Loreley

Mal wieder durchs Mittelrheintal geglitten, zumindest die Illusion von Gleiten verspürt, als wäre es möglich, in geografische und epochale Marken teilweise einzutauchen, sie kaleidoskopisch zu sondieren und verpuzzeln, dabei doch stets im vermeintlich/vergleichbar Sicheren des Hier und Jetzt zu ankern. Die Wochen zuvor bestanden aus Computerbildschirmen, aneinandergereiht, Tag für Tag, Nacht für Nacht, auf denen sich rheinische Panoramen in verschiedene Richtungen schoben, Realitäten bauten sich da auf und verschwanden per drag and drop, der vergebliche Wille zu systematisieren, besondere Essenzen hervor zu schleudern aus den Sortierverfahren (zb: Rhens: onomatopoetisches Versteck für Sirene/n?). Dann der Blick durch die getönte Zugfensterscheibe auf die nun scheinbar realeren Landschaften, farblich aber ganz ähnlich getönt/bearbeitet wie aufm Laptop-Screen. Ich halte den Klapprechner aufm Schoß, vergleiche die Bilder, die Relationen der gerahmten Bildausschnitte ähneln sich stark in Höhe, Länge, Tiefe, Breite, ja selbst unter dem Zeitaspekt, die elektronische Signatur ist jedoch immer älter als jene der zugehörigen Echtlandschaft – beide, Original und Abbild, halten ihren Vergleichen stand, immerhin, überlappen sich gar ein wenig an den Rändern. Entfremdung mittels Ähneln ist vorderhand nicht erkennbar. Als der Loreleyfels in Sichtweite gerät, setzt das übliche, poetisch inspirierte Mundwinkelzucken ein, bei einigen Passagieren. Diesmal zuckt auch Loreley selbst, sie sitzt mir schräg gegenüber, auf der anderen Seite des schmalen Gangs. Sie ist groß gewachsen, Modelmaße. Das lange Blondhaar trägt sie fein säuberlich zum Dutt gewunden, trotzdem sexy. Feiner Ausgehstoff, körperbetonendes Kleidchen, knöchellang, mit grauen Mustern, die an Höhenlinien auf Landkarten erinnern, darunter ausgelatschte Turnschuhe. Ihr Gesicht ist mit Makeup verspachtelt, voguecoverschön. Dahinter pulst ein wenig gut verborgener Stress. Sehr dunkle Wimpern; flache, senkrecht stehende Lippen eines im Mangastil dargestellten, scheuen Fabeltiers. Mit dem Zeigefinger weise ich auf den Hügel, zwinkere ihr mit Mundwinkeln und einem Auge zu. Ja, sagt sie, als sei zwischen uns eh alles klar. Hauptberuflich ist sie nun Stewardess. In Karlsruhe steigt sie aus mit ihrem Rollköfferchen.