Rheinländer vs Badener

“Nach all den Warnmeldungen ein behutsamer Hundegang, doch in Rheinnähe von Chaos keine Spur: Kein Schnee, kein Eis, nur ein feuchtschwerer Nebel, greifbar fast, der das Atmen erschwert und sich unbehaglich auf die unimprägnierte Kleidung legt. Und gut, ganz vereinzelte Eisspiegelchen, die sich wie Fußangeln in den Weg legen, die Unachtsamen zu Fall zu bringen. So ist das oft im Rheinland, die Jahreszeiten meiden die sauberen Extreme und bieten dafür giftige Zwischenszenarien an: Die herzschwächenden Inversionswetterlagen des Sommers, die ungaren Halbwinter; in so einem Klima musste wohl die Kultur von Karneval, Klüngel und Kommerz ersprießen, im Bemühen, dem naturgegebenen Mittelmaß eine menschgemachte Selbsterhebung entgegenzusetzen. Und so stehen sie dann mit ihren Fellstiefeln im Schneematsch, bittersüße Biere umklammernd, die gepflegten faltigen Hälse hermésgewärmt, mit sauerbratengefüllten Mägen auf dem Weg zur nächsten Galerie. Während der Badenser fröhlich-fromm sein Schäufele verzehrt, von klarer Sonne durchwärmt, eine glückvolle Tierhaftigkeit, die uns hier längst der große graue Strom hinweggerissen hat.”

(Ein Gastbeitrag von Martin Knepper)

Monheim

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Monheims Zentrum besteht aus Shopping Malls und Busbahnhof, die sich um das Rathaus gruppieren und die Lenkung der Stadt unmittelbar in ihre Konsum- und Fluchtmöglichkeiten fortzusetzen scheinen. Von den angedockten Cafés ergeben sich Ausblicke auf kunstlichtbeschienene Verbindungsgänge, Klinker und Beton. Eine für die Ortsgröße erhebliche Fußgängerzone führt aus dem Zentrum durch eine verspiegelte Unterführung auf die Plattenbauten des Berliner Viertels aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Dessen Straßen sind nach Bezirken der Hauptstadt benannt – mitten im Rheinland zu hören ist dort mitunter ein der Berliner Schnauze abgekupferter schnoddriger Tonfall. Ebenfalls im Zentrum befindet sich das Ulla-Hahn-Haus (oberstes Bild), der am intensivsten hervorgehobene Kulturspot des Örtchens. In Ulla Hahns Romanen, unter anderem Das verborgene Wort, fungiert Monheim als Vorlage des fiktiven rheinischen Ortes Dondorf.

Siegfried-Gin aus dem Rheinland

cofEin Neujahrsgruß von litblogs.net-Herausgeber Hartmut Abendschein. litblogs.net versammelt ausgewählte deutschsprachige Literaturblogs. rheinsein empfiehlt uneingeschränkt alle dort vertretenen Blogs. Switchen Sie mal rüber!

Neger am Rhein

Im Rheinland saugen die Neger den Boden aus. Sie schwängern die Frauen in Kompagnie, gehen straflos aus, lachen über alle Proteste der Bevölkerung. Die Haltung der Bevölkerung ist in Deutschland vorbildlich: es gibt keine Meldung von Mord und Totschlag. Diese Leute, denen die Frauen kaputtgemacht werden, sind von Lynchjustiz himmelweit entfernt. Sie knirschen mit den Zähnen, aber dazu gehen sie auf den Abtritt, daß es niemand hört. Sie nageln die Neger nicht an die Türen, sie sägen die Neger nicht entzwei, sie ballen die Fäuste im Sack und onanieren nebenbei. Sie beweisen, daß ihnen Recht geschieht. Sie sind die Überreste des großen Krieges, der Abschaum der Bevölkerung, die niedergehauenen Mäuler, das entmenschte Massenvieh, deutsche Bürger von 1920.

(aus Bertolt Brecht: Werke: Journale I (1913-1941), Tagebücher 1913-1922)

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In England sowohl als in Italien ist der Zwiespalt in den Anschauungen der besseren bodenständigen Staatskunst und dem Wollen des jüdischen Weltbörsentums klar, ja manchmal kraß in die Augen springend.
Nur in Frankreich besteht heute mehr denn je eine innere Übereinstimmung zwischen den Absichten der Börse, der sie tragenden Juden und den Wünschen einer chauvinistisch eingestellten nationalen Staatskunst. Allein gerade in dieser Identität liegt eine immense Gefahr für Deutschland. Gerade aus diesem Grunde ist und bleibt Frankreich der weitaus furchtbarste Feind. Dieses an sich immer mehr der Vernegerung anheimfallende Volk bedeutet in seiner Bindung an die Ziele der jüdischen Weltbeherrschung eine lauernde Gefahr für den Bestand der weißen Rasse Europas. Denn die Verpestung durch Negerblut am Rhein im Herzen Europas entspricht ebensosehr der sadistisch-perversen Rachsucht dieses chauvinistischen Erbfeindes unseres Volkes wie der eisig kalten Überlegung des Juden, auf diesem Wege die Bastardisierung des europäischen Kontinents im Mittelpunkte zu beginnen und der weißen Rasse durch die Infizierung mit niederem Menschentum die Grundlagen zu einer selbstherrlichen Existenz zu entziehen.
Was Frankreich, angespornt durch eigene Rachsucht, planmäßig geführt durch den Juden, heute in Europa betreibt, ist eine Sünde wider den Bestand der weißen Menschheit und wird auf dieses Volk dereinst alle Rachegeister eines Geschlechts hetzen, das in der Rassenschande die Erbsünde der Menschen erkannt hat.
Für Deutschland jedoch bedeutet die französische Gefahr die Verpflichtung, unter Zurückstellung aller Gefühlsmomente, dem die Hand zu reichen, der, ebenso bedroht wie wir, Frankreichs Herrschgelüste nicht erdulden und ertragen will.
In Europa wird es für Deutschland in absehbarer Zukunft nur zwei Verbündete geben können: England und Italien.

(aus Adolf Hitler: Mein Kampf, 855. Auflage 1943)

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Zyklisch kehren Ängste sich in Pogromschwangerschaften. Sprache dient als Mittel der Aufstachelung, die politischen Lager ergehen sich in Fehleinschätzungen, begleitet von Propagandalügen (das rechte) sowie zynischer Ironie (das linke) und steuern gemeinsam, als befänden sie sich in einer unlösbaren Situation, auf die Katastrofe zu. Für den ungeschulten Leser sind die Geisteshaltungen hinter beiden Texten kaum zu unterscheiden. Weder Brecht noch Hitler haben sich in ihren Texten häufig zum Rheinkomplex geäußert, doch gehören beider Äußerungen definitiv zu den unpoetischsten, die wir bisher gesammelt haben.

Rhein-Kreis Neuss (2)

rkn_fenster im himmelAus Kraftwerkschloten gequollene Wolkenbäusche verteilen sich auf gefensterte Himmel

Über die Felder geht es von Köln mit dem Zug in den Rhein-Kreis Neuss, der erst seit 2003 so heißt und seither mit grafisch eigenständiger Beschilderung verblüfft. Verblüffend desweiteren, falls das zügig vorüberziehende Landschaftsbild nicht trügt: bei Pulheim wird neuerdings Wein angebaut. Je weiter sich die Landschaft von Köln wegbewegt, desto flacher, ausgeglichener, leerer erscheint das offene Feld. In der Ferne arbeiten die Wolkenmaschinen des Braunkohlegebiets auch am Wochenende. Wir erreichen Rheydt: der Rhein ist in diesem Teil des Rheinlands mindestens 20 Kilometer entfernt, hier fließt die Niers, die in der niederländischen Provinz Limburg in die Maas mündet. Im Rhein-Kreis Neuss dominieren das Schützenfest, die Enge in der Weite und die Miniatur: so berichtet uns ein Bäckermeister im Ruhestand wie er in Ermangelung akzeptabler Rheinnähe in der Niers, die an seinem Wohnort kaum einen halben Meter Wasserstand erreicht, das Schwimmen erlernt habe. Entlang der Straßen ziehen sich niersgespeiste Wasserrinnen, die Entengrütze, Eisvogel und Bisam beheimaten. Abends konnte man in dieser Gegend einst die Tage mit einem dicken Wumms umkippen hören.

rkn_horizontEinminütiges Horizontgold am Rande des Braunkohlegebiets Garzweiler

Auch nach Dormagen im Rhein-Kreis Neuss geht es von Köln aus über die Felder, diesmal mit dem Fahrrad, entlang des Rheins. Die kleineren Ortschaften um Köln wirken in ihrer provinziellen Mittelmäßigkeit gefangen. Daß Köln längst selbst provinziellen Anstrich trägt, scheint ihrer Ausrichtung gen Dom keinen Abbruch zu tun. In der Dormagener Fußgängerzone Kölner Straße findet, wie bei jedem unserer Besuche, ein Flohmarkt statt. Vergessen hatten wir, das Dormagen das wahrscheinlich am wenigsten fotogene Städtchen am gesamten Rheinlauf vorstellt: nichts, aber auch garnichts am Dormagener Zentrum bewirkt den Wunsch, den Auslöser zu betätigen. Unsere Frage nach touristischen Sehenswürdigkeiten beantwortet eine Einwohnerin mit Schulterzucken, besinnt sich aber und erzählt mit sorgsam bedachten Worten: daß die Kirche, der Pfarrer habe das einmal erwähnt, wegen ihres freistehenden Turms etwas Besonderes sei, worüber ein Schild genauere Auskunft gebe; daß, falls wir uns neu einkleiden wollten, dafür ein für Dormagener Verhältnisse gar nicht so schlechter Laden existiere, den sie guten Gewissens empfehlen könne; daß es bei den Ladenflächen zwar viel Leerstand gebe, man aber einen guten Latte Macchiato bekommen könne wie man ihn auch außerhalb Dormagens, sie sei erst vor zwei Jahren zugezogen, kenne; daß ihr einzig ein kleiner Lebensmittelladen fehle, der türkisches Fladenbrot und Antipasti biete, „etwas zum Schnubbeln“ wie sie es nenne. Mit diesen Hinweisen ausgestattet, machen wir uns zügig auf den Rückweg. Am ChemPark zücken wir in einem Anflug von Verzweiflung doch noch die Kamera, um die Stadt nicht völlig unabgebildet zu verlassen.

rkn_dormagen chemparkEs gibt nichts zu fotografieren in Dormagen

Der Rhein als Skulpturist

skulptur in köln
Vom Rhein bearbeitetem Geröll, das insbesondere im Alpenraum ästhetische Wertschätzung erfährt, indem Anwohner die auf wandernden Kiesbänken vorzufindenden, polierten und geschliffenen, in seltenen Fällen auch gelochten Steine als häufig anzutreffende Haus- und Gartenzierde verwenden, haben wir bereits eine Serie (mit bisher rund 20 Bildartikeln, die teils erstaunliche Funde nachweisen) gewidmet. Seit Millionen Jahren hält die bildhauerische Tätigkeit des Rheins bereits an und wird täglich aufs neue fortgesetzt. Dafür daß der Rhein eines der ältesten und größten Bildhauer-Ateliers des Erdkreises vorstellen dürfte, wird seinem skulpturalen Werk bisher verschwindend geringe Aufmerksamkeit zuteil.

Wie von Menschenhand errichtet wirkt diese vom Fluß  bearbeitete und vorübergehend (ohne feste Datumsangabe) präsentierte Metall-Skulptur am Kölner Ufer. Unser Korrespondent Roland Bergère fand sie vergangene Woche unter beißender Sonne, dokumentierte den Fund und notierte, daß die ästhetische Einordnung vermutlich im weitläufigen Graubereich zwischen den mbulu ngulu (Reliquiarwächterfratzen der Bakota) und kubistischen Ansätzen anzusiedeln sei (“unklar bleibt nach eingehender Prüfung, ob es sich um ein vorderseitiges Antlitz oder ein Profil oder eine Vermengung von beidem handelt”), wobei letzterem die Frage offenbliebe, ob sich die Ausdrucksform stärker an Picasso oder doch eher an experimentellen Techniken Max Ernsts (als Tribut an den aus dem Rheinland stammenden Künstler) orientiere. Desweiteren habe sich der Gedanke aufgedrängt, ob nach Eisen-, Bronze- und Kupferzeit von der Gegenwart als Rostzeit gesprochen werden könnte.

Der Rheinländische Hausfreund spricht mit seinen Landsleuten und Lesern, und wünscht ihnen das neue Jahr (1809)

Eigentlich aber ist nicht viel daran zu wünschen, denn es kommt wieder, wie allemal, von selbst den 31. Dezember 1808, nachts um 12 Uhr, wenn lose Vögel neben dem Durlacher Hofwirtshaus zu Karlsruhe Petarden legen, und fast sehr laut sind, die nicht wissen, daß das neue Jahr kommt wie ein Geist, der nicht gern will beschrieen sein, wenn er soll viel Gutes bringen. Andre Leute aber schlafen im Schütze Gottes und merken nicht viel davon, wenn die zwei großen Schildwachen sich ablösen in der Mitternacht und geben einander Parole, die niemand versteht. Dagegen streckt der Rheinländische Hausfreund seinen Lesern ins neue Jahr hinein, das selber kommt, die Hand entgegen, und wünscht gesunden Leib, gut Gewissen und Zufriedenheit, und sagt, daß er dies Jahr seinen Lesern einen Tag abbrechen muß, nämlich den 29. Februar, weil sonst der Zeug für diesen Monat nicht zureicht, oder aber die Tage zu kurz ausfallen könnten, wenn 29 wollten daraus gemacht werden. Dagegen verspricht er, künftig keine fernen Subtraktionsexempel mehr an der Zeit zu statuieren, sondern alle Jahre 365 Tage ungeschmälert zu liefern, und richtig einzuhalten, bis bessere Zeiten kommen, die wieder einen Schalttag ertragen können, und will von Jahr zu Jahr auf allerlei Lehrreiches zu Spaß und Ernst, auch schöne Figuren ferner bedacht sein, untereinander, wie es in der Welt auch zugeht. Einer lacht, der andere weint. Heute Regen, morgen Sonnenschein, und unaufhörlich läutet hie und da die Glocke, dem einen zur Hochzeit, dem andern ins Grab. Und so will der Rheinländische Hausfreund tun zur Erkenntlichkeit, weil er gesehen und große Freude gehabt, daß sein Kalender schon zum erstenmal und fast an allen Orten ist fleißig gelesen worden, und hat hie und da einer gesagt: „Der meint’s nicht schlimm mit uns”, und hat in einer Erzählung etwas wie ein kleines Goldkörnlein gefunden und nicht verschmäht. Denn der Rheinländische Hausfreund geht fleißig am Rheinstrom auf und ab, schaut zu manchem Fenster hinein, man sieht ihn nicht; sitzt in manchem Wirtshaus, und man kennt ihn nicht; geht mit manchem braven Mann einen Sabbaterweg oder zwei, wie es trifft, und läßt nicht merken, daß er’s ist. Zum Exempel, er hat’s wohl mit angehört und ist dabeigestanden, im letzten Herbst, als die Schwäbin, so ohne Beine auf einem Rößlein in der Welt herumreitet, herwärts der Schorenbruck, zwischen Basel und Haltingen an der Straße saß, und prophezeite einer braven Markgraferin, die von Basel kam und bei ihr stand, viel dummes Zeug, was der Komet bedeute. Die Frau hörte zwar aufmerksam zu, was die Hexe sagte, wird aber hoffentlich nichts geglaubt haben. Denn selbiger Wandelstern mit seinem silbernen Haar hatte nichts mehr zu bedeuten, sondern sollte in Berlin und Polen das große Kriegsunglück und die blutigen Schlachten ankündigen, – kam aber zu spät, wie manchmal ein Feuerreiter, wenn das Häuslein schon verbrannt ist. Denn der Kaiser Napoleon ist so schnell in seinen Unternehmungen und macht so kurzen Prozeß, daß selbst ein Komet nicht geschwind genug zur Sache tun kann, wenn er noch zu rechter Zeit will da sein, und ist dem Hausfreund auch so gangen, hat den preußischen Krieg auch erst angekündet, als er schon vorbei war. Doch wäre dies noch zu verschmerzen, wenn er nur nicht beklagen müßte, daß es mit dem andern Krieg, nämlich wo mit Äpfelküchlein geschossen, und kriegsgefangene Kronentaler eingebracht werden, noch nicht recht hat wollen in Gang kommen. Doch wird’s mit Gottes Hülfe und unserm eigenen Fleiß etwa besser werden von Jahr zu Jahr, und hat schon diesmal nicht überall gefehlt, wo viel guter Wein gewachsen ist Anno eintausendachthundertundsieben, und ein schön Stück Geld daraus gelöst worden. Der Rheinländische Hausfreund weiß auch davon zu sagen, und hat je ein Schöpplein gekauft, oder etwas zu Konstanz im Adler, zu Waldshut im Rebstock, zu Lörrach im goldnen Ochsen (hat nichts gekostet), zu Schopfheim im Pflug, zu Utzenfeld in der Mühle, zu Freiburg im Schwert, zu Offenburg in der Fortuna, zu Kehl im Lamm, zu Ulm bei Lichtenau im Adler, zu Rastatt im Kreuz, zu Durmersheim beim Herr Schlick. In dieser Landschaft ist der Vorfahrer des Hausfreunds sozusagen vogelfrei gewesen, und der Rastatter Hinkende Bot hat allein das Privilegium gehabt, den Leuten die Wahrheit zu erzählen, der arme Teufel auf seinem hölzernen Bein. Jetzt sind der Hausfreund und er rechte gute Freunde und halten friedliche Nachbarschaft, hängen in mancher Stube nebeneinander am nämlichen Nagel, und so sie sich auf der Straße begegnen oder in einer Herberge, reden sie miteinander. Aber den Reutlinger, wenn er ihnen zwischen Licht auf einem Feldweg begegnet, grüßen sie nicht sehr, sondern sagen: „Bleib du in deinem Land, wenn man nicht nach dir schickt, und komm nicht selber, sonst druckt man dir einen Stempfel auf das Brusttuch, so 12 Kreuzer kostet.” – So weit geht der Vorbericht, – und nun setzt der Rheinische Hausfreund die Betrachtungen über das Weltgebäude fort, so man aber auch ordentlich lesen muß, wenn man wissen will, was drin steht. Denn der Nürnberger Trichter ist schon vor dem 7jährigen Krieg zerbrochen.

(Johann Peter Hebel)

Rotterdam (6)

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Pyramidalpeilung: die zentrale Rotterdamansicht ist von den Boompjes, der Straße, die den alten Hafen von der Nieuwe Maas trennt, aufgenommen worden. Im linken Bildmittelgrund Bäume und Häuser der Maasinsel Noordereiland, dahinter ragt der 2013 fertiggestellte Hochhauscluster De Rotterdam von Rem Koolhaas empor. Rechts die Erasmusbrücke und dahinter der brachial-moderne, auf verfallenen Hafenflächen angelegte Stadtteil Kop van Zuid. Bild: Lucas Hüsgen.

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Die belebten, nebeneinander liegenden Brücken von Rotterdam und die stolzen Häusertürme dieser Stadt sind die Torbogen des Rheines vor seinem Ende. Bis an den großen letzten Haken, den der Strom hier schlägt, schimmert die Merwede in dem weit auseinanderklaffenden Tiefland. Schönster Sport in Europa, auf dem dröhnenden Eis dieser klaren, freien Fläche hinzusausen, einen strengen Wind im Rücken, der das Segel des Schlittens wie einen Riß durch die Luft in zwanzig Minuten bis Dordrecht treibt. Auf den Deichen des majestätischen Stromstückes stehen saubere alte Städtchen, Häuser, deren Giebel umgestülpten Kähnen ähnlich sind, Ziegeleien, die chinesischen Dörfern gleichen. Kleine Wasserflächen strahlen als Fabrikhöfe in das Land, in der Ferne kriechen die Raupen windgekrümmter Alleen. Ländliche Kähne, mit Rüben beladen, liegen vor den Aeckern; hohe Schiffsrümpfe, mennigrot, ragen mit ihren schirmartig ausgespannten Gerüsten, im Rappeln der elektrischen Hämmer, hoch über das Baumgebüsch. Gewölbte Scheunen, untersetzte Windmühlen, deren Kreuze leer wie Gräten in die Luft starren, leicht wogende Binsenwälder, Arbeiterkolonien mit leuchtend roten Dächern, mit Alteisen und halbfertigen Schiffen gefüllte Werften, begonnene Uferbauten mit Kippwagenzügen und seichten Wasserflächen hinter dem Weidendickicht. Kleine schwarze Marktdampfer mit ländlichen Reisenden eilen dem von Masten und Türmen starrenden Horizonte zu. Mathematisch gebaute Fabriken, gläserne Dächer, sägenartig abgesetzte Profile neuer Arbeitshallen reihen sich enger, dann ordnen sich die Schlote und das Takelwerk der Seeschiffe zu Bündeln. Die Fensterreihen am Stromufer von Rotterdam schauen zu den Docks hinüber, sie beobachten das Anlegen und Wegfahren der Flußdampfer und der zugedeckten Kähne. Unablässiger Verkehr der Eisenbahnzüge, der Fußgängerscharen und der Lastwagen auf den Brücken und der quer gelenkten Fähren, von denen jede eine Versammlung von Seeleuten, Werftarbeitern, Angestellten, Drehorgelspielern und Hausiererkarren zum Ufer der Docks hinüberträgt. Die verwitterten Rheinboote im Hafen tragen am Heck ihre Heimatorte, die Namen von Heilbronn und Basel, von Antwerpen, Mülheim-Ruhr, Waspik, Homberg, Okriftel, Tiel, Straßburg, Mannheim, Oberwesel. Die Hütten der Holländerkähne sind grün und weiß lackiert wie Hochzeitstruhen oder glänzen dunkelgelb wie neue Möbel. Hundert offene Schiffsgefäße liegen unter den Seilen der Ladebäume vor haushohen, salzüberzogenen Dampferwänden. Aus den steifen Schläuchen, die über die Reling lehnen und in die tiefen Räume der Südamerikadampfer hinunterreichen, strömt das Getreide. Und die geschlossenen Schachteln der Kähne, die der kleine Dampfer stromauf schleppt, bringen den Margarinefabriken des Niederrheins die Palmkerne afrikanischer Wälder, den Schokoladefabriken von Köln und von Bern die mit Kakaobohnen gefüllten Säcke, sie führen Farbholz, Tabak, Kautschuk, Erze, Pflanzenfasern in den unermeßlichen Verbrauch. Aus den Fenstern des hohen Eckhauses am Stromufer schaut der Besucher über den Hafen. Hier oben in den stillen Sälen sind die alten Stadtpläne von Rotterdam mit den spitzen Bastionen an allen Ecken, die Modelle der Kauffahrteischiffe und der Kriegsfregatten, der javanischen Hausboote, der vergoldeten Staatsbarken, der modernen Schleusen, Bagger und Schiffsmaschinen. In diesem Museum sind die heroischen Marinen, die Gallionsfiguren, die Wimpel, alle die beiseitegestellten Dinge, in denen sich die ältere Beziehung Hollands zur See ausdrückt. Und drüben, jenseits des Wassers, hinter den aus Beton gebauten, mit Nummern bemalten Kolonnaden der Dockhöfe und der geschlossenen Speicher erheben sich die nüchtern hohen, ziegelroten Häuserblocks der Arbeiterviertel. Aus der griechischen Herberge “Peiraios”, aus dem Eiscreamgeschäft mit dem amerikanisch bemalten Schaufenster schallt Grammophongesang. Neben der Wirtschaft “Germania” sind die Läden von Hop Jee, Wong Sin und Kow Yun mit verstaubten Fischkonservendosen, mit chinesischen Zigaretten, Oel- und Saucenfläschchen in der Auslage und den gelben, insekthaft beschriebenen Speisezetteln an der Tür. Proletarisch gekleidete Chinesen stehen um das Billard im Kaffeehaus und hinter der Theke des Grünkramhändlers an der Ecke; ein paar rote Blusen und hochblonde Frisuren in der verschwiegenen Opiumluft eines Hausgangs verraten das übrige. Welche Stadt, bedrängt von allen Kräften der Gegenwart, genötigt, dem Problem der großen Verkehrsabwicklungen mit den weitesten Plänen zu begegnen. An den verworrenen, von Lärm erfüllten und altgewordenen Bau ihres Innern schließen sich die Massenquartiere des Randes. Das Wachstum dieser Stadt drängt sich unbestimmbaren Zielen der Weltwirtschaft entgegen, es ist ständig in Gefahr, in ein Chaos zu entgleiten. Der Gegensatz dieser motorischen Stadt zum übrigen Holland verlangt nach Ausgleich. Wie wird sie in zwanzig Jahren aussehen? In jenen Seestädten, die um das europäische Festland den Ring bilden, ist Rotterdam zwischen Hamburg und Antwerpen eine der kräftigsten. Das ganze Rheinland ist hinter ihr. Jede dieser Städte, am Ausgang ihres Hinterlandes gelegen, alle durch die Girlande der Schiffslinien miteinander verbunden, öffnet einem Ausschnitt des europäischen Raumes das Meer. Diese Seestädte strahlen ihre gewölbten Routen zu den Häfen des Erdballes über See. Das Salzwasser trägt alle Lasten leichter, Schiffe machen die Völker auch für andere Dinge bereit, deren Träger die Meerflut ist. Alle diese Städte, Empfänger und Sender in einem, stehen als die vordersten im Zeichen jenes Sehertums, das hinter dem Wettstreit der Volkswirtschaften die Einheit kommen sieht.

(aus Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Leyden

Es ist aber eine schöne, feste, grosse, wohlerbaute und volkreiche Stadt in der Graffschaft Holland, wie auch die Hauptstadt im Rheinland, (*) an dem alten Rheincanal. Ihren Anfang soll sie dem tapfern Römer Druso Germ. zu danken haben, ohngeachtet einige wollen, daß sie Hengst, der Angelsachsen Herzog, im Jahr 450. erbauet habe. Anbey ist sie mehr länglicht, als ganz rund erbauet. Ihre Mauern sind ganz von Ziegelsteinen, aber nicht hoch aufgeführt, darzwischen stehen viele Thürne, hinter welchen man die von Erde aufgeworfene Wälle, imgleichen die breiten tiefen mit Wasser angefüllten Gräben erblikt, welche mit einem Damm umgeben sind, worauf zwey Reihen grosser Bäume stehen, unter welchen zwischen zweyen Canälen ein überaus langes Malliespiel zu sehen ist. Obwohl im übrigen Leyden so ziemlich verwahrt ist, so hat es doch keine regelmäßige Festungswerker.

Ueberhaupt ist dieser Ort ohnstreitig eine der saubersten Städte in Holland, weswegen man ihn auch das Auge der holländischen Städte nennen kan, man mag nun desselben lustige und bequeme Lage, oder die Reinlichkeit der dasigen Gassen und die Schönheit der Gebäude, oder aber die grosse Menge der Einwohner und allerhand daselbst üblicher Künste und Handwerker in Betrachtung ziehen. Es steht auch diese Stadt fast in der Mitten der übrigen Städte. Denn sie liegt drey Meilen von Delft, viere von Harlem, Goude und Rotterdam, sieben von Amsterdam, Dortrecht und Utrecht, nur zweye aber vom Haag. Sie wird von vielen Canälen durchschnitten, so sie in ein und dreyßig Inseln abtheilen, und worauf man an unterschiedenen Orten mit kleinen Schiffen von einer zur andern fahren kan. Es sind dieselben zum wenigsten mit hundert fünf und vierzig Brücken überlegt, worunter bey hundert und vier steinerne sind. Dahero pflegen auch allda die Gassen viel säuberer, als oftmals anderswo die Privathäuser gehalten zu werden. Sie sind anbey mehrentheils lang, und auf beyden Seiten mit grossen Lindenbäumen besezt.

Ausser dem hat Leyden viele prächtige Häuser, so meistens von gebackenen Steinen mit schönen Erkern gebaut sind. Die Sparre, so von Harlem herkomt, fliest mitten durch den Rhein, und die dasige Luft ist anmuthig und leidlich.

Ferner sind allda zu sehen: Die grosse Kirche, zu St. Petri, als eine der vornehmsten und schönsten in Holland, so wohl gewölbt und sehr hell ist. Das Chor hat auf jeder Seite drey Reihen Pfeiler. Man zeigt ein Brod darinnen, welches soll zu Stein worden seyn, und zwar auf den Wunsch einer reichen Frauen, die ihre arme Schwester mit vielen Kindern in einer grossen Theurung, welche sie um ein Brod gebeten, abgewiesen, und gesagt habe: Wenn sie Brod hätte, so wolte sie, daß es zu Stein werde, welches auch geschehen. (…)

Sonderlich aber befindet sich die dasige medicinische Facultät in nicht geringer Aufnahme. Allhier muß ich eine Begebenheit anmerken, welche sich mit dem Prinzen Wilhelm dem III. von Oranien, und einem Bauren von Cattwiek allda begeben hat. Denn als besagter Prinz in seiner Jugend auf dasiger Universität studirte, so lies er sich von gedachtem Bauren für zwey Stüber Krabben geben, und hies ihn nachgehends, als er sein Geld forderte, mit diesen Worten sich fortpaken: Ik betael niet, ik ben de Prins; Worauf dieser dem Prinzen eine Maulschelle gab, er würde ihm auch noch weiter übel begegnet haben, wenn nicht eine gute alte Frau die zwey Stüver aus ihrem Sak hervor gelangt, und sie diesem groben Bauern gegeben hätte.

(*) Das Rheinland ist ein Theil von Südholland, welcher sich ober- und unterhalb Leyden in die Weite zwischen des Rheins beyden Ufern hinstrecket, anbey schön, eben, sehr lustig, und über die Massen fruchtbar ist. In derselben Gegend wird die beste holländische Butter gemacht, sie ist voller schöner Dörfer, welche ihrer Lage und schöner Gebäude wegen manchem Städtgen nichts nachgehen. Die vornehmsten darunter sind Rhinburg, Valkenburg, Caudekerk, Catwik, Nortwik, Sevenhuysen, u.a.m. Es kan sie ein neugieriger Reisender insgesamt in einem Tage ganz gemächlich besehen.

(aus Dielhelm: Rheinischer Antiquarius)

rheinsein in der FAZ

Unter dem Titel Autor, Verleger und Herausgeber sind eine Person geht Elke Heinemann in der FAZ vom 07. Oktober 2015, bezeichnenderweise direkt über der Todesanzeige für Hellmuth Karasek, der Frage nach, was literarische Blogs im deutschsprachigen Raum dieser Tage charakterisiert und welchen Stellenwert sie in der zeitgenössischen Literatur einnehmen und untersucht dabei vornehmlich Blogs, die bei litblogs.net assoziiert sind oder waren: etwa das aufgrund einer Genderfinte vieldiskutierte Werk von Aléa Torik, aber auch Neuzugänge wie Jan Kuhlbrodts Postkultur oder das solitäre, ohne litblogs-Anschluß entstandene Arbeit und Struktur des verstorbenen Wolfgang Herrndorf. Auch rheinsein findet im Artikel kurze Erwähnung: “Rhizomatisch wuchern Literaturblogs nicht nur inner-, sondern auch außerhalb des Internets. Beispielsweise ist http://rheinsein.de des Kölner Lyrikers und Spoken Word-Performers Stan Lafleur mehr als eine kulturgeschichtliche Digitalenzyklopädie des Rheinlands, denn “aus dem rheinsein-Datenpool entstehen zeitgleich wiederum klassische literarische Derivate wie Bücher, Hörspiele, Lesungen, Vorträge, (Hochschul-)Seminare etc.””

Swinburne an Hugo

Above the windy walls that rule the Rhine
A noise of eagles’ wings
And wintry war-time rings,
With roar of ravage trampling corn and vine
And storm of wrathful wassail dashed with song,
And under these the watch of wreakless wrong,
With fire of eyes anhungered; and above
These, the light of the stricken eyes of love,
The faint sweet eyes that follow
The wind-outwinging swallow,
And face athirst with young wan yearning mouth
Turned after toward the unseen all-golden south,
Hopeless to see the birds back ere life wane,
Or the leaves born again;
And still the might and music mastering fate
Of life more strong than death and love than hate.

[...]

But sadder always under shadowier skies,
More pale and sad and clear
Waxed always, drawn more near,
The face of Duty lit with Love’s own eyes;
Till the awful hands that culled in rosier hours
From fairy-footed fields of wild old flowers
And sorcerous woods of Rhineland, green and hoary,
Young children’s chaplets of enchanted story,
The great kind hands that showed
Exile its homeward road,
And, as man’s helper made his foeman God,
Of pity and mercy wrought themselves a rod,
And opened for Napoleon’s wandering kin
France, and bade enter in,
And threw for all the doors of refuge wide,
Took to them lightning in the thunder-tide.

(aus Algernon Swinburne: Birthday Ode for the anniversary festival of Victor Hugo, february 26, 1880)

the green Rhineland where thy spirit wrought

Thou art the eye of this blind body of man,
The tongue of this dumb people; shalt thou not
See, shalt thou speak not for them? Time is wan
And hope is weak with waiting, and swift thought
Hath lost the wings at heel wherewith he ran,
And on the red pit’s edge sits down distraught
To talk with death of days republican
And dreams and fights long since dreamt out and fought;

OF the last hope that drew
To that red edge anew
The firewhite faith of Poland without spot;
Of the blind Russian might,
And fire that is not light;
Of the green Rhineland where thy spirit wrought;
But though time, hope, and memory tire,
Canst thou wax dark as they do, thou whose light is fire?

(Algernon Charles Swinburne, Songs before sunrise : The Eve of revolution, 12)

Zwei Rebläuse auf dem Weg zur Loreley

wenns juckt_2

Die Rheinkulisse, insbesondere der Mittelrheinabschnitt, diente in den 60er und 70er Jahren gleichsam als eigenständiger, die Handlung zusammenhaltende Darsteller in Spielfilmen, die einen Humor pflegten, der seither freiwillig in seinem deutschen Käfig verharrte, und wenn er nicht gestorben ist, noch heute vor sich hinröchelt. Ein Beispiel solch eines monumentalen Humorzombies findet sich derzeit auf Youtube, wo Quirin Steiners Wenn’s juckt wird gejodelt (Alternativtitel: Zwei Rebläuse auf dem Weg zur Loreley) von Zehntausenden abgerufen wird. Das Kinoportal Moviepilot faßt den Plot der mit gelegentlichen Nacktszenen frisierten Heimat- und Sittenkomödie wie folgt zusammen: “Wenn sich zwei trottelige Burschen und ein notgeiler Priester auf den Weg machen, nach den unehelichen Söhnen eines alten Kapitäns zu suchen, kann das nur schief gehen. Wenn sich dann aber zu allem Überdruss noch herausstellt, dass die gesuchten Söhne in Wahrheit Töchter sind, dann kommt’s erst recht zu allerhand Verwicklungen und Reibereien. Eine wilde Fahrt durchs Rheinland beginnt, in der ziemlich viel gekuppelt und geknüppelt wird.” Bayerische Binnenschiffer treffen auf einen rheinischen Doppel-Tünnes und Schäl, eine resolute schwäbische Haushälterin auf strunzdumme Blondinen. Dialektgebrauch, schauspielerische Armut und Maske vorschlaghämmern grob gearbeitete Gags ins Panorama, das sich an einigen Stellen bis heute nicht davon erholt zu haben scheint.

Notizen von unterwegs (2)

Bei Zons. Schimpfender Rheinangler. Hat eine Chinesische Wollhandkrabbe aus dem Fluß gezogen. Verzieht die Miene, belegt das mit den Scheren protestierende Krustentier mit abwertenden Begriffen. Beklagt das Überhandnehmen des Fremdlings, redet sich in Rage, “Eindringling”, “Schädling”, “Freßfeind”, “Vormarsch”. Klingt nach Kriegspropaganda, HoGeSA* und PEGIDA**, tendenziell puristisch Anti-, insgesamt nach überreichlich bekanntem Vokabular. Das ausgerechnet im Rheinland, wo der Toleranzgedanke nach Einschätzung des Rheinländers mit der Muttermilch an die Kinder weitergegeben wird. Toleranzland. Auf Basis des rheinischen Jrundjesetzes. (Und wieder nicht: “Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.” (Artikel 6).) Unterm Strich: Hat sich was mit Tolerieren! Nicht nur beim Angeln. In rheinischen Städten häufen sich Demonstrationen religiös-politisch-herkunftsbezogener Intoleranz. Samt Gegendemonstrationen der Intoleranz-Intoleranten und Toleranz gegenüber Intoleranz-Intoleranten. Fast schon Alltag der Toleranz und Sojamilch einfordernde Laktoseintolerantenterror in unseren Cafés. Nun die neue rheinische Intoleranz gegenüber der Wollhandkrabbe: “Sie ist schon bis zur Obererft vorgedrungen!” Wem die Obererft gehört, gehört Deutschland. Unsere Obererft-Kernkultur.
Die Ablehnung des jeweils Fremden, Befremdenden, selbst im Vertrauten Fremdartigen drückt nichts anderes als das Mißtrauen gegenüber dem Eigenen aus, die Schwierigkeit, den selbst gestellten Ansprüchen zu genügen, das heimliche Wissen ums eigene Scheitern, das zuzugeben den Freitod des Einzelnen in der Gesellschaft markiert, die letztlich aus denselben, sich mißtrauenden Einzelnen besteht, deren Mißtrauen wiederum darin gründet, zu wissen, daß sie ihr Mißtrauen nicht zugeben dürfen. Stattdessen: Weiterschieben des Schwarzen Peters. Nach außen gelebte, offen vorgetragene Toleranz gegenüber der eigenen Position, längst abgehandelt als staatstragende Doppelmoral des Bürgertums.
Die Chinesische Wollhandkrabbe war lange vor den Chinesen in China, einem uralten Kulturvolk, das seit Jahrtausenden mit der Krabbe zu leben versteht. Das sie gekocht oder gedämpft und klaglos bis freudig mit einem Reisessig-Ingwer-Dip verspeist. Was wiederum der Rheinländer (noch) nicht weiß und woran sich seine Toleranzdiskrepanz bezüglich der Wollhandkrabbe bemißt. Was nichts macht. Toleranzdefizite sind immer vorübergehender Natur. Sie verschwinden über Nacht, im Schlaf, dem Tolerantmacher schlechthin, und falls sie anderntags mit ihrem Wirt erwachen und sich erneut berappeln, werden sie eben mit einer Narrenkappe kuriert: am Tag, an dem der Rheinländer dereinst die Verspeisbarkeit des Tiers begreift, wird er’s immer schon gewußt haben.

* Hooligans gegen Salafisten
** Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes

Lorefall

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Am 13. April 1992 bebte nächtens im Rheinland die Erde. Es war seit über 200 Jahren das bei weitem stärkste Beben in der Region. Sein Epizentrum lag unweit Roermond, weswegen das Geschehen als “Erdbeben von Roermond” Eingang in die Geschichtsbücher fand. Das Beben – wir erinnern uns noch gut – erschütterte seinerzeit unzählige Menschen. Die Erschütterung spürten auch die Fotografin Martine Klein, ihre Regale und vor allem ihre Vorstellungskraft. Seither versteht Martine Klein die Welt in erster Linie als tektonisches Abenteuer. Visionen traten in ihr Leben. Von riesigen Platten, die sich unter ihren Füßen verschieben; von Teilen Westeuropas, die spurlos in ozeanischen Weiten verschwinden; von der Umkehrung der Himmelsrichtungen und ganzen Bergen, die wie Ballons durch die Lüfte schweben. Eine ihrer rätselhaften Eingebungen ließ Martine Klein, Mitte der 90er Jahre, die Loreley am Rheinfall badend erblicken. Unmittelbar nach der Vision machte Martine Klein sich auf den Weg. Ausgerüstet mit fünf analogen Kameras fuhr sie zunächst nach Schaffhausen, belichtete ihre fünf Filme (à 36 Bilder) ein erstes Mal mit Ansichten des Rheinfalls, fuhr dann weiter nach St. Goarshausen und belichtete die zurückgespulten Filme unterhalb des berühmten Felsens ein zweites Mal, in der Hoffnung, daß wenigstens auf einem Bild tatsächlich die Loreley, am Rheinfall badend, zu erblicken wäre.

Captain Picard (The Robbers of the Rhine)

For many hundreds of years the valley of the Rhine itself, and the various valleys adjacent, were the haunt of numerous bodies of rapacious and desperate banditti. The rugged, mountainous nature of the country naturally made lawlessness the more easy there, and till so late as the beginning of the nineteenth century these gangs of robbers were a constant menace to the traveller in Rhineland. At the time of the French Revolution, indeed, and for some decades thereafter, the district was literally infested with thieves; for the unsettled state of Europe at this date perforce tended to bring desperadoes from far and near, and for a while the inhabitants of the different villages on the banks of the Rhine endured a veritable reign of terror.

But almost from the outset the brigands realized that they would soon be undone if they grew too numerous. They knew that, in that event, strong military measures would probably be taken against them; so they made every effort to practise that union which is proverbially strength, and to prevent the enlisting in their ranks of anyone likely to prove cowardly or perfidious. In some cases, too, they actually had a well and capably organized system whereby one of their number could escape quickly, if need be, from the scene of his crime; for, like the French prisoners described in Stevenson’s St. Ives, they had a line of sanctuaries extending perhaps into Austria or Italy, the retreat in most instances being an inn whose keeper was sworn to hide and protect his robber guest at all costs. In short, there was honour among these thieves, and even a certain spirit of freemasonry; while, more important still, the captain of a band was very often in league with the few police officials of the neighbourhood.

The great highwaymen of Stuart and Georgian England — for example, that gallant Beau Brocade of whom Mr. Austin Dobson writes — were mostly content with waylaying a chance passer-by; while their contemporaries in France usually worked on this principle also, as witness the deeds of the band who figure in Théophile Gautier’s story Le Capitaine Fracasse. But the robbers of the Rhine were of different mettle from these, and often it was almost a predatory warfare rather than mere brigandage which they carried on. Frequently they had an agent in each of the villages on the river, this agent being usually a member of the scattered remnant of Israel; and the business of this person was to discover a house containing especial wealth, and then to inform the robbers accordingly. Having gleaned the requisite information in this wise, the gang would sally down from the mountains at dead of night; and it was customary, as they drew near to their prey, for the captain to call his henchmen to attention and see that each was ready for the imminent fray. Then, having gagged the village watchman and muffled his bell, they would proceed to surround the house they intended to rifle, and, should resistance be offered, to batter in the door with a log or other instrument. Sometimes it would transpire that the Jewish agent had misinformed them, telling them of booty where booty there was little, and woe betide him should this prove the state of affairs. Moreover, unlike the brigands in Gil Blas, these scoundrels of the Rhine would not be encumbered by prisoners, and they were wont to slay outright all who were minded to show fight.

Yet to their own brotherhood the robbers were invariably loyal, seldom failing to carry away with them such of their confrères as were wounded in the assault; for each was sworn to support his fellows under all circumstances, and awful was the fate of the marauder who violated this compact. It is told of a band commanded by one Picard, a cruel but brave leader, that one of its members chanced to be captured, and with a view to purchasing his freedom he gave information about the whereabouts of his chief. The next night, as the captive lay in his dungeon, a masked face suddenly appeared at the barred window, and in awestruck tones the prisoner asked the new-comer to declare his identity. “I am Picard, your captain,” came the answer. “As in duty bound, I have risked my life to set you free,” and having spoken thus, he proceeded to file through one of the bars, which being accomplished, the reprobate was drawn out of his cell by the aid of a rope. He breathed freely now, finding himself once more among some of his old comrades, but a moment later Picard addressed him again. “Traitor,” he snarled, “do not think that your perfidy has failed to reach our ears; you must pay the full penalty.”

“Mercy,” cried the unfortunate one; “at least let me die in action. Lead on against some foe, and let me fall at their hands.”

“Cowards,” retorted Picard, “deserve no such gallant fate,” and with these words he drove his sword deep into the heart of the traitor.

In general it was a point of honour among these bandits that none should reveal to a woman anything about the doings of his band, and one story relates how a young brigand, on the eve of setting out on his first predatory expedition, was rash enough to inform his sweetheart whither he and his mates were bound. Their commander was a Captain Jikjak, reputed something of a wit; and betimes, after the brigands had marched forward silently for a while, this worthy called upon them to halt. They imagined it was but the usual inspection of arms which was about to take place, but Jikjak, speaking in stentorian tones, told them that a traitor was in their midst, and pointing to the culprit, he bade him step forth. The young man pled his youth as an excuse for his fault, and he told the captain that, could he but get a chance to show his prowess once, they would soon see that he was as gallant a robber as any of them. But Jikjak laughed scornfully, saying he was anxious to find out which was stronger, the young man’s legs or a pair of trees. The culprit quailed on hearing the verdict, and implored a less ghastly fate; but Jikjak was obdurate, and smiling blandly, he bade his followers bend a couple of stout branches to the ground and tie their tops to the ankles of the offender….

Such, then, were the robbers of the Rhine, and such the code of honour which existed among them. A romantic institution they no doubt were, yet it was a form of picturesqueness whose disappearance can scarcely be regretted.

(Lewis Spence, Hero Tales and Legends of the Rhine, London; New York: 1915)