Was bei den gletschern verstanden

Kleiner Exkurs mit Sebastian Münster zum mormelthierbewohnten Rhône-Gletscher und auf den Furkapaß mit unverkennbaren Analogien zum Rheinursprung:

“WJewol die gletscher nitt bergwerck noch metallen seind / seind sie doch gleichförmig in der reinigkeit den lautern Cristalle / werden zum mherern theil gefunden gegen mittag auff den höchsten vn wilden berge / die man nent schneeberg / ist aber nit schnee noch yß in seiner natur eigentlich / ist vil mere ein verherter eyß / dz auff der höhe der bergen nimmer zerschmiltzt / sunder vo zwey oder drei tausent jar her do gelegen ist / vn gar nahe zu eim stein worden. Vnd so ettwan ein stuck herab falt in ein thal / bleibt es lange zeit ligen ehe es zu wasser resoluiert wirt / on angesehen die grossen hitz des sumers od der sonnen glantz. Jst auch sein eigenschafft dz er sich selber purgiert vnd reiniget / das in jm kein erd / sand / stein / groß noch klein / auch kein andere matery bleibt / er duldet der ding keins / biß das er als rein wirt wie ein cristall. Jst an vil enden ongrüntlich tieff / macht auch zum offter mal grosse schrunden vnd spält / das gar sorglich ist in pässen / vn auch den jägern / besunders so die spält mit schnee bedeckt werde. An vil ende seind die vssgerissen schrunden drey oder vier hundert claffter tieff / ettlich ongrüntlich. So einer zu sumer zeiten anfahe spalten / ertönt darvo so ein grausams krache / gleich als wölt das erdtrich brechen. Die jäger hencken dz fleisch vnnd wilprät darein zu summer zeiten / darmit es darin gefrier / vnd wirt also darin behalten biß es jne füglich ist bey güter weyl zu verkauffen. Es braucht auch dz ladtvolck den gletscher in tödtlichen kranckheiten für artzney / nemlich darmit zustellen disenteria / dz ist / den rote schaden der von hitz kompt / vnd zu leschen acutas febres / das seind hitzige kranckheiten. Auch sagen sie das dz gletscherwasser zu vil dingenn gesundt sei. Es ist zu summer zeiten grimm kalt / gantz trüb vnd graw / gleich als were es mit äschen übersätet / vnd kompt allenthalben auß den thälern gelauffen mitt grossen becken. An ettlichen orten schüßt es oben herab von den hohen felsen / besunder zwüschen S. Moritzen vnd vnd Martinacht falt gar hoch ab einem felsen ein groß wasser / das ist grausam anzusehen. Es ist so eiß kalt ding vmb den gletscher / das man ein kanten mitt warmem wein mit eim stuck eins eyes gros grimm kalt machenn mag. Jch hab anno 1546. am vierdten tag des Augsts ein gesehen bey der Furcke / der ist bey zweier oder dreyer spieß dick / eines armbrust schutzes breit / der lenge mocht ich kein end über sich gesehen / ist fürwar ein grausamschen / es was ein stuck eines hauses groß daruon gefallen / das macht den anblick noch grausamer / es gieng auch ein bach mit wasser vnnd yß darauß / das ich mit meinem roß on ein brucken nit hinüber kommen mocht / Vn diß wasser soll der anfang sein des Roddans. Wiewol onfern vonn disem glettscher ein grosser brunnen herfür dringt vff dem berg / den hat man mir gezeigt als ein vrsprung des Roddans. Es lauffen auch allenthalben vonn den bergen wässer in disen ersten flusß / die meren gar bald den Roddan / fallenn mitt jm über berg vnnd felsen mitt eim solichenn rauschenn / das einer kaum mag gehören was sein gesell mitt jm redt / das wäret ab vnnd ab / biß man schier ghen Brig kompt das ein fall über den andern kompt / vnd menchmaldz wasser von hohem fallen in ytel schaum vnd nebel verkert wirt. Gleicher weiß beschicht vff der andren seiten über der Furcken mitt de wasser Rüß / dz sein ersten vrsprung nimpt ab de schnee vnd yß an der Furcken vnd andern noch vil höhern bergen die an die Furcken stossen / hangent. By vispisig deß Roddas vff dem berg grebt man vil Cristalle / es lauffen auch vil Mormelthier do / die lassen die menschen onbeschrauwen nit für ghan. Es ist vff der Furcken gar kalt / darumb auch ewiger schnee vnd yß darbey g fanden werden.”

Das Rheinbassin

Rheinsein nähert sich in absehbarer Zeit (wo nicht ständig partiell aus der Ferne) erneut (sagen wir: fysisch) dem Alpenrhein und zieht zu Dielhelm und Spescha nun regelmäßig auch den Kohl hinzu, das zu betretende Gebiet aus vergangenen, doch bis ins Heute hinüberscheinenden Dimensionen zu erfassen: “Das Schweizerbecken enthält die entlegensten Zuflüsse des ganzen Stromgebietes. Wir können es daher auch das Quellengebiet des Rheins nennen, in welchem dieser Strom wie in seiner Wiege geboren und großgezogen wird. Die Alpenmassen, welche im Süden dieses Becken ummauern und es zum Theil mit ihren Ausläufern erfüllen, haben hier ihren Hauptknoten- und Centralpunkt im St. Gotthard, einer kolossalen Erdwarze, von welcher nach allen Richtungen hin Erdspalten, Risse, Thäler und Flüsse ausgehen, und von der auch die bedeutendsten der äußersten Rheinzuflüsse, die Aar, die Reuß, die Limmat, der Vorderrhein, herabkommen. Sowie das schweizerische Rheinbecken seinen höchsten Massenpunkt im St. Gotthard hat, so hat es seinen tiefsten Punkt in der Gegend des Durchbruchs seiner Gewässer durch den Jura und Schwarzwald; zu diesem Punkte hin strömen, zum Theil mit großen Bogen und auf Umwegen, alle Gewässer fächerförmig zusammen: der Rhein aus Osten, die Limmat aus Südosten, die Reuß aus Süden, die Aar aus Westen. Der Hauptsache nach kann man also diesen Kessel von hier aus als in allen den besagten Richtungen aufsteigend betrachten. Zwei Haupt-Unterabtheilungen und Nebenabdachungen dieses Beckens werden aber durch die Art und Weise bestimmt, in welcher sich seine gesammten Gewässer, bevor sie sich beim Durchbruch verbinden, in zwei Hauptbranchen, in einer westlichen und einer östlichen Ader, vereinigen. Beide Adern sammeln von einem beinahe gleich großen Oberflächenstücke die Gewässer und führen eine beinahe gleich große Quantität Wasser mit sich, beziehen auch aus fast gleicher Entfernung ihre Quellen. Man hat der östlichen Ader den Hauptnamen Rhein gegeben, der westlichen den der Aar. Der Rhein rinnt aus den Gletscher- und Quellenwässern, die aus einer Menge verschieden gerichteter Thäler des St. Gotthard und der rhätischen Alpen hervorstürzen, zusammen. Das Hauptthal ist das des Vorderrheins, das vom St. Gotthard in sehr gerader Richtung von Osten nach Westen bis Chur durchsetzt. Vom Norden nimmt dieses Thal und seine Wasserader eine Menge kleiner Thäler und Gewässer auf, vom Süden mehre größere und ein mit ihm fast gleich großes, das Thal und den Fluß des Hinterrheins, der aus mehren Bergströmen der rhätischen Alpen sich bildet, direct aus Süden nach Norden fließt und unweit Chur bei Reichenau sich mit dem Vorderrhein verbindet. Aus Osten aber nimmt der Rhein etwas weiter abwärts die Thäler und Flüsse der Plessur und der Landquart auf und wendet sich dabei zugleich aus seiner bisherigen östlichen Richtung zu einer nördlichen um, die er bis zum Bodensee beibehält. Dieses von allen Seiten her stattfindende concentrische Zulaufen der Thäler und Wässer in dem hier vorliegenden Rheinstücke, und die nach allen Seiten hin stattfindende Ummauerung dieses obersten Rheinquellenstücks mit hohen Schneegebirgen, berechtigt uns, hier einen großen Kessel zu erblicken, den wir den „rhätischen, graubündner” oder den obersten Quellenkessel des Rheins nennen können. Nach unten zu, bei Maienfeld oder Sargans, wird dieser Kessel durch das Rhäticongebirge und die sich ihm anschließenden Glarner und Walliser Hochalpen abgeschlossen. Diesen Abschluß oder Riegel durchbricht der Rhein nicht weit unterhalb Chur in einer Verengung seines Thales, das sowol oberhalb dieses Punktes weiter war, als auch unterhalb desselben wieder in ein bequemeres Thal hinaustritt. Fast alle Flüsse dieses obersten rhätischen Quellenbeckens des Rheins sind nur wilde Berggewässer, die zum Theil in tiefen Schluchten brausen, zum Theil in stürmischen Wasserfällen die Thalabsätze herabfallen, und die zu weiter nichts als nur zum Transporte der aus den Wäldern geförderten Holzblöcke benutzt werden können. Erst nachdem sie sich bei Reichenau zu einem größern Faden vereinigt haben, können diese Gewässer auch größere zusammengesetzte Holzmassen tragen. Der Rhein wird hier floßbar. Und von dem Punkte bei Chur an, wo er, nach Norden umsetzend, einen Winkel macht, und wo zugleich auch die Plessur neues Gewässer hinzufügt, wird der Fluß für Schiffe benutzbar. Bei Chur erreicht der Rhein den ersten Grad seiner Schiffbarkeit, vermöge deren er kleine Schiffe von 200 – 300 Centnern Ladungsfähigkeit trägt. Und diesen Schiffbarkeitsgrad behält er 10 Meilen weit bis zum Bodensee unverändert bei. Nachdem der Rhein die Enge zwischen dem Rhäticon und den Walliser Alpen passirt hat, fließt er auf einem ebenen Boden in einem breiten Thale abwärts bis zum Bodensee. Dieses Thal liegt zwischen den Appenzeller und Vorarlberger Gebirgen und hat ein weit geringeres Gefälle, eine viel allmäligere Abdachung als alle die obern Rheinthäler. Vermuthlich hat es einmal der Bodensee ganz aufwärts bis zu dem eben bezeichneten Gebirgsriegel bei Sargans bedeckt. Der Bodensee ist noch jetzt in einem fortwährenden Rückzuge seiner Gewässer begriffen. Der bedeutendste Nebenfluß, den der Rhein auf dieser Strecke aufnimmt, ist die Ill, die in einem sehr gerade, direct nordwestlich gerichteten Thale aus den Bergen Tirols hervorkommt. Auf der Linie des 30. Breitengrades fällt der Rhein in jene bedeutende Austiefung der Erdoberfläche, die zum Theil über 1000 Fuß unter das allgemeine Niveau der sämmtlichen umherliegenden Ländergebiete herabgesunken ist. Er füllt sie mit seinen Gewässern aus, und es entsteht so der Bodensee, der einen höchst merkwürdigen Theil des Rheinsystems bildet und ein Wasserbecken von circa sechs Meilen Länge und circa drei Stunden durchschnittlicher Breite darbietet. Der Bodensee ist ringsumher von Hügellanden umschlossen, nur nach zwei Seiten hin, nach oben, wo der Rhein einfällt, und nach unten, wo dieser hinausgeht, offen. Er nimmt außer dem Rheine gar keine irgend bedeutenden Flüsse mehr auf. Bei Konstanz verengt sich der See zu einem schmalen Stromarme, um sich gleich darauf noch einmal zu dem kleinen Nebenbecken des Radolphszellersees auszubreiten. Dieser See verlängert sich zu einem langen Arme, der sich bei Stein dann wieder ganz in einen Fluß verwandelt. Doch behält er noch drei Meilen weiter bis Schaffhausen gewissermaßen die Natur eines Seearmes bei, ich meine eine große Tiefe, eine ziemlich ruhige Bewegung, eine nicht unbedeutende Breite und dabei denselben Grad der Schiffbarkeit, der auf dem See stattfand. (Die 2000 Centner tragenden Bodenseeschiffe können auf dem Rheine bis Schaffhausen fahren.) Unweit Schaffhausen erreicht diese Beschaffenheit des Rheins mit den Wasserfällen von Laufen und Zurzach ihr Ende. Ruhige Bewegung, gleichmäßige Tiefe und mit ihnen auch die bis Schaffhausen mögliche Großartigkeit der Schiffahrt hören auf, und der Fluß nimmt, von Felsenterrassen zu wiederholten malen abwärtsstürzend, über Felsenbänke in Stromschnellen herabwirbelnd, die Natur eines großen wilden Berggewässers an, die er mit verschiedenen Unterbrechungen in reißendem Laufe 12 Meilen weit beibehält, bis er in der Nähe von Basel den Durchbruch durch den Schwarzwald-Jurariegel zu Stande gebracht hat und in das badisch-elsässische oder oberrheinische Becken eintritt.”