Die Allemannen am Rheinstrom

„(…) Eigentlich weiß niemand recht zu sagen, wer diese berühmten Allemannen waren, noch wo sie auf einmal hergekommen sind, wiewohl es sind dem zahlreichen geneigten Leser am Oberrhein seine wahren Stammväter und Altvordern, von deren Blut er abstammt, große grobgliederige Menschen mit blauen Augen, krausen roten Haaren, voll Kraft und Mut und Trutz, fröhliche Trinker und Spieler, ohne Kenntnisse. Es geht noch manchem ein wenig nach. Wenn einem von ihnen ein zehnjähriges Büblein, wie sie heutzutag in die Schule gehn, ein Additionsexempel angesetzt, oder ein Abc-Büchlein vorgelegt hätte, oder eine achtzehnjährige Tochter des geneigten Lesers hätte einer Frau Mehl und Eier und Butter gegeben, „da, Mütterlein backe Sträublein draus”, sie hätten nichts wissen damit anzufangen. Noch wurde kein Vaterunser, noch kein Ave Maria gebetet. In die Kirche gingen sie nach Schaffhausen an den Rheinfall, oder in die dichtesten Wälder, oder auf den Belchen. Denn sie beteten unsichtbare Götter an, wenn nicht Sonne und Mond oder den Rhein, und opferten ihnen Pferde. Sonst war ihre liebste Beschäftigung der Müßiggang, dann die Jagd und der Krieg. Zweihundert Jahre lang kämpften sie mit den Römern in unversöhnlichen Kriegen zuerst um die Landschaften zwischen dem Rhein, der Donau und dem Main, aber oft auch, wenn die Gelegenheit günstig schien, fielen sie in das römische Gebiet jenseits der Flüsse ein, und spannen meist wenig Seide dabei, bis gegen das Ende.
Dem geneigten Leser müßte es wohl ein wenig bange werden, ob es möglich sei, daß er nach anderthalbtausend Jahren noch von diesem Heldenvolk abstammen und auf die Welt kommen werde, wenn er erfahren sollte, was es von einem Feldzug zum andern für schreckliche Niederlagen gelitten hat. Wo ein Tal des Schwarzwaldes sich auftut, fluteten Mann an Mann und Schild an Schild jetzt die Allemannen siegeslustig hinaus, jetzt die Römer racheschnaubend mit Feuer und Schwert hinein. In alle Bäche floß allemannisches Blut. Mehr als einmal gingen nach römischen Berichten, die Allemannen hunderttausendweise in einem Feldzug zugrunde. Mehr als einmal brannte der Schwarzwald an allen Ecken und Enden. Manchmal machten wir auch gute Geschäfte bis nach Italien hinein und in die Champagne. Aber wer zuletzt mit blutigen Köpfen wieder heimkam, waren eben wir. In der Champagne ließen wir auf einmal nicht mehr als 60000 liegen. Denn die nackte deutsche Tapferkeit und Kraft ohne die Kunst des Krieges vermochte nie auszuhalten in die Länge gegen die geharnischten Reihen und Glieder der Römer, gegen ihre Schwenkungen und andere Kriegskünste, mitunter auch Schelmenstücklein. Mit 60 bis 80 000 Mann über den Rhein oder über die Donau zu gehen, und die Römer anzugreifen, wo wir sie fanden, war uns ein Leichtes. Aber wieder heimzukommen, und die Feinde abzuhalten, daß sie nicht über den Fluß hinüber nachsetzten, war oft etwas Schweres. Die Geschichte erwähnt eines mannhaften deutschen Fürsten und Heerführers mit Namen Chnodomar, sie erwähnt auch eines Fürsten und Helden mit Namen Vadomar der im Breisgau und Oberland ein Herr war, und nach der Vermutung eines achtungswerten Gelehrten seinen Sitz hatte, wo itzt Thumeringen steht im Wiesenkreis, also daß dieses Ort zuerst geheißen hatte Vadomaringen. Der ist manchmal auf seinem Hengst durch die Wiese geritten, oder im Käferhölzlein auf der Jagd gewesen und hat mit lüsternem Auge hinübergeschaut in das Gebiet der Römer jenseits Rheins. Chnodomar und Vadomar und andre deutsche Fürsten als Uri, Ursiz, Vestralp und mehrere gingen mit ihren Heerscharen über den Rhein, griffen bei Straßburg, bei Hausbergen den römischen Feldherrn Julianus an, nicht zu guter Stunde. Als die Schlacht gewonnen schien, war sie verloren. Chnodomar wurde gefangen, der gereizte Feind kam über den Rhein, und hauste heidnisch mit den Leuten. Aber Vadomar, der König von Thumringen, rettete sich und sein Land. Nachgehends bekamen ihn die Römer durch List und schändlichen Verrat in ihre Gefangenschaft und schleppten ihn nach Spanien. Später wurde auch sein Sohn Vitigab ein gar feines und kluges Herrlein auf Anstiften der Römer von seinem Bedienten heimlich ermordet. Was denkt der geneigte Leser zu einer solchen schlechten Aufführung? Viele tausend biedere Allemannen wurden auch als Gefangene nach Rom transportiert, und man hat von den wenigsten mehr erfahren, was aus ihnen geworden ist, ausgenommen ein Mägdlein von Doneschingen namens Bißlein, das hernachmals in Rom gute Tage bekommen hat. Der Herr Römer, der es gefangen bekommen hat, hat er sich nicht nachher in dasselbe verliebt, und laut gesagt, es sei in ganz Rom kein Mädchen mit diesem allemannischen Töchterlein zu vergleichen. – Wenn er itzt erst käme, und eins aussuchen dürfte. Aber in der Tat man weiß nicht zu sagen, wo die vielen Menschen hergekommen sind, die nach einem hundertjährigen Krieg und nach allen blutigen Niederlagen und grausamen Landesverwüstungen noch übrig waren, kraftvoll und rüstig, als die Macht der Römer im Land und daheim anfing zu zerbrechen. War nicht auf einmal selbst das ganze jenseitige Rheinland von Basel bis nach Mainz und bis an die jenseitigen Gebirge Untertan der allemannischen Macht? Alles schien sich wieder zu erheben, bis ein neues kriegerisches Schauspiel begann.
Draußen über dem Schwarzen Meer, wo Europa ein Ende hat, und seltsame Völkerschaften eines andern Weltteils ihren Anfang nahmen, wohnten damals, fremden Blutes und fremder Sitten die Hunnen ein wildes räuberisches Gesindel, und es wird nicht viel gefehlt sein, so war ihr Oberhaupt, genannt Attila, der Schlimmste unter allen. Attila brach um das Jahr 451 mit seinem Volk aus ihren Wohnsitzen auf, um in Europa, soweit es geht und guttut, zu erobern, zu plündern, zu sengen und zu brennen und zu morden, und wo er hinkam, in den ersten 24 Stunden war alles verwüstet und verödet, und je weiter er zog je furchtbarer vermehrte sich sein Heer, denn alles zog mit, wie ein Heerstrom in seinem Lauf größer und größer wird, durch die Waldströme die sich rechts und links her in seine Fluten ergießen. Jetzt ist der Hunnenkönig schon am Saustrom in Ungarland, jetzt schon an der Donau, jetzt schon in der Gegend von Ulm, und wie Reihen der Franken wichen auf allen Seiten, bis in der Herzensangst und Verzweiflung der fränkische König Chlodewig die Hand zum Himmel aufhob, und den Schwur tat, wenn ihm Gott den Sieg verleihe, so wolle er ja gerne ein Christ werden, seine Frau sei es ohnehin schon. Es waren aber damals schon ganze christliche Regimenter unter dem fränkischen Heer, und einer rief dem andern zu: „Du, wenn wir dem König den Sieg erkämpfen, so will er sich taufen lassen.” Also schlugen die Christen unbarmherzig auf die Heiden drein, die Allemannen werden in Unordnung gebracht und verlieren die Schlacht für diesmal, und ihre teuer errungene Freiheit und Herrschaft auf immer. (…)“

(aus: Johann Peter Hebel – Der Rheinländische Hausfreund, 1814)

Der progressive Rheinländer

Die Neuß-Grevenbroicher Zeitung, hinter dem bekannteren Grevenbroicher Tagblatt eine der wichtigsten Regionalzeitungen des mittleren westlichen Niederrheins, berichtet in der Rubrik “Grevenbroich” seiner Online-Ausgabe von gestern unter der Überschrift „Die ersten Frauen im Zug“ über das progressive Rheinland: „Frauen im Grevenbroicher Festzug – das hat`s noch nicht gegeben. Am Sonntag war Premiere: (…) Auch als letzte Abteilung waren ihnen bei der Parade viele Blicke sicher: Die Damen vom Amazonenkorps “L’equipe noir” aus Orken, die in Blumen geschmückten Sätteln hoch zu Ross saßen.“ Der Artikel ist gespickt mit nicht näher erklärten Fachbegriffen aus dem Schützenwesen (Zugmuli, Zugsau), die der lokalen Leserschaft bekannt sein dürften, dokumentiert die komplette Namensliste der Pionierinnen und berichtet von deren Liebe zu Pferden und zur Tradition, der sie sich nun erstmalig aktiv anschließen: „Obwohl es ein Amazonenkorps ist: Was das Feiern betrifft, unterscheidet sich “L’equipe noir” nicht sonderlich von Schützenzügen, die allgemein noch als Männerdomäne gelten. “Wir haben unsere regelmäßigen Versammlungen, unternehmen einmal im Jahr einen Ausflug, dessen Ziel geheim ist”, berichtet Brigitte Straube. Ihre Zugkönigin ermitteln die Frauen beim sogenannten “Sommer-Shooting”, im Winter wird die Geselligkeit bei der Weihnachtsfeier gepflegt. (…) Das die Frauen beim gestrigen Umzug so gut vom Publikum aufgenommen wurden, freute die Ex-Königin: “Das fand ich richtig gut. Vor einigen Jahren wäre an so etwas gar nicht zu denken gewesen.”"

Vignetten

“(…) Nataly pflegt eine tiefe seelische und körperliche Beziehung zum Rheinland, seinem Verfall, den Gerüchen, die dieser Landstrich bewahrt. Ihre Fahrt führt sie an den Ort der Jugend, den Erfahrungen der ersten Liebe, dem Versuch das Erleben des anderen zu integrieren, die Zurückweisungen, die sie sich ein Leben lang gemerkt hat.
Flickermaschine. Dem Reiz des Zwielichts folgend, mit gleichmässigem Tritt in die Pedale des Fahrrads, durch leere Strassen fährt sie an dem Haus vorbei, in dem sie ihre Kindheit verbracht hat. Der verwilderte Garten umschliesst das Gelände. Emporragende Bäume umstehen die zur Giebelseite sich öffnende Rasenfläche. Zwischen Farne, Schachtelhalme und Buschwerk zieht sich ein versteckter Pfad. Der im Winter abgestorbene Wacholder flammt rostbraun. (…)
Betört von Nachtatem steigt sie ab. Legt geflissentlich ihr Fahrrad in das nasse Ufergras. Die Aluminiumfelgen spiegeln das Mondlicht gegen die glatt geschliffenen Steine. Während Nataly genüsslich den Rauch einer Zigarette einsaugt, lässt sie die Bewegungen des Tages ausklingen. Blickt dem Strom nach, der seinen Lauf nimmt. Der Fluss tut seine Pflicht, er fliesst immer in eine Richtung und trennt die Ufer. Einerseits befördert er die Menschen, andererseits separiert er sie. Nataly betrachtet das Schwemmland, die sandigen und die bewaldeten Ufer, die von russigen Industrieanlagen gesäumt sind, hört die Schiffe mit den tuckernden Dieselmotoren. Hier wie dort erreicht der Schwimmer sein Ziel auch bei günstiger Strömung nicht ohne eigenes Zutun.
Unstillbare Sehnsucht. Nataly fühlt ein Fernweh… das Reisen auf dem Wasser ist für sie stets ein mythischer Akt, gleichsam ein Bewusstseinsstrom. Die Natur, der Fluss, das Meer, all das bedeutet für Nataly in gleichem Masse Freiheit wie Auflösung. (…)
Nataly beschwört die Kosmogonien des Kontinents, aus denen das alte Europa heraufsteigt. Unter der Oberfläche liegen Vergangenheiten begraben, Geschichte im buchstäblichen Sinn. Sie senkt ein Echolot in die Kulturgeschichte. (…)
Die Anfänge dieser Besiedlung liegen im Dunkel der Vorgeschichte. Wahrscheinlich begann die Geschichte dieser Spezies, bevor die Erde existierte. Mutmasslich sind die Bewohner des Rheinlands Emigranten aus anderen Galaxien, ihnen ist nichts Menschliches fremd, aber auch nichts Unmenschliches. (…)”

Auf der Rheinsein-Lesung in Neuss drückte A.J. Weigoni mir seine Novelle “Vignetten”, aus der die obigen Zitate (hier ausschließlich Stellen mit direktem Rhein/land-Bezug) stammen, in die Hand. Darin geht es um relativ viel auf einen Schlag, das sich zu nährstoffsattem Text verdickt, in Absätze gespalten, die je für sich kleine Welten öffnen/konstituieren, die wiederum vom Erzählpräsens beschleunigt auf ihrem Weg durchs sie verbindende Textnetz preschen. Weigoni selbst nennt die Vignetten unter anderem eine Langzeitbeobachtung intermedialer Wechselwirkungen: der Text unterlag von seinen Anfängen bis zur Publikation rund dreißigjähriger Knetung. Ich finde formal und vom Vokabular viel Achtzigerindieneunzigerlappendes darin, wie es für Düsseldorf (wo der Text vermutlich entstand) in jener Zeit spezifisch gewesen sein mag, eine persönliche Empfindung, sicherlich weil ich es in/seit meinen Ddorfer Anfängen ähnlich gehalten habe: eine Mischung aus u.a. Akademismen, kleiner Form, Punk und Poststrukturalem (hier mit 1a Wortschätzchen wie “Moof” oder “alte Knortze”). Der Text atmet, der Rhythmus bleibt stets spürbar unter den Worten, bisweilen unter- bzw. überspült er auch seine eigenen Bedeutungsketten, ich habe den Text jedenfalls zu hohen Anteilen von seiner Rhythmik erfaßt. Es geht desweiteren um einen Abgleich des Rheinischen mit etwa Nilistischem. Und Nataly schließlich ist eine Figur, der mehrfach im Leben persönlich begegnet zu sein mich dünkt.

»Vignetten«, Novelle von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2009 – Limitierte und handsignierte Ausgabe als Hardcover

Eine Hörprobe der »Vignetten« (Begriffssuche nach “Vignetten” führt zu Hörausschnitten aus den beiden Kapiteln “Mäander” und “Uräus”)

Ausführlichere Informationen zum Text finden sich in der Bücherwiki.

Paris, 25. August 1943

Später stieg ich noch in das Zimmer des Präsidenten hinauf. Aus Köln zurückkommend, erzählte er, daß man in den Ruinenkellern rheinische Trinkstuben findet, in denen die Ausgebombten sich treffen und eine intensive Gemütlichkeit herrscht. Dort werden von den Zechern die alten Karnevalslieder gesungen – besonders beliebt sei: “Ja, das sind Sächelchen!” Das erinnert an die Lektüre des “König Pest” von E. A. Poe, den man ja überhaupt neben Defoe mit seiner “Pest in London” als einen der Autoren unserer Zeit betrachten kann.

(aus: E. Jünger – Sämtliche Werke, 1. Abteilung, Tagebücher III, Strahlungen II)

Dank für das Zitat an Roland Bergère. Jegliche Zeit ließe sich als unsere Zeit betrachten, da die Zeit ja eine stets nur leicht verändert auftretende Emulsion ihrer selbst (dh ihrer eigenen Zutaten) darstellt, und London und Paris, bliebe anzumerken, sind rheinische Städte, zweifellos, vielleicht die rheinischsten, die es gibt, oder zumindest idealisierte Rheinmetropolen, wie sich überhaupt weltweit viel mehr rheinische Städte und Gegenden finden, als der gemeine Daheimgebliebene vermuten mag – ein erweiterter Rhein(land)begriff ist also vonnöten und längst überfällig. Weiters in Karlsruhe (im typisch trockenen, hart am Drögen schrabbenden Stil, den sich die dortige Lokalpresse über Jahrzehnte erhalten hat) noch von den Bombardierungen der Stadt während des Zweiten Weltkriegs gelesen, wobei von Trinkstubengemütlichkeit und Karneval (respektive Fastnacht) keine Rede war, wohl aber von Tagen gereizter Stimmung und Tagen ungemeiner Solidarität. Als zeit- und volksmundtypische Figur blieb der “Bombenkarle” haften, ein einzelner Alliierter, ein Bomberpilot, der offenbar Überstunden schob und auch außerhalb der organisierten Verbandsflüge hartnäckig die Stadt im Alleingang angriff und den die Karlsruher mit “Karle” attributierten, was soviel wie eine Mischung aus “Kerle” und “Karl Arsch” bedeutet, weil es so einen erdigen (und lokal/real häufig vorkommenden) Namen darstellt – auch in meiner Schulklasse war einst ein Karle und potenzierte das badentypische in seinem Ruf- wie Nachnamen, noch dazu in seiner Person. Der Bombenkarle wurde also durch seine Karlsruheisierung zu einem der “Hiesigen” gemacht und dadurch entschärft, wenn auch nicht gleich bewundert. Über seine Abschußerfolge stand nichts zu lesen.

Rheinsein-Lesung in Neuss-Holzheim

Anfahrt mim Direktzug Köln-Holzheim. Am Kölner Gleis jedoch steht als Zielbahnhof Bedburg/Erft angeschrieben, wo immer an der Erft (die wo immer auch langfließen mag) das liegen mag. Im Zug weiß niemand Auskunft, ob derselbe nach Neuss weiterfährt, jedenfalls verläßt er Köln Richtung Westen und steuert schnell in kraftwerkbestandnes Ödland, und, wie es scheint, in zierlichen Spiralschlaufen Richtung Holland. Holzheim läge unterdessen im Schnitt ostnordöstlich, oder diagonal zur Fahrtrichtung verschoben, berechne ich – und ob ich wohl je zu meiner Lesung eintreffen werde – während gartenzwergische Ortschaften mit Namen wie Glesch, Paffendorf, gar Gustorf in der Matschlandschaft auftauchen und wieder verschwinden. Ortschaften, die eigentlich nicht allzuweit von Köln entfernt liegen dürften, deren Namen mir in ach so vielen Jahren bisher noch nicht untergekommen waren. Die absolute Rheinlosigkeit dieser Rheinland genannten Region erschwert allerdings grundlegend die Orientierung, auch der aus Kraftwerken und Scheinkraftwerken gespeiste Himmel mit seinen weitläufigen Verschiebungen und heimlichen Positionswechseln, vielleicht bewegt sich der Zug in Wirklichkeit ja strikt geradeaus und einfach nur extrem langsam. Es sind eher hilflose und sowieso nutzlose Berechnungen, die ich dort im Zug anstelle, während das Publikum, das sich an jedem Halt neu austauscht, zunehmend wildere, bedrohlichere Züge entfaltet. Hätte ich mich statt in diesen sogenannten Direktzug auf meinen altes Fahrrad gesetzt, wäre längst die südliche Neusser Perfiferie erreicht, mutmaße ich, während der Uhrzeiger gegenläufige Bewegungen zu jenen des quietschenden Zuges auszuführen scheint. Als der eine Ortschaft namens Frimmersdorf ansteuert, höre ich zwangsweise zwei jüngst mitten in der Landschaft zugestiegenen Teenagern, die zwar ebenfalls keine Ahnung haben, ob der Zug nach Neuss weiterfährt, dafür aber explizite Ansichten zu gepflegtem Äußerem und Partnerwahl, zu: „Hab hier noch nie einen aussteigen sehen, hört sich schon so scheiße an, Frimmmersdooorf“ „Eh, guck mal, an der Laterne steht: wir ficken euch alle!“ Es versucht dann tatsächlich eine Herde Halbwüchsiger dort einzusteigen, die sich in tierlautähnlichem Idiom verständigt, schon drängen sie sich mit Chips und Coladosen gerüstet den Waggons entgegen, blockieren die Türen, der Zug verschnauft, offenbar planmäßig, denn kurz darauf wird die Fahrt von eigens für diesen Bahnhof engagierten Jugendlichenwegklatschern wieder freigegeben. Ein paar fette Mädchen habens hineingeschafft, rufen sich Jenny, Esme und Natural und dürften wohl zwei drei Beauty Salons im Dorf rechtfertigen. Großes Aussteigen dann nach wenigen weiteren Stunden Fahrt in Grevenbroich, und ein kundiger Zugestiegener weiß glaubhaft zu berichten, der nächste Halt hieße Holzheim („wo der Kling begraben liegt“). Über die anschließende Lesung berichtet der Cineastentreff. Die Rückfahrt auf der Umsteigestrecke dauerte dann deutlich kürzer, vielleicht auch, weil eine versehentlich mit der Bahn statt in Bonn in Neuss gelandete mondäne junge Dame schräg gegenüber, während wir auf die weithin sichtbare Zielmarke des Kölner Doms zuhielten, einen partygeilen Religionslehrer mit ihren Ansichten und Fragen zum Thema „Satanismus unter Prominenten“ zutextete.

Rheintiere

Heute im Kölner Zoo die Schautafeln gesehen, auf denen Elefanten auf den Trampelpfaden am Niehler Ufer und Kamele über die Zoobrücke flanieren: fotoshopgenerierte, recht lebensecht wirkende Vermengungen urbanen und selvatischen Lebens, eine hübsche Idee, zumal die Tiere im Zoo, darunter nun auch ein Tapir (ein veritabler Salatfreund) die Rheinluft zu schnuppern ja reichlich gewohnt sind (der Fluß fließt praktisch nebenan), daß es gradezu Wunder nimmt, daß nicht ständig tierische Ausbruchsversuche geschehen. (Immerhin: den himalayischen Halsband- und Alexandersittichen, die mittlerweile einige Städte der Rheinschiene und sogar noch ganz andere freifliegend bevölkern, wird nachgesagt, sie hätten ihren anhaltenden deutschen Eroberungsfeldzug vom Kölner Zoo aus begonnen.) Im angeschlossenen Aquarium findet sich die gesamte Rheinstrecke raumgrafisch stilisiert, darunter abgetrennte Becken mit jeweils der alpinen, bodenseeischen, ober-, mittel-, niederrheinischen Fischfauna, im Mündungsbereich des Rotterdamer Hafenbeckens zieht der aquaristische, ansonsten selten gesehene Sterlet seine ruhigen Runden und direkt gegenüber der amazonische Arapaima (ein menschenähnlich-mystisches Schwimmwesen, in dessen Visage Jahrtausende abzulesen sind), in einem Zwischenbereich der Piranha, der ja in einigen industrienahen Rheinzonen im warmen Abwasser leben, gar überwintern soll. Ich stelle mir einen Rheintsunami vor, eine Riesenwelle, die die Tiere anland, ins weitgehend unvergitterte Rheinland schwemmt. Clown- und Nasenfische ziehen an meinem Fenster zum Hinterhof vorbei. Überhaupt werde ich dort, in dieser Hinterhofmulde, eines Tages, wenn der Nordseespiegel steigt, meine Gondolieren festmachen, um Touristen auf den neuen Wasserwegen durch die Stadt zu schaukeln, lang kanns nicht mehr dauern und es wird mindestens ebenso romantisch werden und monetär sicher einträglicher als mein bisheriges Dichterleben.

Der Führer am Rhein (2)

Ob der Führer den Rhein (und seinen Bewohner, den Rheinländer, worüber im Rheinland durchaus gestriten wird) nun mochte oder nicht: in „Mein Kampf“ taucht der Suchbegriff nur an wenigen Stellen auf. Hitler sah demnach den „deutschen Strom der Ströme“ zum ersten Mal auf seinem Weg als Kriegsfreiwilliger in den Ersten Weltkrieg nach Flandern und schreibt von „stillen Wellen“, „zartem Schleier des Frühnebels“, „milden Strahlen der ersten Sonne“, die den Anblick des Niederwalddenkmals begleiten, während er als junger Schnauzbart und Teil endloser, “Die Wacht am Rhein” schmetternder Kolonnen dem Kitsch der Kriegsromantik erliegt. In Flandern angelangt, kühlt seine Kriegsbegeisterung mit der Zeit merklich ab, „der überschwengliche Jubel wurde erstickt von Todesangst“. Die weiteren Erwähnungen des Rheins fallen überwiegend in einigermaßen verworrenen Zusammenhang mit dem Bösen – letzteres in Hitlers verschriftlichter Gedankenwelt bekanntlich gern manifestiert von Franzosen einerseits, Juden andererseits, und den von beiden „unerbittlichen“ Todfeinden jeweils instrumentierten Afrikanern. In des künftigen Führers um Klarheit ringenden Hirn lauern schwarzhaarige Judenjungen stundenlang mit satanischer Freude im Gesicht auf ahnungslose deutsche Mädchen, auch schaffen die Juden den Neger an den Rhein, mit dem leicht paradoxen Ziel, die weiße Rasse erst zu zerstören und dann zu beherrschen. Profetische Worte vor den Zeiten von Europäischer Union und Globalisierung: „Ganz gleich, wer in Frankreich regierte oder regieren wird, ob Bourbonen oder Jakobiner, Napoleoniden oder bürgerliche Demokraten, klerikale Republikaner oder rote Bolschewisten: das Schlußziel ihrer außenpolitischen Tätigkeit wird immer der Versuch einer Besitzergreifung der Rheingrenze sein und einer Sicherung dieses Stromes für Frankreich durch ein aufgelöstes und zertrümmertes Deutschland.“ Die schleichende „Vernegerung“ Frankreichs geschieht in Hitlers Analyse aus „der sadistisch-perversen Rachsucht dieses chauvinistischen Erbfeindes“, die „Verpestung durch Negerblut“ über den nahen Rhein zu exportieren. Bevor stünde ein gewaltiges Siedlungsgebiet vom Rhein bis zum Kongo, von niederer=durchmischter Rasse immerhin: „erfüllt“.

Rheinverläufe

Es kursieren, in der Zweiten stärker als in der Ersten Welt, durchaus ernstzunehmende Gerüchte, der Rhein sei nicht schon immer dort lang geflossen, wo er eben schulkundlich und augenscheinlich heut gewohntermaßen lang fließt – und beziehen sich weniger auf die weithin im Volksglauben akzeptierten, menschengemachten Rektifizierungen (Domleschg, Alpenrhein, Oberrhein), die ja lediglich Korrekturen am gewohnten Bett darstellen, als vielmehr auf gewaltige Ausbrüche aus dem so normal erscheinenden Verlauf, welche größere Regionen trockenzulegen imstande gewesen sein mußten, und Kulturgeschichte umgeschrieben hätten, hätte denn damals schon Kultur bestanden. Die ganze Wirksamkeit solcher Behauptungen zeigt sich in der Verunsicherung selbst von Natur aus standhafter Bergvölker, wie z.B. dem Liechtensteiner Oberländer beim Panoramablick auf sein eingedeichtes Tal: „Stell dir das mal vor, es heißt, der Rhein wär einstens beinah Richtung Walensee abgeflossen, dann hätten die Walenstädter ihn gehabt und wir nicht, das wär ja furchtbar, das will man sich ja garnicht vorstellen.“ Auch das Tal auf den Walensee zu ist im Gesamtblick enthalten, ganz ohne Rhein scheint es dennoch zu funktionieren. Um den Oberländer zu beruhigen, entgegne ich: „Das war sowieso mal alles Wasser hier.“ Denn de facto behaupten Geologen, auch wenn diese Stimmen im breiten Volk nicht immer ankommen, der Rhein sei bereits einstens Richtung Walensee abgeflossen, um sich dann auf Höhe der Aaremündung wieder zu treffen. Auch sei Liechtenstein einst nichts weiter als Bodenseeboden gewesen, in vorvorvorfürstlicher Zeit. Ein weiteres Geologengerücht geht von Rhein und Rhône, die beide (der Rhein mit seinem Vorderteil zumindest) dem Gotthardmassiv entspringen. Kurz hinter Basel sei der Rhein einst einfach nordseeunlustig umgebogen, um sich der Rhône, somit dem Mittelmeer zu mengen. Wahrscheinlich gab es damals Holland noch nicht, und keine Menschen, Theorien, Webcams dergleichen. Eine Zeit also, über die sich recht viel behaupten läßt. Heute gibt es allerdings den Canal du Rhône au Rhin, anhand dessen eine solche Katastrofe für alle Rheinländer modellhaft vorstellbar zu machen wäre; letztendlich wollen die Rheinländer sich ohne Rhein jedoch rein garnichts vorstellen.

rheinische einstuerze

mit verwaschenen laken abgedeckt, der
himmel ein eingestuerztes archiv. riecht
nicht mit seinen schwammigen grenzen

zwischen tag & nacht, riecht nicht so gut
zwischen seinen schwammigen, im voll-
besitz erfundener goetter dieser himmel

unter der stadt, aufgebrochen, der alte
behaelter fuer die staatsdoktrin, von den
eigenen heerscharen gepluendert das

kulturelle gedaechtnis der nation. wie
werden wir fortan begreifen koennen
was wir von uns geben, die ganze zeit

Die Brücke von Remagen

„March 1945 – The Obercassel Bridge. In the final months of World War II, the armies of the Third Reich are in full retreat across the great moat that guards the heart of Germany – the river Rhine.“ Mit dieser kurzen poetischen Einführung beginnt der Hollywood-Film „The Bridge at Remagen“, gedreht in den übernatürlichen Farben der 60er, und mit ein paar großzügigen Schwenks auf das weltkulturerbeträchtige Mittelrheinpanorama: zu Elmer Bernsteins bolero-inspirierten Orchesterklängen dringen amerikanische Panzereinheiten wie am Schnürchen durchs schmale Tal, schleppen sich deutsche Flüchtlinge desorganisiert und mit letzter Kraft Richtung einzig verbliebener Planke über den Fluß. So schön ist diese Kulisse, daß sie ohne es zu wollen auf die Schauspieler abstrahlt, selbst noch wenn all das mittelalterliche Fachwerk („Bis Abend seid ihr in Meckenheim!“) von Panzergeschützen getroffen in sich zusammenfällt, ganze Straßenzüge in Staub aufgehen und der Film im Folgenden vornehmlich vom Kampfgeballer um die Ludendorff-Brücke geprägt wird. Was haben wir da nur für einen Landstrich!, bin ich geneigt auszurufen (Luftaufnahmen in Technicolor!), doch in diesem Fall ist weder der Rhein, noch die ihn ehmals überspannende Brücke kongruent mit sich selbst – denn gedreht wurden die Szenen in Davle an der Moldau in der ehemaligen CSSR. Die echte Brücke fiel 1945, wenige Tage nach ihrer legendären Eroberung, vor Überlastung zusammen und wurde nicht wieder neu errichtet. Ihre Türme ragen allerdings bis heute links und rechts des Rheins aus dem Erdreich und wirken, je nach Wetterlage, recht martialisch: wie abgetrennte und verbrannte Beinstümpfe kam mir in den Sinn, als ich sie vor Jahren mit einem Ausflugsschiff passierte, dunkel jedenfalls, abschreckend und aufs Übelste schicksalbehaftet, als sei ein Gestein/Gebein aus dem Reich der Fabeln und Märchen versehentlich in die Realwelt gerutscht. Es zuckte im Fluß, als hätte sich auf dem Grund ein riesiger grauer Fisch geräkelt, das Urtier, das im Laufe der rheinischen Besiedlung schon soviele Soldatenleichen geaast und nurmehr aufs Touristenerschrecken spezialisiert subtile Vibrationen sendet, sobald an der Oberfläche klischeeisierte Gedanken flottieren. Ich machte rasch ein Foto. Und dachte an den schattenbärtigen Angel (gespielt von Ben Gazzara), der im Film gern gegnerische Leichen fleddert und im Laufe der Brückeneroberung in den Fluß fällt, aus dem er am Ende seltsam verwundet als allamerikanischer Glückspilz wieder auftaucht, das Strahlen des Rheingolds im Gesicht.