Rheinische Tierwelt (17)

Der Amerikanische Kratzwurm hat den Rhein offenbar nur vorübergehend bewohnt. Auf seine Geschichte stießen wir angesichts des Ludwigshafen-Tatorts “Hauch des Todes”, in dem der Parasit eine kleine, aber bedeutende Nebenrolle spielt. Kriminaltechniker Becker findet den Wurm im Ohr eines Mordopfers. Die Dialogzeilen, mit denen Becker den Kommissaren Odenthal und Koppper den Wurmfund erklärt, stammen teils wörtlich aus einem Focus-Artikel aus dem Jahr 2005 über den Rheinaal als Wirt exotischer Parasiten.

“Der Aal im Rhein ist ein geplagtes Tier. (…) Eine Gruppe von Parasitologen der Universität Karlsruhe hat den Aal genauer studiert und kam zu dem Schluss: Auch die Welt der Parasiten ist längst globalisiert. Meist ungewollt verschleppt der Mensch Schmarotzer um den Erdball und bringt eingespielte Lebensgemeinschaften durcheinander. (…) Beim europäischen Aal (…) werden die Würmer (gemeint ist der Amerikanische Kratzwurm (Paratenuisentis ambiguus); Anm.: rheinsein) in der Schwimmblase doppelt so groß wie beim eigentlichen Wirt, dem asiatischen Aal. Parasiten werden meist durch den Transport lebender Tiere verbreitet. Häufig lässt sich die Ausbreitung entlang von Handelswegen beobachten. Der Rhein-Aal ist ein drastisches Beispiel: Neben (…) vier bekannten Aliens sind seit 2001 schon wieder vier neue Schmarotzer aufgetaucht, deren Herkunft und Identität die Forscher noch nicht genau kennen: „Die Lebensgemeinschaften werden völlig unberechenbar, was in fünf Jahren los ist, wissen wir nicht.“
Die fünf Jahre sind inzwischen verstrichen und offenbar scheint eine gewisse Berechenbarkeit in die wilde Welt der parasitären Wanderbewegungen zurückgekehrt. Oder die Forschung hängt seitdem artikelträchtigen Erkenntnissen hinterher.
Die kurios anmutende Geschichte des Amerikanischen Kratzwurms ließ sich damals bereits genauer verfolgen: 1957 hatte das niedersächsische Landwirtschaftsministerium 1000 amerikanische Flohkrebse in die Weser eingesetzt. Sie sollten als Fischfutter dienen. Denn aufgrund von Kalieinleitungen aus der DDR waren die heimischen Flohkrebse ausgestorben. Die aus Übersee eingeführten Kleinkrebse vermehrten sich rasant und wanderten über den Mittellandkanal bis in den Rhein. Was bei der Einführung niemand bedacht hatte: der amerikanische Flohkrebs fungiert als Überträger des Kratzwurms. So tauchte mit dem neuen Fischfutter auch ein neuer Parasit auf. Seit den 80er-Jahren befiel der Kratzwurm überall dort die Aale, wohin der Flohkrebs gelangt war. Doch die Eingriffe des Menschen in die Natur gleichen sich bisweilen auf wundersame Weise aus: “Unerwartete Hilfe erhielt der Schlangenfisch, als (…) 1992 der Rhein-Main-Donau-Kanal öffnete. Durch die neue Wasserstraße wanderte ein kräftiger osteuropäischer Flohkrebs („killer-shrimp“) ein und verdrängte seinen amerikanischen Verwandten.” Im Oberrhein konnte der Kratzwurm bald darauf nicht mehr nachgewiesen werden.

Presserückschau (September 2012)

Schreckensnachricht in der Welt: “Ein gefräßiger Chinese wütet am Rhein”. Gemeint ist vorderhand der Asiatische Laubholzbockkäfer, der bereits vor sieben Jahren in Bonn eingefallen ist und dort mit seiner Guerillataktik den alten Ahornbestand bedroht. Die militärische Berichterstattung über die Invasion derselben Käferart in Weil scheint unterdessen zu ruhen. Weitere ausgewählte Nachrichten des Septembers:

1
Über das in Basel populäre Rheinschwimmen berichtet ausführlich die Zeit und holt aus, daß der Fluß in den 80er Jahren auch und insbesondere in Basel als Kloake galt: „Luftaufnahmen aus dieser Zeit zeigen drei Farbströme im Wasser: einer aus den Chemieanlagen, einer aus den Haushalten und einer von der Schlachterei.“ Rhodamin hieß der fluoreszierende rote Farbstoff, der bei der Sandoz-Katastrofe 1986 nebst tonnenweise Giften mit dem Löschwasser der Feuerwehr in den Rhein gelangte.

2
François Hollande kündigt die Stillegung Fessenheims, des ältesten Atomkraftwerks Frankreichs für 2016 an. „Erst am Mittwoch vergangener Woche hatte es wieder einen Zwischenfall gegeben. Bei Routinearbeiten mit nicht radioaktivem Wasserstoffperoxid kam es nach Angaben des Betreibers EDF zu einer Dampfentwicklung, die einen Brandalarm auslöste. Zahlreiche Sicherheitskräfte und die Feuerwehr rückten aus. Im April war in einem Maschinenraum des Reaktors II ein Feuer ausgebrochen.“ (Welt)

3
Irischer Rhein: „Nach jetzt fünf Jahren bekommt dieses Festival in der Region einen immer besseren Namen und großen Bekanntheitsgrad.“ (lokalkompass.de) Die frohe Ankündigung handelt vom „Irish Rhine Festival“ am letzten Septemberwochenende im Keekener Schützenhaus. Für irische Stimmung sollte u.a. der zweimalige niederländische (!) Meister im Dudelsack(!)spiel, Ewald Verhoeven sorgen, nebst „Guinness und Whisky sowie Cider“ und „einem besonderen Leckerli (!)“ (Niederrhein Nachrichten)

4
Eine Reportage über den kleinen Gernsheimer Hafen, den einzigen Rheinhafen Hessens, brachte die FAZ. Täglich knapp ein Schiff landet in Gernsheim an, ca anderthalb könnten derzeit gleichzeitig beladen/gelöscht werden.

5
Eine Bilanz nach 20 Jahren Rhein-Main-Donau-Kanal zieht nordbayern.de: Das Stahlwerk Maxhütte in der Oberpfalz gäbe es nun nicht mehr, ebensowenig die großen Kohlekraftwerke in Erlangen und Nürnberg, hingegen geblieben seien trocken gefallene Natur und eine Maximierung des Betons – soweit der Bund Naturschutz. Die zuständigen bayerischen Ministerien sehen das erwartungsgemäß anders. Bundesverkehrsminister Volker Hauff (SPD) immerhin meinte seinerzeit zum CSU-geführten Durchstich zwischen Main und Donau: „Das ziemlich dümmste Projekt seit dem Turmbau zu Babel“. (Welchen er letztlich ebenfalls nicht genehmigt hatte.)

6
„Die Regierungsgeschäfte von the Rhine, ehemals Deutschland, wurden im Frühling 1990 durch den Regenten Jefka übernommen. Beobachter klassifizieren den mittelgroßen Staat als progressive neoliberale Parteiendemokratie, bekannt für seine hohe Verdienstmöglichkeit und die niedrige Kriminalität. Die Mehrzahl der gebildeten und vernünftigen Bewohner ist glücklich mit den Verhältnissen. Sie genießen den Ruf, sportlich und freiheitsliebend zu sein, und erfreuen sich einer hervorragenden Infrastruktur. Der größte Unterschied zu anderen Ländern besteht im Bereich Zuwanderung. Der Regent konnte seinen Einfluss gegenüber dem Vorjahr steigern. the Rhine ist nicht Mitglied in einem Bündnis.“ (ars regendi)

7
„Nach 35 Jahren gibt es jetzt wieder eine direkte Fährverbindung zwischen Monheim und Dormagen (…). Im September wird das Piwipper Böötchen samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr im Testbetrieb über den Rhein pendeln. Es können bis zu zehn Personen mitfahren. Die Überfahrt ist kostenlos, Spenden sind erbeten.“ (lokalkompass.de) Ein Userkommentar: „mit der piwipp sind wir schon als schulkinder rübergefahren und nach zons gegangen, zurück haben wir den kapitän geärgert indem wir alle auf einer seite standen und die piwipp in schräglage brachten.“

8
Der Brand in Krefeld dürfte es bis in die Tagesschau geschafft haben: „Eine riesige Rauchwolke ist (…) über mehrere Städte am Niederrhein und im Ruhrgebiet hinweggezogen. Entstanden war sie durch einen Großbrand in einer Krefelder Düngemittelfabrik. Im betroffenen Gebiet wurden die Bewohner gewarnt, ihre Häuser zu verlassen, Krisenstäbe tagten, kilometerweit war Sirenengeheul zu hören.“ (Rheinische Post) “Der Rhein wurde wegen der starken Rauchentwicklung zwischen Düsseldorf und Duisburg auf einer Strecke von fast 40 Kilometern zeitweise für den Schiffverkehr gesperrt, ebenso eine wichtige Rheinbrücke zwischen Krefeld und Duisburg. Der Flugverkehr war leicht beeinträchtigt (…)” (Süddeutsche Zeitung)

Rhein-Main-Donau-Kanal

Gestern kam es in der hiesigen Schreckenskammer zum Kölner Spitzentreffen donauischer und rheinischer Kräfte des litblogs.net-Verbundes. Natürlich wurden umgehend diverse rheinische und donauische Kultureigenheiten untersucht und verglichen, am Ende stellte sich gar die Existenzfrage. Ob nämlich der Rhein-Main-Donau-Kanal tatsächlich existiere? Natürlich gebe es den, behaupteten wir forsch. Ja, aber wo der Kanal denn dann in die Donau münde? Na, irgendwo in Bayern, lautete unsere ad hoc-Expertise. Und schon beschlichen uns Zweifel. Hatten wir diesen Kanal jemals zu Gesicht bekommen? (Eher nicht.) War er am Ende doch nur Legende? Es soll ja bei weitem nicht alles ernst zu nehmen sein, was auf Google Maps zu erblicken ist, aber dieses Beweisbild

maindonaukanal

sollte unser steiles Vorpreschen einigermaßen zementieren: es zeigt den Rhein-Main-Donau-Kanal, der korrekt verschlankt nur Main-Donau-Kanal heißt (oben im Bild) bei Kelheim, einem niederbayerischen Städtchen, und unten die Donau, wenige Dezimeter südöstlich des Bildausschnitts treffen beide zusammen. Wieviele Schiffe tatsächlich den kompletten Wasserweg von der Nordsee zum Schwarzen Meer (oder umgekehrt) durchlaufen, bleibt jedoch fürs erste ungeklärt.