Bonn

bonn_altstadtSummer in the city. Sonne leuchtet allgegenwärtige Ehemaligkeit aus. “Bonn. Berlin. Brüssel. Bonn.” heißt es bündig auf einem Sticker der notorischen Partei Die Partei. Als alliterierende Ansage im B-Bereich ein dadaistisches Moment in der linksalternativ dominierten Altstadt, die jedoch keinen alten Stadtkern bezeichnet, deren Name sich vielmehr unsichtbaren Arms an der längsten Theke der Welt, der Düsseldorfer Altstadt, anlehnt.

bonn_pippilotta“Alle Menschen werden älter / Alle Menschen werden gleichzeitig alt / Jeden Tag, jede Stunde, pro Minute, pro Sekunde / werden alle Menschen gleichzeitig alt”. Harald “Sack” Zieglers Songzeilen gelten für Heldinnen wie für Flaneure, die Schablonen-Updates ihrer Heldinnen fotografieren.

bonn_rhenus bicornisNoch älterer Held: Vater Rhein als Rhenus bicornis, vermutlich Teil eines römischen Grabmonuments aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert, als janusköpfiges Relief unprätentiös auf einem brusthohen Sockel positioniert auf dem Parkstreifen der Adolfstraße.

bonn_yesterdays poemDeutlich jünger, dennoch veraltet: das Gedicht von gestern.

bonn_beobachterZeitlos hingegen: der stille Beobachter.

sic fulgent littora rheni

Der Rhein bei Xanten

Deutschlands hinterstes Eck

weil am rhein

nannte die Tageszeitung Die Welt diesen Januar Friedlingen, einen Stadtteil von Weil am Rhein. Welt-Reporterin Hannelore Crolly fand eine “abgeschiedene Hafen- und Handelsgegend”, geprägt von “Kriminalität und Verwahrlosung”. Auf dem Foto von Lutz Mittler sieht die Ecke nach einer x-beliebigen Straße in einer x-beliebigen rheinischen Stadt aus, der Rhein rückt gleich zweimal als Schriftzug ins Bild, genutzt von einem Logistikunternehmen und einem Einkaufszentrum. Durch die auf dem Foto nicht zu erkennende Abgeschiedenheit zieht sich ein Verkehrsstau. Bundesweit bekannt wurde Friedlingen im Jahr 2012 durch die Invasion des Asiatischen Laubholzbockkäfers, eines aggressiven Schädlings, der Baumbestände ganzer Regionen zu vernichten in der Lage sein soll. Kriegerische Maßnahmen gegen den unerwünschten Fremdling dauern seitdem an, die Bäume vor dem Rhein Center sind aufrechte Zeugen dieses Überlebenskampfes.

Der niederländische Rhein

Der schweizerische Rhein spaltet wie ein Blitz das Felsgebirge. Der deutsche Rhein durchfährt den Leib des Landes magnetisch wie ein sammelndes Gefühl. Dem niederländischen Rhein gaben schon die Alten den Namen Rhenus bicornis, des Zweihörnigen. Denn ihn teilt sogleich die größte seiner Inseln, die fast ein Land für sich ist. Auf einem jener Weltbilder, mit denen Beatus, ein Mönchsgeograph des siebten Jahrhunderts, die Erde in der Form eines Eies darstellte, von der Schale des Meeres umgeben, in der die Fische und die Inseln in der gleichen körnigen Weise eingezeichnet sind, empfing der nördliche Rhein einen anderen Strom von jeder Seite, ehe er als ein doppelter Fluß durch das Land der Friesen in das Meer sank. Man kann an Maas und Lippe denken. In der Tat, die heutige Forschung liest in den Schichten von Ton und Schlammsand, die unter der Sichtbarkeit der jetzigen Rheinteilung liegen, eine verwischte ältere Schrift der Erde, deren Deutung das Bild des römischen Geographen bestätigt. Der Strom in Holland ist nun der klargeschnittene Rhein nicht mehr. Er trifft, schon ehe er das Meer berührt, die Nullhöhe; seine Auflösung, die beginnen muß, wird zu Teilen und Strecken des Wasserstaates, er durchfließt ein verwirrendes Netz von Gewässern. Von äußeren Linien her ist das amphibische Land von Wasserbändern durchflochten, zwischen den grünen und den blauen Flächen liegen die weithin gedehnten Kurven der Deiche. Kanäle, von der Seite einfallend wie der schmale Arm der Maas, der nicht tief genug ist, um auch nur den normalen Kähnen der Rheinschiffahrt einen Zutritt ins flandrische und französische Flußnetz zu geben, vergrößern den Strom, andere entziehen ihm das Wasser. Meeresarme, in das Land ausgestreckt, fügen ihn unversehens in das kosmische Gesetz der Flut und der Ebbe, die eigenkräftige Nähe des Meeres entführt ihn seitwärts in verwirrende Inselwelten. Wie durch ein Uhrwerk die Zeit rinnt, so rinnt der wasserreiche Strom durch das gewaltige und sorgsam angepaßte Uhrwerk, das geschaffen ist, das Nasse vom Trocknen auszuschließen. Ihn beherrschen die doppelten und dreifachen Deiche, die Pumpen und die Schleusen. Ein unablässiges Eintauchen der Meßinstrumente, ein ewiges und überlistendes Studium der Bewegungen von Wasser und Schlammerde, ein hartnäckiges Werk des Pfahlbaues und des Deichgrabens vollzieht sich und setzt das Arbeitserbe der Jahrhunderte ständig fort. Am oberen Rhein beschränkt sich der Strombau darauf, die Serpentinen wegzuschneiden, das Krumme zu strecken und zu kürzen; fast zu sehr beeilten sich dort die Ingenieure, den Abfluß des Wassers zu erleichtern. In den Niederlanden schufen die Baumeister seit Jahrhunderten die Molen und die langgezogenen Dämme, die den Hauptstrom erst nach Osten, dann westwärts richteten und ihn aufhalten. Mit der Waffe des Flusses führten die Holländer in der Vergangenheit gegen Römer und spanische Eroberer ihren Kampf. Kanäle wurden gegraben, um den Kriegsflotten bis ins Herz des Landes Zutritt zu geben, die Handelsflotten folgten nach. Ueberschwemmungen glänzten auf wie große Seen, Dörfer und Städte ertranken, aus einer Lache wurde der Lekstrom, dessen Breite ohne Tiefgang vor Rotterdam in den Rhein zurückfließt, und aus dem großen Bett des Stromes, der einmal zur Zuidersee hinfloß, tauchten Grasländer. Von dem Wasser, das durch den Kanal von Pannerden beiseite fließt, um sich in gekrümmten, kleinen und versickernden Rheinen bis an die See zu verlieren, bleibt der Waalstrom übrig. Zwischen flachen Ufern schaukeln gemächlich die rundlich gebauten Boote auf der milchkaffeefarbenen Flut. Die Schleppzüge, deren Kähne groß und aufgetaucht mit asphaltglänzenden, aus Eimern begossenen und mit Schrubbern bearbeiteten Rücken vorübergleiten, begegnen dem grün, weiß und rosa bemalten Raddampfer der Niederländischen Dampfschiffahrt. Durch Wolken schwarzen Rauches flattern Möwenscharen im salzigfeuchten Nordwestwind. Eine blanke Wasserfläche, von rauhen Schäumen überzogen, umgibt dann das von Kanälen und Brücken durchflochtene, von braunen Segeln besuchte Dordrecht. Vor dem breiten und dunklen Kirchturm ragt das Gehölz der Masten; bei den Seedampfern liegen die Flöße des Schwarzwaldes, die auseinandergenommen und auf die Werften, die Bauplätze und Sägemühlen des Landes verteilt werden. Eine Bucht, ein Wasserdurchbruch glänzt zur Schelde hin; die Schiffer auf der Fahrt nach Antwerpen reisen an den Inseln von Seeland vorüber, die Ebbe entblößt die ungeheueren, mit Muschelkolonien bedeckten Schlamm- und Tonbänke der Scheldemündungen, die braunsilbernen Schilfwiesen, die mit Algen bewachsenen Deiche des Archipels. Die steigende Flut hebt das Fahrzeug hoch und zeigt dem Schiffer über die Deiche hinweg die roten Dächer der Inseln, die grünen Weiden, das bunte Vieh, die bis zum Rand gefüllten Kanäle. Vor Dordrecht stellen die englischen Matrosen ihre dunkeln Segel, um über das Aermelmeer zu kreuzen. Regelmäßig nehmen die alten wohlbekannten Lastboote, die ihre Seile vom Ufer in Remagen lösten, die “Maggie” und die “Consul” mit einigen hunderttausend Apollinarisflaschen im plombierten Laderaum diesen Kurs. Die Ingenieure wollen dem alten Dordrecht eine neue kurze und offene Verbindung mit dem Meere geben. Draußen am Rand der Inseln richtet das altberühmte Vlissingen seinen Außenhafen zum Treffpunkt des großen Ozeanverkehrs mit den Schnellzügen des Festlandes, und es bietet dem atlantischen Luftweg nach den Alpen seine Ebene mit dem Flugzeugschuppen zur Landung.

(aus Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Hirnrinde

Von einer himmlischen Höhe gesehen, müßte diese Alpenwelt mit ihren Tälern und ihren keulenförmigen steinernen Lappen wie die Rinde einer Hirnmasse erscheinen. Was würde dann noch zu erkennen sein von den Hecken, Landstraßen und Viehweiden in dem gleichförmigen Bewuchs ihrer Tiefe? Man würde aber an diesem Punkte hier, wo die beiden kleinen Flüsse kampflustig aufeinanderprallen, das Ende zweier langgestreckter Furchen erkennen, die von weither einander zustreben, um sich nun in einer einzigen größeren Talbreite fortzusetzen. Auf den Treppen der Bergwände stehen die Tannen, die kurzgefaßten Wiesen, auf einem samtgrünen Hügel der unscheinbare Obelisk des Kirchturms, der in entfernte Schluchten hinüberblickt. Dem Wanderer sind die Horizonte verkürzt. Die spitzen Glockentürme und die Reste hochgelegener Burgen sind in diesen Tälern wie Periskope, die das ewige Recht des Auges wahren.
Eine Landstraße rankt sich vom Bahnhof über die eiserne Brücke des Tales zu den breiten Höfen des Fleckens Reichenau hinüber, sie führt auf einer zweiten schräg gestellten Brücke über den kiesbelegten Abgrund und verzweigt sich durch Felder und waldnahe Reviere den halbversteckten Ortschaften zu. Und von der Bastei des wohlgepflegten Gartens auf dem Felsenvorsprung, auf dessen Wipfelgewölb das Dachtürmchen eines weißen Schlosses nach allen Seiten um sich blickt, sieht der Wanderer die beiden Wasserflüsse, kalkgefärbt, sonneglänzend, von einem sanften grünlichen Pastellgrau an den beschatteten Stellen. Ihr helles Rauschen, wie auf Dur gestimmt, hebt sich aus jenem kurzen, brausenden Wirbel, dessen Schollen geglättet weiterjagen. Das ist der Rhein, der hier aus seinen beiden fernen Quellen zusammenfließt, aus Gletscherwassern, von kalten Schneefeldern herabgeschmolzen, in funkelnden Wasserstürzen geläutert und im Anprall ausgehöhlter Felsenwände mit Sand, Geröll und Steinpulver gesättigt. Er flutet schwer und gläsern gegen den Fels, von dem der zierliche Pavillon aus den benetzten Gebüschen herabsieht; sein gegenüberliegendes Ufer ist eine kleine, vom Flugsand gebildete Dünenlandschaft, von strömungsloser, glasreiner Flut gestreichelt. Schon haben alle die Gewässer, die aus versteckten Tälern kamen, um dies stolze Rinnsal anzufüllen, den Namen des Rheins getragen. Rhein, Rhone und Reuß, die wie ein Stern von langen Silberadern dem gewaltigen Felsenleib des Gotthard entstrahlen, mit ihren Wurzeln zusammengebunden, doch nach drei Weltseiten entfliehend, tragen das Urwort ihres Namens durch alle Sprachen Europas und bewahren wie im romanischen und germanischen Klang so auch im halbvergessenen keltischen und griechischen den geheimnisvollen Sinn. Auf dem Felsenvorsprung hier, den der erste und schönste Garten des Rheintales mit seinen Rosenbeeten, seinen Felsenspalieren, seinen Papyruswäldchen, seinen Blutbuchen, bläulichen Kiefern und uralten Waldresten deckt, stand in der Vorzeit ein römisches Steinbild. Es war von den Fremden errichtet, die dem größeren Strom in Köln die Münze mit der Inschrift Deus Rhenus schlugen. Das weitgereiste und überschauende Volk der Römer sah den Rhein neben Nil und Tiber als einen der drei großen Naturkräfte, die zu Stützen seiner Machtbereiche geworden waren, und stellte die liegende Gestalt des Flußgottes mit dem umgestürzten Krug auf dem Kapitol zur Schau.
Im Hofe des bürgerlichen Schlosses ist der Knecht beschäftigt, einen Reitsattel zu putzen; in dem stattlichen Wirtshaus zum Adler an der Seite des Schloßgartens sitzen Bauern beim Wein; vor dem Dorfe begegnet mir ein Heuwagen mit falben Rindern, von schwarzhaarigen Männern von römischem Aussehen geführt; ein paar Kinder grüßen den Fremdling mit gelassener Freundlichkeit; im abendlichen Schatten der Bäume gehen zwei Engländerinnen. Das kleine Blockhaus des Bahnhofs steht ein wenig über der Landstraße, auf der jahrhundertelang die Karawanen mit Kaufmannsgütern, Schriftstücken und Waffen beladen von Italien nach Deutschland, von Deutschland nach Italien zogen; die beiden Täler des Rheins waren hoch und drohend, beide verdienten es, Via Mala zu heißen. In ihrer schmalen Tiefe eilen jetzt die Züge mit der Gabel am Draht, schwere Maschinenwagen, lackglänzend. Das Blockhaus, in der beginnenden Nacht, ist mit gelber Lichtfarbe angefüllt, an den Wänden die Fahrplantafeln und die Plakatbilder schwedischer Schneegebirge und Wasserfälle. Das kleine Haus ist heute nichts weiter als einer der Stützpunkte in der nüchternen und exakten Gastlichkeit der modernen Touristik. Aber diese Landschaft umfaßt in ihrer ungeheuren steilen Gedrängtheit den Süden wie den Norden, wie sie von jeher die Menschen von Süden und Norden an sich zog. Im uralten Wechsel von Tag und Nacht ist jetzt die kurze, schweigende Dämmerstunde. Noch weilt am Himmel die klare Tagesbläue, die Talwände versinken im Schwarz. Plötzlich erhebt sich das Geläute einer Dorfkirche irgendwo mit gleichmäßig tönendem Hämmern, um einsam und zögernd zu verstummen. Aus einer schwarzen Talkulisse schießt der Zug in das aufstrahlende Geleise, dessen Wegzeichen glühenden Pfeilspitzen ähnlich sind. Der Zug eilt durch die frische Heuluft einer nebelhaften Ebene der alten Stadt entgegen. Wie ein Sternbild elektrischer Lichtpunkte zeichnet die Stadt Chur in die Dunkelheit der Bergwände den Umriß der alten Schuttmoräne, auf die sie hingebaut ist.

(Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Bemerkung über den wahren Lauf des Rheins, und über die physischen Ursachen seiner Dauer.

Nach Emiland Estienne’s Aufsatz im 2ten Bande der Annales de Statistique S. 14

Man ist in Frankreich ganz allgemein der Meinung, dass der Rhein am Gotthardsberge entspringt: das ist ein Irrthum. Wenn man sagt, dass man über den Gotthardsberg geht, so versteht man, wie Saussure und alle Alpenbewohner, jenen erhabenen Rücken, welcher das Thal Urseren von dem Thale Levantine, zwischen dem Dorfe l’Hopital gegen Norden, und dem Dorfe Ayrolo gegen Süden scheidet. Nun, die berge, auf welchen die Quellen des Rheins liegen, sind vom Gotthardsberge ganz unterschieden, welcher wenigstens drey Myriameter (beynahe 6 Meilen) von der nächsten Rheinquelle entfernt ist.
Der Rhein, lateìnisch Rhenus, entspringt auf den Bergen von Graubünden, wo er drey unterschiedliche Quellen hat, welche aber durch die regelmässige Schmelzung des Eises und durch die Herabsenkung der Wolken, die der Wind dahin treibt und der beeiste Gipfel dieser hohen Berge anzieht, ihre Entstehung und Dauer erhalten.
Die erste dieser Quellen , oder vielmehr jene, die am meisten gegen Norden liegt, ist unter dem deutschen Namen Vorderrhein, Nieder- und Unterrhein bekannt; diese Quelle entsteht aus vielen kleinen Bächen, welche durch ihre Vereinigung einen Gussbach formiren, in einer Spalte des Cima del Badur, welches der höchste von allen jenen Bergen ist, die zusammen das, was man Crispalta nennet, das ist, jene Gebirgskette ausmachen, welche gegen Westen Graubünden von dem Thale Urseren scheidet.
Die zweyte Quelle, welche den Namen Mittel-Rhein fUhret, kömmt vom Cadelin, der einen Theil des schrecklichen Luch- Mannier ausmacht.
Nach einem Laufe von sieben bis acht Meilen fällt diese Quelle in den Unter-Rhein, nahe bey der Abtey Disenty. Endlich die dritte Rheinquelle, oder der Hinter-Rhein (hohe Rhein), welche am meisten gegen Süden, und eben desswegen von seiner Mündung am weitesten entfernt liegt, entspringt am Vogelberge, Colme dell’Uccello, und vereiniget sich mit den andern zwey Aesten bey dem Schlosse und der Brücke Reichenau, von wo der Rhein seinen natürlichen Lauf gegen Coire nimmt, wo er anfängt schiffbar zu werden, das Rheinthal von Tyrol scheidet, und sich in den Konstanzersee ergiesst, bey Stein aus diesem See herausgeht, von hier seinen Lauf gegen Westen nimmt, dann bey den Mauern von Diessenhofen und Schaffhausen vorbeyfliesst, eine kleine Weile unterhalb dieser letzten Stadt den berühmten Wasserfall zu Lauffen bildet, wo das Wasser bey 15 metres hoch sich mit sehr grossem Geräusch zwischen Felsen hinabstürzt, Waldshut, Lauffenbourg, Seckingen und Rheinfelden bewässert, nach Basel kömmt, welches er in zwey sehr ungleiche Theile vertheilet, dann die Sçhweitz verlässt und indem er seinen Lauf nach Norden richtet, Frankreich von Deutsehland scheidet bis auf die Gränzen Bataviens, wohin er noch bis drey Kilometres über die Schenkenschanz hinausgehet.
Kaum kommt der Rhein in das Batavische Gebieth, so theilt er sich in zwey Arme , einen südlichen und einen nördlichen, mittels eines Kanals (der, neue Kanal genannt) der im Anfange des letzten Jahrhunderts bey Panderen, einem beylaufig einen Myriameter oberhalb Niwegen gelegenen Dorfe, errichtet worden ist.
Der südliche Arm, oder der Waal, nach einen Lauf von einigen Meilen über Niwegen, Thiel und Bommel, vereinigt sich bey Fort André mit der Maas, und bildet durch diese Vereinigung die Insel Bommel, unterhalb welcher der Waal und die Maas sich neuerdings vereinigen und unter dem Namen der Merwe fortfliessen, die sich nachdem sie bis unterhalb Gorcum gekommen, südlich in eine grosse Anzahl Aeste ausbreitet, welche eine Menge kleiner unter dem flamandischen Namen Waarden bekannter Inseln machen, hernach fliesst dieser Fluss nordwestlich gegen Rotterdam, wo er den Namen Maas wiederum annimmt, und gegen Briel geht, und sich da in das Meer ergiesst. Der nördliche Arm erhält den Namen Rhein. Kaum kömmt er auf die Höhe von Arnheim, dem vornehmsten Orte des batavischen Départements von Geldern, so zertheilt er sich neuerdings, um den neuen Yssel zu formiren, der seinen Lauf nördlich gegen Doesburg richtet, wo der alte Yssel, der von den westphälischen Gebirgen herabkömmt, sich mit ihm zu einem einzigen Flusse vereiniget, welcher dann in den Zuiderzée fällt.
Der zweyte Theil des Rheins aber theilet sich bey Utrecht wieder in zwey Arme, deren einer sich gegen Norden unter dem Namen Vecht wendet, und bey Veesp und Muyden vorbeyfliesst, und in den Zniderzée fällt.
Der andre Arm, der den Namen Rhein behält, geht seinen natürlichen Lauf durch Woerden, und entladet sich, ehe er nach Leiden kömmt, eines beträchtlichen Theils seines Wassers, das durch drey verschiedene Gänge iu den Harlemersee ausfliesst.
1) Durch den Heimans-Water, einen Kanal, welcher beym Dorfe Oudshorn N. Oe. von Alpher anfängt, und an den Drasemersee endet, der mit dem Harlemer durch einen eine halbe Meile langen Kanal verbunden ist.
2) Durch den Does, einen andern Kanal, der westlich eine Meile von Leyden anfängt, und gleichfalls an den Brasemersee endet.
3} Endlich durch den Kromezyl bey Leyden, der in das Kager-Meer, oder in den Kagersee fällt, welcher ein Busen oder eine Ausdehnung des Leydnersees ist, der einen Theil des grossen Harlemersees ausmacht.
Also geht der Rhein, nachdem er 0,900 seines Wassers vertheilet, nach Leyden, und verliert fich in den Catwykschen Sandhügeln, deren Entstehung im Jahre 860 den Aussluss dieses Flusses ins Meer zerstöret hat.

(Archiv für Geographie und Statistik, ihre Hülfswissenschaften und Litteratur mit vorzüglicher Rücksicht auf die österreichischen Staaten: Verfasset von einer Gesellschaft Gelehrten u. Hrsg. Von Joseph Marx Freiherrn von Liechtenstern, Wien 1802)

Rhein-Meditation (3)


“Der Rhein entspringt einer Szenerie aus Wasser und Fels, die dem weiblichen und männlichen Prinzip entsprechen. Darüber schwebt der Himmel, das All, das Göttliche. Anstatt als permanente Geburtsakte ließen sich die Rheinursprünge auch als permanente Zeugungsakte betrachten. Die Römer personifizierten den Rhein als Flussgott Rhenus, mit dem Beinamen bicornus, was „der Zweigehörnte“ bedeutet. Ob damit die Quell- oder die Deltaarme oder eine ungewisse Vaterschaft angesprochen waren, ist nachrangig, weil die Deutungsmöglichkeiten für sich stehen. Ob nun Zeugung oder Geburt, als Synonyme für den Lebensursprung, klar wird: je mehr Klarheit der Forscher sucht, desto komplexer fallen seine Antworten aus. Es gibt nicht, nicht auf Erden, diesen einen Punkt, an dem alles entspringt; wie die Idee des Huhns dem Ei, ist die Idee des Eis dem Huhn immanent. Doch bekanntermaßen entdeckt sich das Huhn erstmals selbst bei einer wilden Schlacht im Zauberspiegel ausgelaufener roher Eier.”

Stan Lafleur: Rhein-Meditation, Edition 12 Farben, rhein wörtlich, Köln 2014/2015
112 Seiten, 13,5 x 20 cm, Klappenbroschur, 12 Euro
ISBN 978-3-943182-09-5

Die Rhein-Meditation läßt sich über das Kontaktformular bei rhein wörtlich oder über den Buchhandel bestellen. Ab April sind weitere Lesungen entlang der Rheinschiene geplant.

gleichsam der Fluß aller Flüsse

(…) Deutschland, dem die Donau nur in ihren Anfängen gehört, hat einen zweiten Strom wie der Rhein nicht aufzuweisen. Wir gehen weiter und sagen, Europa, das heisst hier die Welt, besitze seines Gleichen nicht. Man hat Deutschland das Herz Europa’s genannt; weil aber das Herz der Sitz der Leidenschaften ist, so wollten Einige dem immer heftig aufgeregten Frankreich die Ehre vindiciren, für das Herz Europa’s zu gelten. Gesteht man Deutschland und Frankreich gleiche Ansprüche darauf zu, so muss das im Herzen beider gelegene Rheinland den Sieg über beide davontragen. Entscheidet man sich für das tiefer fühlende Deutschland, so lehrt die richtige Ansicht von dessen natürlichen Grenzen, dass der Rhein mitten durch das Herz dieses Weltherzens fliesst. Die Welt ist zwar rund, mithin ihre Mitte, wie ihr Ende überall; aber als eine Wohnstätte der Völker hat die Erde ihre Mitte da, wo sich die mächtigsten und gebildetsten Nationen begegnen. Und auch dies entscheidet für den Rhein, denn an seine Ufer, die England alljährlich mit zahllosen Abgesandten überschwemmt, grenzen ausser Frankreich die wichtigsten deutschen Staaten, Oesterreich, Preussen, Baiern und Würtemberg, anderer zweiten und dritten Ranges nicht zu gedenken; die Schweiz und Holland liegen in seinen Quellen und Mündungen und Belgien wird durch eine Eisenbahn mit ihm in Verbindung gesetzt. Durch diese und ähnliche grossartige Unternehmungen, die theils schon im Bau begriffen, theils beschlossen und genehmigt sind, wohin auch der Donau-Main-Canal gehört, wird das Rheinthal immer mehr das werden, was es jetzt schon ist, die Hauptstrasse der gebildeten Welt, der Markt und Sammelplatz aller Nationen, der grosse Corso für die Faschingsfreuden der schönen Jahreszeit, zu welchen einzuladen sich dieses irdische Paradies mit immer neuen Reizen schmückt. Nirgend ist der Völkerverkehr lebendiger, die stündlich abgehenden Schnellposten mit ihren Beiwagen, die goldglänzenden Dampfschiffe, vor deren umgeschwungenen Rädern der Strom nicht zur Ruhe kommt, die geräumigen, mit der verschwenderischen Pracht der Palläste eingerichteten Gasthöfe wissen die Menge der Reisenden nicht fortzuschaffen, die Zahl der Fremden nicht unterzubringen. Man ist nicht mehr in Deutschland, man fühlt sich in der grossen Welt. Für die Bedürfnisse der Reisenden, für alle erdenklichen Bequemlichkeiten wird mit einem Raffinement gesorgt, das man ohne Lächeln nicht wahrnehmen kann. Reisebücher, Karten, Panoramen, malerische und plastische Darstellungen einzelner Gegenden wie grösserer Strecken, Sagensammlungen in Versen und Prosa, und tausend andere Reisebehelfe sind in allen Kunst- und Buchläden in solcher Fülle zu Kauf, dass zwischen Mainz und Köln kaum ein Haus, kaum ein Baum gefunden wird, der nicht schon eine Feder oder einen Grabstichel in Bewegung gesetzt hätte. Diese Gegend ist so vielfältig beschrieben, abgebildet und dargestellt, dass man zuletzt das Postgeld schonen und sie mit gleichem Genuss in seinen vier Wänden bereisen kann. Auf eine solche malerische Reise im Zimmer ist es auch hier wieder abgesehen.
Den Namen Rhein (hrên, Rhenus) führte der Strom schon, ehe deutsche Völker seine Ufer in Besitz nahmen. Es hat so wenig gelingen wollen, ihn aus dem gleichlautenden deutschen Worte (rein), als aus einem griechischen, welches fliessen bedeutet, abzuleiten. Mag aber sein Name in seiner ältesten Form keltisch sein, der Strom selbst ist seit fast zwei Jahrtausenden deutsch wie seine Anwohner, die mit den Kelten selbst auch jenes keltische hrên verdrängten und durch eine ähnlich klingende appellative Flussbenennung ersetzten. Uns hiess also der Rhein der Fluss überhaupt, gleichsam der Fluss aller Flüsse. Und von jeher war dieser Name ein süsser Klang in einem deutschen Ohre. Wie oft und gern flochten die Minnesinger ihr sehnsüchtiges alumbe den rîn ihren schönsten Liedern ein, zuweilen ohne weitern Grund, nur des lieben Namens willen. Heute noch, wenn es in unserm Nationalgesang, in dem Rheinweinliede des trefflichen Claudius an die Stelle kommt, wo es heisst: Am Rhein, am Rhein! wie stimmen alle Kehlen vollkräftig mit ein, wie klingen alle Römergläser an, wie schüttelt der Deutsche dem Deutschen die Hand, wie fühlen sich alle Theilnehmer des Festes, so zufällig sie zusammengekommen seien, in dem Gedanken an den geliebtesten unserer Ströme befreundet und verbrüdert! Was ist es, das diese magische Wirkung auf die Gemüther übt? Ist es der Duft der Rebenblüthe, der sich im Becher verjüngt; oder der edle Geist des Weins, der von dem Zauberwort erlöst in uns üherströmt? Oder weht uns der frische Hauch des Rheinthals an, die gesunde Alpenluft, die der Strom von den Gletschern seiner Heimat bei sich führt? Ist es der königliche, tiefgehende Fluss selbst, der seine klaren, grünen Wogen mit deutscher Ruhe von der Schweiz bis Holland wälzt? sind es seine gepriesenen, viel besungenen Ufer, das jährliche Ziel einer neuen Völkerwanderung? sind es die sanftgeschwungenen Rebenhügel, denen der geistreichste Most entströmt, oder die starren Felsen, von denen Schlösser und Burgen als Zeugen einer grossen Vergangenheit niederblicken? Ist es der kräftige Genius des Mittelalters, an den jene Ruinen mahnen, oder der Geist der neuern Zeit, der nirgend vernehmlicher als am Rheine zu uns spricht? Sind es die geschichtlichen Erinnerungen, oder die alten vertrauten Sagen? lst es die schöne Gegenwart, oder die lachende Zukunft, was uns vor die Seele tritt, wenn der Name Rhein unsergreift? Dies Alles erschöpft den Zauber des Wortes nicht, und wenn sich noch tausend andere Vorstellungen unbewusst mit jenen verbünden, so würde doch die Magie des Namens unenträthselt bleiben. Wer sich aber auf die Anatomie der Gefühle verstände, wer seine leisesten Empfindungen zergliedern könnte, der würde vermuthlich finden, dass in dem Namen des Rheins etwas Heiliges, etwas Heimatliches liegt, das seine Wirkung nicht verfehlt, obgleich wir sie uns nicht zu erklären wissen. (…)

(Karl Simrock, Das malerische und romantische Rheinland)

Vater Rhein (4)

Digital StillCameraVater Rhein ist viele Väter. In ihren Darstellungen ähneln sie sich stark. Wallendes Haar und Vollbart weisen auf nahe Verwandtschaft des “Rhenus pater” mit Neptun, dem römischen Wassergott. In römischen Quellen wird Vater Rhein als zwiegehörnt (“Rhenus bicornis” bei Vergil) bzw. mit zerbrochenen Hörnern (“Rhenus cornibus fractis” bei Ovid) beschrieben. Zwei Deutungen der Behörnung sind uns bekannt: sie sollen einen Stieranteil der Gottheit bzw. das Mündungsdelta des Rheins repräsentieren. Das Motiv des zerbrochenen Horns weist auf Roms Unterwerfung Germaniens. Die Hörner fehlen den vermutlichen Flußgöttern aus Köln. Auch dieser Kopf ist ausgestellt im Römisch-Germanischen Museum.

Blessed by Rhenus

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Vom alten Vater Rhein abgesegneter Melodic Metal in der Teestube zu Kaiserswerth! What an Ausgehtipp! (Bild: Rainer Vogel)