Zwei Türken im Rhein

Ein Zeitungsausschnitt vom 6. Dezember 1968 („Mannheimer Morgen“) befasst sich mit den Gehirnkrankheiten des Alters, was an Papa denken lässt, während auf der Rückseite über den tragischen Tod zweier türkischer Gastarbeiter berichtet wird, die mit ihrem Opel Rekord (…) in den Mannheimer Rheinau-Hafen gestürzt waren.
“Ein übereifriger Maulwurf führte rein zufällig auf die Spur der Türken. Am Mittwochmittag ärgerte sich der Prokurist der Firma Peiner Stahlhandel, Hans Schwarz, über einen rasch wachsenden Erdhaufen auf der grünen Rasenrabatte nahe zum Hafenbecken IV. Schwarz gab Anweisung den Maulwurf zu fangen und besah sich dabei den Rasen näher. Plötzlich fielen ihm die Spuren auf, die schnurgerade über die Kaimauer ins Leere führten.“

(Mit freundlicher Genehmigung des Autors aus Billy Hutter: Karlheinz, Metrolit-Verlag, Berlin 2015, 224 Seiten, 14,6 x 22 cm, gebunden, 25 Euro)

Von täuschenden Brückenbögen und wahren Standpunkten

Schaffhausen. Wirthshäuser: Krone. Schiff. Sehenswerth die Brücke über den Rhein, die von Hans Ulrich Grubenmann von Tüffen aus dem Kanton Appenzell in drey Jahren verfertigt wurde, während sein Bruder Iohann die zu Reichenau in Graubündten 240. Fuss lang in Einem Bogen baute. Die Schaffhauser Brücke ist ein Häng- oder Sprengwerk, 364. englische Fuss lang. Ulrich und Iohann Grubenmann behaupteten, diese Brücke stehe nicht auf dem Pfeiler; in einigen Reisebeschreibungen wird das Gegentheil gesagt. Viele Männer aus Schaffhausen, die stete Augenzeugen waren, haben mir versichert, dass die Brücke wirklich nicht auf dem in dem Rhein stehenden Pfeiler (der von der alten steinernen Brücke übrig geblieben ist,) ruhte, sich aber nach und nach darauf gesetzt hat; und ein grosser Baumeister hat behauptet, dass sie wahrscheinlich eingestürzt seyn würde, wenn der Pfeiler nicht da gewesen wäre. Vor wenigen Jahren musste sie mit vielen Kosten wieder hergestellt werden. Grubenmann behauptete auch immer, die Brücke bestehe aus Einem Bogen; er hat darinn vollkommen recht, wenn man inwendig auf der Brücke die Lage der Balken auf beyden Seiten betrachtet, die nur einen einzigen grossen Bogen ausmachen.
(…) Oeffentliche Promenaden sind keine; das Vergnügen des Spatzierens muss man durch Steigen erkaufen. (…) Intressante Aussichten sind: Auf dem alten aus den Zeiten der Römer noch existierenden Bollwerk Unnoth oder Munnoth; auf dem Schießplatz; auf der Enge, einem Hügel, der nach Klettgäu sieht.
Eine der merkwürdigsten Naturscenen der Schweitz ist der Rheinfall bey dem Schloss Lauffen, eine gute halbe Stunde von Schaffhausen. Ich rathe jedem Reisenden, dieses Schauspiel zuerst von der Zürcher-Seite zu sehen und zu geniessen: Deswegen muss man von Schaffhausen nach dem Schloss Lauffen gehen, und wenn man, von Zürich oder anderswo her, über Eglisau nach Schaffhausen reist, so muss man die Strasse über Rheinau nehmen, die gerade auf das Schloss Lauffen führt: Auf diese Art vermeidet man, den Rheinfall in einem Standpunkt zu erblicken, der durchaus für jeden, der ihn zum erstenmale sieht, äusserst ungünstig ist. Von dem Schlosse steigt man herab, und begiebt sich, ohne zuerst in den Pavillon auf der Mitte des Weges zu treten, gleich auf das kleine Gerüst dicht an dem Fall; denn hier ist der wahre Standpunkt. – Um ihn hernach von vorne und von der Seite auf dem Schaffhauser-Gebiet zu sehen, so lässt man sich über den Rhein nach dem Schlösschen im Wört fahren: Wenn man in dem Kahn gleich und ruhig sitzt, darf man sich gar nicht fürchten, bey dieser kurzen Ueberfahrt Gefahr zu laufen. Oben auf dem Felsen, wo Laufen liegt, am äussersten Rande steht das gedachte Lusthäuschen, wo man auf den Rheinfall herab, auf das Dorf Neuhausen gegenüber, und auf die Hügel sieht, zwischen denen der Rhein sich durchkrümmt. Die Höhe des Rheinfalls ist nach seiner Wassermenge verschieden, 60 – 80. Fuss hoch; im Monat Juny ist er gewöhnlich am vollsten und grössten. Man muss ihn Morgens, Abends, und bey hellem Mondschein sehen, wenn man alle Schönheiten dieser ausserordentlichen Scene geniessen will. – Des Abends gewinnt er besondre Reize, durch den Contrast der umliegenden Gegend die nun im Schatten liegt mit der noch beleuchteten Hauptparthie.

(J. G. Ebel: Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art in der Schweitz zu reisen, Zürich. Bey Orell, Gessner, Füssli und Compagnie 1793)

Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (7)

” (…) – ”Ah, da haben die Kerle sich was ganz feines, einmal etwas wirklich richtig Originelles ausgedacht: einen hochwertigen Foto-Abzug der List-Fabrik (21) (den höchstwahrscheinlich der Neffe Bènes mit seinem Computer frisiert hat).

fabrikList-Fabrik im Farbenspiel

Sicher ist Ihnen das Gebäude aufgefallen? Von der Rue de Boofzheim ist es nicht zu verfehlen. Die Fabrik wurde im Bauhaus-Stil gebaut, wissen Sie? Eine schöne Abwechslung jedenfalls gegenüber der üblichen ”Mariensäule am Rhein”-Trophäe, von denen ich schon vier Stück habe…“

Grians und Emmele standen plötzlich auf. „Gleicht fängt das Spiel an“, sagte er.
- Das Spiel? Wer spielt?
- Der FCR, 2, natürlich…
- Gegen wen?
- Das weiß ich nicht. Gegen die erste Mannschaft vielleicht? Das kommt schon vor…

Frau Grians ihrerseits kündigte an, sie müsse „auf Streife zum Friedhof gehen“. Auf meine Frage, ob die dort Liegenden bedroht wären, antwortete sie: „Nicht die Toten! Wir sind bedroht!“ Tigermücken würden nämlich gerne ihre Eier auf Friedhöfen ablegen. „Nicht am Rhein?“ – „Von wegen! Das verfaulte, stinkende Wasser in den Blumentöpfen ist für ihre Brutstätten viel geeigneter. Verstehen Sie? Also nein, die Toten haben wirklich nichts zu befürchten, oder jedenfalls mehr von den Lebenden als von diesem Denguefieber (22)!”. Emmele ging also sozusagen auf Mückensafari… Und auch ich machte mich auf den Weg. Links vorm Eingangsportal des Friedhofs stand ein Schild “Parcours de Santé” (23), dessen verheißungsvoller Richtung ich nun folgte. Er führte zuerst den Friedhof, dann an Bäumen, Gräsern, Häusern entlang, immer geradeaus bis zum Rhein, der irgendwo hinter Gehölzen und Gebüsch versteckt, also unsichtbar, dahinfloß.

Nun, liebes Rheinsein, hier endet mein Bericht.
In Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,
Ihr Marcel Crépon.”

(21) “Mit einem anderen wichtigen Bau kommt auch das während des Dritten Reichs aus der repräsentativen Architektur verbannte Lager der modernen Architekten ins Spiel. Vollständig erhalten ist ein Fabrikgebäude in Rheinau (Rhinau) bei Straßburg, das ab 1941 für ein Werk der Berliner Firma “Heinrich List” für die Produktion von elektrotechnischen Ausrüstung für
Flugzeuge errichtet wurde. Entwurf und Ausführung lagen bei Ernst Neufert, dem einstigen Bauhaus-Schuler und früheren Bürochef von Walter Gropius in Dessau. Neufert galt seit der ersten Auflage der 1936 zuerst publizierten, heute weltweit verbreiteten Bauentwurfslehre als der führende Fachmann für alle Frage der Normung in der Architektur. So ist es kein Zufall, dass Neufert den Bau in Rheinau als Muster eines umfassenden Normungssystems konzipierte, das von ihm zur gleichen Zeit mit ausdrücklicher Rückendeckung von Hitler und Speer vorangetrieben wurde. Dessen Grundlage war der sogenannte Oktameter, eine Maßordnung auf der Basis einer Teilung des Meters nicht durch zehn sondern durch acht, die bestimmte Vorteile für die Baupraxis hatte, besonders für die Vorfertigung und für den sparsamen Umgang mit Baumaterial, was während des Krieges von
großer Bedeutung war. Im Grundrissraster und in sämtlichen Details der dreigeschossigen Fabrik in Rheinau ist dieser Oktameter wieder zu finden. In Neuferts wichtigstem theoretischen Werk, der Bauordnungslehre von 1943, ist die Fabrik anonym beschrieben und abgebildet, als Beispiel, wie der künftige Industriebau zu entwickeln war. Die Neufert’schen Maße sind dann
in zwei Stufen 1942 und 1950 DIN-Norm geworden, und damit ist Rheinau immerhin nichts weniger als der Prototyp für die “Maßordnung im Hochbau”, die den westdeutschen Wiederaufbau begleitete (DIN 4171 und 4172)“ (Wolfgang Voigt, Von der Hitlerskizze zur “Neuordnung” und zum ersten Wiederaufbau. Deutsche Planungen und Bauten im annektierten Elsass 1940-1944. In: Tilman Harlander, Wolfgang Pyta (Hrsg.) NS-Architektur: Macht und Symbolpolitik, Kultur und Technik Band 19 (Berlin, 2010))
(22) Emmele prononzierte „dingue“: „bekloppt“
(23) Trimmpfad

Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (5)

abb06Schàrel Grians: Le cours du Rhin / Der Rheinlauf

“(…) Die Idee war, dieses ”Stück” der Muttererde einzudrücken und die damit erzeugten kleinen Gräben mit Rheinwasser zu füllen. Doch billig war das nicht zu bekommen. Also überlegte Grians sich etwas anderes. Zunächst dachte er daran, den Rheinlauf aus einem Brett herauszuschneiden, doch versagte seine Stichsäge, gefolgt von seiner Geduld, als er sich wohl oder übel mit Hammer und Beitel ans Holz machte. Zuguterletzt sah er keine andere Lösung, als seine Zeichnung neu zu skalieren und mit einer Gartenschaufel in den Boden zu graben. Als seine Frau spitz bekam, daß Schàrel mit seiner Kreativität den Garten zu verstümmeln drohte, widersetzte sie sich vehement – der Garten war ihr Gebiet.

Der Garten! Eine größtenteils mit Unkraut bedeckte Ödnis, den sie von ihrem Ur-Großvater (ja, der, der so angeekelt war von diesem Stück undankbarer Erde, daß er sich als Goldwäscher in der Gegend versuchte, und die paar Francs die er damit verdiente, versoff wie ein ungläubiger Bürgermeister (9)), geerbte hatte, und der höchstens ungenießbare Kartoffeln ausspuckte… Ein Vorwurf, den Madame Grians schlagartig konterte: ihre Ahnen hätten wenigstens den Rhein gesichtet, anders als die seinen (10), die nie über die Tränke ihrer Kühe hinausgeschaut hätten…

Er: Und wer schoß im Sumpf wie’n wilder Bischof Biber, Otter und Schwäne (11), um sie auf dem Markt als Stallkaninchen oder Huhn zu verkaufen, wenn nicht dein Großvater?
Sie: Und wer denunzierte Maillet? Wie ist Maier im Knast gelandet? (12)
Er: Und wer behauptete, den Platz zu kennen, an dem der duc d’Enghien (13) am Rheinufer gesessen hatte, schmerzerfüllt in Tränen ausbrach, und nichtsdestotrotz stoisch urinierte? Wer ließ die verblüfften Touristen zahlen, damit sie sich vor zwei vergilbten Binsen verbeugen könnten?
Sie: Und hinter welcher Tapete (14) hat deine Tante ihre Jungfräulichkeit verloren?
Er: Und wer klaute die Steine der Befestigungsanlage (15), nachdem sie abgebrochen worden war?
Sie: Und wer drohte, sich von der Brücke (16) in den Rhein zu stürzen, weil seine Frau es mit dem Gehilfen des Consumgeschäfts (17) und sonst wem trieb?
Er: Und wer machte krumme Geschäfte mit Rohan (18)?
Sie: Und wer warnte 1870 die Preußen (19)?
Er: Und wie viel habt ihr 1938 kassiert, als ihr eure Grundstücke am anderen Ufer freiwillig an Kuhn (20) verkauft habt?

emmaseimerLes seaux d’Emmele / Emmeles Eimer

Danach kam nichts mehr. Diese Beleidigung war wirklich nicht zu überbieten. Einen Augenblick fürchtete ich, daß beide aufeinander losgehen würden, um sich gegenseitig zu erwürgen. Doch stattdessen brachen sie in Gelächter aus, und Grians erzählte ruhig weiter. Er hatte Emmele versprochen, das benötigte Wasser mit einigen ihrer ”Eimerchen“ zu schöpfen; davon geschmeichelt hatte sie ihre Zustimmung erteilt. (…)” (Fortsetzung folgt)

(9) “Werde ich angeklagt dass ich am Palmsonntag sie grob bengell und knoepff gescholten ; antworte ich, nit der gestalt, sondern faule geselle, habe ich sie geheisssen, weillen der burgermeister und andre auss dem rath auff den heiligen ostersambstag bitz umb 11 uhren in der nacht gesoffen.” (Der streitbare Pfarrer Nicolas Puetz im Jahre 1625 nach: Rodolphe Reuss, L’Alsace au dix-septième siècle : au point de vue géographique, historique, administratif, économique, social, intellectuel et religieux, Tome 2 (Paris, 1897-1898))
(10) “Le Rhin est certes une frontière naturelle, le plus incontestablement. Mais il ne l’est pas plus qu’aucun autre obstacle naturel. Un obstacle est une frontière ou non suivant le degré de mobilité humaine. Une limite toute de convention est au contraire une très bonne frontière, si le consentement mutuel, qui l’admet comme tel est sincère. Le Rhin n’a pas, dans la plaine rhénane, la figure linéaire impérieuse, qu’on lui voit sur les cartes à petites échelles. Il s’y cache sous des taillis. En Alsace, on ne le voit presque jamais. Rhinau doit peut-être son nom à une interruption forfuite des taillis, qui laisse entrevoir le fleuve ordinairement dissimulé. Nous avons rencontré de vieux Alsaciens demeurés en Alsace, qui n’avaient jamais vu le Rhin…” (Jean M. Tourneur-Aumont, L’Alsace et l’Alemanie : origine et place de la tradition germanique dans la civilisation alsacienne : études de géographie historique (Nancy-Paris-Strasbourg, 1919))
(11) ”Du temps d’Ichtersheim, qui écrivait en 1710, les grandes îles boisées du Rhin entre Rhinau et Strasbourg contenaient encore beaucoup de castors ; l’évêque et ses chanoines prenaient plaisir à les chasser en même temps que les loutres, les bêtes noires, les cygnes sauvages et les oiseaux aquatiques.” (Charles Gérard, Essai d’une faune historique des mammifères sauvages de l’Alsace (Colmar, 1871))
(12) ”Bulletin de l’étranger (Dépêches Havas et renseignement particuliers) Alsace-Lorraine. „Le tribunal de Strasbourg a, dans son audience du 23 mars, condamné à deux mois de prison Georges Maillet, jardinier à Rhinau, qui avait tenu publiquement des propos offensants à l’adresse de l’empereur d’Allemagne. Joseph Maier, originaire de Wurtemberg cordonnier à Strasbourg, a été condamné à trois mois de prison pour avoir commis le même délit.” (Le Temps 29 mars 1889)
(13) “Embarqué pour Rhisnau. Débarqué et marché à pied jusqu’à Pfortsheim.” (dans : François-René de Chateaubriand, Mémoires d’outre-tombe, 1849-1850) – von einem längeren Aufenthalt in Rhinau ist also nicht die Rede, geschweige denn von melodramatischem Tränenvergießen!
(14) Madame Grians kennt ihre Klassiker, wenngleich ihre Interpretation des goetheschen Entzückens vor den Tapeten, welche dereinst den Pavillon Marie-Antoinettes auf einer Insel bei Rhinau dekorierten, als sehr eigen bezeichnet werden darf
(15) ”(1421, Zug vor Rheinau.) – Danach zogen die von Strassburg vor Rheinau, und schossen die mauer zum sturm, dass ihrer wohl 40 hinein konnten. Den andern abend wollten sie stürmen, hielten aber keine rechte ordnung ; es wurden viel erschlagen, und ein Wormser im graben gefangen. Den andern tag zogen sie unverrichtet wieder heim.“ (Daniel Specklin)
(16) Frau Grians übertreibt wohl, wo sie von “stürzen” spricht, siehe Abbildung:
abb07(17) Bis zum Ersten Weltkrieg existierten in Rhinau mindestens zwei Consumgeschäfte: Flecher und Röttelé. Welches hier gemeint ist, bleibt unklar.
(18) „Au général Clarke, L’hospice civile de Rhinau, département du Bas-Rhin, possède, citoyen général, en propriété sur la rive droite du Rhin, ban de Rouenweyer, au cercle de Souabe, 83 arpens et 3/4 de terres labourables, et 4 arpens de prairie, outre une redevance annuelle et foncière de quarante-huit réseaux de seigle, due par la commune de Rouenweyer. Le cardinal de Rohan s’est emparé, depuis la guerre, de la jouissance destites terres et rentes : il s’en prétend même propriétaire. Il est essentiel que l’hospice civil de Rhinau rentre dans ses biens, et même qu’il soit indemnisé de la perte qu’il a soufferte depuis que le cardinal de Rohan s’en est emparé. Il importe que ces articles ne soient point oubliés dans le traité de paix à intervenir avec l’Empire. Je les recommande, citoyen général, à votre intention. Ch. Mau. Talleyrand” (Dans : Correspondance inédite, officielle et confidentielle de Napoléon Bonaparte avec les cours étrangères, les princes, les ministres et les généraux français et étrangers, en Italie, en Allemagne et en Egypte. Tome VII (Paris, 1820))
(19) “Le même jour [18 août], le maire de Rhinau recevait l’ordre de rétablir l’ancien bac. Ce magistrat, aussitôt dénoncé au commandant supérieur de Neuf-Brisach pour s’être concerté avec le bourgmestre badois de Kappel, vint se justifier auprès du sous-préfet de Schlestadt qui le retint quelques jours [Il était impossible de rendre ce magistrat responsable d’une situation qui était le fait des circonstances plus que de sa faiblesse]. Pendant sa détention, le bac était rétabli, sans résistance de la part des habitants ; placé sous la garde d’un faible poste prussien, il recommença à fonctionner le 25. (…)” (La Guerre de 1870-71 (Paris, 1901-1914) Vol. 30 : Organisation et opérations des forces de seconde ligne dans l’Est avant le 4 septembre 1870 (1908))
(20) ”En dépit des traités. Le Reich exproprie des terrains appartenant à la commune de Rhinau (Bas-Rhin) pour édifier des fortifications. Strasbourg, 5 juillet. – Demain à midi, se tiendra à la mairie de Kappel (Pays de Bade), une séance au cours de laquelle le conseiller d’intendance Kuhn, de Berlin, prendra les premières mesures devant aboutir à l’expropriation de la commune française de Rhinau (Bas-Rhin). Depuis un siècle, cette commune possède un millier d’hectares sur la rive droite du Rhin. La possession de ces terrains communaux était garantie par le traité de paix et un accord spécial du 14 août 1925. Le conseiller d’intendance Kuhn a avisé le maire de Rhinau que l’expropriation va se faire à la requête du fisc militaire allemand, afin d’y édifier des fortifications. Le maire français, invité à se rendre à Kappel, a décliné l’invitation. L’Allemagne considère l’accord d’août 1925 comme nul et non avenu. Elle le dénonce, elle le suprime purement et simplement, en se réclamant d’une loi du 29 mars 1935 concernant l‘”acquisition de terrains dans un but de défense nationale.” (L’Echo d’Alger : le 6 juillet 1938 (N°10196))

Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (2)

“(…) Hermes suchte weiterhin und vergeblich nach Anhaltspunkten, eiferte nach greifbaren, plausiblen Koordinaten, stotterte Anweisungen, die mich wahrscheinlich in den Tod hätten fahren lassen. Als Hermes wiederholt fragte, ob die Mission in Gefahr sei, dachte ich in eine andere Dimension eingedrungen zu sein, merkte dann vor allem, daß ich im Begriff war einzuschlafen, daß mein Traumorgan sich bereits aktiviert hatte, und ich besser stoppen sollte, obwohl ich mich seit Stunden keinen Zentimeter bewegt hatte.

Als der Tag anbrach, standen die Wolken so dicht, daß von Sonnenaufgang keine Rede sein konnte. Vor meiner Motorhaube stand eine Kuh und starrte mich wiederkäuend an. Dann muhte sie melancholisch. Damit schien alles gesagt. Während die Kuh ihren Blick auf mich gerichtet hielt, tat sich keinerlei Himmelsrichtung auf. Mir schien ich sollte besser umkehren, dem Weg in meinem Rücken folgen – was ich auch tat, bis ich, wenn nicht direkt mein Ziel, so wenigstens etwas Fassbares erreichte: den Rhein. An meiner Verwirrung, es muß gesagt sein, hatte er seinen Anteil. Was man inmitten des Betts vermutet, befindet sich manchmal nach rechts verschoben.

Ohnehin ist es leichtsinnig, vom rechten oder linken Rheinufer zu sprechen. Lag eine Stadt in römischer Zeit auf der linken Uferseite, so liegt sie heute auf der rechten. Genau umgekehrt ging es der Gemeinde Rhinau (deutsch: Rheinau), in der ich nun verweile. Und was der Fluß nicht selber durcheinander brachte, übernahmen die Ingenieure, als der Rhein ”reguliert” wurde. Die Geschichte ihrerseits wußte ihr Bestes zu geben, um die Sachlage richtig tohu-bohuesk erscheinen zu lassen.

Welch ein Chaos! Wie soll man sich da zurechtfinden? Aus meinen Hotelzimmer in Frankreich blicke ich jetzt über den Rhein – auf Frankreich…, obwohl die Grenze mitten im Fluß festgelegt ist. Verstehen Sie das? Nun, ich bin weder Landvermesser noch Historiker, erwähne dies nur um Ihnen ein Bild davon zu geben, welch instabilen Boden ich unter den Füßen hatte, während meiner Recherchen, die mich an Ort und Stelle gebracht hatten, wo ich mich eben immer noch befinde: in diesem Zimmer, diesem Etablissement, nicht weit entfernt von einem Platz, von dem aus heulende Motoren, quietschende Reifen, ohrenbetäubende Bremsen wahrzunehmen sind. Veranstaltungen in traditioneller Tracht sind hier nicht jedermanns Sache. Ein Teil der Jugend sucht ihre Selbstverwirklichung in Lärm und Rauch, blockiert geschickt die Räder ihrer Vehikel und gibt einfach Gas. Die gequälte Mechanik läßt die Autos sich in verzweifelten Kreisen drehen und das Gummi der Reifen brandmarkt den Asphalt. Hat ein Fahrer mehrere donuts absolviert, gibt er den Platz für den nächste Kandidaten frei. Das Publikum jubelt, applaudiert, kreischt, schreit, honoriert den rücksichtslosen Reifengummiabrieb und schmäht die vorsichtigeren Piloten. Handies blitzen, Gettoblaster brüllen, Karpfen und Pommes zappeln auf Papptellern, Bier schäumt und fließt in alle Kehlen; manche Gestalt sieht aus, als ob sie mit schwefelwasserstoffhaltigem Wasser (wie einst neben einer heute nicht mehr existenten Mühle) ihren Durst nach Abenteuer zu löschen versucht hätte. (…)” (Fortsetzung folgt)

Rheinbedingte Ortsverschiebungen

“Damals war der Rhein ziemlich gross, und frass zu Rheinau die Stadt sehr hinweg, und kam so weit dass es den Herren von Honau (denen vor etlichen Jahren ihr Stift zu Honau der Rhein hatte hinweggefressen) damals der Rhein wiederum hinwegfrass, also dass die Häuser und Kirche, alles in den Rhein fiel. Deshalben seien sie gezwungen worden zu weichen. Sie kamen in die Stadt Strassburg, setzten sich zum Alten S. Peter mit Bewilligung des Bischofs, und machten ein Stift daraus; brachten S. Amandus Heiligthum mit ihnen her. S. Michel war ihr Patron, deshalben nannten sie das Stift zu S. Michen und S. Peter, wie es noch heisst. Ist jetzund noch ein Stift; sie essen noch alle im Refectorium. Aber jedermann sagte, es wäre eine Strafe Gottes, dass sie der Rhein also plagte, denn sie nicht also fromm waren, wie ihren alten Vorfahren.”

(Les collectanées de Daniel Specklin, chronique strasbourgeoise du seizième siècle / fragments recueillis par Rodolphe Reuss, Strasbourg 1890)

***

“On connaît la constante variabilité du cours du Rhin, et on peut se faire une idée de changement qu’il a dû subir dans nos parages depuis le quatrième siècle. Il paraît bien avéré que son cours, dans les temps passés, était bien plus rapproché de nos murs. Des restes de vieux lits et d’anciens trous de gravier du Rhin en sont une preuve irréfragable, et l’un de nos quartiers, en face de l’hôpital civil, est encore aujourd’hui désigné par le nom de coin du Rhin (Rhineck), ce qui ne laisse nul doute sur l’ancienne proximité du fleuve. (…) L’inconstance du Rhin est attestée par des évènements très remarquables. Le vieux Brisach était autrefois incontestablement sur la rive gauche du fleuve ; ce fut en 1296 qu’étant extraordinairement gonflé, il se forma un nouveau lit, et Brisach se trouvasur la rive droite. En 1292, des prêtres écossais construisirent un monastère assez considérable près de Rhinau, qu’ils abandonnèrent en 1390, parce que le Rhin, qui, de ces côtés surtout, changeait fréquemment de lit, menaçait d’engloutir leur établissement, ce qui arriva en effet la même année. Depuis cet évènement et long-temps après, lorsque les eaux étaient très-basses, on apercevait des restes du bâtiment. M. Hochstætter, arpenteur à Colmar, en découvrit encore au milieu du Rhin en 1752 ; il en leva même le dessin, qui est rapporté dans un manuscrit de Silbermann. Ce dernier se rendit lui-même sur les lieux en 1766 ; il reconnut qu’alors ces ruines n’étaient plus au milieu du fleuve, mais dans un très-grand rapprochement de la rive droite.“

(Antoine-François-Xavier de Kentzinger, Strasbourg et l’Alsace, ou Choses mémorables des vieux temps, Strasbourg 1824)

Gregorovius am Rheinfall

Hotel Witrig, Dachsen, am Rheinfall, 23. Juli
Am 16. von Luzern nach Basel. Von Olten ab waren die Bahnhöfe wegen des Schützenfests in La Chauxdefonds mit Emblemen und Nationalfahnen verziert. Ich sah auch den deutschen Reichsadler und die deutschen Farben an jeder Station, zur Begrüßung der deutschen Schützen. Eine Inschrift sagte irgendwo: Freiheit den Völkern und ihrem Verkehr, Keine Despoten und Zollschranken mehr. Abends in Basel. Ich ging zum Münster hinauf, welches noch einige Teile romanischen Stils besitzt. Das Museum daselbst bewahrt Andenken an Erasmus, Überreste von Holbeins Totentanz, Fresken aus der ehemaligen Franziskanerkirche. Die Schweizer haben einen besonderen Sinn für diese tristen Gegenstände.
In mehreren Kirchen hier zu Lande sah ich die Heiligen als Gerippe über den Altären sitzen, in prachtvolle goldgestickte Gewänder gehüllt.
Nichts Sehenswertes sonst in dieser grauen, monotonen Stadt.
Am 17. auf der neuen badischen Eisenbahn, über Waldshut, nach dem Rheinfall beim Schloß Lauffen.
Ich wollte weiter nach Konstanz; aber die Einsamkeit der Station Dachsen reizte mich. Ich blieb diese Tage über hier, zehn Minuten vom Rheinfall, eine halbe Stunde von Schaffhausen entfernt. Nach dieser Stadt gehe ich in der Regel morgens. Sie liegt sehr schön am Rhein, in Laub und Weinreben. Die Statue Johannes von Müllers ist oben auf dem Spaziergang aufgestellt, in einer parkartigen Anlage. Sehenswert ist der Munoth, ein Kastell aus Saeculum XVI, ein Rundturm, wie jener der Caecilia Metella und vielleicht nach ihrem Muster gebaut.
Gestern ging ich über den Rhein in das Badische, nach Rheinau, ein altes, von den ersten Welfen gegründetes Benediktinerkloster, welches die Züricher Regierung im vorigen Jahr aufgehoben hat. Nur zehn Mönche sind hier übrig geblieben, Elentiere oder Elendtiere einer aussterbenden Zivilisation.
Die Schweiz bietet im Sommer den Anblick eines ewigen Festes dar; alle Welt ist auf Vergnügungsreisen. Hierher kommen täglich Hunderte, den Rheinfall zu sehen; ganze Schulen reisen; vorgestern hielt eine wandernde Schule, 380 Mädchen und Knaben, ein Fest. Sie singen nicht, sie johlen oder brüllen; sie schmausen nicht, sie verschlingen. Gestern kamen die Züricher Eisenbahnbeamten und Arbeiter, 400 Mann stark, anjubiliert.
Täglich brausen an mein Fenster zehn Bahnzüge heran.
Ich habe hier acht Tage schöner Ruhe verlebt. Acht lyrische Gedichte sind die Frucht davon. Der Rhein, die Rebenberge, die friedlichen Dörfer und ihre freundlichen Menschen, all dies versetzte mein Gemüt in eine dichterische Stimmung.

(Ferdinand Gregorovius: Römische Tagebücher. Auszüge 1852-1889)

Presserückschau (Oktober 2013)

Ob am Rhein praktisch nichts mehr passiert, ob wir aufgrund andauernder Rheinferne ein wenig den Blick für doch vorhandene Geschehnisse verloren haben, ob die Oktobersonne das Sommerloch erneut aufgerissen hat oder unsere ausgeklügelten Suchalgorithmen sich nur noch auf Irrelevantes stürzen: der Oktober wartet mit gerade einmal vier archivierenswerten Meldungen auf, von denen die erste und die letzte vor allem deswegen aufgenommen wurden, weil sie eine tausendjährige Tradition mit einer weiteren Tausendjahresgarantie verknüpfen. Daß die anderen beiden von wenig mehr handeln, als daß Steine in den Rhein geschüttet werden, veranlaßt uns darüber nachzudenken, ob künftig an dieser Stelle auch – notfalls selbstproduzierte – Meldungen über Uferbesucher plaziert werden sollten, die Steine übers Wasser hüpfen lassen:

1
Aus einer Ankündigung für die Sendung Rhein kulinarisch des SR Fersehens: „Hier “huldigt” man “Weck, Worscht und Woi”, denn kulinarisch lieben es die Mainzer durchaus deftig. Auf dem Wochenmarkt präsentieren die Bauern der Region ihr reichhaltiges Angebot. Und was ein echter “Meenzer” ist, der lässt sich beim Bummel die heiße Fleischwurst nicht entgehen.“

2
Die Axpo schüttet für Millionen Franken Kies in den Hochrhein zwischen Koblenz und Rheinau, meldet der Landbote. Als Besitzerin des Wasserkraftwerks Eglisau-Glattfelden sei sie dazu verpflichtet, um den Geschiebebetrieb des Rheins aufrechtzuerhalten: “Ein solcher Betrieb meint, dass ein Fluss Steine an einem Ort ab- und an einem anderen Ort wieder antransportiert. Da ein Kraftwerk nicht nur Wasser, sondern auch Geschiebe staut, ist der natürliche Geschiebehaushalt gestört.”

3
Auch bei Spijk wurde der Rhein mit rund 425.000 Tonnen Basalt und Kalkstein aus Steinbrüchen in Belgien und Deutschland aufgefüllt. In der Grenzregion hatten sich bis zu fünf Meter tiefe Kolke in der Rheinsohle gebildet. Wo es am Hochrhein um bessere Laichmöglichkeiten, somit um den Erhalt mehr oder minder gefährdeter Fischarten (siehe Meldung 2) geht, geht es am Niederrhein um die Aufrechterhaltung der Schifffahrt: “Ungefähr 200 Schiffsladungen (…) wurden unter Wasser eingebaut. Schiffe mit geteiltem Laderaum und Ortungsgeräten – sogenannte Klappschuten – brachten das Gestein ins Wasser. Mittels Satellitennavigation wurde es exakt und passgenau auf dem Grund des Rheins verteilt. (…) Erstmals kam das Schiff “Catharina 6″ einer niederländischen Firma erfolgreich zum Einsatz. Der rund 20 Meter lange Schlepper mit Heimathafen Rotterdam ist mit einer Art Unterwasser-Egge ausgerüstet”, weiß 02elf.net zu berichten.

4
Und noch eine kulinarische Nachricht aus dem Rheingau: “Wenn die letzten Trauben vom Stock geschnitten sind und es in den Kellern brodelt, dann sind die Rüdesheimer wieder unter sich. „Jetzt wird’s gemütlich“, sagen sie (…). Den Federweißen feiern die Rüdesheimer nun schon seit über 25 Jahren. Mit Budenzauber der Rheingauer Art und vielen (oft ganz spontanen) Darbietungen, mit Zwibbelkuche und Schmalzebrote und mit ganz viel persönlichem Einsatz. Auch die Herbst-Muck ist unterwegs mit Rebenkranz und Tonscherbe. (…)” – so steht es auf rheingau.net zu lesen.

Weil das keineswegs alles gewesen sein kann, holen wir den Läusekamm und suchen die Nachrichten nochmals genaustens ab. Und siehe da, es läßt sich doch noch ein verstecktes Ei hervorzaubern: ”Auf der Rhein-Ministerkonferenz (…) haben sich die Rhein-Anrainerstaaten darauf verständigt, dass der Lachs in Zukunft leichter aus dem Atlantik den Rhein bis nach Basel hochwandern kann. Konkret geht es darum, dass die Stauwehre durch Fischtreppen durchlässiger für den Lachs werden sollen. (…) Die Rhein-Ministerkonferenz mit Deutschland, der Schweiz, Österreich, Liechtenstein, Frankreich und dem belgischen Wallonien hatte zuletzt vor sechs Jahren getagt. Jetzt beschlossen die Umweltminister außerdem, die Wasserqualität des Rheins zu verbessern. Dazu sollen Rückstände von Medikamenten, Insektiziden und Hormonen bekämpft werden.” (SWR, Landesschau aktuell)