Rhein-Meditation: Lesungsbericht

Unter dem Titel Finale in Weiß berichtet Thomas Linden in der gestrigen Print-Ausgabe der Kölnischen Rundschau über die Abschlußlesung der Edition 12 Farben am Nikolaustag im Kölner Literaturhaus. Mit Dorian Steinhoffs Die dunkle Jahreszeit war jüngst der zwölfte und letzte Band der Reihe erschienen, die ausgewählte Erzählungen und Schreibpositionen rheinischer AutorInnen versammelt. Im Literaturhaus lasen, moderiert von Bettina Hesse, die im Gespräch Fragen nach den Hintergründen der jeweiligen Werke stellte, neben Steinhoff und mir auch Ulrike Anna Bleier und Roland E. Koch aus ihren 12 Farben-Bänden. Zum Vortrag aus Rhein-Meditation äußert sich Linden wie folgt:

“Wasser und die Kraft seiner Metaphern spielen bei Stan Lafleur eine zentrale Rolle. Aus seiner “Rhein-Meditation” las er brillante Passagen zum Mythos der Quelle. Ironie und Beobachtung verschmelzen dabei in jedem Satz. Dass ihm die Rolle des Mythen-Betrachters zufällt, leitet Lafleur mit bestechender Konsequenz aus einer geschilderten Szene am Rheinufer ab, wenn es da heißt: “… die Sonne zückt ihr Schwert und zielt mit der Spitze quer über den Fluss auf meine Nasenwurzel.”"

Rhein-Meditation (6)

“Die Sohlen brennen, Möwen schreien. Aus einer alten Zeitung steigt der Morgendunst. Im Nacken spüre ich die Sonne ihre morgendlichen Dehnübungen absolvieren. Das Ende ist nah, weil alles immer wieder von vorne beginnt. Ich glaube zu verstehen. Weil ich von nirgendwoher komme. Deswegen gehe ich zu den Quellen, die am Ende des Piers liegen müssen. Weil die Analogien von Quellen und Geburt ebenso fragwürdig sind wie diejenigen von den Mündungen zum Tod. Weil auf dieser Welt alles und nichts stimmt und ich überallhin gehen kann, gerade deswegen gehe ich nirgendwo hin. Stattdessen kommt das Meer auf mich zu, mit geöffnetem Rachen. Die letzten Rheinmeter liegen im Frühdunst und ich gewinne das Gefühl, mich auf einer Verzweigungsader des Mündungssystems zu befinden, die direkt in eine der Verzweigungsadern des Quellensystems greift. Der Blick nach Norden ergibt die Sandwüste eines extrem breiten, endlosen Strandes, darüber dimmen milde lavendelfarbene Himmel, die am Horizont dem Meer sich einen. Der Blick nach Süden fällt auf Hafenkräne, -schlote und -tanks, die Silhouette eines schwarzen Industrieplaneten, gleichsam die Aufhebung des Blickes Richtung Nord. Nasreddin Hoca kommt mir in den Sinn wie er am Flußufer sitzt und sinnt, als vom gegenüberliegenden Ufer jemand ruft: „Wie komme ich denn auf die andere Seite?“ und der Hoca antwortet: „Du bist auf der anderen Seite!“ Es gibt keine andere Seite, und wenn doch, befinden wir uns bereits dort.”

Das Buch ist erschienen in der Edition 12 Farben bei rhein wörtlich, einer Reihe, die Prosatexte vornehmlich Kölner AutorInnen mit Poetologien in jeweils einem Band vereint. Die Rhein-Meditation läßt sich über das Kontaktformular bei rhein wörtlich oder über den Buchhandel bestellen.
Vorort-Buchvorstellungen finden sich in der Rubrik “Termine“.

Stan Lafleur: Rhein-Meditation, Edition 12 Farben, rhein wörtlich, Köln 2014/2015
112 Seiten, 13,5 x 20 cm, Klappenbroschur, 12 Euro
ISBN 978-3-943182-09-5

Siegburg

In Köln ist einigermaßen bekannt, daß Siegburg irgendwo da draußen liegt, ein Städtchen hinter den Vorstädten, am Rheinzufluß Sieg, für die Stadtgeschichte von Bedeutung als der Ort, aus dem eines Tages ein Heilsbringer namens Wolfgang Overath in der Colonia Agrippinensium eintraf, ein Ort mit einem unauffällig totaldeutschen Namen, den wir vage mit Zeitungsmeldungen nachrangiger, aber perfider Verbrechen verbanden, bis wir seine Straßen im vorvorweihnachtlichen Dunkel erstmals betraten. Vom Bahnhof, der sich in einem Anflug von mit erkennbarem Willen zur Orientierungshilfe gepaarter Desorientiertheit Siegburg/Bonn nennt, betraten wir die cleane, beinahe sterile Fußgängerzone, deren einziges äußeres Anzeichen für Wildheit die Leuchtreklame eines Wolfstatzenabdrucks vorstellte, mithin Signet einer Marke, die ihrer Zielgruppe, biederen Angestellten, Abenteurertum in freier Natur vorgaukelt, indessen ihre Konsumenten zumeist in Pendelzügen und Fußgängerzonen wie ebenjener in Siegburg anzutreffen sind.

Das in einer deutschen Kleinstadt unvermutete, zumal korrekt mit Cedille beschriftete Straßenschild verweist nicht auf einen Personennamen, sondern auf die türkische Partnerstadt Siegburgs

Durch die Fußgängerzone wandelten einzelne, verloren, aber kaum wölfisch wirkende Gestalten. Die eine fragte uns nach dem Weihnachtsmarkt und als sie ihn erblickte, wirkte sie enttäuscht, da selbiger sich noch im Aufbau befand; die andere lief im T-Shirt durch die Straßen und fluchte auf die reichlich kühle Außentemperatur. Hinter unverhängten Glasscheiben sahen wir Jugendliche Breakdance-Übungen absolvieren, ohne daß ein Ton Musik zu hören gewesen wäre, überhaupt wirkte die gesamte Innenstadt Siegburgs schallgedämpft und wie eine Szenenreihung aus Second Life. In hellen Geschäften mit Regalen in klaren geometrischen Linien harrte eine Produktwelt, die ihren Abbildern in Prospekten nacheiferte, eine automatisch beruhigte Inszenierung penibel rein gehaltener Bedeutungslosigkeit, eine klinische Konsumumgebung, als bilde sich das Online-Shopping in den herkömmlichen Gang zum Apotheker, Supermarkt oder in die Boutique zurück.

Ein anderes Bild und bald auch einen anderen Klang fanden wir auf der rückwärtigen Seite des für eine Kleinstadt geradezu gigantischen Bahnhofs. Verkehrslärm übertönte das Rauschen der Sieg, die vibrierende Tristesse täglich zu bestehender Durchschnittlichkeit bemächtigte sich des Stadtbilds mit Noten von Althergebrachtheit und reichlich Unsagbarem, das sich aus dem Abgleich von Träumen und Realität zusammenzusetzen schien. Darüber wachte ein rundum strahlender Mond in selten zu sehender Pracht.

Dieweil die Sieg permanent mit reichlich Tempo durch Siegburg eilt, kleiden sich die Siegwiesen bei Nacht in mystische Farben.

Stetes Kommen und Gehen herrschte schließlich auf der Bühne des Pumpwerks bei der Zeitschriftenpräsentation der Köln-Ausgabe von Rhein! Unter zahlreichen Werkausschnitten der an der Zeitschrift beteiligten Künstler hörten wir einen Vortrag von Rheinkenner Kurt Roessler über die Lichtmetafysik seit ihren Anfängen bei Platon über Plotin und Pseudo-Dionysius Areopagita, mit besonderem Bezug auf das grandiose Richterfenster im Kölner Dom und dessen elektronische Komponenten und lieferten selber ein 13:24 Minuten dauerndes Stück Rhein-Meditation im Schleudergang.

Rhein-Meditation: Rezension (3)

Unter dem Titel Gottesbeweise in den Wasserstürzen ist in der Buchbeilage Livres des luxemburgischen Tageblatts die dritte Rezension zur Rhein-Meditation erschienen, wiederum eine durchgehend positive. Guy Helminger listet Stationen meiner ausgiebigen Rheinerkundungen und befindet: “Wer so tief in die Fluten taucht, muss eins werden mit ihnen, zugleich aber Sprachrohr der Natur und eigenständiger Denker bleiben. Genau mit diesem Paradoxon beginnt der Autor sein Sinnen über Entstehung, Dasein und Ableben. Der Rhein selbst scheint zu sprechen, dann wieder der Autor als tausendjähriges Medium, schließlich das Denken, gekoppelt an den Schriftsteller Lafleur. Dabei bleiben die Gänge der spirituellen Praxis immer an die haptische Wahrnehmung gekoppelt, an das sinnliche Erlebnis.” Über Mara schreibt Helminger, daß der Leser nicht genau entscheiden könne, ob es sich bei ihr um eine existente Person oder eine Projektion handle: “Mit den Bergen verwachsen und das Meer hassend, sorgt Mara für eine Begleitung voll Witz und bodenständiger Souveränität. Wenn es sie denn nicht gegeben haben sollte, mußte sie erfunden werden.” Anschließend beschreibt der Rezensent die stilistische Mischung, die dem Text zugrunde liegt: “Für seine Verquickung von Andacht mit Witz, von lyrischer Stille und prosaischem Alltag, von meditativem Kerngeschäft und ironischer Begleitung hat Stan Lafleur eine Fülle an Bildern, Metaphern und Lyrismen gefunden, die seine Prosa in eine mäandernde Fließbewegung führen und so die Begradigung des Rheins aufheben so wie die damit zusammenhängende Gedankenlosigkeit. Diese wortgewaltige Kontemplation ist Verifizierung der Natur durch Poesie genauso wie das Gegenteil.” Auch Sätze anderer Denker würden vom Autor angesichts der rheinischen Landschaften als Bestandteile des Textes und wahr bestätigt. Herausgekommen, resümiert Helminger, sei “eine großartige Meditation, die alles ist, Poesie, Kindheitserinnerung, Philosophie, Landschaftsbeschreibung genauso wie Liebeserklärung und Gottessuche.” Die Rezension erschien bereits im Juli und ist online nicht verfügbar.

Zwischenbilanz (7)

Dieser Eintrag ist der zweitausendste in nunmehr sechseinhalb Jahren elektronischen rheinseins. Wer die Welt als im Fluß befindlich betrachtet, dem sollten runde Zahlen gleich viel wie jede andere Zahl gelten, Ungerade und Gerade als Maßstäbe jeweils vor allem Ansätze sein, den Widerpart, die Überlagerung mitzudenken. Nun kommt der zweitausendste Eintrag so gelegen, daß wir uns direkt nach dem Posten bis Monatsende in den Regen des guatemaltekischen Hochlands verabschieden und diese Seiten bis zu unserer Rückkunft ruhen lassen werden. Sollten wir in Huehuetenango auf Zeugnisse einer Maya-, einer kolonialistischen oder auch zeitgenössischen Flußkultur stoßen, werden wir sie sammeln, ordnen und zu gegebener Zeit der rheinischen gegenüberstellen.

Festzustellen ist, daß rheinsein sich seit geraumer Zeit in gewisser Weise selbst schreibt. Eine Form ist gefunden und wird von Inhalt durchströmt. Zwar unterliegt sie gelegentlichen Änderungen und Erweiterungen (“Rektifizierungen”, “Renaturierungen”), doch im Groben hat sich der Elektrorhein sein Flußbett durch und ins Webgestein gegraben. Seitdem treten Menschen aus der ganzen Welt ans virtuelle Ufer, die einen zaghaft, andere bleiben oder waren immer schon da, manche werfen Gegenstände in den Strom, einige befahren ihn, und scheint auch seine Herkunft mit dem gesichert nachvollziehbaren Datum des ersten Eintrags am 6. Januar 2009 (einem Dreikönigstag und somit für Kölner ein starker Verweis auf die Domreliquien, denen wir Rheinreliquien zufügten) gegeben, wie überhaupt alle Eintragsdaten nachvollzogen werden können, so liegt sie eigentlich tiefer und kaum zufällig spricht bereits dieser erste Eintrag von Träumen, Hirnsynapsen und dem Weltall – allesamt Entstehungsorte des Rheins und somit auch rheinseins.

Für die postingfreie Zeit empfehlen wir unseren Besuchern die Rhein-Meditation, als für den Sommer geeignete Lektüre in Novellenlänge, die in rheinsein, das seinen Ursprung im fließenden Unbewußten nahm, ihren Ursprung nahm. Das Buch, das eine Liebesgeschichte mit einer Meditation über den Fluß verbindet, kann über den lokalen Buchhandel oder direkt beim Verlag bezogen werden.

Der Menschheit Fortschritt und des Menschen Ewigkeit

Vor einem halben Jahr ist die Rhein-Meditation erschienen. Mit Lesungen geht es nach der Sommerpause weiter (siehe Rubrik Termine.) Daß der Rhein vor über hundert Jahren bereits als Meditationsmedium diente, belegt u.a. der folgende Textausschnitt, den uns ein aufmerksamer Leser und Rheinaddikt sandte:

“Mit immer neuem Entzücken suchen wir Anwohner des Rheins die Gegenden auf, wo er sich die Bahn durch die nachbarlichen Gebirge gebrochen hat. Es ist hier doch die reiche Mannigfaltigkeit von Berg und Thal, von ödem Fels, kräftigem Wald und lachender Flur, es ist der anmutige Wechsel der südlich gesättigten Farben, an denen das Auge, jedesmal überrascht, sich immer wieder erquickt. Es ist die Mischung der Spuren, diesen Ufern von den einander ablösenden Lebensaltern unsers Volkes ausgeprägt, welche ahnungsvoll zum Herzen spricht. man wird nicht satt und nicht müde, diesem Wechsel im Anschauen und in der Stimmung sich hinzugeben, weil kein schroffer Gegensatz den Sinn zerreißt, weil die still und mächtig dahin strömenden Wasser uns unmerklich von Ort zu Ort und in derselben Zeit gleichsam von Jahrhundert zu Jahrhundert führen. – Wenden wir dagegen unsern Weg nordwärts zu den sandigen Gestaden des deutschen Meeres. Die Erhabenheit der langsam anschwellenden Flut, die geheimnisvolle, klanglose und doch rhythmische Melodie der sich brechenden Wellen fesselt wohl jedes Gemüt, wie sie nie den Reiz für den verliert, der gleich mir ein Sohn des Küstenlandes ist. Wie befremdend aber steigert sich der Eindruck, so bald man sich dem hohen Meere selbst anvertraut. Die gleichmäßig wogende oder leise atmende, nirgend begrenzte Wasserfläche, der endlos sich darüber spannende schimmernde Himmel, sie büßen bald den Reiz der Neuheit ein. Die Eintönigkeit des Bildes, welches den Schiffer begleitet, wirkt Erstarrung und Erschlaffung, und deshalb übt auch nach gefahrloser Ueberfahrt der Blick auf die jenseit auftauchenden Hügel und Matten unwiderstehlichen Zauber aus.
Der Strom mit seinem anmutenden Wechsel innerhalb der beschränkenden Ufer; das Meer grenzenlos und immer sich gleich; jener diesem zueilend – das sind die alten Bilder für des Lebens Bewegung, in der wir stehen, und für die unwandelbare Ewigkeit, der wir bestimmt sind.”

(aus: Martin Kähler – Dogmatische Zeitfragen. Alte und neue Ausführungen zur Wissenschaft der christlichen Lehre, Leipzig 1898)

Rhein-Meditation (5)


“Zur Rechten und zur Linken tat sich das Postkartenpanorama des Mittelrheintals auf. Hunderte Male hatte ich die Strecke zuvor mit dem Zug passiert, ausländische Mitreisende hatte ich auf Höhe des Loreleyfelsens im Großraumwagen gelegentlich respektvoll Heine im Original zitieren hören, während deutsche Mitreisende am Mobilfon lautstark ihre Position mit „hier sind lauter Tunnel und so ein Fluß, wahrscheinlich die Elbe“ und ähnliche Desorientiertheiten durchgaben. Nun auf dem Schiff wirkte die Schönheit des Tals ins Quadrat gesetzt, schien der Fluß sich an Bergwänden zu stauen, um sich in fotogenen Biegungen erneut zu öffnen. Befestigungsanlagen und Burgen, die Rheinpfalz vor Kaub sonnten sich im warmen Morgenlicht, an den Hängen experimentierten Wald- und Weinlaub mit geschmackvollen Herbstfarben. Auf kleinen Felsinseln im Fluß breiteten die Kormorane ihr metallisch glänzendes Gefieder. Bojen wippten gemächlich entlang der Fahrrinne. Die Schiffsreisenden hielten ihre Tablets in Kopfhöhe, auf zahlreichen Displays setzte sich die Landschaft in persönlich gewählten Ausschnitten neu zusammen. Die groben, mehrsprachigen Informationshäppchen aus dem Bordlautsprecher erinnerten daran, dass diese genuin-zaubrische Umgebung im Allgemeinen zum Synthetikum verklärt, zum Multimedia-Mythosraum geronnen ist.”

Stan Lafleur: Rhein-Meditation, Edition 12 Farben, rhein wörtlich, Köln 2014/2015
112 Seiten, 13,5 x 20 cm, Klappenbroschur, 12 Euro
ISBN 978-3-943182-09-5

Die Rhein-Meditation läßt sich über das Kontaktformular bei rhein wörtlich oder über den Buchhandel bestellen.

Bad Honnef

Fassade der Bad Honnefer Diskothek Rheinsubstanz, die 2014 wegen eines mysteriösen Todesfalls in den Blickpunkt geriet

Die Rhein-Meditation vorzustellen, waren wir vergangenen Donnerstag nach Bad Honnef unterhalb des Siebengebirges gefahren. Eingeplant war ein ausführlicher Stadtrundgang vor Veranstaltungsbeginn. Aufgrund des Kölner Feierabendverkehrs, der uns nur unwillig aus seinen Klauen entließ, wurde es ein kurzer. Zuletzt hatten wir das Kurstädtchen vor sechs Jahren betreten und waren bei unseren Erkundungen in einer scheinbar endlos sich wiederholenden Villengegend steckengeblieben. Tatsächlich ist Bad Honnef etwas ungewöhnlich strukturiert. Stadtzentrum und Rhein sind durch besagtes (diesmal überschaubar wirkendes) Villenviertel, sowie die B 42 getrennt, der Fluß mit der als Park ausgestalteten Insel Grafenwerth direkt nur über zwei Fußgängerbrücken, die eine über die Bundesstraße, die andere, an deren Laternenpfählen Edward Snowden-Sticker-Portraits Richtung Drachenfels blickten, über einen stillen Flußarm erreichbar. Auch am Nordrand der Stadt führt eine Fußgängerbrücke an den Fluß, im Süden eine Straßenbrücke. Dazwischen klaffen, von der mittleren Brücke betrachtet, ansehnliche Anbindungslücken, weswegen wir die Existenz der ein oder anderen Unterführung vermuten. Die Trennung von Stadt und Rheinader jedenfalls wirkt markant und tatsächlich erweckt die Rheininsel mit ihren Grünflächen und dem Biergarten den Eindruck eines Freizeitparks, einer eigenen Welt mit immer noch teilgültigen Blickwinkeln auf die alten, düsterromantischen Rheinschinken von Turner und Konsorten. Wo also im Regelfall die Unterstadt mit Arbeiter- und Handwerkerstraßenzügen aufwartet, stehen in Bad Honnef erwähnte Villen, oberhalb derer der vom Rhein kommende Besucher nicht unbedingt mehr ein Zentrum erwartet, das jedoch existiert, inklusive Fußgängerzone, Gastronomiezeile und zur Nacht, um Punkt zehn Uhr, zu den Glockenschlägen von St. Johann Baptist erlöschenden Fassadenstrahlern. Auffällig in der Gastronomie die Bezugname auf die Stadtregierung: Altes Rathaus, Ayuntamiento (spanisch für Rathaus), Burgermeisterei. Unterhalb des Neuen Rathauses hatten wir geparkt; im rundumverglasten Kunstraum, ebenfalls ans Neue Rathaus gekoppelt, sollte die Lesung stattfinden. Neben dem Kunstraum angebracht eine Stele mit “bedeutenden Besuchern” der Stadt:

Besonders gefielen uns neben den Auslassungen für die Lebensdaten bei den noch Atmenden die Schlußkommata und Absatzgrößen. Wenigstens in Bad Honnef ist der Gedanke an eine Zeit nach Angela Merkel nicht nur möglich, sondern sogar in Marmor gehauen. Eigentlich hätten wir, z.B., Guillaume Apollinaire auf solch einer Honnefer Stele erwartet, der von 1901 auf 1902 ein ganzes Jahr in der Stadt zubrachte und dort seine Rhénanes verfaßte, doch die  Stele beherbergt als “Persönlichkeiten” ausschließlich Politiker in höchsten Staatsämtern ab der Ägide Adenauers. Wir sahen desweiteren: Magnolien in den Vorgärten blühen und die Steinskulptur eines betrunkenen, an eine Straßenleuchte sich klammernden Rheinländers im Zentrum. Mehr Zeit war nicht gegeben, auf die Minute pünktlich erreichten wir unsere Veranstaltung, die in die Umgebung einer noch nicht eröffneten Ausstellung von Hilmar Röner eingebettet war. Als besonderer Eyecatcher wachte somit über Bühne und Publikum ein Ladyjesus in verschiedener Ausfertigung: Bilder, von denen heilige Strahlung in die Dämmerung hineindimmte und unsere Meditation mit vertrackten Signalen unterspülte. Teilen des Bad Honnefer Publikums waren wir übrigens nicht ganz unbekannt: eine Dame erzählte, daß sie uns im Februar im WDR-Radio aus der Meditation habe vortragen hören, ein weiterer Besucher zeigte sich mit rheinsein vertraut. Von Rathaus zu Rathaus beschlossen wir den Abend auf der Marktterrasse des Ayuntamiento, bekannt als “der Mexikaner” und letzte Innenstadthoffnung, nach St. Johann Baptists wunderbar scheppernd-mahnendem 10-Uhr-Nachtglockenschlaghagel noch ein Getränk serviert zu bekommen. Unser Wagen war da bereits längst im Parkhaus eingeschlossen.

Rhein-Meditation: Stimme


“Stan Lafleur begibt sich mit der Rhein-Meditation auf literarische Entdeckungsreise entlang des Rheins. Von den Quellen bis zur Mündung folgt der Erzähler dem Strom, dem Treibgut der Legenden und kleinen Geschichten, in denen sich Mythos und Wahrheit immer neu vermengen. Eine poetische Erkundung des Rheins, zugleich Suche nach dem Ursprung und den letzten Dingen und die Geschichte einer besonderen Liebe.” (Cornelia Nasner in Honnef heute)

Rhein-Meditation: Rezension (2)

Unter dem Titel Alles fließt ist heute auf dem Literaturportal fixpoetry eine weitere, ausführliche Besprechung der Rhein-Meditation erschienen: Ursula Teicher-Maier stellt Vergleiche mit Eva Demskis Flußbetrachtung Mama Donau an und geht insbesondere auf strukturelle Aspekte der Textkomposition ein, die ihr “wie ein Zwitter zwischen Erzählung und Langgedicht” erscheint. Die Rezensentin unterscheidet zwischen inhaltlichen und assoziativen Textebenen und assoziiert selber über dem Text, wenn sie die Figur der Mara mit einigen ihrer zahlreichen, im Buch nicht explizit erwähnten Namensbedeutungen in Verbindung bringt, etwa sinnigerweise mit dem “Verführer, der Gautama Buddha der Legende nach von der Erleuchtung beim Meditieren abhalten wollte”. Auch die komischen Aspekte der Meditation kommen zur Sprache, ihren besonderen Fokus legt Teicher-Maier auf die Tempo- und Perspektivwechsel: so schnell rausche an manchen Stellen der Text, daß sie beim Lesen immer wieder abdrifte und sich “wie beim Meditieren, dauernd zurückrufen muss, zurück zum Text, der mich in Gedankenstrudel zieht und wieder daraus entlässt”. Der Erzähler wiederum sei “ein Kind seiner Zeit, dem Wikipedia genau so vertraut ist wie YouTube oder japanische Anime-Filme (…); die Meditation am Fluss führt ihn immer wieder vom Alltäglichen der Wahrnehmung dessen, was ihm begegnet, zu Gedanken, die die Ebenen des Mystischen, des “Erhabenen” streifen. Alles wird in größere Zusammenhänge gestellt, und dies geschieht vor allem durch die Langlebigkeit, die Größe des Rheins, der “vom All betrachtet (…) eine unwesentliche Narbe unter vielen dieses Planeten” ist.”

Der volle Wortlaut der Besprechung ist hier nachzulesen.

Rhein-Meditation (4)


“Wer kann schon mit Sicherheit behaupten, ob er noch am Leben ist oder bereits tot? Beim Betrachten des Stroms, unter einiger Kenntnis seines Verlaufs geht mir auf, dass mein Leben ebenso grob wie nuanciert verläuft, dass sämtliche Behauptungen dieses Lebens ihre Entkräftungen stets in sich trugen und tragen, insbesondere, wo ich vor 20 Jahren noch überzeugt das Gegenteil behauptet habe. Heute kann ich nur darauf hoffen, dass in 20 Jahren meine Erkenntnis ebenfalls weiter vorangeschritten sein wird, wobei auch ein täglich sich wiederholender Tod ein befriedigendes Leben vorstellen kann. Wie der Rhein bin ich ein Migrant, der auf der Stelle tritt. Der all das, was ihn erwartet, bereits in sich trägt. Der das, was er noch vor sich hat, bereits mitschleppt. Und der das, was er hinter sich hat, mit schwellendem Kamm und immer eindringlicher wiederholt. Eine Meditationsübung, die von der Last des Menschseins befreit, indem sie menschliche Laster durchexerziert. Ein Weg ins Nichts. Ein Trick, der nichts taugt.”

Stan Lafleur: Rhein-Meditation, Edition 12 Farben, rhein wörtlich, Köln 2014/2015
112 Seiten, 13,5 x 20 cm, Klappenbroschur, 12 Euro
ISBN 978-3-943182-09-5

Die Rhein-Meditation läßt sich über das Kontaktformular bei rhein wörtlich oder über den Buchhandel bestellen. Kommende Lesungen (demnächst in Bad Honnef und Düsseldorf) sind der Rubrik Termine zu entnehmen.

Rhein-Meditation (3)


“Der Rhein entspringt einer Szenerie aus Wasser und Fels, die dem weiblichen und männlichen Prinzip entsprechen. Darüber schwebt der Himmel, das All, das Göttliche. Anstatt als permanente Geburtsakte ließen sich die Rheinursprünge auch als permanente Zeugungsakte betrachten. Die Römer personifizierten den Rhein als Flussgott Rhenus, mit dem Beinamen bicornus, was „der Zweigehörnte“ bedeutet. Ob damit die Quell- oder die Deltaarme oder eine ungewisse Vaterschaft angesprochen waren, ist nachrangig, weil die Deutungsmöglichkeiten für sich stehen. Ob nun Zeugung oder Geburt, als Synonyme für den Lebensursprung, klar wird: je mehr Klarheit der Forscher sucht, desto komplexer fallen seine Antworten aus. Es gibt nicht, nicht auf Erden, diesen einen Punkt, an dem alles entspringt; wie die Idee des Huhns dem Ei, ist die Idee des Eis dem Huhn immanent. Doch bekanntermaßen entdeckt sich das Huhn erstmals selbst bei einer wilden Schlacht im Zauberspiegel ausgelaufener roher Eier.”

Stan Lafleur: Rhein-Meditation, Edition 12 Farben, rhein wörtlich, Köln 2014/2015
112 Seiten, 13,5 x 20 cm, Klappenbroschur, 12 Euro
ISBN 978-3-943182-09-5

Die Rhein-Meditation läßt sich über das Kontaktformular bei rhein wörtlich oder über den Buchhandel bestellen. Ab April sind weitere Lesungen entlang der Rheinschiene geplant.

Rheinische Tierwelt (20)


“Halte ich inne, bemerke ich Tiere, und Wesen, tierähnliche, klar konturiert” (Rhein-Meditation)

Dieses Rheintier hätte natürlich auch in die Serie Rheinkiesel gepaßt. Um die Darstellung welchen Tieres es sich handelt, konnte bisher nicht geklärt werden. Unsere Vermutung geht in Richtung Dackelschrecke, andere Stimmen wollen den Rheinischen Schlipshund, sogar den Rheingasus erkennnen.