Ein Erbe am Rhein

Man sieht wie durch ein Fernrohr, es wird regnen.
Das Dach des Rheinweilener Schlößchens blüht geranienrot im langgestreckten Garten der andern Dächer, darin einzelne Pappeln die Wege anzeigen, die Wege für Mensch und Tier, und zwei lange Reihen von ihnen den Rhein, an dem, bis zum Meere, Gottes Mühlen stehn.
Es war Hochmut der kleinen Rheinweilener Barone, bewußter Hochmut, daß sie dieselben Pappeln, die Napoleon den Rhein entlangpflanzen ließ, hernahmen und neben die Misthaufen ihres Dorfes setzten, als wäre für sie seines strömenden Weges hier ein Ende, als sollte seiner langatmigen Geschichte von ihnen das Schlußwort gesprochen sein. Das Wappen der Reichsfreiherren von Rheinweiler war viel älter als dieser gärtnerische Einfall meines Urgroßvaters, welcher Einfall aber im Wappenspruch selbst seine Rechtfertigung fand, der lautete: “Nicht weiter.” Das gleiche besagte das Gatter im Schild, durch das der Vollmond blickte.
Mein Urgroßvater war Revolutionär aus Vernunft gewesen und wurde infolgedessen ein Anhänger Napoleons. Er setzte sich seinerseits in die Geschichte, indem er den badischen Staat gründen half. Napoleon, der einmal im Schlößchen übernachtete, erhob ihn beim Morgenkaffee in den Grafenstand.
Urgroßvater sah sprachlos zu, wie der Kaiser ein Dutzend Milchwecken schlang und dazu, in einer Minute, die Kaffeekanne leerte. Er fand keine Zeit zu antworten.
“Schade, daß Sie nicht Soldat sind”, sprach der Kaiser, da stand er aber schon unter der Tür. “Vous auriez gagné une bataille et je vous aurais fait prince.”
Am Fuß der Treppe wartete ein Trupp schöner, glänzender, funkelnder Männer, frisch wie Indianer, blitzende Pferde hinter sich, die den Kaiser anwieherten, während ihre Herren salutierten und mit eins alle Kirchenglocken zu beiden Seiten des Stroms das Angelus läuteten, als sei der Herr selber aus der Nacht getreten.
“Ein schöner Tag, Sire”, sagte Ulricus Rheinweiler. “Schöne Pferde”, fügte er hinzu.
Die Rheinstraße durch das Dorf hinunter zog Artillerie, blitzblank Mann, Fuhre und Roß. Sie zog hinter dem Schloßgitter vorbei, hell, breit, unaufhaltsam wie, auf der Rückseite, der Rhein.
“Schöne Kanonen”, schloß Ulricus.
Da wandte sich der Kaiser und reichte ihm zum Abschied die Hand. Sein Blick fiel auf das Wappen über der Tür: “Nec ultra”.
Er sperrte den Mund auf: “Ah!” lächelte er mit dem Gesicht eines italienischen Gassenbuben. “Warum nicht?” fragte er. “Wir leben doch! Heißt nicht leben – fortschreiten?”
Mein Urgroßvater erzählte:
“Ang’schaut hat er mich wie e Rekrut, von obe bis unte und besondersch in der Bruschtweit’…”
Der Kaiser saß im Sattel. Die glänzende, funkelnde Meute von Menschenjägern hinter ihm. Alle Gottseibeiuns im Sattel. Die Generale hinter den Marschällen. Die Adjutanten hinter den Generalen. Die Burschen hinter den Adjutanten. Jetzt trabten Dragoner auf der Straße, ihre Helme vergoldeten hastig das Parkgitter. Ein Offizier sprengte durch das offene Tor davon.
Die Glocken schwiegen, und die Armee stand still.
“Na, sagt er, so rede Sie mit Ihrem Großherzog … Und beim Wegreite guckt er noch mal aufs Wappe… Bis nach Mittag hat’s weiter gemacht uf der Straß, Kavallerie und Infanterie und Schenie, und alles sauber wie am Sonntag morge…”
In der Nacht gab es Lärm. Elsässische Rekruten rückten im Eilmarsch über die Schiffbrücke. Sie sangen:
“Gottvater hat einen Sohn,
Und der heißt Napoleon …”
Das Fenster des Schlafzimmers stand offen. Der volle Mond schien herein.
“Hörsch”, flüsterte Ulricus, und er hob seine Frau hoch und bog ihr Gesicht in den Mondschein:
“Hörsch, Liesel? Hörsch?”
“Gottvater hat einen Sohn,
Und der heißt Napoleon …”
“Eine Schande!” murmelte sie, “Deutsch singen sie … Deutsche! … auf Napoleon.”
Sie verstand nichts von Weltgeschichte. (…)

(René Schickele: Ein Erbe am Rhein. Erster Band: Maria Capponi)