Unkel (2)

unkel_willy brandt gedenktafelPetrifizierter Bundeskanzler (Holozän)

Von Unkel war uns bis dato hauptsächlich bekannt, daß Willy Brandt (auf dessen Spuren wir uns für rheinsein gelegentlich begeben) (1) dort seinen letzten Wohnsitz nahm. Wir erreichten das Städtchen, dessen Name nach einer märchenhaften Mischung aus Unke und Onkel klingt, von Rheinbreitbach kommend über den lauschigen Fußpfad entlang des Flußufers, der in Unkel in ummauerte Parkanlagen und die lokale Rheinpromenade mündet. Kurz vor Erreichen Unkels fielen zahlreiche wild an Bäume und Pfähle geklebte Fahndungszettel ins Auge, die ohne nähere Begründung zu Informationen über eine durchschnittlich aussehende, durchschnittlich alte Frau mit normal aussehendem Schäferhund aufriefen, die einen Tag zuvor am Rheinufer erblickt worden sein soll. Auf Unkeler Gebiet wurden die sauber angefertigten, privaten Denunziationsaufrufe ergänzt um städtische Schilder voller Eigenlob für die Um- und Weitsicht der Lokalpolitik. Auf der Unkeler Promenade fand gerade ein Kunst-Handwerk-Design-Markt statt, stark bevölkert von durchschnittlich aussehenden Frauen durchschnittlichen Alters. Die Promenade, mithin die schönste Passage Unkels, ist, das war auffällig, nicht nach Willy Brandt benannt, sondern nach Konrad Adenauer, der während der NS-Herrschaft ebenfalls für einige Monate in Unkel wohnte. Eine Willy-Brandt-Straße fanden wir in Unkel nicht, wohl aber ein Willy-Brandt-Forum, eine Willy-Brandt-Gedenktafel vor dem Rathaus und den Beethoven-Freiligrath-Brandt-Brunnen mit Bronzeschädeln der genannten, wobei Beethoven für Universalität, Freiligrath (2) für Freiheit und Brandt für Frieden einstünde. Ein wenig Fachwerk, gelecktes Pflaster, Petunien auf den Fensterborden und die Speisekarten der Gastronomie vermittelten den schnellen Gesamteindruck, daß Unkel mit seiner gepflegten Kulisse, dem Von-allem-nicht-zuviel-und-nicht-zu-wenig, dem zeitnah aktualisierten, in gedeckten Farben transportierten Geschmack eine ganz feine Nuance oberhalb des Massengeschmacks womöglich ein in der Brigitte-Redaktion entworfenes Städtchen vorstellen könnte, eine von störender Individualität (3) und Gegenwart befreite Gesamtfassade für einen perfekten Tag neutralen Glücks, am besten abgerundet mit dem Genuß einer Raffaello-Kugel. Als Ort, den man gesehen haben, an dem man gewesen sein muß, wurde Unkel noch in den Jugendjahren unserer Eltern bezeichnet – womöglich die letzte Generation mit dieser Einstellung.
unkel_gefängnisturm Laminierte Zeichnung am Gittertor des historischen Gefängnisturms, der in den Sommermonaten alle zwei Wochen für zwei Stunden zur Besichtigung geöffnet wird

(1) “In Unkel, wo Anfang der fünfziger Jahre Rotbäckchen, der erste Kinderfruchtsaft der Nation, erfunden wurde und bis heute weit über das Rheinland hinaus getrunken wird, hatte Willy Brandt am Rheinufer sein Häuschen. “Unkel Willy”, so nannte man Brandt am Ende seines Lebens.” (Gisbert Baltes: Rheinland, Hamburg 2012)
(2) “Fahr am Rheine auf und nieder / geh’ zu Fuße kreuz und quer; ein Unkel findest du nicht wieder – / ein solches Plätzchen gibt´s nicht mehr.” (Freiligrath)
(3) Affirmative Individualität: Beim Kleen, ehemals guinessbuchoffiziell kleinste Kneipe der Welt

Rheinbreitbach

rheinbreitbach_ortsschildDer Rhein ein breiter Bach? Nein, noch simpler: Rheinbreitbach verdankt seinen Namen dem Zusammenfluß von Rhein und Breitbach. Wir erreichten den kleinen Ort von Norden kommend zu Fuß, indem wir über einen Kreisverkehr mit einer durchlässigen, den Blick auf Industriegebiet und Siebengebirge freigebenden
rheinbreitbach_siebengebirge Siebengebirgsskulptur das Industriegebiet erreichten, welches den Eindruck erweckte, den Löwenanteil Rheinbreitbachs abzudecken und dessen Zaunschilder den fremden Wanderer vor “explosionsfähiger Atmosphäre” warnten. Hinterm Industriegebiet gerieten wir in eine Wohnsiedlung im tiefen Mittagsschlaf. Kurz bevor wir anbetrachts solch lidverschlußfähiger Atmosfäre einnickten, erblickten wir einen betagten einheimischen Herrn am Stock, in der kräftigen freien Hand einen Bierkasten schleppend, sich beharrlich über die Straße kämpfen. Nach Fortkommensalternativen befragt, antwortete unser Mann verschleppter Zunge in etwa, daß man von Rheinbreitbach aus schon überall hinkäme, wobei er häufiger “die Bej” erwähnte, die unverkennbar die Umgebung und ihre Fluchtwege dominierende Bundesstraße 42. Gegen den Rhein zu dünnte sich Rheinbreitbach denn sehr flugs aus und verschwand, um sich direkt am Ufer als riesiger, völlig entvölkerter Biergarten Rhein Air und übersichtliche, menschenleere Strandwiese mit Blick auf Rolandsbogen und Drachenfels in beinahe vollkommener Form erneut zu manifestieren. Ein von Vogelgezwitscher gesäumter Fußpfad führte von dort weiter auf Unkel zu durchs Grüne, linkerhand Gärten, rechterhand das leicht abschüssige, von Pappeln, Weiden und Gesträuch überwachsene, mehr oder minder verwunschene Gras-Sandufer, in dessen Bereich sich einer der letzten rund 70 Myriametersteine am Rhein finden läßt, sowie diese View I betitelte, funktionale und insbesondere bei Vögeln beliebte Skulptur von Klaus Hann aus dem Jahr 2009: