Where the Rhine starts

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“The Rhine starts in fact where I come from… -”

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“Switzerland, Mont Saint Gothard…”

Der junge, von seiner Klasse leicht überforderte Lehrer, der beim Erklären der Flüsse vom Englischen ins Französische switcht, heißt Raymond. Raymond ist allerdings nur ein Rollenname. Denn beide Szenen entstammen einem Spielfilm aus dem Jahr 1968, den wir in den folgenden Tagen mit weiteren Stills vorstellen möchten. Um welchen Film es sich handelt, soll jetzt noch nicht verraten werden – wir nehmen aber gerne kenntnisreiche oder rein spekulative Kommentare zu seinem Titel entgegen. (Es ist hier noch ein Buchpreis übrig, weil das rheinsein-Preisrätsel bisher ungelöst blieb.)

Zurück zu Raymond: ob seine Schweizer Film-Abstammung für das Klischee des großzügigen, aber biederen Jungehemanns herhalten soll bleibt ebenso ungewiß wie vieles in diesem experimentellen B-Machwerk, das in den Annalen der Filmhistorie bisher offenbar noch nie als das bezeichnet wurde, was es unter anderem auch ist: einer von wenigen bemerkenswerten Spielfilmen mit Hauptspielorten links und rechts des Rheins in seiner Eigenschaft als Grenzlinie zwischen dem schlurig-vernebelten Elsaß und dem schönen Badnerland mit seinen urigen Kirschwasser-Beizen, sowie der kartoffeligen Pfalz.

Interessant auch, daß die Rheinlänge auf der Schultafel 1298 Kilometer beträgt. Leider erwähnt Raymond während seiner etwas turbulenten Unterrichtseinheit nicht, welche Messung dieser Angabe zugrunde liegt. (Für einen sachdienlichen Hinweis, wie die oben zu sehende Kilometerzahl zustande gekommen sein mag, würden wir den Buchpreis ebenfalls springen lassen.)

James Bruce, delirierender Quellensucher

„J’avois vu les sources du Rhin & du Rhône, & les sources de la Saône, encore plus magnifiques. Alors je commençai à regarder le désir de connoître les sources du Nil comme le délire d’un cerveau malade.“

(James Bruce, Voyage aux sources du Nil, en Nubie et en Abyssinie: pendant les années 1768-1772, Tome VI, p. 601.)

Presserückschau (August 2012)

Nachdem noch im Juli die DLRG verschiedentlich gemeldet hatte, daß Schwimmen im Rhein nirgendwo sicher sei, veranstaltete sie im August wieder ihre traditionellen Rheinschwimmen zwischen Heidenfahrt und Ingelheim (136 Teilnehmer, Erbsensuppe), in Rheinfelden (44 Naturfreaks, ein Biber), und in Kooperation mit den Schweizer Kollegen zwischen Mumpf und Bad Säckingen (327 Schwimmbegeisterte, Fischessen): Hasardeure! Die weiteren Meldungen des Augusts:

1
Die Dreiländerbrücke (zwischen den Partnerstädten Huningue und Weil; Anm.: rheinsein) ist mit 248 Metern die längste Radfahrer- und Fußgängerbrücke der Welt“, konstatiert die Badische Zeitung und befragt Passanten zu ihren Nachbarschaftsgefühlen. Nicole Kebel (79) aus Saint Louis: “Ich (mache) fast jeden Tag einen Spaziergang auf der Brücke und trinke dann in Weil einen Kaffee. Ich habe den Krieg erlebt, diese Partnerschaft hat eine sehr starke Bedeutung für mich. Sogar wenn ich auf der Brücke gehe, bin ich sehr gerührt.” Hingegen Audrey Allgeyer (31) aus Village-Neuf: “Wir mögen die Stadt Weil am Rhein und die Läden dort nicht, deshalb ist es uns egal, wenn es Veranstaltungen gibt und dass Weil am Rhein und Huningue Partnerstädte sind.”

2
Die ortsansässige Schildkröte Rheini wurde von einem Mann aus dem Konstanzer Rheinstrandbad gestohlen, berichtet der Südkurier: „Der Unbekannte sei bei seiner Tat beobachtet worden. Trotz Protests der Badegäste habe er sich von seinem Vorhaben nicht abbringen lassen. Die Rheini-Fans bitten ihn darum, das Tier wieder zurückzubringen, sonst werde Strafanzeige gestellt. Schließlich sei es nicht erlaubt, einfach ein wildes Tier nach Hause zu nehmen.“ Die Hintergründe dürften in einem Streit um artgerechte Tierhaltung liegen, wie die Kommentarspalte vermuten läßt.

3
Am Gotthardpass ist der Vier-Quellen-Weg, eine Wanderroute, welche die Quellen von Rhein, Reuss, Rhône und Ticino berührt/verbindet, eröffnet, meldet der Tagesanzeiger. Zur Einweihung sprach Ueli Maurer. „Der Gotthard, das zentrale Massiv der Strecke, stehe für Freiheit, den Gründungsgedanken der Eidgenossenschaft und die direkte Demokratie. Der Bundesrat hofft, dass Wanderer entsprechende Emotionen durchleben werden.“ (Aber hallo, das muß unbedingt ausprobiert werden! Gilt das auch für Ausländer?)

4
Bizarre Tiernachricht aus den Tiefen des Sommerlochs: Weil er seine Mischlingshündin mit Paketschnur an den Vorderfüßen gefesselt in den Rhein geworfen habe, wurde ein Kölner wegen Tierquälerei zu einer Geldstrafe verurteilt, berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger. Das Tier indes überlebte. „Winselnd, das Fell völlig durchnäßt“ wurde Bonnie von einer Passantin am Stammheimer Ufer entdeckt. (Wir fühlten uns umgehend an die (durchaus noch ein Quentchen bizarrere) Hundeszene in Guy Helmingers Etwas fehlt immer erinnert und gedachten für einen weiteren Moment der so oder so zustandegekommenen Gequältheit diverser Gottesgeschöpfe.)

5
Es war wohl wenig los im August. Bei Lorch lief das 105 Meter lange Schiff Karola auf Grund. Der Frachter hatte Eisenplatten geladen (SWR). Beim U-Bahn-Bau in der Düsseldorfer Innenstadt trat ein Mammut-Stoßzahn zutage – bei weitem nicht der erste in der Gegend (Rheinische Post). Weil also wenig passierte, verlegte sich die Presse stärker auf Ankündigungen: „178-Millionen-Euro-Projekt: Die neue Schiersteiner Brücke soll in zwei Abschnitten bis 2018 entstehen. Sie wird fast 1,3 Kilometer lang und 44 Meter breit sein.“ (FAZ) Ab 9. September wird das große Binger Weinfest unter dem Motto “Schon Hildegard von Bingen lobte den Wein – drum lasst beim Winzerfest am Wein uns erfreun” eröffnet (business-on). Und nicht zuletzt: „Gedichte sollen den Rheinuferweg bei Basel säumen“ – was für Gedichte genau, werde sich noch herausstellen (Tageswoche).

6
Schließlich erregte noch eine Meldung von einer jungen Schweizerin größeres Aufsehen, die von der Karlsruher Wasserschutzpolizei aus der Iffezheimer Schleuse gefischt wurde (ka-news, Focus): in ihrem Schlauchboot, das sie mit Schwimmflossen an den Beinen manövrierte. Besondere Erwähnung gewährte die Presse ihrer Kopfbedeckung, einer Kapitänsmütze. Seit Biel (Aare) hatte die 26jährige innert 14 Tagen bereits über 200 km in dieser Fortbewegungsart absolviert, gab das Schlauchbootflosseln nach einer polizeilichen Gefahrenaufklärung jedoch auf und will nun versuchen, per Schiffsanhalterin an ihr Ziel, die Nordsee, zu gelangen.

Le Rhin réunit tout

“Saint-Goar, 17 août.

Vous savez, je vous l’ai dit souvent, j’aime les fleuves. Les fleuves charrient les idées aussi bien que les marchandises. Tout a son rôle magnifique dans la création. Les fleuves, comme d’immenses clairons, chantent à l’océan la beauté de la terre, la culture des champs, la splendeur des villes et la gloire des hommes.

Et, je vous l’ai dit aussi, entre tous les fleuves, j’aime le Rhin. La première fois que j’ai vu le Rhin, c’était il y a un an, à Kehl, en passant le pont de bateaux. La nuit tombait, la voiture allait au pas. Je me souviens que j’éprouvai alors un certain respect en traversant le vieux fleuve…

…Ce soir-là… je contemplai longtemps ce fier et noble fleuve, violent, mais sans fureur, sauvage, mais majestueux. Il était enflé et magnifique au moment où je le traversais. Il essuyait aux bateaux du pont sa crinière fauve, sa barbe limoneuse, comme dit Boileau. Ses deux rives se perdaient dans le crépuscule. Son bruit était un rugissement puissant et paisible. Je lui trouvais quelque chose de la grande mer.

Oui, mon ami, c’est un noble fleuve, féodal, républicain, impérial, digne d’être à la fois français et allemand. Il y a toute l’histoire de l’Europe considérée sous ses deux grands aspects, dans ce fleuve des guerriers et des penseurs, dans cette vague superbe qui fait bondir la France, dans ce murmure profond qui fait rêver l’Allemagne.

Le Rhin réunit tout. Le Rhin est rapide comme le Rhône, large comme la Loire, encaissé comme la Meuse, tortueux comme la Seine, limpide et vert comme la Somme, historique comme le Tibre, royal comme le Danube, mystérieux comme le Nil, pailleté d’or comme un fleuve d’Amérique, couvert de fables et de fantômes comme un fleuve d’Asie.

Avant que l’histoire écrivait, avant que l’homme existait peut-être, où est le Rhin aujourd’hui fumait et flamboyait une double chaîne de volcans qui se sont éteints en laissant sur le sol deux tas de laves et de basaltes disposés parallèlement comme deux longues murailles. À la même époque, les cristallisations gigantesques qui sont les montagnes primitives s’achevaient, les alluvions énormes qui sont les montagnes secondaires se desséchaient, l’effrayant monceau que nous appelons aujourd’hui les Alpes se refroidissait lentement, les neiges s’y accumulaient; deux grands écoulements de ces neiges se répandirent sur la terre: l’un, l’écoulement du versant septentrional, traversa les plaines, rencontra la double tranchée des volcans éteints et s’en alla par là à l’Océan; l’autre, l’écoulement du versant occidental, tomba de montagne en montagne, côtoya cet autre bloc de volcans expirés que nous nommons l’Ardèche et se perdit dans la Méditerranée. Le premier de ces écoulements, c’est le Rhin; le second, c’est le Rhône…

…Le Rhin, dans les destinées de l’Europe, a une sorte de signification providentielle. C’est le grand fossé transversal qui sépare le Sud du Nord. La providence en a fait le fleuve-frontière; les forteresses en ont fait le fleuve-muraille. Le Rhin a vu la figure et a reflété l’ombre de presque tous les grands hommes de guerre qui, depuis trente siècles, ont labouré le vieux continent avec ce soc qu’on appelle pépée. César a traversé le Rhin en montant du midi; Attila a traversé le Rhin en descendant du septentrion. Clovis y a gagné sa bataille de Tolbiac. Charlemagne et Bonaparte y ont régné. L’empereur Frédéric-Barberousse, l’empereur Rodolphe de Hapsbourg et le palatin Frédéric Ier y ont été grands, victorieux et formidables. Gustave-Adolphe y a commandé ses armées du haut de la guérite de Caub. Louis XIV a vu le Rhin. Enguien et Condé l’ont passé. Hélas! Turenne aussi. Drusus y a sa pierre à Mayence comme Marceau à Coblenz et Hoche à Andernach. Pour l’œil du penseur qui voit vivre l’histoire, deux grands aigles planent perpétuellement sur le Rhin, l’aigle des légions romaines et l’aigle des régiments français.

…Ce noble Rhin que les Romains nommaient Rhenus superbus, tantôt porte les ponts de bateaux hérissés de lances, de pertuisanes ou de baïonnettes qui versent sur l’Allemagne les armées d’Italie, d’Espagne et de France, ou reversent sur l’ancien monde romain, toujours géographiquement adhérent, les anciennes hordes barbares, toujours les mêmes aussi; tantôt charrie pacifiquement les sapins de la Murg et de Saint-Gall, les porphyres et les serpentines de Bâle, la potasse de Bingen, le sel de Karlshall, les cuirs de Stromberg, le vif-argent de Lansberg, les vins de Johannisberg et de Bacharach, les ardoises de Caub, les saumons d’Oberwesel, les cerises de Salzig, le charbon de bois de Boppart, la vaisselle de fer blanc de Coblenz, la verrerie de la Moselle, les fers forgés de Bendorf, les tufs et les meules d’Andernach, les tôles de Neuwied, les eaux minérales d’Antoniustein, les draps et les poteries de Wallendar, les vins rouges de Taar, le cuivre et le plomb de Linz, la pierre de taille de Kœnigswinter, les laines et les soieries de Cologne; et il accomplit majestueusement à travers l’Europe, selon la volonté de Dieu, sa double fonction de fleuve de la paix, ayant sans interruption sur la double rangée de collines qui encaisse la plus notable partie de son cours, d’un côté des chênes, de l’autre des vignes, c’est-à-dire d’un côté le nord, de l’autre le midi; d’un côté la force, de l’autre la joie…”

(aus: Victor Hugo: Le Rhin, lettre XIV; Hugos Rheinbriefe sind komplett zu finden auf Google Books)

ein galoppirendes, oft dämonisches Leben

Wer im Frühling die Alpen besucht und sieht, wie von allen Schneefeldern, über alle Felsen, aus jeder Bergfurche kleinere oder größere Bächlein niederströmen, wird sich einen Begriff von der unendlichen Wassermasse bilden, die aus dem ganzen, gewaltigen Alpengebiete in das Tiefland geht und dort so vielfach zur Bedingung der Fruchtbarkeit und des Verkehres wird. Am mächtigsten ist aber der Wasserabgang zu Zeit der heißen Fönwinde und warmen Regenniederschläge. Ueberall entstehen dann neue Wasseradern; kleine Kieselbäche werden zu trüben, tobenden Strömen; die Abtropfbretter der Gletscher sind von hundert sprudelnden Rinnsalen durchzogen. Der heiße Wind des Südens, der die Thier- und Menschenwelt lähmt, erweckt in der Pflanzen- und Wasserwelt ein galoppirendes, oft dämonisches Leben. Wie viel Millionen Eimer Wassers das Rheinbett jede Minute aus den Hochgebirgen entführt, mag man ahnen, wenn man sich erinnert, daß zur Zeit der Schneeschmelze das dreiunddreißig Quadratstunden haltende Bodenseebecken 8-10 Fuß steigt, im Jahr 1770 aber um 20-24 Fuß sich gehoben hat. Bei manchen Strömen ist es schwer, die eigentliche Quelle anzugeben; ja diese eigentliche Quelle ist da blos illusorisch, wo mehrere Bäche von ungefähr gleicher Stärke zusammentreffen und nicht Eine Bachader als Stamm des Flusses sich heraushebt. So entsteht z. B. der Vorderrhein aus mehrern Bächen, von denen jeder „Rhein“ mit einer Localbezeichnung heißt. Die Quellen dieses berühmten 190 Meilen langen Stromes, der auf seinem Laufe 12,283 Flüsse und Bäche aufnimmt, liegen alle in der Alpenregion, die des Vorderrheins im Tomasee (7240′ ü. M.) und Krispalt (6710′ ü. M.), des Mittelrheines im Scursee (6670′ ü. M.), des Hinterrheines am Rheinwaldgletscher (5760′ ü. M.). Dabei gilt der Grundsatz, daß den eigentlichen Quellbächen stets vor den bloßen Gletscherabflüssen der Vorzug gegeben wird. Die drei Quellenbäche der Rhone empfangen vom Rhonegletscher zwei Eisabflüsse, die wol mit zwanzigmal reichern Massen aus den Eishöhlen hervorsprudeln, und doch haben nicht diese den Namen der Rhonequellen und verdienen auch nicht, da sie nicht eigentliche Quellwasser sind. Damit stimmt ganz die Verachtung zusammen, welche so häufig die Alpenbewohner gegen die „wilden“ Gletscherwasser bezeugen, und ihre Verehrung vor den „lebendigen“ Quellen. Und doch haben manche Ströme nur solche gering angesehene Gletscherquellen; so wird gerade die Aare durch die starken Bäche des Oberaar-, Finsteraar- und Lauteraargletschers gebildet, die bei ihrer Vereinigung 6270′ ü. M. liegen. Der einzige Bach, der lange durch die Alpenzone strömt und in ihr zum Flusse wird, ist der Inn; doch auch die Aare gewinnt rasch eine bedeutende Stärke durch die Zuflüsse aus allen den finstern Eisthälern, die sie in wildem, tobenden Gange durchströmt; dann geht sie ruhig durch das trostlos öde Aarbodenthal unter dem Grimselhospize weg, einer engen Schlucht zu, durch die sie von Stufe zu Stufe fällt und dem Röterisboden (4880′ ü. M.) entgegeneilt, bis sie oberhalb der Handecksennhütte einen hübschen Fall, unterhalb derselben aber (4260′ ü. M.) mit dem Aarlenbach zwischen den Granitfelsen in einen hundert Fuß tiefen Abgrund stürzend, den berühmten Handeckfall bildet, den einzigen großen Wasserfall der Alpenregion.

„Da ragen zwei mächtige Felsenkolosse
So dicht aneinander aus gähnendem Schlund;
Die Häupter bekränzet der Tannen Gesprosse,
Die Füße verbirgt der umnachtete Grund.

Und vor mir, hinab in die schaurige Hölle,
Ergießt sich der breite, gewaltige Fluß!
Wie zischen die Schäume, wie fliegt das Gerölle,
Wie stürmen die Wogen mit donnerndem Schuß!

Und siehe von grünender Höhe zur Linken,
Da rauschet der Arle zerstäubender Bach,
In schäumenden Güssen, mit silbernem Blinken,
Hinab in die Schlucht, in die klaffende, jach.“

Kurz nach diesem köstlichen Salto mortale tritt sie aus der Alpenregion hinaus. Die übrigen Wasserfälle der letzern sind nicht besonders wasserreich, da sie den Quellen zu nahe liegen, dafür aber sehr zahlreich und oft außerordentlich kühn. In allen höhern Revieren sieht man diese schwankenden Schaumfäden an den Felsen hängen, oder hört die jungen Bäche über die großen Felsenstufen ihrer Schluchten hinunterkommen; die Zahl der kleinern Wasserfälle unsers Alpengürtels übersteigt wol tausend.

(aus: Friedrich von Tschudi – Das Thierleben der Alpenwelt, Leipzig 1853)

Der Rhein des Herrn Predigers Bodenburg (2)

(…) Viel der Najaden bewohnen des Gotthards wolkige Scheitel.
Dort auch sind die verborgenen Hallen des Siebengeschwisters,
Weitgepriesen und herrlich vor allen Najaden des Alplands.
Jede gebahr einen mächtigen Strom; es wallet der eine
Unter Hesperiens Myrthen dahin; nach Gallien wandte
Rhodan den Lauf, und Rhenus, der stärk`re, zum Land der Germanen.
Nymphe des Rheines, du liebtest das Land des kühneren Mannes;
Zu ihm leitest du nieder dein lauteres Felsengewässer,
Dass er stähle den nervigten Arm im Bad deiner Wellen.
O, dess` preise dich teutscher Gesang! — Erhabne, vernimm mich
Von der entlegenen Flur, und tönet auch schwach nur die Harfe,
Wie der Bach meines Thals in der Stille des feiernden Haines.

Auf meine heimische Flur sank einst der Abend hernieder,
Und die Stille bezog des Haines umdämmerte Lauben;
Friedlich tönte des Baches Gemurmel, (die still`re Najade
Windet ihn sanft durch die Moose und Blumen und zitternde Schilfe.)
Hocherglühtes Gewölk entschwebte allmälig dem Meere;
Hinter dem goldenen Schleier entschlüpfte die Göttin des Tages,
Und dann thürmte das Wolkengebirge mit flammendem Saume
Kühn seine Nebelgebilde empor zu dem schimmernden Aether,

O, da fühlt` ich den Busen umfangen von glühender Sehnsucht,
Und gezogen zum Lande, wo Tellus zum Himmel hinaufstrebt,
Und ihr strahlenbekränztes Haupt tief badet im Lichtmeer.
Zwiefach fühlt ich ihn da, den Schmerz der gebundenen Psyche.
Plözlich vernahm ich des Genius Wink — und Schlummer umfing mich,
Und er gab mir die Schwingen des Traumes; — da sah ich des Alplands
Purpurglühende Höhen und dich, gewaltiger Gotthard.
Aber ich forschte vor allem nach dir, o verborgene Nymphe,
Dir Erhabnen, ein Opfer zu bringen, nicht ohne Begeist`rung —
Und es ward mir gewähret, des Rhenus Najade zu schauen,
Wie sie gelehnt an den schattenden Felsen, mit sinnendem Antliz,
Doch voll göttlicher Milde, bükt auf der Wellen Gesprudel.
Perlen bethauen den Kranz an der Stirn und die zarten Gewände.
In der kristallenen Grotte entwallt der gefülleten Urne
Lieblich tönend die silberne Fluth, des himmlischen Thaues
Zarte geläuterte Tropfen. Es streuet dann goldene Perlen
In das Gewässer die Hand der Najade und bindet des Aethers
Flüchtige Stoffe, dem Strome verleihend belebende Kräfte.

Ach, es fielen auch Thränen der Nymphe hinab in die Wellen;
Denn sie gedachte des nahmlosen Jammers und wilder Verwüstung
Unter der furchtbaren Hand der Erinnen in friedlichen Thälern.
Weithin sah sie Verheerung am Strome, die schönen Gestade
All` ihres Schmuckes beraubt und bedekt mit unendlicher Trümmer.
Aräs durchflog die Gefilde mit wildem Gespanne, die Lanze
Tief getaucht in das Blut der Erschlagnen; es stampfen die Rosse
Sprühende Lohe zum Himmel empor auf schreklicher Brandstätt.
Durch Helvetia`s Thäler schleichet der siechende Hunger,
Und es stöhnet des Jammers Gewinsel herauf aus den Thälern.
Trauer erfüllte die Brust der milden Najade, die sorgsam
Fluren zu segnen sich mühet, indess` die verheerende Zwietracht
Weithin schleudert die Fackel des Krieges, und Menschen bethöret,
Dass sie verblendet die Werke wohlthätiger Götter zerstören.
Zürnend verhüllte die Nymphe das Haupt, sich wendend zur Grotte.
Und ich erwachte vom Schlummer, geschreckt von verhassten Gestalten.
Friedlich rollte der Bach seine Wellen im Schimmer des Spätroths,
Doch bald werden auch ihn Orkane empören, es rollen
Schwere Wetter dumpftobend herauf, und stürmender Hagel
Wird seine Fläche zerschlagen, den Spiegel der stillen Seläne.

Ja hienieden ist ewiger Kampf! Es binden und lösen
Sich im ewigen Wechsel die ringenden Stoffe, es gehen
Neue Gestalten hervor; dem Tode entkeimet das Leben,
Rastlos wirkt die Natur, doch ewig nach weisem Gesezze;
Formend zerrüttet sie immer — sie regelt und ordnet auch wieder,
Zieret ihr Wundergebäude mit unvergänglicher Schöne,
Und der Ernährerin Hand ist immer geöfnet zum Geben.
Tausend bei tausend Begehrenden reicht sie aus ewiger Fülle.

Dem sie so vieles gewähret, — nur ihn ersättigt sie nimmer,
Ihn, dem wilde Begierden verderblich den Busen entzünden.
Wo sie bauet und ordnet, und segnet mit gütigen Händen,
Da zerstöret der Wilde, getrieben vom Fluch der Erinnen,
Und entblättert ihn selber den lieblichsten Kranz seiner Freuden;
Denn er trägt sie nicht lange, des Friedens beglückende Ruhe.

Rhenus, es zeuge dein Ufer! — Ich stimme die Harfe zur Wehmut,
Wende den traurenden Blick hinweg vom entstellten Gestade!
Fluch der verwegenen Hand, die so deines Schmucks dich beraubte!
Zehnmal trat nun der Frühling, der Blumenumkränzte, vergebens
Hin zu deinem Gestade; den Teppich der Flora zerstampfen
Donnernde Hufe der stöhnenden Rosse im Schlachten-Gewühle.
Ceres, Autumnus, Pomona, und Fülleverleihende Götter —
Zehnmal traten sie nun vergebens mit reichen Geschenken
Auf die rheinische Flur, — sie scheuchte des Krieges Getümmel
Und die vertilgenden Donner der Schlachten hinweg von dem Blutfeld.

Eilest du zürnend hinab, o Rhenus, zum heiligen Weltmeer,
Fliehend die Greuel des Krieges, dich dort in der Tiefe zu bergen?
Dort auch wirst du ihn finden den streitbegehrenden Menschen;
Auch des Ozeanus weite Behausung hat Aräs beflecket.
Stolze Geschwader belasten die wallende Fläche und schleudern
Kühnbeflügelt die Flammen des Krieges von Ufer zu Ufer.

Nenne Gesang die Heroen, auf welche die Völker nun hoffen.
Unter dem Schirm der Aegide durchwandelt der Eine das Schlachtfeld,
Und es grünt in der Rechten dem Andern ein friedlicher Oelzweig.

Furchtbar wüthete Aräs, im Männervertilgenden Kampfe,
Da entführten ihn eilends die Götter dem blutigen Schlachtfeld,
Dass er die Welt nicht veröde, der unersättliche Krieger;
Und sie gaben des Gottes Gespann einem menschlichen Helden.
Bonaparte, du führest seitdem die Lanze des Aräs,
Zügelst sein wildes Gespann, doch unter dem Erz der Aegide
Schlägt dir ein menschliches Herz. — O, könnte mein Lied dich erreichen!
Du aus der Vorwelt Wundertagen erstandener Heros,
Bist du des Hannibal Geist? — Des Grösten von allen Achäern?
Franke, dir weichen sie alle! — Du unbezwungener Krieger
Bist an dem Busen der Kühnheit gesäugt, dir gaben die Götter
Weisheit, und sicher wägenden Blick zu schneller Entscheidung,
Und den besonnenen Geist, den ruhigen unter Gefahren,
Roma`s Genius selbst und des heldenberühmten Achaja
Haben dich heimlich erzogen und selber gerüstet zu Thaten.
Glorreich hast du vollendet; — der Sieger entsaget dem Kampfe!

Neben dir ragt er hervor, der glücklichen Brennen Beherrscher.
Grösse mit Waffen errungen, wie leicht entnimmt sie das Schicksal!
Friedrich Wilhelm die deine ward nicht mit dem Blut der Gefallnen,
Nicht mit Thränen erkauft, sie kündet kein Donner der Feldschlacht;
Dir ist das glückliche Land der weite Tempel des Ruhmes.
Du mit dem zügelnden Ernst, du Ordner nach weisem Gesezze,
Wandelst so prunklos und einfach, mir hold der lauteren Warheit,
Festen Schrittes voll Spartischem Geist, und schaffest mit Weisheit;
Und es reifen viel Früchte des emsigen Fleisses dem Lande
In Saturnischen Tagen. — Ihm Heil, dem Herrscher der Brennen!
Ihm erblühe der Kranz seines Ruhmes auf glücklichen Fluren!

Tretet ihr Göttergeliebte voran, zwei Boten des Friedens,
Dass Irene dem Himmel entschwebe, und senke den Oelzweig
In des Schlachtfelds graunvolle Oede, damit sie der Nachwelt
Alle die Trümmer verdecke, aus Tagen entarteter Menschen,
Wo wildtobende Völker das Recht und die Warheit verschmähten,
Und die Freien sich dünkten durch jeglicher Tugend Entsagung.

Heimathlos durchirren nun viele die Wüste des Lebens,
Und ein unendlicher Schmerz hat tief das Leben verwundet!-
Viel sind der Edlen gefallen — auch viel der verworfenen Menschen!
Tobende Völker, wie habt ihr gewüthet — Du himmlischer Friede
Wecke nun mildres Gefühl in dem Busen und heile vom Wahne.

Bald so nahet die lezte der Horen des stolzen Jahrhundert! —
O, wie wähnte der Mensch, er habe den Gipfel erstiegen,
Wo er entbunden und frey, und kühn die Wahrheit umfasse!
Aber den Stolzen verliess die zürnende Göttin der Weisheit;
Von Phantomen getäuscht, entsank er der schwindelnden Höhe,
Und nun steht er voll Wunden und blutet, der sterbliche Halbgott.

Du, der Menschheit Genius, bist du zürnend entwichen?
Neige dich hin zu dem armen Geschlecht, und heb` den Gefallnen.
Gieb ihn nicht ewig der Thorheit zum Sklaven, entbind` ihn vom Irthum,
Reife doch endlich den Geist, und stärke des Schwankenden Tritte,
Dass er regle die irrenden Wünsche, im Kampf der Begierde.
Und Eunomia herrsche hinfort und Themis und Dike,
Dass ein glüklich Geschlecht bewohne den heiligen Erdkreis.

Nymphe des Rheines, ermüde du nimmer die Fluren zu segnen,
Lass sie der Urne entströmen, die lebenernährenden Wasser.
Zürne du Göttliche nicht, wenn Undank lohnt deine Milde.
Leichter entartet der Mensch, je reicher die Fülle ihm zuströmt!
Harre der besseren Tage, wo einst in friedlicher Ruhe
Menschen voll Warheit und Treue dein liebliches Ufer umwohnen.

(aus: Der Rhein, Fragment aus einem Gedicht: Die Ströme, vom Herrn Prediger Bodenburg. Womit zu dem mit den abgehenden Primanern des Johanneums, Heinr. Schmeichel, Ernst Carl Dav. Behm und Eduard Loder, am 22sten März von 9 bis 1 Uhr anzustellenden Maturitäts-Examen ehrerbietigst einladet J. Gurlitt, Professor am Gymnasium, Director und erster Professor des Johanneums. Hamburg 1804)

Einfalte Delineation (4)

Rheinursprung
„Der andere Hof ist das Tawetscher Thal, eine Wildnus. Die ältesten Einwohner allhier hießen Aetuatii. Hier findet man die rudera des Schlosses Pultmenga, item die Nachbarschaften: 1. St. Jakob, 2. Selva, 3. St. Vigili, 4. Cumanils, 5. Cimunt, quasi cima del munt in Rhaetischer Sprach. Das ist der höchste Gipfel des Bergs, trifft auch schier ein, dann hier besteigt man den allerhöchsten Berg, der so zu sagen in der Welt zu finden, und komt man zum Ursprung des vordern Rheins aus dem Berg Crispalta, an welchem auf der einten Seiten Ursulen und der Gotthard, auf der andern Seiten der Berg Bicornus oder die Furken anstosen. Dieser überaus hoche Berg, aus deme der Rhein entspringet, wird sonsten auch genennet Badus. Auf dem Gipfel dieses Bergs ist ein See. Einige beschreiben diesen See groß, so gar dz etwelche in die Welt schreiben dörfen, er sey zwei Meilen lang und eine breit, – als wie Castelberg, Pfarrer in Tavetsch, deme es Escharbotj, französischer Dollmetsch, nachgeschrieben. Andere aber, denen mehr zu glauben und mit dergleichen einem ich auch selbst geredt, beschreiben diesen See klein, allso daß er kaum 1/4 Stund lang und breit in der Circumferenz.
Under diesem See entspringt der Rhein aus einem harten Felsen, formirt sogleich einen schönen Wasserfall und senkt sich mit praßlen und Geräusch eine gewaltige Tiefe hinunder, von welchem Fall in dieser Gegne auch im warmen Sommer ein so kalter rauchender Dampf erreget wird, dz die sich herzunachende selbigen keineswegs vertragen können. Bey bemeltem Berg Crispalta passirt man Sommerszeit über hoche Alpen auf Ursulen.
Auf der andern Seiten dieses Bergs, aus der Furka entspringt der Rhodanus, so Wallis durchströhmet, aus dem Grimsel, so ein Ast der Furka ist, entspringt die Aar, welche durch die Schweiz hinfließt. Allso, daß die Distanz der Quellen dieser drei Hauptflüssen nach geometrischer Ausrechnung nicht über 20 000 Schritt ausragt.
Zwischen der Aar und dem Rhein entspringet aus dem Gotthard auch die Reuß, und gegenüber auf der italiänischen Seiten entspringt der Thesin, item der Aracer, die Madian etc. und nicht weit davon die Muesa. Ist allso dieses fünfspizige Kreuzwerk in der Höche dieses Gebirgs gleichsam ein hydrophilacium, oder Wasserkammer, aus welcher sich viel Haubtflüsse in ganz weit von einander zertheilte Ende der Welt ergießen.“

Nolla
„Der Bach Nolla hat diese Eigenschaft, dz er über Jahr immer trüb komt, mehrentheils Zeit ist er recht schwarz, gleichsam wie Dinten. Das rührt daher, weil oberhalb under Tschoppina ein faul Gebirg ist, von welchem immerhin etwas von blauem Leim und Erden in den Bach reißet. Deßwegen dieses Bachwasser auch von sonderbarer Schwere ist – also dz wann ein starker Mann in diesen Bach fiele, auch wann er klein gehet, und seine Kleider damit benezte, so wäre es ihm ohnmöglich, sich allein ohne Jemands Hilf heraus zu wikeln, weil seine Kleider an ihm nicht anderst sind als wie ein bleyerner Mantel, allso dz er seine Glieder kaum regen kan. Die Proben sind schon mehrmalen gemacht. Dieser Bach wütet zu Zeiten erschreklich und verursachet bisweilen ziemlich Schaden. Von diesem Bach ist auch dieses curieuses zu annottiren, dz er das gemeinlich jederzeit ganz klare oder helle Wasser des hindern Rheins von seiner Vereinigung an bis hinab under der Fürstenauer Zoll Bruk bis an seine Hälfte tingirt, allso dz der hindere Rhein einen guten Strich under Thusis hinab halb weiß und halb schwarz anzusehen, weil sich das schwere, schwarze Nollawasser nicht sogleich durchaus mit dem Rheinwasser vermischet.“

Via Mala
„Vor Zeiten gienge die Landstraß neben Ronggellen den gächen und hohen Berg hinauf bis auf die Höche desselben, und von danen wieder einen weiten Weg hinab bis in die Ebene von Schammß. Vor Jahren aber hat man durch Anwendung vieler Unkosten und Sprengung vieler Felsen die Landstraß durch Viamala, oder das sehr enge rauche gräßliche Felsen Thal hinein gemacht bis in Schamß. Dieses enge Thal hat auf beiden ganz gäche Wolken hoche Felsen neben sich, under sich fließt der Hinderrhein durch eine ungeheure tiefe Kluft hinunter gegen Thusis, da die Felsen an theils Orten zusammen ragen, und beynache an einandern stoßen, dz man nichts vom Rhein sehen mag, an theils Orten machen sie auch eine Oeffnung, dz man in einen entsezlichen abyssum hinunder sehen kan, wie der Rhein mit seinem Anputschen an die enge Felsen einen weisen Schaum zeiget, und einen Wasserstaub von sich wirft. Man kan nicht wohl ohne Grausen und Schwindel durch diese Felsenklüfte hinunder sehen.“

Was bei den gletschern verstanden

Kleiner Exkurs mit Sebastian Münster zum mormelthierbewohnten Rhône-Gletscher und auf den Furkapaß mit unverkennbaren Analogien zum Rheinursprung:

“WJewol die gletscher nitt bergwerck noch metallen seind / seind sie doch gleichförmig in der reinigkeit den lautern Cristalle / werden zum mherern theil gefunden gegen mittag auff den höchsten vn wilden berge / die man nent schneeberg / ist aber nit schnee noch yß in seiner natur eigentlich / ist vil mere ein verherter eyß / dz auff der höhe der bergen nimmer zerschmiltzt / sunder vo zwey oder drei tausent jar her do gelegen ist / vn gar nahe zu eim stein worden. Vnd so ettwan ein stuck herab falt in ein thal / bleibt es lange zeit ligen ehe es zu wasser resoluiert wirt / on angesehen die grossen hitz des sumers od der sonnen glantz. Jst auch sein eigenschafft dz er sich selber purgiert vnd reiniget / das in jm kein erd / sand / stein / groß noch klein / auch kein andere matery bleibt / er duldet der ding keins / biß das er als rein wirt wie ein cristall. Jst an vil enden ongrüntlich tieff / macht auch zum offter mal grosse schrunden vnd spält / das gar sorglich ist in pässen / vn auch den jägern / besunders so die spält mit schnee bedeckt werde. An vil ende seind die vssgerissen schrunden drey oder vier hundert claffter tieff / ettlich ongrüntlich. So einer zu sumer zeiten anfahe spalten / ertönt darvo so ein grausams krache / gleich als wölt das erdtrich brechen. Die jäger hencken dz fleisch vnnd wilprät darein zu summer zeiten / darmit es darin gefrier / vnd wirt also darin behalten biß es jne füglich ist bey güter weyl zu verkauffen. Es braucht auch dz ladtvolck den gletscher in tödtlichen kranckheiten für artzney / nemlich darmit zustellen disenteria / dz ist / den rote schaden der von hitz kompt / vnd zu leschen acutas febres / das seind hitzige kranckheiten. Auch sagen sie das dz gletscherwasser zu vil dingenn gesundt sei. Es ist zu summer zeiten grimm kalt / gantz trüb vnd graw / gleich als were es mit äschen übersätet / vnd kompt allenthalben auß den thälern gelauffen mitt grossen becken. An ettlichen orten schüßt es oben herab von den hohen felsen / besunder zwüschen S. Moritzen vnd vnd Martinacht falt gar hoch ab einem felsen ein groß wasser / das ist grausam anzusehen. Es ist so eiß kalt ding vmb den gletscher / das man ein kanten mitt warmem wein mit eim stuck eins eyes gros grimm kalt machenn mag. Jch hab anno 1546. am vierdten tag des Augsts ein gesehen bey der Furcke / der ist bey zweier oder dreyer spieß dick / eines armbrust schutzes breit / der lenge mocht ich kein end über sich gesehen / ist fürwar ein grausamschen / es was ein stuck eines hauses groß daruon gefallen / das macht den anblick noch grausamer / es gieng auch ein bach mit wasser vnnd yß darauß / das ich mit meinem roß on ein brucken nit hinüber kommen mocht / Vn diß wasser soll der anfang sein des Roddans. Wiewol onfern vonn disem glettscher ein grosser brunnen herfür dringt vff dem berg / den hat man mir gezeigt als ein vrsprung des Roddans. Es lauffen auch allenthalben vonn den bergen wässer in disen ersten flusß / die meren gar bald den Roddan / fallenn mitt jm über berg vnnd felsen mitt eim solichenn rauschenn / das einer kaum mag gehören was sein gesell mitt jm redt / das wäret ab vnnd ab / biß man schier ghen Brig kompt das ein fall über den andern kompt / vnd menchmaldz wasser von hohem fallen in ytel schaum vnd nebel verkert wirt. Gleicher weiß beschicht vff der andren seiten über der Furcken mitt de wasser Rüß / dz sein ersten vrsprung nimpt ab de schnee vnd yß an der Furcken vnd andern noch vil höhern bergen die an die Furcken stossen / hangent. By vispisig deß Roddas vff dem berg grebt man vil Cristalle / es lauffen auch vil Mormelthier do / die lassen die menschen onbeschrauwen nit für ghan. Es ist vff der Furcken gar kalt / darumb auch ewiger schnee vnd yß darbey g fanden werden.”

Von den fliessenden wässern Teütsches lands.

ES ist kein land in dem gantzen Europa / darin man so vil vnd so gros wässer findt als in Germania oder Teütschland. Under denen ist das erst vn das gröst die Tonaw / die im Schwabeland oder im Schwartzwald im dorff Doneschingen entspringt / vnnd laufft gegen Orient in das Pontisch möre / vnd schöpfft in sich sechtzig andere große vn schiffreiche wässer / ehe sie in das mör lanfft. Die alten nennen den berg darauß sie entspringt Abnobam / wie wol mer dan auff ein halbe meyl kein berg bey jrem vrsprug ist / sunder sie quelt mit einem grossen fluß auß einem bühel / der über zwo oder drey closster hoch nit ist / wie jch das eigentliche vnd wol besehen hab / vnd ein besunder tafel darüber gemacht. Es ist bey den alten gelerten männern ein gros begird gewesen den vrsprung dises wassers zu sehen / darumb auch ettlich von Rom härauß zogen / domit sie gesehen möchten seinen vrsprüngliche brunnen. Wir lesen auch von Tiberio / do er ein mal komme was zu dem Bodensee / nam er für sich ein tagreiß zu besichtigen den anfang der Tonaw.
Das ander groß wasser ist der Rhein / vnnd der entspringt hinder Chur im höchsten Schweytzer gebirg / Strabo nent den selbigen berg Adulam / vnd hat der Rhein daselbst zwen vrsprüng / vnd werden auch beide der Rhein genant / lauffen zusammen ein Teütsch meil ob Chur. Einer heißt der vorder vn der ander der hinder Rhein. Von vrsprung des vordern Rheins ist es ongeferlich drei stund fußgangs biß an vrsprung des Rhodans rechter distantz vnd nit weiter / wo es vor den obersten bergspitzen der richte nach zu wandlen möglich were. Do entzwischen in gerader lini ligt der berg Gotthart / vor zeite Sume Alpes / das ist das höchst Alp gebirg genant / darin entspringt Ticinus / laufft gegen mittag in Italiam. An der gegen seite die Rüß / laufft durch Vry in Lucerner see / vnd darauß gegen mitternacht in Rhein. Aber der obgenant Rhodan laufft anfangs gegen vndergag / vnd der vorder Rhein von seinem vrsprug biß ghen Chur gegen auffgang. Vnd also geben dies flüß alle vier bey jrem vrsprung auß fliessende / ein creütz / deß halb nit onbillich die höhe des gebirgs doselbst / Summe alpes genant werden. Der Rhein laufft anfangs biß ghen Chur / demnach wendt er sich gegen mitnacht / vn macht zwen grosse seen / der erst heißt der Brigantzer oder Costentzer oder Bodensee. Etlich meinen das er vorzeite Lemannus hab geheissen / aber mögen das nit gnügsam probieren. Diser see geüßt wider auß jm bey der statt Costentz den Rhein / vn nit fern von der statt theilt sich der Rhein in ein andern see / den die alten haben genent lacum Venetum / aber ietzundt nent man jn den Undersee oder den Cellersee / vnd do krümpt sich der Rhein gegen vndergang / vnd behalt auch den lauff biß ghen Basel / do kert er sich gegen mitnacht / etc. Das dritt wasser ist der Necker vn des vrsprung ist nit über drey oder vier stund fußgangs von dem anfang der Tonaw. Er wirt auch zimlich gros / ehe er in den Rhein kompt / durch andere vil wässer / die allenthalben von dem Schwartzwald daryn rinen / vnder wölchen die fürnempste seind die Entzg / die von Pfortzen härab kompt / der Cochar vnd die Jagt / die von Elbangen durch Schwaben vnd durch den Otenwald fliessen / vnd bey Wimpffen in Necker fallen. Das vierd schiffreich wasser ist der Mayn / der hinder Bamberg in Voitland entspringt / vnd darnach mit grossen krümmen durch das Francken land dem Rhein zu laufft. Das fünfft ist Amasus die Emß / die druch Frießland laufft / die Weser / die aus Hessen läd durch Brunschweigerland dem mör zu laufft. Das siebend ist Albis die Elb / von die kompt auß Behmer land und laufft durch Meyßen und Sachsen dem mör zu. Das acht Suenus / die Spre. Das neündt Viadus / die Oder. Das zehend Vistula die Wixel. Vnd über dem Rhein Obrinca / das ist die Mosel. On dise schiffreiche wässer / seind sunst onzelich andere wässer im Teütsch land / die jre beywonern nit zu kleinem nutz dienen / als die Nahe bey Creütznach / die Brüsch vnd Jll zu Sraßburg / die Murg in der Marggraueschafft / die Kintzig zu Offenburg / die Ar / die Limmat / vnd Rüsch im Schweytzerland / der Lech bey Augspurg / der vor zeiten die Baiern hat gescheiden von den Alemannern / die Vindelici hiessen. Die Jser bey München vnd Landshut / der Jn von Jnspruck gegen Passaw / item Anisus der Ens / der vor zeiten die Hunen hat gescheide von den Baiern. Gang jch über die Thonaw in das Mortgöw zu dem Fichtelberg / so find ich ein gantzen hauffen wasser die daraus fliessen vn do sein vrsprung nemen / als nemlich die Nab / die Sal / der Eger / vnd die Pegnitz.

(Soweit Sebastian Münster in seiner Cosmographia, hier zitiert nach der Ausgabe von 1550. Die Cosmographia liegt nun digitalisiert vor, in zwei deutschen (davon der hier zitierten, recht lesefreundlichen, der Uni Köln) und einer lateinischen Version.)

Neue Rheinmetropole, neue Rheinlänge

Das Monatsende bringt essentielle Meldungen zur rheinischen Existenz: nicht nur, daß die Länge des Rheins wegen eines Zahlendrehers bisher öffentlich meist falsch mit 1320 statt mit richtig 1230 Kilometern angegeben wird, wie der Kölner Biologie-Professor Bruno Kremer laut gestrigen Zeitungsmeldungen per eigenen Vermessungen herausgefunden haben will, nein, es existiert sogar recht unvermittelt eine neue Rheinmetropole, wenn auch zunächst nur für einen Monat, wie der folgenden Ankündigung (merci erneut an Roland Bergère) entnommen werden kann:

Ecole Regionale des Beaux-Arts in Besançon: Copacabana doesn’t exist! About the existence of the Rhin Rhône territory

If there is a place where human utopia has been achieved, that place is Copacabana. It is decadence in the poetic sense. The decadence in Copacabana works as a curtain, a protection for everything which happens within. Copacabana doesn’t have a centre, nor links with golden youth… It is a sort of oasis for all kinds of… Copacabana is wonderful. It is a wonderful town. Copacabana doesn’t exist!

This exhibition is the result of work carried out in a workshop of research at the ERBA. It was initiated by Philippe Terrier-Hermann and carried out jointly by students and two artists in residence, Ariane Bosshard, graphic artist, and Maxime Brygo, photographer. The question of creating a Rhône-Rhine agglomeration, utopian conurbation of two million inhabitants, stretching in an arc from Le Creusot to Bâle, including especially Dijon, Besançon and Mulhouse, has been the driving force of this workshop based on the question of how the territory can be represented. Indeed, isn’t this territory for now a mere mental representation? Will not this new entity measuring more than 300 Km in length, with an efficient high speed train network as backbone, exist only for an elite or a limited circle of informed civil servants and elected officials? Does the development scheme take into account all the essential aspirations of the inhabitants in all their diversity? Is grouping of competences in order to establish centres of excellence to exist on an international level compatible with the necessity to preserve social benefits and access to culture. Where are the centre and the boundaries of an agglomeration? How do we represent a new metropolis made up of diverse cities, each having their own specific identity, equally historically as mythically? We have tried to reply to these questions both together and individually and present our diverse research here. Maxime Brygo, in his photographic work attempting to represent this agglomeration has searched for images meaningfully illustrating history and symbols. He questions the subject of identification with a territory, its history and its potential monuments. Two notes, one official, the other descriptive are given to each of these pictures. In this way, Maxime Brygo offers us the chance to dare to assume the position of judge between the image and its potential interpretations; he leaves the images to float in an undefined status. With this body of work, Maxime Brygo asserts that this territory exists in its capacity to link these stories and their representations. As an accompaniment to this research, Ariane Bosshard has reflected on the traceability of this mental territory and on the good way of realizing a book about such a myth. So, she has conceived a black book, a book to elaborate mentally only from what is given to us: the oral description of the pictures. Thus she also plays with the zones of mental construction existing between words and images.

Artists’ representation of a territory stimulates possibilities and their perception of these possibilities is potentially utopian. Though attempting to activate a deliberately real territory, artists, through their visions have potentialities for turning them into Utopia (Nicolas Moulin, Bernard Voïta, Edwin Zwakman…). Either by the use of shifting, altering shapes, framing, darkening, … or any odd vision, the works shown here transform our perception of the world and lead us to look at it in another way. Gabor Osz shows a photograph of a beach, normally a place for leisure, in a warlike vision, having converted a bunker into a camera obscura. The virgin Namibian landscape by Balthasar Burkhard offers possibilities. David Renaud and Philippe Terrier-Hermann present maps which, though realistic, are made unusual by their own point of views. Ayako Yoshimura depicts a new territory, between utopia and heterotopy : a hyper megalopolis combining Tokyo, Shanghai, São Paulo, Chicago, New York and Yokohama; Marie-José Burki presents a scan of the Genevan suburbs. A manure heap by Philippe Gronon plays as a counterpoint to three cliché-like landscape paintings by Lisa Milroy. Sébastian Diaz-Morales’ movie takes us into unknown and unidentified areas, though real. Simon Faithfull’s video showing an abandoned fishing station in the Falkland Islands inhabited again by the native population as well as Neal Beggs’ performance about appropriating public spaces suggest an opportunity for hope. Delphine Bedel has travelled the mythical Route 66 from Chicago to Los Angeles, Gérard Collin-Thiébaud has wandered through Corsica and Valérie Jouve has approached Munster by river, rail and road. With ‘Celebration’, Quirine Racké and Helena Muskens present a town built in 1996 by Disney, which is how a capitalistic firm has seized the concept of Utopia…

Innovation may bring some practical applications contributing to activate some concepts of utopia in its desire of a better ‘living together’ but it ought to be done in respect of community ideals specific to its genesis. Should utopia be applied thanks to innovations only available for an elite, it would result again in a dead end, in the same way as the one which led to the dismantling of the housing schemes buildings of the 60’s and 70’s.

Putting in place utopias based on innovation should benefit to everybody, far from the law-and-order drifts of gated communities or other barrio cerrados. These walled residential areas started in the USA, are developing from Buenos Aires to Cape Town and show a worrying rise in Europe. This fantasized Rhine-Rhône metropolis, in which it would take 20 minutes for a Besançon resident to attend an opera in Dijon or for a Belfort inhabitant to be in Mulhouse thanks to high speed trains is surely a pleasing idea, but on the condition that access to the trains should not be challenged by an elitist commercial policy which would again result in a new failure for Utopia. At least, this is the message which seems to be expressed by the artists and their ‘territorial’ visions!

«Today, the world is too dangerous for anything less than utopia» Richard Buckminster Fuller

Opening: Jan 28th from 8pm to midnight
From 28th January to 26th February 2010: Open from Monday to Friday from 2pm to 7pm (closed from 6th to 23rd February)

Der Rhein als Rhône

In seinen Reisebeschreibungen „Loin de Paris“ von Mitte des 19. Jahrhunderts sieht Théophile Gautier, bei seinem Aufbruch nach Nordafrika, den Rhein, bzw sowas wie eine französische Variante davon, nämlich den Rhein in der Rhône (ein paar hundert Seiten später wird er den tatsächlichen, absolut echten Rhein stilecht dampfschiffbereisen): „Le lit du Rhône est plus profondément creusé que celui de la Saône; la tranchée qu´il s`ouvre vers la mer sépare en deux de hautes collines d`abord, des montagnes ensuite. – Sur ces pentes, chauffées par le soleil méridional, mûrissent le vin de Côte-Rôtie et celui de l`Ermitage. Le mont Pilat se présente et disparaît. – Tournon et son château en ruine restent bientôt en arrière. Déjà le mont Ventoux dessine sa croupe à l`horizon lointain. L`Isère verse ses eaux d`un gris sale dans le Rhône, dont la rapidité s`accroit en raison des affluents qu`il absorbe. – Cette ville, c`est Valence; ces murailles effondrées perchées sur le haut d`un roc inaccessible, ce burg qui ne serait pas déplacé sur les rives du Rhin, c`est le château de Crussol. Le Rhône est une espèce de Rhin francais; ce que les guerres et les années ont émietté de châteaux et de fortresses dans cette onde qui ne s`arrète jamais est vraiment prodigieux; à chacque instant, une tourelle ébréchée, un pan de rempart démantelé s`ébauche dans un rayon de lumière; un reste d`enccinte gravit en zigzags désordonnés les flancs d`un tertre abrupt; une poterne s`ouvre en ogive sur le cours du fleuve; les villes mêmes, à part quelques rares taches de maisons blanches, ont conserve l`aspect qu´elles devaient avoir au moyen âge; et l`illusion serait complète si une foule d´affreux ponts suspendus, que le tuyau du bateau à vapeur est obligé de saluer, ne venaient la déranger.“

Dielhelms Vorderrhein

Kiloschwer ist der Rheinische Antiquarius und paßt doch in meinen Laptop: “Was unsers so weitberühmten Rheinstroms Urquellen, oder dessen Ursprung betrift, welcher von einigen für doppelt, von andern für drey= und noch von andern für vierfach gehalten wird ((Anm.: von wieder anderen gar für hundert- oder tausendfach, auch für garnicht genau benennbar, für wechsel- und lückenhaft, sowie für spekulativ (wer bitte hat den Rhein mit eigenen Augen wo genau entspringen sehen? Rheinsein freut sich über Augenzeugenberichte!), jedenfalls aber so gut wie immer, auch wenn keine Belege für Quelltempel existieren, für heilig, kräftig, besonders.)); So entspringet derselbe in dem hohen und unzugänglichen Alpengebürge (*) bey den alten Räthiern oder den heutigen Graubündtnern, auf demjenigen Gebürge, so Cäsar / Strabo und Ptolomäus / Adula, die neuern Schriftsteller den Vogel heissen (Anm.: die allerneuesten grübeln noch über weiteren Poetisierungen); heutiges Tags aber von den dasigen Einwohnern der Sanct Gotthardsberg genennet wird, vielleicht dem Hildesheimischen Bischof Sanct Gotthard zu Ehren, welcher im Jahr 1131. vom Pabst Innocentius dem II. canonisiret ward. Insgemein werden von den meisten nur zwey Hauptquellen angegeben, welche der hintere und vordere Rhein genennet werden. (Anm.: auf diese Weise setzen sich Meinungen fest, werden mögliche Irrtümer canonisieret, dh eingeebnet in Zeitgeist, der Ableger wirft, “das Recht des Stärkeren”, auch wenn den Quellpilgernden das trügerische Gefühl für die Bergwässer eines Komplexeren, im Fluß befindlicheren lehrt.) Der eine Arm davon, so der Vorderrhein oder Oberrhein / lateinisch Rhenus Anterior, heißt, quillt auf dem Gipfel des Crispaltenberges aus einem steinharten Felsen ganz nahe bey den unersteiglichsten Alpen des Gotthardsbergs und der Urslerischen Einöde hervor, ohngefehr drey Meilen von dem Ursprunge der Rhone und zweene von der Gegend des Rheinwalds. Der besondere Theil des Bergs, wo dieser Fluß entspringt, wird von den Einwohnern Cima del Badur (Anm.: und nicht etwa: Lai da Tuma! Oder etwa doch?) genannt. Allda vermischen sich bald hier und dar andere Bergwasser mit diesem Rheinarm, als welche aus den Alpen Mugels und Cornera hervorkommen. Es fliesset dieser vordere Rhein von dannen zu erst auf die Dörfer Chiamuth / Juf / Sanct Jacob / Sanct Anna (Anm.: von welchen, auch nachfolgenden Heiligenfleckchen auf Google Maps nix mehr übrig ist) und zum Flecken Tavetsch / lateinisch Aeruarium benannt, welcher Ort von lauter welschen Graubündtnern bewohnet wird. Nachdem er von dannen zweene Meilen zurück geleget hat, und bis dahin Nordostwärts geflossen ist, richtet er seinen Lauf gegen Osten auf Sanct Agatha / und an dem Kloster Dissentis vorbey.

(*) Alpen, ist ein celtisches Wort, welches soviel als Weydberge heisset, weil sie nämlich den alten Celten größten theils als Viehweyde dienen musten. Es bestehen aber dieselben aus einem erschrecklich hohen, breiten, und langen, dabey fruchtbaren Gebürge, das Italien, Frankreich und Ungarn von Deutschland scheidet (Anm.: zu Dielhelms Zeit allesamt führende Fußballnationen). Ihre oberste Gipfel sind die meiste Zeit mit Schnee bedeckt, und es erstreckt sich ihre Länge von dem Ligustischen / oder Genuesischen Meer über 150. Meilen in einer Reihe fort bis Thracien. Während dieser ihrer Länge bekommen sie der Lage nach unterschiedliche Namen und werden eingetheilet 1) in Alpes Maritimas, oder Meeralpen, bey der mittelländischen See, und der Genuesischen Stadt Savona (Anm.: Erinnerung an halluzinatorische Begebenheiten zwischen exakt jenen Alpen und dem Mittelmeer ca im Sommer 1988, als zwischen sehr vielen schlaflosen Stunden besagtes Savona ans Rotieren und Taumeln geriet, sich aber wieder fing und dennoch irgendwie anders dastand, aus dem Boden brachen damals deutschsprechende, in fatalistischem Chic gekleidete Damen mit fürchterlichen, sich im sonnendurchweichten Panorama lösenden Kriegserinnerungen), 2) in Alpes Cotties, oder Cottianas, das ist, Cottische Alpen, die Piemont von Dauphin scheiden; 3) in Alpes Grajas, oder Griechische Alpen, so Savoyen vom Thal Aosta absondert; 4) in Alpes Penninas, Apenninas, oder Penninische / so Mayland von Savoyen und Ober=Wallis abtheilen; 5) in Alpes Summas, oder höchste Alpen / so die Schweitz vom Mayländischen trennen, und unter allen die höchsten und eigentlich diejenigen sind, daraus der Rhein seinen Ursprung hat; in Alpes Lepontinas, oder Lepontinische und 7) in Alpes Rheticas, oder Rhätische Alpen / welche Mayland von der Schweitz und Graubündten unterscheiden; 8) (Anm.: etc. etc.)”

Rheinverläufe

Es kursieren, in der Zweiten stärker als in der Ersten Welt, durchaus ernstzunehmende Gerüchte, der Rhein sei nicht schon immer dort lang geflossen, wo er eben schulkundlich und augenscheinlich heut gewohntermaßen lang fließt – und beziehen sich weniger auf die weithin im Volksglauben akzeptierten, menschengemachten Rektifizierungen (Domleschg, Alpenrhein, Oberrhein), die ja lediglich Korrekturen am gewohnten Bett darstellen, als vielmehr auf gewaltige Ausbrüche aus dem so normal erscheinenden Verlauf, welche größere Regionen trockenzulegen imstande gewesen sein mußten, und Kulturgeschichte umgeschrieben hätten, hätte denn damals schon Kultur bestanden. Die ganze Wirksamkeit solcher Behauptungen zeigt sich in der Verunsicherung selbst von Natur aus standhafter Bergvölker, wie z.B. dem Liechtensteiner Oberländer beim Panoramablick auf sein eingedeichtes Tal: „Stell dir das mal vor, es heißt, der Rhein wär einstens beinah Richtung Walensee abgeflossen, dann hätten die Walenstädter ihn gehabt und wir nicht, das wär ja furchtbar, das will man sich ja garnicht vorstellen.“ Auch das Tal auf den Walensee zu ist im Gesamtblick enthalten, ganz ohne Rhein scheint es dennoch zu funktionieren. Um den Oberländer zu beruhigen, entgegne ich: „Das war sowieso mal alles Wasser hier.“ Denn de facto behaupten Geologen, auch wenn diese Stimmen im breiten Volk nicht immer ankommen, der Rhein sei bereits einstens Richtung Walensee abgeflossen, um sich dann auf Höhe der Aaremündung wieder zu treffen. Auch sei Liechtenstein einst nichts weiter als Bodenseeboden gewesen, in vorvorvorfürstlicher Zeit. Ein weiteres Geologengerücht geht von Rhein und Rhône, die beide (der Rhein mit seinem Vorderteil zumindest) dem Gotthardmassiv entspringen. Kurz hinter Basel sei der Rhein einst einfach nordseeunlustig umgebogen, um sich der Rhône, somit dem Mittelmeer zu mengen. Wahrscheinlich gab es damals Holland noch nicht, und keine Menschen, Theorien, Webcams dergleichen. Eine Zeit also, über die sich recht viel behaupten läßt. Heute gibt es allerdings den Canal du Rhône au Rhin, anhand dessen eine solche Katastrofe für alle Rheinländer modellhaft vorstellbar zu machen wäre; letztendlich wollen die Rheinländer sich ohne Rhein jedoch rein garnichts vorstellen.

Freiburger Notizen (3)

Die Ereignislosigkeit der Tage, dünn mit Sehnsüchten überspannt. Handygequake der Mitreisenden, Rheinkilometer für Rheinkilometer. Der Zug schüttelt sich, als hätt er jemand überfahren, wieder zucken die Reisenden mit den Mundwinkeln. Zwei Minuten Verspätung. War wohl eher n niederes Tier. Südlich von Mannheim entspannt sich die vorübergehend ideenlose Landschaft und macht wieder ein paar hübsche Sachen. Getragene Lichtfarben spreizen sich übers Oberrheintal, ein Paradies zweiter Hand: einst, heißt es, prallte der Rhein gegen den Isteiner Klotzen und wurde von diesem abgelenkt ins Rhônetal, voreinst war eh alles Wasser hier, da wär so ein Rhein garnicht sonderlich aufgefallen. Unter den Schienen knirschen leise die Muschelschalen als Relikte jener schwer vorstellbaren, somit poetisch nachladbaren Zeit. Wir befinden uns nun eindeutig in den langsameren Regionen unserer Republik. Neben mir ordert eine ältere Dame in kanariengelbem Kostüm energisch ein Bier, bewährtes Mittel unter Auswärtigen zur Geschwindigkeitsangleichung. Draußen: grün unterfütterte Kühe, beschattet von Zierwolken vor Schwarzwaldelektrokardiogramm. In Freiburgs Vorgärten leuchten Petunien und Goldlack in überirdischen Farben. Auf den Straßen diverse Karl Marxe. Mit Bdolf, dem dunkelsten Denker, bis in den frühen Morgen die Menschheits- und Kulturgeschichte zum mindesten Europas zerzaust. Sie flockt ganz schön aus dabei, die alte Geschichte, an andern Stellen klumpt sie deftiger als gewohnt. Be- und entschleunigt wird sie ohnehin seit geraumer Zeit von vorgreifenden und rückwirkenden, jedenfalls durch und durch badischen Brauereierzeugnissen aus dem nahegelegenen Rothaus. Ausgangspunkt solch nächtlicher Hirnchirurgie: jüngst entdeckte, steinerne Alemannengräber am Hochrhein, archäologisches Rauschgift sozusagen. Blütenreisen ins Jenseits, womöglich bis tief in die Gefilde seltener Gottheiten. Der Sprachlappen des Neanderthalers. Die Spirallastigkeit des japanischen Spielfilms. (Was wissen diese Kulturen, das wir nicht wissen?) Die Grauwerte der Theorie: Verschlechterung durch Verbesserung, Stillstand durch Fortschritt – ganz allgemein die Fragwürdigkeit von Erkenntnis in Zusammenhang mit herrschenden Deutungsmechanismen, zb bzgl der Kelten im Abgleich mit den nordischen Sumpfvölkern. Es paßt noch viel mehr in eine einzige, an beiden Enden angestauchte Nacht: so mag es sein, daß bisher klandestine Teile des Rheins unterbewußt antizyklisch und sogar rückwärts fließen. Google Earth ist da seit kurzem dran.