgenommen im Rahmen einer mehrstündigen Fußwanderung durch die vor leichtem Schneefall in Schockstarre gefallene Metropole. Während allenorten Autos im Schritttempo kollidierten, Bahnen und Züge sich enorm verspäteten oder gleich ganz ausfielen, Radfahrer beim Queren der eisglatten Straßen grotesk tarierte Stürze hinlegten und die Stadt erfüllt war vom Klang der Polizei- und Ambulanzwagensirenen, kurzum: während bei drei Zentimetern Neuschnee der Kölner Verkehr zum Erliegen kam, stapften wir unbeteiligter Miene an auspuffdampfenden Staus vorüber und bogen alsbald durch blattloses Gesträuch in wintergeweißte Grünflächen, folgten dort Bobtail-, Kaninchen- und Krähenspuren und gelangten derart geleitet schließlich an den Fluß mit seinen dahinschwappenden, ostinativ sich überlagernden Songzeilen (“Now those memories come back to haunt me, they haunt me like a curse, is a dream a lie if it don`t come true… Heidewitzka, Herr Kapitän!”), an dessen Ufer Joggerinnen und Jogger hinter ihren Anstrengungen zu Strichen in der Landschaft mutierten und dazu aufforderten, sie als mathematische Zeichen des Verschwindens zu deuten, in einer diesigen Atmosfäre voller Minusgrade, beschirmt von der dunstverhangenen, angeblich neuerdings zitternden Kathedrale, in deren Magen sich die Spiritualität der Stadt um- und umzuwälzen schien. Lange betrachteten wir den Fluß. Ein paar Enten quakten. Aus der Ferne drangen die dumpfen Geräusche des stillstehenden Verkehrs. Da drehten wir uns, einer nicht näher bestimmbaren Eingebung folgend, um 180° vom einlullend dahinströmenden Wasser weg und blickten direkt auf obig dokumentierte Ansicht. Am Riehler Ufer stehen die Touristenbusse gerne unauffällig Stoßstange an Stoßstange – womöglich lassen sich dort Parkgebühren umgehen. Dieses Exemplar jedoch stand frei und war, wegen des winterlichen Tarnkleids, auf den ersten Blick garnicht so leicht von seiner Umgebung zu unterscheiden. Wir fixierten den dominanten Schriftzug: alk reizen. Das mußte belgische Nomenklatur vorstellen! Es waren jedoch in gesundem Umkreis um das Gefährt weder (etwaig starkbiertrunkne) Flamen noch Wallonen noch Deutschbelgier zu lokalisieren.  Mochten sie alle im Businnern stecken, eine Schlafenspause goutierend? Weil uns ungelöste Rätsel bisweilen die interessantesten dünken und weil Reisende sich nicht aufhalten sollen, stapften wir, ohne die Angelegenheit näher zu klären, dem überwiegend zuverlässigen Richtungsvektor unserer Nase folgend, von dannen…

Indisches Springkraut

Springkrautdschungel finden sich mittlerweile in vielen Rheingegenden. Seit die Pflanze in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Indien in Europa anlangte, breitet sie sich bei uns aus. Von Neofyt kann eigentlich kaum mehr die Rede sein, in Köln dürfte das Kraut dennoch bis zum Jüngsten Gericht unter Imi-Jeströpp notiert bleiben. Die Aufnahmen stammen vom Riehler Ufer. Womöglich eine Hochwasseransiedlung, denn das hochwachsende Springkraut bildet, laut Wikipedia, auch aus abgerissenen Pflanzenteile neue Wurzeln und Pflanzen.

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In hohem Maße erfreuen uns die mit dem Springkraut einhergehenden pflanzenkundlichen Fachbegriffe. Nicht wirklich überrascht hat uns die aus Springkraut-Beobachtungen gewonnene wissenschaftliche Erkenntnis, daß Unkraut eben doch vergehe. (Vergehen: das klingt nach kommen und gehen und sich verirren. Auch nach verbrechen. “Gebrochenes Springkraut”: gebrochen springendes, verblassendes, verbrochenes Springkraut: für jede Menge neomythologischen Humbug gut. Pflanzenschlachten. Blumenkriege. Zu Schwertern und Blasrohren mutierende, als blütenfingrige Kämpfer herumcamouflierende Stengel, auf Buckel springende, blitzschnell festwachsende Aufsitzerpflanzen, naturideentransferierende Organumwurzelungen, Pflanzensaft-Menschenblut-Cocktails etc, “den Auswüchsen des Krieges sind keine Grenzen gesetzt”.)

Wörterbuch: eilanzettlich, ethelochor, hemerochor, insektenfreundlich, Klebausbreitung, Lichtentzug, Lückenfüller, Saftdruckstreuer, Sprossknoten, standortfremd, stieldrüsig, Therofyt, Verjüngungshindernis, vormännlich, Wiederbewurzelung, Wupperorchidee

Was tun, wenn ein möglicherweise ausländischer Storch in den deutschen Rhein fällt und aus eigener Kraft nicht mehr hinauskommt?

Eine Tragödie mit bühnenreifen Elementen ereignete sich einer Meldung der Badischen Zeitung zufolge vor wenigen Wochen am Märkter Stauwehr. Passanten hatten dort einen hilflos im Rhein zappelnden Storch gesichtet. Mittels einer – aufgrund der schwierigen Geländelage und ihres seltenen Umgangs mit Störchen offenbar von Slapstickeinlagen gespickten – Gemeinschaftsaktion holten sie das Tier an Land. Da lag es dann. Also telefonierte, um weitere Procedere-Optionen in Erfahrung zu bringen, eine der Storchenretterinnen mit Polizei, Tierärzten, Tierschutzvereinen der nahen Städte Weil und Lörrach, „am Ende auch mit dem Forstamt“, wobei sie sich „vorgekommen (sei) wie der Buchbinder Wanninger in dem gleichnamigen Sketch von Karl Valentin“, da sie, unter anderem mit der Gegenfrage, ob es sich gegebenenfalls um einen französischen Storch, für den dann die Behörden des Nachbarstaats zuständig seien, ergebnislos von einer Stelle zur nächsten durchgereicht wurde. Schließlich half (sieh da!) das Internet. Über eine elsässische Naturschutzorganisation fand sich der grenzüberschreitende Hinweis auf eine erfahrene Märkter Storchenbetreuerin. Welche sogleich herbeieilte, den Storch in ein Tuch wickelte und zu einem Tierarzt brachte, der den Geretteten schließlich einschläferte, weil er ein Bein gebrochen hatte. Über die Nationalität des Storches wurde über seinen Tod hinaus nichts weiter bekannt.
Die abgewiesene Passantin, berichtete die Zeitung, erwäge seither die „Einrichtung einer dreisprachigen Internetseite, auf der die Leute, die einen verletzten Storch finden, genau erfahren, an wen sie sich wenden können.”

Wir hingegen erwogen nach dieser berührenden Meldung, wie häufig wohl Störche in den Rhein geraten mochten, ohne sich wieder aus dem Fluß befreien zu können. Wir wogen hin und wogen her und bisweilen wollte uns scheinen, daß hier ein Präzedenzfall vorliegen könne, der nicht allzu häufig sich zu wiederholen drohe. Doch dann wieder bildeten sich vor unserem Auge bizarre Scharen hilfloser Störche, mit den Beinen aus dem Rhein ragend, luftstaksend, flügelschlagend, um Hilfe klappernd. Eine solche Vision zog uns stracks ans Riehler Gestade. Dort trafen wir einen Tourenpaddler, den wir fragten, ob er auf seiner Tour Rheinstörche gesehen habe. Und jetzt kommts: er hatte! Und er hat sie sogar fotografiert:

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Diese Störche flankierten erst kürzlich den Rhein knapp nordöstlich von Worms auf der hessischen Seite. Welches Idiom sie babbelten bleibt unklar.

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Falls jemand die Tiere kennt: die Störche sollten auf jeden Fall vor den Gefahren des Rheins gewarnt werden.

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rheinsein regt hiermit die Öffentlichkeit an, zum Wohl der Störche über folgende Punkte nachzudenken: Nummernschildpflicht für Störche (inkl. Länderkennzeichen). Weitere Punkte: Rauchverbot (auch Verrauchverbot) für Störche (aktiv, passiv, Starkstrom) an öffentlichen Plätzen, die auch von Menschen frequentiert werden (könnten); „Nervgebühren“ für Rhein-/Badeunfälle nur simulierende Störche (Posingsteuern); Versammlungsregulierung (Gruppenstorchabkommen); Schutzräume für storchische Wildrosengebete am Eliza Day; (…)

rheinsein dankt dem Tourenpaddler (Karlsruhe-Köln) Stefan Mittler für seine Aufklärung über rheinische Storchvorkommen und die zahlreichen, uns freundlicherweise zur Verfügung gestellten, aussagekräftigen Fotos aus Faltboot-Paddlersicht, von denen wir nach und nach einige an dieser Stelle präsentieren dürfen/werden.

Neues aus dem Sommerloch (2)

Gewitterschnee, Peitschenknall des Donners direkt hinterm linken Ohr, als habe sich der ordnende und züchtigende Gnom des Rheinfalls persönlich auf den langen Weg nach Mauenheim begeben, erneutes Grollen, irgendwo zwischen den Häuserblocks der Neusser Straße wandelt das Unglück, schanzt sich dort ein mit Rachensperre, speit schnell alles Wasser der Welt, gemischt mit Hagel und Tod durch Blitzschlag, der Kehrseite jeder Lottogewinn-Statistik („Lottomillionär in spe auf dem Weg zur Annahmestelle von Blitz erschlagen“). Jetzt biegt das Unglück nach Mauenheim ab. Der Gnom des Rheinfalls schiebt den sinnlosen Löschschaum der Feuerwehr aus der Friedrich-Karl-Straße, genauso erfolglos, wie er seit Jahr und Tag den Rheinfall mit seinen für Gnome recht großen Händen über die Felsen zurückzuschieben trachtet. Platzende Hydranten verstärken den apokalyptischen Eindruck. Auf schaumig weißen Planken treiben Nachrichten vorbei: „Wir wissen, daß wir nur noch beschreiben.“ In dieser Stadt ist alles Installation und Kunst, wenn nicht grad Klüngel, Kirche, Karneval. „Per TV und per Springteufeltreiben.“ Die Nachrichten ordnen sich unter den Einflüssen der Natur zu immer neuen Zeichenfolgen. „Wir haben null Tiefgang.“ Es sind keine Planken, es sind driftende, beschriftete Schafe, die Herde, die noch am Sonntag blökend die Riehler Rheinwiesen abfraß. Ihr Blöken gleicht inzwischen der schrecklichst vorstellbaren Donnergewalt. „Was sollen wir schweigen?“ Wasserschwer blöken sie um ihr Leben, zumindest haben sie gewaltig Schiß, soviel steht fest. Doch wovor? „Wir müssen unsre Dumpfheit bezeugen.“ Es sind keine Blitze, es sind lediglich scharf abgefeuerte Schafsblicke, die den Nachmittag in dieses Inferno verwandeln. Der Gnom des Rheinfalls schiebt auch keinen Schaum beiseite, er packt die wolligen Tiere und trägt sie an den Straßenrand, wo sie unlesbar auf dem Gehsteig davontrotten, und das Rauschen des Autoverkehrs übernimmt routiniert das Szepter von der kurzfristig eingebrochenen Naturgewalt.

Flora

Wenn ich in Köln von meiner Wohnung zu Fuß Richtung Rhein schlendre, brauche ich, auf Schleichwegen und ein wenig querfeldein, bis ans Ufer eine knappe Stunde. Mein Viertel und die benachbarten, die ganz ähnlich heißen, muten traurig an, die Straßen sind wie zum Beleg für die allweil schwärende Stimmung nach niederrheinischen Ortschaften und Städtchen benannt. Vorbei geht’s an mal ranzigen, mal frisch und geschmacklos aufgestellten Reihenhaussiedlungen, gesichtslose Wohnschachteln für den Massenmenschen mit unterdurchschnittlichem Einkommen. Seit zehn Jahren wohne ich selbst in solch einer Schachtel und nicht nur mein Äußeres, nein, mein ganzes einst so rebellisches Wesen hat sich in dieser Spanne schleichend den Vorgaben der Nachbarschaft angeglichen. Namenlos wandeln wir über die vollgeschissenen Gehsteige, manche von uns grüßen einander, andere halten das längst für überflüssig, meist erkennen wir uns nicht, weil wir eh in Belanglosigkeit aufgegangen sind. Unter feuchtkaltem Himmel bläht der Teig der Tage. Ich verschiebe meine Position, die frustriert mahnenden Wände wechseln von Block zu Block die Farbe oder blättern mit ihr rum. Hin und wieder eine Gestalt, die mittels Jogging versucht, dem persönlichen Verfall entgegenzuwirken, zu spät, zu spät, innen ist sie schon angefault, das Blut schießt in ihren angestrengten Kopf, es will hinaus in die Welt, von der es nichts weiß, die Gestalt produziert am laufenden Meter Bilder jener letzten Lächerlichkeit, die sich zum Kloß in unseren Hälsen auswächst, dort führt ein Geschichtsloser seine Kampfhunde aus, d.h., er läßt sie frei herumrennen, sieht ihnen im großen und ganzen sehr ähnlich, kontrolliert aber den eigenen Speichelfluß besser, dort ein Alter mit Zierhund, und da hinten zwei Schülerinnen mit Grauemausgesichtern, da hilft die billige Schminke auch nicht, im Gegenteil. Manche von den Alten hat man lang nicht mehr gesehen, wenn einer stirbt wird er ohne großes Aufhebens abtransportiert, ein junger neuer Nachmieter ist schnell gefunden, die Wohnschachteln recyceln ihre Inhalte selbsttätig, Individualität und schöne Wünsche spielen keine Rolle, ich schreite durch utopielose Landschaften, und erst die Flora, Kölns gepflegtester Park, deutlich jenseits der Kalkarer Straße, bricht dieses Bild mit gärtnerischer Opulenz – und dazu passend: benerzte Damen, botanisierende Pärchen, Halbwelt vor Kamelienblüte. Hier existiert einer der wenigen direkten Durchstiege in die Tropen, ein überdachter Dschungel schwitzt seine Luftfeuchtigkeit mitten in die Reihenhausseele, ringsum sprießen Stachelannone, Papaya, Vanille, Karambole, grellgelbe Kakaofrüchte leuchten durchs dichte Blattwerk, Hirschgeweihfarne tentakeln nach betongewohnten Schädeln, der Bambus rauscht und ächzt und knarzt, in den Pfützen lauern bösartige ausschleimende Welse mit nesselnden Tastschlingen, der plötzliche Ruf des Aras zerfetzt das Trommelfell, dort im Gebüsch springen zwei halbnackte Malaiinnen davon, sie sind mit giftigen Lanzen bewaffnet und tragen schicke Röckchen aus dem schlankmachenden Fächer der Loulo-Palme. Bromelien und Epifyten haben sich durch mein Ohr gefressen und geben meine verschlungenen, von Puderquastmimosen gedämpften Gedanken an die Außenwelt weiter, es ist ein sattes Grün und Rot, von Strelitzienpfeilen durchschossen, die Dreieckspalme markiert den Notausgang, raus hier, nur raus in ein anderes Grau, Geranien, das reicht doch, das ist doch genug, und ein Balkon aus Waschbeton, daran angebracht eine Satellitenschüssel mit direkter Verbindung ins Weltall, Google Maps, ein beruhigender Blick in landschaftliche Vergangenheit, dort fließt er, der Rhein, es gibt ihn noch, irgendwo da draußen, hinter anthropofagen Hausreihen mit strahlenden Geranien am Revers.