Leuchttürme des Rheins: das Große Delta

Nördlich des Rheinknies windet sich der gewaltige Strom durch ein wildes, fast grenzenloses Delta, bei genauer Betrachtung zieht es sich bis weit hinter den Zusammenfluss mit dem Neckar, wenn sich bald das vereinigte Paar Rhein und Neckar durch die felsigen Klüfte und Abgründe Rheinhessens windet…
Kundige erinnern sich, der geniale Konstrukteur und Ingenieur Tulla habe in der markgräflichen Gewerbeakademie zu Mannheim einen Entwurf erarbeitet, den Fluss nördlich des Rheinknies bis weit hinter die markgräfliche Residenzstadt in ein künstliches Bett zu zwingen, einerseits wegen besserer Beschiffbarkeit, andererseits um weitere Flächen für Bevölkerung, Landwirtschaft, Industrie und allgemeines Gewerbe zu gewinnen – allein, ein unglücklicher Ehrenhändel, der im Tod des genialen Konstrukteurs ausging, habe das kühne Projekt verhindert – bis heute wagte sich niemand mehr an eine derartige Herausforderung…
Ein Weniges hinter dem Rheinknie sitzt der Pralle Hans-Erwin, der erste einer langen Reihe mächtiger Leuchttürme, die, aufgereiht wie eine Perlenschnur, die mäandrierende Fahrrinne ausweisen und sowohl dem Fracht- wie dem Personenschiffer den Weg weisen, im Besonderen zur Nacht, wenn die Orientierung im konfusen Delta sonst praktisch unmöglich –
Das nächste Schifffahrtszeichen ist dem weiblichen Geschlechte gewidmet – die Dulle Greet steht in einer Entfernung, die den Austausch lichttelegraphischer Zeichen ermöglicht, ein weiterer Gewinn neben dem alleinigen Stromverkehre –
Die Leuchttürme sind mit einem auffälligen Gewirr dicker und dickster elektrischer Stränge verbunden, muss doch die Elektrizität im Historischen Kraftwerk zu Rheinfelden-Lauffenburg gewonnen werden und vermittels Überlandleitung an ihren Einsatzort transportiert werden, am Prallen Hans-Erwin wird sie eingespeist und in der Folge von Turm zu Turm weitergereicht.
Stromabwärts reihen sich in sinnfälliger Folge der Fidele Hanspeter; der Lässige Kasper; die Grüne Minna; der Heilige Sei-Bei-Uns; der Helle Gunki; die Fette Metze; der Horige Hudeli; und am Ende der Stromtrasse Fidelia mit den breiten Schenkeln; dort sind wir schon auf Höhe Hardtheims – aber das ist eine andere Geschichte…

(Ein Gastbeitrag und zehnter Teil der Exklusivserie “Leuchttürme des Rheins” von Bdolf. rheinsein dankt!)

Rheinhessens Bevölkerung im Miozän (inkl. Gastauftritt)

Fossilienfunde erzählen von früheren Rheinanwohnern. So lebten am Ur-Rhein, welcher in der heute rheinhessischen Gegend deutlich westlicher verlaufen sein soll, fünf verschiedene Rüsseltierarten, darunter der massive Rheinelefant Deinotherium giganteum (auch: Schreckenstier, Hauerelefant). Bekannteste Fundstelle ist Eppelsheim im Alzeyer Raum, dort wurde auch erstmals ein Knochen des Menschenaffen Paidopithex rhenanus entdeckt. Ein weiterer Menschenaffe, Dryopithecus, trägt in seinem Namen (Eichenwaldaffe) bereits prädeutsche Eigenschaften. Weitere frühe und längst ausgestorbene Uferbewohner waren die löwengroße Säbelzahnkatze Machairodus, das bizarre krallenfüßige Huftier Chalicotherium goldfussi, die Bärenhunde Agnotherium und Amphicyon, die Hyäne Ictitherium, sowie der Katzenbär Simocyon. Gorrh hätte sich in solcher Nachbarschaft (weil sie grob war, ehrlich, direkt und dem Tode geweiht) wohlgefühlt, verstandener gefühlt jedenfalls als in der Postmoderne, doch so unwahrscheinlich das angesichts seiner prähistorischen Eigenschaften klingen mag: Gorrh konnte nur als kollektivvorgestellte Geburt im Medienzeitalter auf die Welt kommen. Daß er sich die terrestrische Geschichte (und wer weiß, vielleicht nicht nur die?) in irrem Tempo rückwärts anverwandelte, daß er die Wandel der vergangenen Jahrmillionen und Abermillionen mittels übermenschlicher Konzentration in seinen Gencode einschrieb, vermag unsere gegenwartsversessene Spezies im besten Fall intellektuell zu fassen, in der Praxis aber nicht umzusetzen. So sagen wir denn auch: Eppelsheim, Alzeyer Raum, Rheinhessen, als wären dort schon immer Eppelsheim, Alzeyer Raum und Rheinhessen gewesen. Gorrh, der Umgebung, also dies Gespinst aus Raum und Zeit, von Grund auf wesentlich flexibler faßt, dem bei jedem Blick die Gegenwart ins Kontraktiv-Extensive zerfließt, dessen Basisspiritualität ihm jedoch nichts als Unverständnis und Ablehnung einbringt, hören wir ein Basisgeheul anstimmen, welches den Rhein bergauf fließen läßt, die Zeiten aufrollt, Städte, Dörfer, Wehrsiedlungen, Sandsteinhöhlen, Baumnester verzwirbelt in einem rachitischen Ton mit Noten von Meteoriteneinschlag, Sonnenverbranntheit, Mondrückseitenkälte und dem Sogknirschen eines Schwarzen Lochs beim sondierenden Hervortänzeln aus dem eigenen materieschweren Nichts.

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE (2)

Den dritten Teil der ARTE-Rheindoku schauen wir zeit- und regionsverlagert, doch immer noch aktuell, in der Nachmittagswiederholung. Regisseur ist nun Klaus Kafitz und Startpunkt das Computerterminal des Mannheimer Hafens, vor dessen Abfertigungsrobotik wir durchs Filmkameraauge einem Architekturfotografen durchs Fotoobjektiv blicken dürfen: schwarzweiß und becherlastig. Schick beschleunigte und abgebremste Luftaufnahmen folgen dem leicht geschwungen eingefaßten Oberrhein vorbei an Worms zur Altrheinschleife Kühkopf-Knoblochsaue, in der Fisch- und Gewässerkundler Egbert Korte elektrokeschernd den Rhein als Black Box bezeichnet. Wir lernen die Weide als abzeichnungs- und flutungsgeeignetsten Baum Mitteleuropas kennen, sowie Treibholz als Transportmedium für Tierarten und Pflanzensamen. Aufscheint die weithin unterkellerte Ex-Metropole Oppenheim, in deren labyrinthischer Stadt unter der Stadt ein Mithrastempelgewölbe erkannt worden sein will. Rheinhessen und der Inselrhein: geraffte Luftaufnahmen. Eintritt ins weltbekannte Weltkulturerbe, dem schwerlich große Neuigkeiten abzuringen sind. Kafitz versuchts mit einer kleinen Flußinsel mit eigener Weinlage bei Bacharach: Winzer Friedrich Bastian ist zugleich Kammersänger, erklärt die Eigenheiten von kleinklimaausgesetztem Inselwein und knödelt uns eins. Der Rheinburgenweg bietet Mittelrheinalpinismus mit Loreleyblick: wie auch in gefühltermaßen drei bis vier weiteren Rheindokus pro Jahr. Reichlich Filmminuten erhält das St. Goarer/St. Goarshauser Rhein in Flammen-Spektakel über dem für eine Armada aus Fahrgastschiffen reservierten Fluß und wir erfahren, daß die lokalen Feuerwerker bei der letzten Musikfeuerwerksmeisterschaft in Kanada auf dem Siegertreppchen landeten. Insgesamt ein wenig inspirierter Filmteilabschnitt.

Rheinsein unterwegs (2)

„Jetzt 79 Kilometer geradeaus fahren“, empfahl der Bordroutenplaner. Es mußte sich um eine fantastische Abkürzung der ursprünglich avisierten Fahrtstrecke handeln. Unsere Kühlerhaube tauchte ein in sanfte Hügel, die vielleicht gar keine waren, so übergangslos wellten sie sich in die herbstgraue, von Fahlheit strotzende Gegend, die aus weitläufigen Feldern grauer Muttererde eintönige Panoramen strickte. Mitten in den Feldern standen schwarze Türme, in der Bauart jenen aus öffentlichen Schwimmbädern sehr ähnlich, nur daß sie lediglich ein einziges Sprungbrett in ca viereinhalb Metern Höhe boten. Für den Bungeesport war das deutlich zuwenig Fallhöhe, für den Wasserspringsport fehlte das Eintauchbecken am Fuße des Turms. Wir vermuteten ergo Stätten archaisch inspirierter Männlichkeitsriten der rheinhessischen Freiwilligen Feuerwehren in neuem Fungewand („Ackerjumping“, “Dunghupfen”, dergleichen), der Sog der Landstraße zog uns gen Süden, und ließ solcherlei Spekulation hinter der Heckscheibe zurück. Jenseits der Äcker deuteten gelegentliche McDonald`s-Minarette kleinere Weiler an, die zwischen dem rundumverglasten Großraumspeisesaal besagter Restaurantkette und dem jeweils gegenüberliegenden Baumarkt zu liegen kamen. Auch wenn die schnurgerade Straße nicht danach aussah, führte sie uns durch jedes dieser aus der täuschenden Autoperspektive so verstreut anmutenden Dörflein. Wir notierten ihre Namen und Besonderheiten, soweit die Eile der Landstraße dies zuließ: Flemmborn (kurzfristige Heimat der Deutschen Weinkönigin 1973), Flümborn (mehrere Tage Heimat der Deutschen Weinkönigin 1982), Flornborn (Heimat der Großdeutschen Weinkönigin 1940, die 1954 rehabilitiert wurde und die Krone ehrenhalber zum zweiten Mal aufgesetzt bekam), Flomborn (hier gab es einmal einen schwer zu erklärenden Vorfall mit einem Schwein, das aus eigenem Antrieb auf die Fleischwaage stieg), Esselborn (für eine Festwoche Heimat der Deutschen Weinkönigin 2005), Esselkessel, Esselkressel (ursprünglich eine britische Siedlung, von der niemand mehr weiß wie sie ins Rheinhessische gelangte), Restel (Heimat der Deutschen Fleischfachverkäuferinnenprinzessin 1999), Würstel (eine Weile lang Heimat der Deutschen Weinkönigin 1961) und Süppel (in dessen aktiver Heimatdialektgemeinschaft die ganzjährig hängenden Ausfahrtsbanner für die Weinfestareale der gesamten Region beschriftet werden: „Kummen gut häm!“). So fuhren wir und fuhren Stunde um Stunde stur geradeaus, sahen all diese Orte und die Windräder drunt in nicht allzufernen, doch unerreichbar scheinenden Senken, die der berühmte Rhein entlang der Autobahn durchfließen mochte, bemerkten wie die Äcker sich dem Himmel mengten in braunem Einheitsgrau und versuchten uns in den Riesling zu versetzen, der auf diesen Fluren zum Gedeih gezwungen uns eine gänzlich neue Perspektive auf sich als traubendes Lebewesen vermittelte. Wir fuhren und fuhren und die Bilder schienen sich zu gleichen, Ortschaften mit uns bekannt vorkommenden Namen wie Oberflomborn, Hinterflemmborn oder Westesselkressel zeigten uns ihre schönsten Rückseiten, dieweil wir sie, von der unerbittlichen Landstraße getrieben, der Länge nach in gradem Strich durchquerten. „Diese ganze Strecke muß man zu Fuß machen, nicht mit dem Auto“, ging es uns durch den Sinn, „ihre Schönheiten bekommt man vom Fahrzeug aus doch garnicht zu sehen und auch nicht bei den kurzen, Fischmords Limonadenkonsum verdankten Pausen am Landstraßenrand, wo der Wind so kräftig pustet, als stünde hier noch irgendwas, das er umblasen könnte.“ Wir mußten wohl eingenickt sein. Denn wir erwachten. Von Gepolter. „Was ist das?“ Reusch: „Kartoffeln.“ Tatsächlich: aus dem rückwärtigen Seitenfenster ließen sich vereinzelt dichtfliegende Kartoffelschwärme erblicken. Fischmord: „Wir haben es geschafft, wir sind raus aus Rheinhessen, wir haben eben die Pfälzer Grenze gequert.“ Die Straße war zwar noch dieselbe, hieß nun aber offiziell Deutsche Weinstraße. Von Kartoffelschwärmen eskortiert glitten wir mitten in die einsetzende Dunkelheit.

Rheinsein unterwegs

Nach langen Jahren mal wieder die weltkulturelle Mittelrheinstrecke auf der Autobahn angegangen, doch lange: sollte dieser Genuß nicht währen. Die Autobahn hatte sich über zahlreiche omnivore Sommer und Winter wenig verändert, wollte uns scheinen – dann aber urplötzlich offenbar doch: „Bei Gonsenheim ist die Fahrbahn abgesackt“, meldete lakonisch der Verkehrsfunk. Keine weiteren Hinweise auf die technischen Strukturen, noch erwägenswerte Bedeutung/Auswirkungen eines solchen Ereignisses. Hitlers langer Atem, schoß es uns – unsinnig, das geben wir freimütig zu – durch den Sinn, der, von bärtigen Autobahnwitzen vernebelt, nach Halt, Hoffnung und, so widersprüchlich und zugleich sympathisch wie das bisher vorhandene menschliche Sein: nach Ankommen strebte. Wir befanden uns kurz vor Gonsenheim. Mußten aber weiter nach Karlsruhe. Wir: das waren der Kabarettist Stefan Reusch, bekannt für den nach ihm benannten Reusch`schen Dreher, ein eigenartiges, seltenes, hauptsächlich von Reusch selbst gepflegtes Sprachfänomen, das derzeit in den USA linguistisch erforscht wird, der Kabarettist Ismael Fischmord, bekannt für seinen Namen, den er sich gemacht hat, sowie unsere stets lyrisch gestimmte Wenigkeit. Der Bordroutenplaner riet zur Umgehung Richtung Alzey. „Alzey, Alzey, das ist doch noch ein Stückchen…“ – warnte unser rheinisch-geografisches Hintergrundwissen. Und: „Eine Fahrbahnabsackung – was sollte das im engeren Sinn vorstellen? Das Land geht zugrunde/“sackt wortwörtlich ab“ und schreit nach literarisch gebildeten Zeitzeugen, die…“ Reusch: „Das ist ein Loch…“, Fischmord: „…in das die ganzen Autos nach und nach hineinkippen…“, Reusch: „…wir nehmen die Abfahrt, basta!“ Die beiden bilden ein eingespieltes Team, bekannt für seine abstrusen, kaum erforschlichen Gedankengänge: Die Ableser. Bisweilen nehmen sie, ihrer altruistischen Art gemäß, in bewährt humanistisch-liberaler Sprungbrettmanier (auf Sprungbretter wird noch präziser zu kommen sein) zu ihren Auftritten unbekannte Gastautoren mit, die kurze Zeit später einigermaßen bis ziemlich groß herauskommen: Guy Helminger, Richard David Precht, etc… (lauter edle, mehr oder minder den universellen wundervollen Kraftsäften der Lyrik zugetane Zeitgenossen jedenfalls). Gesagt, getan: die Abfahrt war genommen, zwar stand uns von Sensationslust grundiertes Aufmucken im Sinn, wurde auch formuliert: „So eine Absackung, die solltet auch ihr, die ihr vieles schon gesehen habt, mal gesehen haben – wie oft im Leben ergibt sich eine solche Chance?: eine veritable Autobahnabsackung, das ist bestimmt was ganz anderes als die Geschichte mit dem Kölner Stadtarchiv, es wird dort auch kaum nach Geothermie gebohrt worden sein wie in Staufen, hört mal, wir könnten ja ganz vorsichtig da ranfahren, wir müssen ja nichts riskieren!“ – allein: „Zu spät“, kam es höhnisch-zufrieden von den Vordersitzen. (An dieser Stelle erfährt die ohnehin wirre Erzählung einen kaum zu kittenden Bruch, denn:) Wir enterten Rheinhessen: McDonald`s-Minarette kündetens, eine ansonsten bis auf gelegentliche Baumärkte leergefegte Landschaft bestätigte es. Rheinhessen! Rheinsein bislang unbekanntes, unbedingt jedoch noch zu erforschendes Terrain! Unser Herz klopfte, wenn schon nicht bis zum Anschlag, so doch in freudiger Entdeckenslaune. Und Fischmords Konsum amerikanischer Erfrischungsgetränke versprach den ein oder anderen Halt zwecks kontemplativer Einsichtnahme in die rheinhessische Region und Kultur vom Landstraßenrand! Welch selten betretene Gegend! Die lockende Gonsenheimer Fahrbahnabsackung war so gut wie vergessen.