Der Rhein von oben

Fernsehgebühren sind, umso mehr ab nächstem Jahr, wenn die verpflichtende Regelgebühr auch für solche Menschen kommen wird, die nicht nur kein Empfangsgerät besitzen, sondern öffentlich-rechtliches Fernsehen sogar ablehnen, offenbar ein sprudelnder Goldquell für die empfänglichen Sender, ein mitunter verblendender, die weniger glänzenden  Hintergoldlandschaften ausblendender, denn was soll auch „konzipiert“ und gezeigt werden, wenn nicht die 127. Rheindoku, es könnte ja mal wieder eine innovative sein. Oder doch lieber eine für den ausgewerteten Durchschnittszuschauer, der irritierenderweise in einem Ort namens Haßloch über sich selbst befindet?

Nachdem das ZDF gerade den Rhein abgereist hat, um ihn von oben zu filmen, zieht nun der WDR mit Der Rhein von oben, „der aufwendigsten Produktion seit langem“ (Zitate: Rheinische Post) nach: „Aus der Luft wird der Rhein von der Quelle bis zur Mündung verfilmt.“ Wie sich die Worte, wie sich die Ideen bei ARD/WDR und ZDF gleichen! Zunächst heißt es natürlich abwarten, was wir tatsächlich doppelt (und dreifach, vierfach, fünffach usw) zu sehen bekommen werden… Immerhin soll die aktuell entstehende WDR-Produktion für einen Fünfteiler Material bieten, somit “ausführlichstes Bild des Rheins sein, das je gedreht wurde“. Das könnte, was eine Rheindokuserie  im deutschen TV belangt, sogar hinkommen – uns sind bisher maximal Vierteiler bekannt.

Spannend klingt die Presse-Vorankündigung leider dennoch genauso mäßig wie die weit überwiegende Mehrzahl der vorangegangenen 126 öffentlich-rechtlichen Rheindokus tatsächlich ausfiel. Eher nach einmal mehr salbungsvollen Heimatpreisungen durchs Objektiv mit einem Schuß grün vorgetragener Proporzkritik im Textanteil. Das Alleinstellungsmerkmal, genau wie beim jüngsten ZDF-Produkt Abenteuer Rhein: die Kameratechnik: hier nun kein Blimp, sondern „eine per Joystick gesteuerte Cineflex-Kamera, die am Helikopterbügel befestigt wird“. Wir freuen uns bereits auf die Musikauswahl, denn allzuviel Rotorgeratsche dürfte trotz der hochinnovativen Kameraführung dem Zuschauer kaum zugemutet werden.

Und: „Eine Folge soll sogar in 3D gedreht werden.“ Wir fänden es ja (mit Jürgen Klopp) richtig geil, die schiffsschraubendurchdröhnten Gründe der Kessler-Grundel und der Wollhandkrabbe, unserer subaquatischen Neozoenheere, in wagnerdeutschem Rundum-3D erblicken zu dürfen, also Unterwasseraufnahmen des Rheins zu sehen, wie sie sonst nur die BBC auf und tief in den Weltmeeren hinbekommt. Auch sähen wir gerne einen mit Spezialkamera bewehrten, verschiedene Vogeldialekte beherrschenden Nils Holgersson-Kleinstroboter bei den schrägen Nilgänsen des Rheins eingeschleust, welcher exklusiv aus deren Familienleben und ihrem Verhältnis zu urgermanischen Arten berichtete. Oder könnt ihr das nicht? Ufermauer-Crashtests mit „Hey Blondy, wo geht’s hier nach Köln, hahahaa!“-Jet-Boot-Hedonisten bei voller Kameraerschütterung. Mindestens fünf Minuten apokalyptisches Tasten in der Rauchwolke aus der Krefelder Düngemittelfabrik. Die ersten Filmbilder Gorrhs, des bisher nur in Literatur und Kunst vorkommenden, eindeutig  rheinischen,  auf  der Autobahn geborenen Superheldenalltagsgottzwitternongeschlechtlers. (Vorsicht, manchmal frißt Gorrh Helikopter.) Partikeln des Bösen, mal genauso wahrgenommen wie von der Bevölkerung. Mal wieder näher ran an die Leute, falls da noch was ist. Gern auch satellittös. Läßt sich vom Orbit wirklich jeder Pickel im Gesicht eines Rheinpunks scharfstellen? Was ist dran an der These, das Rheingold sei in Wirklichkeit seit Einführung der Rundfunkgebühren gehoben? Sagts uns! Und für die, die neue Loreleyansichten brauchen, wiederholt einfach die alten Loreleyansichten.

Es soll sich übrigens seit geraumer Zeit eine noch stille Bewegung unter künftigen Zwangsgebührenzahlern, die eigentlich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder das Fernsehen insgesamt ablehnen, bilden, eine sehr deutsche Form des Protestes sozusagen. Die GEZ könnte demnach mit Einführung der Kopfgebühr mit Anträgen auf Empfangsgeräte überschwemmt werden. (Was uns an Ärzteklagen im TV nach Einführung der Praxisgebühr erinnerte: daß die Praxen nämlich plötzlich übervoll mit Leuten seien, “die nichts hätten”, nun jedoch täglich zur Konsultation auftauchten, um die einmal bezahlte Leistung bestmöglich in Anspruch zu nehmen.)

X-mas-Gebäck

Xantner Printen, Pseudo-Aachner,
falsch wie Feigenblatt im Rücken
und wie Echtgold unterm Rhein,
wie ein Keks von Richard Wagner,
wie Tsatsiki kurz vor Brügge
und wie dieser schöne Reim.

Ein Gastbeitrag von Àxel Sanjosé. rheinsein dankt!

Denkmal am deutschen Eck

An der Mosel ging es noch an. Wir soffen uns langsam den Fluß hinab, wir fuhren mit dem Saufbähnchen von Trier nach Bulley hinunter, und auf jeder dritten Station stiegen wir aus und sahen nach, wie es mit dem Weine wäre. Es war. Wenn wir das festgestellt hatten, stiegen wir wieder ein: der Zug führte einen Waggon mit, der sah innen aus wie ein Salonwagen, von hier aus hätte man ganz bequem Krieg führen können, so mit einem Telefon auf dem Tisch, mit dicken Zigarren und: “Seiner Majestät ist soeben der Sturmangriff gemeldet worden.” Wir führten aber keinen Krieg, sondern drückten auf die Kellnerin, und dann erschien ein Klingelknopf, oder umgekehrt, und dann konnte man auf dem langen Tisch einen naturreinen Mosel trinken und dabei Würfel spielen. Und es entstanden in diesen Bahnstunden die Spiele:

Lottchen dick
Spix ist stolz
und:
Georgine, die ordentliche Blume
sowie:
Karlchen und die Rehlein –

das letztere Spiel zur Erinnerung an Karlchen seine Liebesabenteuer im freien, frischen, frommen Walde, wo ihm einmal die kleinen Rehlein zugesehn hatten. Ich verlor auf das Grauenerregendste und mußte immer bezahlen. Aber so ist alles.

Bernkastel, Traben-Trarbach, Bulley… dann aber setzten wir uns in einen seriösen Zug und fuhren nach Kolbenz. (Diese Aussprache wurde adoptiert, falls Jakopp ein künstliches Gebiß hätte: es spricht sich leichter aus.) In Kolbenz tranken wir der Geographie halber einen Rheinwein, und der konnte Papa und Mama sagen, wir aber nicht mehr. Am nächsten Morgen – es war ein Sonntag hell und klar – gingen wir spazieren.

Ich kannte Kolbenz nicht. Das erste, was mir auffiel, war ein breites und lautes Bürgerpublikum von Reisenden, die sich merkwürdig aufgeregt gebärdeten. So, wie schwarzhaarige Frauen, wenn sie einmal in Paris sind, dem Zauber des Wortes “Paris” erliegen und sich so benehmen, wie sie es zu Hause niemals täten, so kippten hier die blonden Damen aus den Pantinen; der Rhein, Vater Rhein, der deutsche Rhein klingelte in den Gläsern, und es war ziemlich scheußlich anzusehn. Das zweite, was damals auffiel, war die “Schmachch”. Wir sprachen das Wort mit zwei ch, und wir meinten die Franzosen damit, von deren “schwarzer Schmach” wir so viel in den bildenden Kinos gesehen hatten. Hier war nur weiße Schmachch, und wir mochten sie nicht. Und zwar nicht etwa, weil wir die Franzosen nicht mögen, sondern weil wir das Militär nicht mögen. Wir sind nur nicht so dumm wie zum Beispiel der Kolbenzer “General-Anzeiger”, der nun, nach dem Abzug der Schmachch, Mord und Tod hinter ihnen herschimpfte, ohne auch nur einen Augenblick lang zu untersuchen: wie sich die Deutschen in Belgien und Frankreich benommen haben, was das Militär eigentlich ist und für wen es arbeitet, und wie an diesem ganzen namenlosen Unglück, am Krieg und seinen Folgen, Europa schuld ist und seine nationale Zerfetztheit. Statt dessen krähte die Zeitung in echt kleinbürgerlicher Wut wegen der unbedingt zu verurteilenden Übergriffe nun hinter ein paar tausend Soldaten her, deren jugendliche Kraft genau so unproduktiv mißbraucht wird, wie das mit Soldaten in allen Ländern geschieht – auch in Deutschland.

Wir spazierten also am Rhein entlang, ich hatte wieder einmal meine Geographie nicht gelernt und ließ mir von Jakopp die Gegend erklären. Da war der Ehrenbreitstein; auf dem brannte zum Gaudium aller Rheinkadetten eine französische Fahne – wirklich, die Fahne brannte hoch am Fahnenstock, verglomm, leuchtete wieder auf… mich interessiert Militär nicht, und ich weiß nicht, was sie da gekokelt haben. Es ist ja auch gleichgültig, so gleichgültig wie alles, was diese uniformierten Brüder tun. Und da war der Rhein, der kitschumrauschte, und, wie bei Goethe steht, da waren große Schiffe im Begriffe, auf diesem Flusse hier zu sein… und plötzlich bekam ich den größten Schreck auf dieser Reise. Ich weiß es noch ganz genau:

Wir gingen auf der breiten, baumbestandenen Allee; vorn an der Ecke war eine Fotografenbude, sie hatten Bilder ausgestellt, die waren braun wie alte Daguerrotypien, dann standen da keine Bäume mehr, ein freier Platz, ich sah hoch… und fiel beinah um.

Da stand – Tschingbumm! – ein riesiges Denkmal Kaiser Wilhelms des Ersten: ein Faustschlag aus Stein. Zunächst blieb einem der Atem weg.

Sah man näher hin, so entdeckte man, dass es ein herrliches, ein wilhelminisches, ein künstlerisches Kunstwerk war. Das Ding sah aus wie ein gigantischer Tortenaufsatz und repräsentierte jenes Deutschland, das am Kriege schuld gewesen ist – nun wollen wir sie dreschen! In Holland.

Zunächst ist an diesem Monstrum kein leerer Fleck zu entdecken. Es hat die Ornamenten-Masern.

Oben jener, auf einem Pferd, was: Pferd! auf einem Roß, was: Roß! auf einem riesigen Gefechtshengst wie aus einer Wagneroper, hoihotoho! Der alte Herr sitzt da und tut etwas, was er all seine Lebtage nicht getan hat: er dräut in die Lande, das Pferd dräut auch, und wenn ich mich recht erinnere, wallt irgend eine Frauensperson um ihn herum und beut ihm etwas dar. Aber da kann mich meine Erinnerung täuschen… vielleicht gibt sie dem Riesen-Pferdchen nur ein Zuckerchen. Und Ornamente und sich bäumende Reptile und gewürgte Schlangen und Adler und Wappen und Schnörkel und erbrochene Lilien und was weiß ich… es war ganz großartig. Ich schwieg erschüttert und sah Jakoppn an.

“Ja”, sagte Jakopp, “das ist das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck.”

Richtig: da floß noch ein zweiter Fluß in den ersten Fluß, und es war, wenn man von den Fabrikschornsteinen absah, eine hübsche Gegend, viel zu hübsch für dieses steinerne Geklump, für diesen Trumm, diesen Trubas von einem Denkmal. “Was… wie…” stammelte ich ergriffen. Da hörte ich ein leises Stimmchen an meiner Linken, ein Knabe war mir unversehens genaht, er hatte wohl meine Ratlosigkeit bemerkt, und er sprach: “Soll ich Ihnen mal das Denkmal erklären –?” Rasches Erfassen der Kriegslage ziert den SA-Mann, und ich sprach: “Erkläre mir mal das Denkmal.”

Da sah der Knabe überall hin, nur nicht auf den Tortenaufsatz, er schlief im Stehen, seine Augen hatten den Ausdruck einer friedlich grasenden Kuh, ich hatte so etwas noch nie bei einem Menschen gesehen. Er sprach mit modulationsloser, quäkender Stimme. Und weil dieses arme Kind solches nicht allein tat, sondern vier oder fünf seiner Kollegen, wie ich später sah, den ganzen Sonntagvormittag lang gewerbsmäßig dasselbe ausübten, vor dem Denkmal und weiter unten, vor dem Hotel und überall, so habe ich das, was sich die Knaben eingepaukt hatten, mehrere Male hören können. Nach Verabreichung mehrerer Gläser guten Weines zwecks Auffrischung des Gedächtnisses läßt sich das etwa folgendermaßen an:

“Dieses Denkmal wurde gegründet im Jahre 1897; es stellt dar den berittenen Kaiser Wilhelm den Ersten, sowie auch eine Siegesgöttin benebst die besiegten Feinde. Die Siegesgöttin ist nach verlorenen Kriegen ein Friedensengel und hat eine Flügelbespannung von fünf Meter in die Breite. Das Denkmal wiegt fünf Millionen Kilogramm und hat einen Flächeninhalt von 1200 Quadratmetern, daher ist es ein großes Kunstwerk. Auf dem Grundsockel erhebt sich der Sockel, auf dem das Denkmal aufgebaut ist; auf diesem Sockel steht der richtige Sockel, und auf diesem der Untersockel, worauf sich der Denkmalssockel erhebt. Die Künstler, die an dem Denkmal schuld sind, heißen Schmitz und Hundrieser. Der Spruch, der in das Denkmal eingelassen ist, besagt: “Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn ihr einig seid und treu.” Die Köpfe der Seeschlangen bedeuten Deutschlands Feinde, der Granit der Söckel ist aus dem Schwarzwald. Die Mosel fließt hinter dem Denkmal, ihre Strömung ist hier besonders schnell, weil sie an dem Denkmal vorbei muß. Das Denkmal ist in der Regierungszeit Kaiser Wilhelms des Zweiten eröffnet worden und hat daher zwei Millionen Mark gekostet. Das ist das Denkmal am Deutschen Eck.” (Große Trinkgeldpause.)

Wie ich in der Zeitung gelesen habe, sind die Reden, die sie nach dem Abzug der Schmachch gehalten haben, genau so gewesen wie das Denkmal. Aber könnt ihr euch denken, dass sich jemals eine Regierung bereit fände, einen solchen gefrorenen Mist abzukarren –? Im Gegenteil: sie werden gar bald ein neues Mal errichten: das Reichsehrenmal. Wenn es errichtet ist, werden rotzgenäste Knaben hingehn und es uns erklären: die Gastwirtschaften ringsherum werden voll sein, und in den Massengräbern zu Nordfrankreich wird sich ein Geraune erheben:

»Wofür –? Dafür.«

(Ignaz Wrobel in: Die Weltbühne, 1930)

Rheintochter (2)

fr_schwarzwaldmaedel

Die letzten Tage wagnerianisch geprägt: Rheintöchter noch und noch, der Ring des Nibelungen kleingestückelt auf Youtube, Lesung in der Kölner Richard-Wagner-Straße, kaum in Freiburg angekommen: wird dort der Ring gegeben. Allerdings bereits ausverkauft. Große Kartenkontingente gingen an Japaner, Koreaner und sonstige Interkontinentalwagnerianer. Als Ersatz grüßt uns diese dem ewigen Schwung lustvollen Shoppens entsprungene Freiburger Rheintochter von der Straße ins Zimmerfenster, dh, natürlich ist sie als Schwarzwaldmädel ein wenig mehr Berg- als Rheintochter, vereint dabei jedoch aufs Vorzüglichste Tradition mit Moderne und eskortiert uns standesgemäß zum vorübergehenden Ausgang aus dem Wagner-Wahn.

Wallala weiala weia!

Wallala! Lalaleia! Leialalei! Heia! Heia! Haha! oder auch Heiajaheia! Heiajaheia! Wallalallalala leiajahei! oder wahlweise Weia! Waga! Wagalaweia! und ähnlich lauten die spöttelnden, wasserwebenden, wogenimitierenden Äußerungen der Flußtöchter Wellgunde, Woglinde und Floßhilde zum Auftakt von Richard Wagners Das Rheingold, in dem es in der ersten Szene, in deren Verlauf der verspottete Alberich den Töchtern ihren Schatz entwendet, zudem mit knalligem bis schlüpfrigem Stabgereime zur Sache geht: Hahei! (Waaleluja, walleluja, walleleele-luuja!)

Rheintöchter

Ryder_The-Siegfried

Die Erinnerung, diese Rheinstelle einst, wenngleich nicht zu Pferd, sondern mit in den Labors der Firma Sandoz entwickelten Raum-Zeit-Durchdringungshilfen, passiert zu haben, löst sich in dunklen Nebeln: wo genau war das nochmal? Das gelbliche Wetter, das unbefestigte Ufer, die hochlebendige Flora. Unterschwelliges Nixengezwitscher. Auch sprechendes Pappellaub. Genau: im Zeitalter der Radiorekorder wars, als uns zuletzt kaum definierbar süße Musike (ein wenig im Stile von Dead Can Dance) aus dem Unterholz quoll, die Landschaft außenrum visuell püriert von den passenden Pillen. In Öl auf Leinwand fixiert hat die Szene rund hundert Jahre zuvor bereits Albert Pinkham Ryder, prunkvoll ausstaffiert nach Wagner mit Geisterreiter und nackigen Nixen: The Siegfried and the Rhine Maidens (1888-91).

neujahr am rhein

blaue stunde. walzende fluten. wie im kino
strahlt boeses licht. nahverkehrskruecken

die brueckenpylone ragen starr aus matsch
& roehrricht. fahrbahnen mit gekruemmten

ruecken: es geht stets ums streben, beugen
& buecken. sektflaschenscherben im uferkies

abgeschossne silvesterraketen. der dom
sieht aus wie von playmobil, der walzende

strom wie gefalteter stahl. aus kopfhoerern
quaekt richard wagner, i-pod-monumental

paare fuehren hunde spazieren. schafskoettel
dampfen im gras. walhafte frachter defilieren

die menschen wuenschen sich was

Der Rhein als Migrant

“Flüsse des Lebens” lautet der deutsche Titel einer britischen Dokumentarserie, die mit Yangtse, Ganges, Mississippi, Amazonas, Nil und Rhein einige der wichtigsten Kulturflüsse abhandelt. Bildführung und Textkommentar erinnern an BBC-Dokus: fantastische Aufnahmen treffen auf sensationalistische Grundierung, unterbrochen von ruhigeren Interviewpassagen, in denen ein Feuerwehrmann, ein Fischer, ein Binnenschifferpaar, ein Dichter, ein Meeresbiologe, ein Winzer, eine Loft-Kreative und ein Bergbauernpaar Auskünfte zu ihrem Leben am Fluß erteilen. Die 55 Minuten Rheinreigen scheinen bisweilen einer postmodernen Wagner-Inszenierung nachempfunden, beginnen mit einem Potpourri, das die wildesten Bilder aus 1320 Kilometern Rhein scheinbar willkürlich gegeneinander schneidet, auf die der Film im weiteren Verlauf bildlogisch rekurriert. Im Rotterdamer Hafen lauert Gefahr, die 300.000 Arbeiter dort, ja die ganze Stadt, erklärt der Sprecher, säßen auf einer allzeit entzündlichen Bombe: jeder zweite einlaufende Frachter birgt Gefahrgut, während die Wasserqualität im Hafengebiet den Aal- und Lachsfang zuläßt. (Der Rhein galt einst als größter Lachsfanggrund der Welt.) In großen Sprüngen nähert sich der Film den Alpen, bedient sich flott verschnittener Flußmosaiken „künstlerischer“ Aufnahmen: ausrangierte Hochöfen, Hafenbecken aus der Luft bei Duisburg erinnern an die Becher-Schule. Kleine Japaner posen unterm riesigen Kaiser Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck. In Ludwigshafen kommt Hasan Özdemir zu Wort, der türkischstämmige Ortspoet faßt den Rhein als Dauermigranten auf und die Deutschen als Ausländer im eigenen Land, dessen Veränderungen sie nicht begreifen. In zwei Minuten ist die Geschichte des Elsaß verhandelt: als eine komplizierte. Vollends apokalyptisch wird’s in Hinterrhein, jenem ersten düsteren Dörfli am gleichnamigen Lauf, dessen Stuben zumindest in der Kameraperspektive tatsächlich so aussehen, wie man sichs beim Queren der zwonhalb mistbelegten Straßen vorstellt. Die Sage vom Entstehen des Rheinwaldhorngletschers an einer zuvor Paradies genannten Stelle impliziert natürlich das Element seines eigenen Untergangs, der ganze Landschaften mit sich reißen wird: in hundert Jahren (bereits, so die Botschaft), wenn der Gletscher abgetaut sein wird, versiegt auch der Rhein, und die Bosheit, zumindest Unachtsamkeit des Menschen trägt daran Schuld. Ein christliches Ende mit Schrecken und Hoffnung und der gewaltigen Macht bewegter, mit Text und Musik untermalter Bilder.

Gehege

Die germanischen Früchtchen rauchen
Waldreben. Unter Eichenbäumen
schieben wir die Grasnarbe vor, arbeiten uns heran
mit Krupp & Schmiedehammer
zum Tore hinaus, ab in die Binsen, feucht fröhliche
Ritterspiele, Tanzparaden, krautige Kneipen, Stehimbisse.
Quellende Brüste, erhellende Stimmen, – arschgeil
als wir am Rhein standen, oder die Oder, oder
genau, der wagnersche Hügel war’s,
wie so die Trunkenheit spielt, die ist hin(zu)zunehmen.
Verlagerungen der Reiseziele.
Von Deutschland haben wir bislang nichts gesehen.
Walken das ab, stochern den Rhein hinauf,
dabei bleiben wir sachlich, pflegen die Liebe,
drehen am Rad, machen dem Kaiser ein Kind.
Ne kölsche Jung soll dat werden. Bei Köln der Rhein ist so schön.
In Hamburg ist’s schön, aber die Elbe.
Von Deutschland haben wir bislang nichts gesehen.
In Dresden ist’s schön. Magdeburg hässlich.
Machen dem Kaiser ein hässliches Kind.
Machens in Buxtehude. Machens in Braunschweig.
In Flensburg das Meer ist so schön.
Der Wald ist so schön.

“Gehege” ist ein Gastbeitrag von Markus Hallinger. Besten Dank!

L. L.

Von oben, wiederholt, so wie Spielkarten auf einen Stapel gedroschen werden, zack, zack, dasselbe Motiv: Blick ins Rheintal, wie für ein Kamera-Still bei schönstem Frühlingswetter eingefroren die Walrücken der Frachter, die winzigen Schaumstreifen der Heckwellen eine exotische Cocktailbeigabe, hüben und drüben auf den Bergkuppen lauter markante Ruinen. Ein sich überdeckendes, ein dermaßen, ein, ein scheinbar unendlich mit sich selbst kongruentes Bild, dessen Schönheit Risse (leichte, vermutlich elektrische Schmerzimpulse) im Denken auslöst, in Zusammenhang mit den passenden Klängen (Beethoven, Wagner, Kraftwerk, Der Plan). Und dann gerät etwas ins Zittern, Rütteln, Schwanken. Die Wasserfläche weitet sich zur See, lautlose Flugzeuge, mittelgroße Maschinen, die in einem Wettbewerb massenweise und bestens koordiniert in einen Nebenfluß sinken, um nach einigen plumpen Versuchen strahlend aufzutauchen, gleich behäbigen Fischen, die irgendwelchen Schwarmvorgaben folgend plötzlich den historischen Schritt des Landgangs für unsinnig erachten, wieder durchstarten, ein fantastisches Spektakel, betrachtet von hunderten Schaulustigen am Ufer. Das Ganze kommentiert von einem hochaufgeschossenen Mann, schwarze Kleidung, Charakterschädel, der seinen Namen nicht preisgeben möchte, ein Kreativer vermutlich, genau wie die hübsche Dame aus der Stadt, schnittige Frisur, aufs Äußerste blondiert, die mir erzählt, sie trage statt des Gehirns eine Gebärmutter im Schädel, darin ungeborene Kinder sich streckten und wieder zusammenschnalzten, es mache sie ganz wahnsinnig, die mir schließlich ihre Initialen nennt, die auch auf ihrer Brusttasche eingestickt sind: L. L. Die Dame, die sich in mein Bewußtsein gehackt hat, wird mir klar. Sie steht direkt vor mir. Ihre vollen, an manchen Stellen knautschigen Lippen arbeiten an meinem hypnotischen Zustand. Je nach Blickwinkel ist sie einen Kopf größer oder kleiner als ich selbst. Sie redet auf mich ein, verschiebt meine Gedanken, spielt Tetris oder Memory damit. Ich versuche, ihr eine zu knallen, sie lacht. Zwischen ihren gebleichten Zähnen das weite Tal ihrer Zunge, die am Horizont des Rachens, aus dem eine unergründliche Melodie schwingt, verschwindet, blau in blau. Der Himmel sinkt und kippt, Geröll walzt durch meine Adern, mein Abdomen, es zieht mich fort, mein entäußerter Körper zerschellt an der Befestigung ihres Willens. Ich versuche mit ihr zu sprechen, doch die Gegenwart ist zu wild mit all ihren Geräuschen, Kommunikation findet allenfalls gestisch statt. Ich zücke mein Notizbuch. L. L. schreibe ich hinein. Sie wünscht mir Glück. Verdrückt eine Träne. Stille. So läuft es jedesmal, sagt sie. Preßt ein paar Kinder aus ihrem Schädel und stolziert davon.

auf auf zum drachenfels

defrag: trampeln durch flur- & felsbestaende
rheinische ruinenmaschinen im grauschleier
bilden grauschleier um klassische erzaehl-

apparate: irgendwo muessense ja parken
an diesig verwaschnen tagen, in guten wie
in schlechten zeiten. die aussicht uebers

rheintal ist grandios: & wenn die landschaft
mal weg ist, ham wir das alles immer noch
1a auf dvd. mythen in tueten, sozusagen

siegfried huscht flugs durch die waldung, ein
wirrer deutscher indianer. gebadet in wagner-
klaengen. ist traurig & weisz nicht weshalb