Haldenstein (6)

Der Antiquarius kennt auch Haldenstein, insondere das Schloß (!), zuzeiten seiner adlichten Bewohntheit: “Wann nun der Rhein eine Weile unterhalb Räzuns das Wasser Plessur eingenommen hat, so komt man mit solchem also bald nach Haltenstein. Dieses ist ein schönes (in der Tat, Rheinsein bewohnt es grad; Anm.) Schloß, Dorf und Herrschaft in Graubünden, eine halbe Stunde von Chur, jenseits oder auf der linken (der richtigen, wie der Kölner sagt!; Anm.) Seite des Rheins. Das Schloß liegt auf einem hohen (man kann auch übertreiben – es gibt jedenfalls in unmittelbarer Umgebung weit höhere; Anm.) Felsen und ist wohl erbauet, Dessen Besitzern stehen die hohen und niederen Gerichte (Steinbockfilet? Bündner Gerstensuppe? letztere jüngst noch im Nordflügel von der Kastellanin für die Bürgerversammlung in riesigen Kesseln gebraut; Anm.) zu. Es war selbiges ehemals einem adeligen Geschlechte gleiches Namens zuständig. Nach des letztern, nämlich des Herrn Haldenstein zu Lichtenstein, zu Anfang des funfzehenden Jahrhunderts erfolgten Tod, ist es nacheinander an die von Greifensee, von Grüningen, an die von Marmels, von Castion, von Hohenbalken, von Dägerstein, und endlich an Thomam von Schauenstein, einen Ritter, gekommen, welcher von dem Kaiser Matthia im Jahr 1617. in den Freyherrnstand erhoben, und unter andern auch mit der Münzgerechtigkeit beehret worden. Dessen Nachkommen haben diese freye Herrschaft besessen, bis sie mit dem Anfange des achtzehenden Jahrhunderts an Johann Lucium von Salis gekommen. Der dißmalige Besitzer ist Gusbertus von Salis. Das ganze Gebiete dieser Herrschaft ist nicht über eine Meile lang, hat dabey einen überaus unfruchtbaren Grund und Boden, welcher nicht einmal einiges Korn hervorbringt. Gleich oberhalb Haldenstein liegen (bis heute, im Föhn; Anm.) die Ueberbleibsel des Gemäuers von dem Bergschloße Lichtenstein. Die Gegend in dieser Landschaft (schön ausgedrückt!; Anm.) ist mehrentheils voller hoher Gebürge, zwischen welchen sich die Thäler hier und dar zuweilen bis auf eine Meile erweitern, die sodann von dem dardurch fließenden Rhein und andern Bächen oft überschwemmet, davon aber zu herrlichen Auen und Wiesen gemacht werden.” Rheinsein könnte jetzt mit Dielhelm noch gen Trimmis, gen Norden, etc, aber es regnet so fürchterlich sehre, draußen, im Dunkeln, als machte das alles keinen Sinn.

Dielhelms Hinterrhein (2)

“Hinter dem Flecken Tusis fließt ein kleines Wasser, die Noll genant, hervor in den Rhein. Es entspringt solches drey Stunden hinter Tusis in Cepina / an einem wilden, doch bewohnten Orte an dem Fusse des hohen Spitzbeuerinbergs. Es führet einen luckern schwarzen Modderschleim bey sich, welcher von allerhand Wassern, insonderheit auch von dem Schneewasser aufgelöst, je mehr und mehr weggefressen und fortgeschleppet wird. Sonderlich läuft es vom starken Regen öfters dermassen an, daß es großen Schaden verursachet, und den Einwohnern in Tusis ganze Häuser und Ställe mit vieler Erde wegfrißt, anbey wegen seiner dickschwarzen Farbe, die ziemlich lang dauret, und den ganzen Rhein schwärzet, abscheulich anzusehen ist. Im übrigen scheidet es das Schamser Thal und das Domlesch von einander. Diesem Tusis gegen über, zur rechten Seite an dem Hinterrhein, liegt ein hoher Felsen, der Sanct Johannesberg von einem diesem Heiligen zu Ehren vor Alters allda erbauten Kirchlein genant. Es hat derselbe Felsen eine gerad aufsteigende Höhe, worauf das alte Schloß Hohen Realt, oder Rhätia, lat. Rhaetia alta, zu sehen ist, und soll von dem Fürsten Rheto, der Räthier uralten Stamm= und Namensvater erbauet, oder doch nach ihm seyn genennt worden. Nunmehro liegt es öde und ist Alterthums wegen verfallen, doch sind noch vier aufrecht stehende feste Thürne und sonst andere alte Mauren, als namhafte Ueberbleibsel, davon zu sehen. Von diesen Orten richtet der hintere Rhein seinen Lauf gegen Norden, und verschluckt unterhalb Sils den Albelfluß, fliesset sodann unter der Zollbrücke durch, auf das Bischöflich Churische Schloß und Flecken Fürstenau und das Frauenkloster Ratz oder Razes. Dieses Ratz oder Razis, lateinisch Chacias, war ehemals ein vornehmes adeliches Benedictiner Nonnenkloster im Domletzger Thal am hintern Rhein, anderthalbe Stunden von Chur. Im Jahr 758. hat solches Paschalis, ein Graf in Rhäthien und Bregenz und der vierzehende Bischof zu Chur nebst seiner andächtigen Gemahlin Aesopeia, die aber Münster und andere Schriftsteller jedoch unrecht Episcopia nennen, eine geborne Gräfin von Hohen Realt, samt ihrem Sohn Victor dem Ersten, so nach seinem Vater Bischof zu Chur worden, gestiftet. Zur ersten Abtißin haben sie ihre älteste Tochter Vespula, und zur Stiftsfrau ihre jüngste Tochter Ursina verordnet. Im Jahr 1537. hat die letzte Abtißin gelebet, nach deren Absterben der Obergrauenbund das Kloster secularisirt und reformirt, und dessen Einkünfte unter seine Gemeinde zur Erhaltung ihrer Kirchen und Schulen ausgetheilet. Seit dem Jahr 1666. ist dieses Kloster wieder hergestellet worden, und hat nun eine Priorin zur Vorsteherin. Von diesem Kloster richtet der hintere Rhein seinen Lauf nach dem Dorf Rotels / nach den beyden zerstörten Schlössern Ortenstein und Juvalt / wie auch auf Rothenbrunn / wo ein Bad ist, ferner auf Dumilz und Räzuns, oder Rezins / lat. Rezona, Raethia Ima, oder Raethium Castrum, wendet. Es ist dieses ein Schloß, so auch noch seinen Namen von obgedachtem Rheto führet, und den Titul einer Herrschaft hat, so dem Erzhause Oesterreich zustehet, welches daselbst einen Verwalter, oder Voigt hält. Es ist dieser Ort eine Feste, so das sogenante Dumlesch bedeckt. Die Freyherrn dieses Namens sind schon im Jahr 1459. abgestorben.”

Nullrhein gleich Vollrhein

Bei Reichenau prallen schlämmkreidiger Vorder- und bei Rhäzüns noch vergeblich handgebremster Hinterrhein gleichsam Kopf an Kopf aufeinander, dringen mit ihren nachziehenden Fluten (wie verwaschne Schleier wieder und wieder aufgetragener Hochzeitskleider) gegenseitig in sich, gleiten zugleich an sich ab, gewässersexueller Akt, ringen auf diese Weise ein wenig und einigen sich auf beinahe orthogonalen Abfluß (damit Ruh herrscht), Nullpunktremis in Schaum, Knautsch und Rausch, von vier schwach frequentierten Brücken überschlagen. Zieht kaum Tourismus der Flecken, als Trauort einer Legende. Was hingegen zieht, ist Sport. River rafting, hydrospeed, canioning und Kart lauten die Tagesangebote. Lauter jungfesche individualgebräunte Sportlinge in uniformen Gummianzügen auf Jeepladeflächen – wenn die mal was über den Fluß, von dem sie sich nu bespaßen lassen, gelesen haben, stands wohl in den Donald Duck-Taschenbüchern, irgendwo in den Sprechblasen von Tick, Trick und Track. So pesen sie dahin. Mir bleiben das alte Steine-übers-Wasser-hüpfen-lassen und sonstige wertekonservative Wurfübungen. Faszination der Sekundenregenbogen im von Flitschekieseln aufgeworfenen Gesprüh. Wird es gelingen, den Vorderrhein komplett zu überwerfen? Plötzlich das dumpfe Ächzen eines Rheingeists, den ich versehentlich mit einem schweren Kiesbrocken am Schädel treffe: echt schockierend! Als würde Fels durch Metallröhre gedroschen. Was sucht das Gelump aber auch zu sonnestrahlendster Tageszeit in Ufer- somit Menschennähe? Die Rache folgt stehenden Fußes, ausgeübt von einem gutgetarnten scharfbezahnten Gesellen aus des Rheingeists Kiesmyzel, pur fließt mein rotestes Menschenblut aus dem Mahnfinger; hier jetzt noch baden zu gehen, wäre vermutlich Selbstmord. Unter der Brücke rauchen Würstchen im Grillfeuer, paarweise winterbekleidete Alte trotzen der Dreißiggradsonne mittels einer Art Liegekur, auf der Brücke: mein erster Vollrhein in tänzelnden Silbersilben. Wohin er sich zu wenden gedenkt steht in Reichenau rachitisch an allen drei Hauswänden: Chur. Chur. Chur.

Rhäzüns

Schloß Rhäzüns ist von Verbotsschildern mit Bußgeldandrohungen umstellt und wird von Christoph Blocher, einem der kontroverseren Politiker der Schweiz zweitbewohnt. Auf Geheimpfaden, die kein GPS der Welt kennt, geht’s, vorbei an der Wildhimbeermeile, aus deren Gesträuch vollreife Juwelen blitzen, zum Rhäzünser Königs-, alternativ: Poetenblick: tief unter der Abbruchkante mäandert der Hinterrhein seine letzten Kilometerli auf den Vorderrhein zu, wirft kiesige Inseln wie struppige Bänke auf, schrappt arschknapp am Tod durch Schönheit vorbei, entspannt sich gurgelnd, überspannt von der Luftseilbahn Rhäzüns-Feldis, gaukelnde Gondeln über gottgewolltem Talgrund,„begondelt werde dein Name“, „Trap“ weisen Schilder in den Wald, trapptrapp, vorbei an der dorfaus gelegenen Heini AG schmalspurt die Räthische Bahn in und aus touristische/n Kulissen, der allfällige Capricorn muß mal wieder Fresse und Gehörn herhalten: Rhäzünser isch gsünser, auch plus Holunderblüte, hochschwyzerdütsch Lemon`n`Peach im PET-Gebinde: naturbelassene, alpenbachklare… Steinbockpisse? Dann schnell noch die Häupter der letzten romanisch sprechenden Einwohner gezählt, ein siamesischer Zwilling darunter, der geht großzügig durch für zwei. Hinterrheinabwärts auf freiem Gelände die Bonaduzer Tankstellen und Reißbrettneubauten (karmesinrote Hofhauskästen), followed by Ortskern`n`Website.