Presserückschau (März 2014)

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Im Gernsbacher Ortsteil Hilpertsau, berichten die Badischen Neuesten Nachrichten, ist ein Flaschenpostbriefkasten am Murgufer in Betrieb genommen worden. Der gelbe Postkasten ist den üblichen Postbriefkästen nachempfunden. Neben dem Einwurf besitzt er einen Auswurf. Durch ihn wird die Flaschenpost über eine Röhrenrutsche direkt der Murg übergeben, von der sie fließend weiterbearbeitet wird.

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Die älteste noch existierende Dampflok Deutschlands soll sich auf dem Rheingrund verbergen, berichtet das Magazin Focus: “Eisenbahnfreunde wollen sich im Rhein nahe Germersheim auf eine besonders schwere Schatzsuche begeben: Sie vermuten dort eine im Schlick versunkene Dampflok, die vor mehr als 160 Jahren von einem Schiff aus in den Fluss fiel. (…) Das 1852 in einer Lokomotivfabrik in Karlsruhe gebaute Stahlross sollte (…) auf einem Segler zum Kunden nach Düsseldorf überführt werden. Bei einem heftigen Sturm rund 30 Kilometer nördlich von Karlsruhe seien die Halterungen an Deck gerissen und die nagelneue Lok in den Rhein gekracht.”

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Daß der Rhein tödlich sein kann, erweist sich jedes Jahr mehrere Dutzende Male aufs Neue. Ein besonders tragischer Fall ereignete sich diesen Monat in Köln-Stammheim. Zwei Schwestern im Alter von sechs und zehn Jahren gerieten beim Spielen in den Rhein: “Aus bislang ungeklärter Ursache ist die Sechsjährige ins Wasser gefallen. Zunächst soll die größere Schwester erfolglos versucht haben, das Mädchen zu retten. Beide Schwestern trieben daraufhin im Rhein. Unter den Passanten, die die dramatische Szenerie beobachtet hatten, war auch ein Jogger, der sofort zu den Kindern ins Wasser gesprungen sein soll. Zunächst soll er beide Mädchen ans Ufer gerettet haben. Dabei wurde er selbst von der Strömung mitgerissen und ist abgetrieben.” (Kölner Stadt-Anzeiger). Bei dem “Jogger” handelt es sich laut BILD um den Anwohner Ali Kurt, einen Lageristen. Der heldenhafte Retter blieb seither im Rhein verschwunden. Die jüngere der beiden Schwestern konnte am Ufer zunächst wiederbelebt werden, starb jedoch kurz darauf. Die ältere Schwester überlebte. Die Familie des versunkenen Retters organisierte nach dem Vorfall eine großangelegte, bis in die Niederlande reichende Suchaktion, bei der gleich zwei Rheinleichen entdeckt wurden: “In Höhe der Zoobrücke haben Taucher der Feuerwehr tatsächlich eine Leiche an Land gezogen. Passanten hatten den Körper etwa 200 Meter nördlich der Bastei am linken Rheinufer im Wasser treiben sehen. Laut Polizei handelt es sich aber nicht um Ali Kurt, sondern vermutlich um einen jungen Mann. Seine Familie in Stuttgart hatte ihn als vermisst gemeldet, er sei nach Köln gereist und hätte Suizidabsichten geäußert. Aber noch einmal keimt kurz Hoffnung bei den Suchteams auf: Denn auch in Wesel wird eine Leiche aus dem Rhein gezogen – es ist ein älterer Mann, wieder nicht Ali Kurt.” (Kölner Stadt-Anzeiger) Zwei Wochen nach dem Vorfall tauchte die Leiche des Retters auf: “Wie die Kölner Polizei (…) bestätigte, wurde die Leiche des dreifachen Familienvaters (…) an der Reeser Schanz, nahe Kalkar im Rhein entdeckt. Die Identifikation war schwierig. Die Leiche war in eine Schiffsschraube geraten.” (Rheinische Post)

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Die Sauberkeit des Rheins korrespondiert mit den Einleitungen der chemischen Industrie. In den Achtzigern hieß es: “Gehst du bei Ludwigshafen im Rhein schwimmen, kommst du mit Fotos auf der Haut wieder raus.” Heute wird vor dem Schwimmen im Rhein vor allem wegen seiner Strömungen und des Schiffsverkehrs gewarnt. Doch gelangen immer wieder ungeklärte Chemikalien in den Fluß: “Bei einer Panne im BASF-Werk Ludwigshafen sind (…) etwa zwei Tonnen einer reizend wirkenden Chemikalie in den Rhein geflossen. Der Stoff mit dem Namen N-Methyldiethanolamin könne laut Sicherheitsdatenblatt schwere Augenreizungen verursachen, teilte der Chemiekonzern mit. Er gelte aber als schwach wassergefährdend und könne biologisch gut abgebaut werden. Für die Bevölkerung bestand nach Angaben einer Sprecherin keine Gefahr.” (Rhein-Neckar Fernsehen)

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Der Rhein-Herne-Kanal wird 100 Jahre alt. Im Westen werfen die Feierlichkeiten bereits ihre Schatten auf die Schleusen, schreibt die WAZ: “Nachdem 1914 der Rhein-Herne-Kanal kriegsbedingt schon ohne Kaiser eröffnet werden musste, hofft man nun zum Auftakt der 100-Jahr-Feierlichkeiten auf Kaiserwetter. Am (…) 27. April soll es losgehen, mit einer großen Schiffsparade. Fünf Monate später beschließt der „Day of Song“ die zahlreichen Jubiläumsfestivitäten, an denen sich zehn Kommunen, der Regionalverband Ruhr (RVR) und ihre Partner beteiligen. Sie hatten am Montag ihre Vertreter zur Schleuse Gelsenkirchen geschickt, wo sich am Eröffnungstag um 13 Uhr zahlreiche Schiffe versammeln. Auch die „Friedrich der Große“ mit Kapitän Bleich ist dabei. Sie startet um 11 Uhr am Stadthafen in Recklinghausen-Süd, jenseits der Herner Stadtgrenze.”

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Die Rheinfischergenossenschaft in Nordrhein-Westfalen verzeichnet auf ihrer Website zwei Störfänge seit Jahresbeginn: “Am 23.02.2014 hat der Rheinangler Tim Weihmann bei Rheinfeld einen rd. 50 cm großen Stör-artigen Fisch gefangen. Der Fisch biss am Nachmittag auf einen großen Tauwurm und konnte unverletzt wieder freigelassen werden. (…) Am 17.03.2014 meldete der Rheinangler Frank Grätz den Fang eines rd. 90 cm langen Störes aus dem Rhein bei Wesseling. Der Fisch hatte bemerkenswerterweise auf Käse gebissen. (…)”

Experimentelles Rheinradeln

Aus den Augen lauernder Hornschafe, die an den Düsselschnellen weideten, entronnen, ausgelaufen, Fahrt aufgenommen: die Blicke streiften Brombeerhecken, gelbe (sowie als Zwetschgen getarnte) Mirabellen, schwarze Holderbeeren, rispenweise schlaff in die Luft getunkt; so fuhren wir ein Rennen gegen den Straßenverlauf, der jedoch im Vorteil war, da er jederzeit durch seine eigenen Schlaglöcher abtauchen (und wieder auftauchen) konnte. Als wir auf Höhe der Waschmittelwerke zum Fluß durchbrachen, hatten wir bereits die Sonne verloren. Zur Sicherheit trugen wir eine weitere als 50 Cent-Münze auf dem Herzen: ein allzeitbereites Ja/Nein-Orakel von symbolischer Rundheit und mit angemessenem Nennwert. Rechts und links der Straße standen schwammbewachsene Pappelruinen und gaben exotisch wirkende Skulpturen zwischen Berlepsch, Berlepsch, Berlepsch. Die Fähre nach Zons konnte im Zeitraffer aufgefädelt werden, dh, an einen Faden gelegt, mithilfe dessen (und mittels einigen Geschicks) sie sich in irrem Tempo abspulen ließ. Dutzende Male ließen wir das Gefährt hin- und herswitchen, bis ein kolossales Dieselroß unter Schnauben und Gasen das Spiel beendete. Wir setzten über, riefen den Regen herbei, Höhe Rheinfeld bereits traf er ein. Erst tröpfelte er, entschloß sich dann zu sprühen, am Schluß formierte er sich zu hochwirksamen Güssen. Das Wasser stieg, das Radeln bekam Nuancen von Schwerelosigkeit, auf dem patxaranfarbenen Fluß krochen schneckengleich die Tanker. Kaninchenfische kamen uns schwarmweise entgegen, zwischen ihren Vorderzähnen formten sie niedliche Luftblasen, das langgezogene I eines Bussardhechtes schwang über die Algenwiesen. Unter Wasser schien es weiter zu regnen. Die Natur verlangte nach expliziter Darstellung. Um die von Wogenwürfen exzentrisch verzerrte Mülldeponie wuchsen und wucherten sie: Wolliges Honiggras, Weiches Honiggras, Stinkender Storchenschnabel, Gemeiner Reittierschnabel, Acker-Vergißmeinnicht, Hügel-Vergißmeinnicht, Kleinblättrige Nachtkerze, Geharnischtes Ferkelkraut, Volltrauerblume, Echtes Labkraut, Wiesen-Storchenschnabel, Mauer-Fellmutterblume, Mittlerer Wegerich, Marxistischer Wegerich, Schmalblättriger Wegerich, Einjähriges Rispengras, Schmierenhafer, Wiesen-Rispengras, Espe/Zitterpappel (zitterte! zitterte!), Schwermütiges Weidenröschen, Kriechendes Fingerkraut, Vogelkirsche, Schielter, Späte spröde Traubenkirsche, Apfel-Rose, Geteilter Wahn, Gelber Wahn, Mauerwahn, Fischmiere, Faultraum, Gewöhnliches Pfaffenhütchen, Liguster, Echte Kamille, Fleischweide, Rote Heckenkirsche, Feld-Heimhimse, Weiße Lichtnelke, Wald-Nabelmiere, Kleines Habichtskraut, Witwenblume, Schäfchenriegel, Schafschwingel, Zypressen-Wolfsmilch, Gesamtheitlicher Natternkopf, Kugel-Distel, Dreierlei, Kleine Wetterblume, Feld-Ahorn, Schafgarbe, Berg-Ahorn, Gewöhnliche Ochsenzunge, Wohlriechendes Fluchtgrün, Acker-Schafknöttel, Kopf-Binse, Kleine Wasserlinse, Geißfuß/Giersch, Rotes Straußgras, Gemeine Quecke, Schwarz-Erle, Gewöhnliche Felsenbirne, Quendelblättriges Sandkraut, Acker-Schmalwand, Wiesenkerbel, Dreizahn, Knoblauchs-Rauke, Weinbergs-Lauch, Heilige Birke, Weiche Trespe, Taube Trespe, Schwarz-Nessel, Wiesenflockenblume, Hain-Buche, Kanadischer Katzenschweif (schweifte! schweifte!), Sand-Hornkraut, Gemeiner Rheinfarn, Schlehe, Haselnuß, Ergriffener Weißdorn, Weißer Hartriegel, Roter Hartriegel, Fingierter Hartriegel, Männlicher Wurmfarn, Gewebter Dornfarn, Sal-Weide, Wünschel-Weide, Korb-Weide, Bruch-Weide, Purpur-Weide, Wasser-Schwertlilie, Kleiner Sauerampfer, Häschenmoos, Kriechender Hahnenfuß, Niederfliegendes Marderkraut, Kleiner Vogelfluß, Klebriges Labkraut, Wegwarte, Sicherheitsriegel, Knabenbinse, Stumpfblättriger Ampfer, Geschlingelte Schmiele, Gemeiner Heutropfen, Zaungiersch, Kraftbeere, Weiße Taubnessel, Große Brennessel, Springkraut, Geflügeltes Johanniskraut: Flora der Heimat! Der Wassergeruch, getüncht mit Blütengrüßen, vermittelte Gefahr, als ein heißer Strahl flüssiger Elektrizität aus den Wolken herabschoß: der eigentlich stabile Rahmen unseres Rades zerschmolz getroffen innert eines Lidschlags zu einem Klumpen mit überraschenden Rundungen. Donner grollte wie Möpse atmen. Es kam jetzt noch dicker. Irgendwer hatte weitflächig den Himmel eingeschwärzt. Die Leuchttiere waren in Deckung gegangen, aber das Gewitter lockte ungeheure Insekten hervor, Würmer mit Flügeln, Flossen und Stacheln und diese Viecher suchten den Dialog. Wir gingen tief in uns, so tief, daß niemand uns mehr folgen konnte. Höhe Merkenich traten wir triefend wieder hervor: die Feuerwehr war gerade dabei, die Keller leerzupumpen.