Taubergießen

Die verlängerte Rheinhausen-Niederhausener Rheinstraße führt schließlich in den Naturpark Taubergießen, den sie asfaltiert quert, bis an den alten Rhein. Gießen (poetischer: Blauwasser) und schmale Kehlen schießen und rauschen bereits nach wenigen Schritten durch den Wald. Im Sommer bleiben sie empfindlich kühl, im Winter frieren sie niemals zu. Taub heißen sie aufgrund ihrer Nährstoffarmut. Auf Schildern werden der Hummel-Ragwurz, der Pirol (mal wieder ausgefallen) und die Gebänderte Prachtlibelle angekündigt, letztere rast wie ferngesteuert und völlig unpolitisch durch waldgestaltete Lichtfetzen, das Schillern hat sie drauf wie kaum ein andres deutsches Tier. Badischer Amazonas wird der Streifen auch genannt – und genau wie beim großen Vorbild schlagen Bagger- und Planierarbeiten eine gewaltige Schneise durch dies einmalige Naturschutzgebiet, als würde ein exemplarisches Stück Autobahn in das letzte Stück Vollnatur gelegt. Schilder am Wegrand untersagen das Belästigen und Entnehmen von Tieren; Baulärm und schweres Gerät sind davon offenbar ausgenommen. Auf anderen, der Verwitterung preisfallenden Schildern am Wegrand bedankt sich das Großwild mit paargereimten Gebetsversen für solcherlei menschliche Rücksichtnahme. Tiefer im Taubergießen schießen touristenbefüllte Stochernachen die Schnellen abwärts. Das Wasser mischt sich dem Blätterrauschen, Lichtfestspiele aus Sonne, Schatten und Blattwerk, verbotene Trampelpfade enden auf zaubrischen, libellös betanzten Lichtungen oder in beunruhigenden Matschlöchern, sexy mittelfingergroße und eindeutig Barbiepuppen nachempfundene Feen im Unterholz, gejagt von lianenbehangenen Bannwaldzwergen. Backenblähende Powerfrösche, selbstbezüngelnde Schlängler, Nachtwulwen, der Nierenfleck, die Normglucke, der Zünsler im erregenden Bärlauchduft unter kleinen, aus Babyschaum und Gießentropfen errichteten Regenbögen in Blühpflanzen und Farn. Seltsam echsende, salamandrierende Geschöpfe, dem ewigen, teilkultivierten Fortpflanzungsdrang anheimgefallen. Wird natürlich alles fotografiert und gefilmt. Nach zwei drei Kilometern ist dieser Amazonas gequert, nicht nur von mir, auch von zahlreichen Elektrorollstuhlpiloten. Haubentaucher und Kormorane im Rhein, der über eine hübsche Wassertreppe gleitet. Ja, die Natur posiert: Schwarzwürmer, die sich am Wegrand selbst als feuchten Kot hinterlassen. Metamorfosis und Selbstaufgabe – gottgewollt oder sonstwie erklärbar? Am Rheindamm hat der Bundesnachrichtendienst als Wildgräser getarnte Seelentaster angebracht, Sensoren, mithilfe derer die Gemütsverfassung des Volkes anbetrachts schönster deutscher Schönheit festgestellt, man könnte auch sagen: ausspioniert werden soll. Die aufgenommenen Seelenregungen werden hinter dicken unterirdischen Gemäuern von den neuesten Lyrikprogrammen in antike Versmaße übertragen.

Rheinhausen-Niederhausen

Rheinhausen-Niederhausen wird von der nahegelegenen Metropole Herbolzheim per Bus bedient und liegt wenige Kilometer unterhalb Rheinhausen-Oberhausen, mit dem es zu Zeiten der Gebietsreform zu Gesamt-Groß-Rheinhausen fusionierte. In der Ortsmitte drei betreute, das Klappern übende Störche im großen Nest auf dem Wehr/Ehr-bereimten Spritzenhaus. „Auf dem fruchtbaren Lößboden zwischen den Ortsteilen Ober- und Niederhausen im Gewann Rebbürgerfeld waren bereits vor rund 7000 Jahren Menschen sesshaft, die von Ackerbau und Fischfang lebten. Die Rebbürgerfeldleute zählen zu den ersten Bauern, die in Mitteleuropa archäologisch nachzuweisen sind.“ (Wikipedia). Störche, denk ich, wo Störche sind, sind auch Kröten. Wie in einem langsamen 50er-Jahre-Western windet sich die Hauptstraße durch Niederhausen. Es gibt viele Hinweisschilder auf Schnapsbrenner, Gasthäuser, Nachbarorte und den allgegenwärtigen Europapark Rust, aber keins auf den Naturpark Taubergießen. Bei der Suche helfen zwei freundliche alemannische Hutzelweiblein, die noch in direkter Linie von den Rebbürgerfeldleuten abstammen mögen, unter deren Kopftüchern sich aus dem Beerengestrüpp knorrige, über die Jahrhunderte gewachsene Larven abzeichnen und die mit ihren Handsicheln längst in Vergessenheit geratene Kräuter und Unkräuter, Büsche und Unbüsche schneiden, um aus Stengeln, Blättern, Blüten wahnsinnige Tinkturen zu seihen, garen, pressen. Der Taubergießen, jaaa-h, klingt erst leise als Begriff ihrer fernen Jugendzeit an, dann wächst die Erinnerung, ha, dort beim Gasthaus „Hirschen“ links und dann immer geradeaus, soweit die Füße tragen. Oder die in der Gegend sehr beliebten Elektrorollstühle. Bilderstöckle hier, Bilderstöckle da. Am Waldrand tarnt die geheime, als Ionosfereninstitut getarnte, vom Bundesnachrichtendienst betriebene Abhöranlage zur Satellitenaufklärung ihre Radome als Riesen-Champignons. Dahinter rauschts wie Gießen oder wie etwas anderes, höchstwahrscheinlich aber wie Gießen.