Rheintraum

„ich habe den fluß nun seit jahren nicht mehr gesehen & kann dazu nur sagen: was solls! in meiner erinnerung war er, wenn es überhaupt dazu kam, stets kaum mehr als eine energiearme linie, im grunde nichts weiter als ein halb vergrabener, halb gesteinigter, gelblicher strich, der a & b verbindet, & diese punkte a & b sehr vage koordinaten, von keinerlei interesse sozusagen, stellen sie sich vor: eine gesichtslose stadt am rhein & noch eine gesichtslose stadt am rhein, bevölkert von lauter wimmelnden lichtlein, die ihrem korrumpierten alltag nachgehen, ein bewegtes diagramm sozusagen, die leute tun willenlos ihre jobs, sie dreschen den tag in seine einzelstücke, sekundenspäne, angefüllt mit ihren tätigkeiten, deren sinn sie nicht verstehen & in ihrer freizeit rennen sie an den fluß & sagen: der ist aber schön! es reicht, wenn die leute soviel unter heimat verstehen – & nicht mehr – daß sie manipulierbar bleiben. (…) ich hatte in dieser zeit einen traum (einen einzigen – in jahren!), der tatsächlich vom rhein handelte & der rhein war so etwas wie die gelbe füllung eines schlauches, ein glattes gelbes wasserseil aus hartgummi vielleicht, das sich äußerlich nicht bewegte, nicht von selbst jedenfalls, doch im inneren dieses flußgegenstandes floß es wahrscheinlich & die fließrichtungen wurden von unsichtbaren pfeilen markiert, das heißt, die pfeile waren unsichtbar, aber spürbar & gleichzeitig war spürbar, daß die pfeile wahrscheinlich logen, daß sie ihre richtungen willkürlich anzeigten & garnichts mit diesem schlauch zu tun hatten, in dem sie sich befanden. es kam dann wie ein schatten ein riesiger heiliger hinzu, ein mann, der für seine festen ansichten gefoltert worden war (in realität hatte ich solche bestrafungen bis dato erst wenige male mit angesehen), er war mehrere hundert jahre alt & sehr groß, etwa zehnmal so groß wie der fluß. er hatte viele entsetzlich klaffende löcher im fleisch, um seine kniee & ellbogen trug er nietenbänder aus eis & anstatt seiner augen waren flammen zu sehen, so wie aus einem feuerzeug. überhaupt machte er einen sehr punkigen eindruck, doch was zuerst für schwarze klamotten durchging, war bei näherem betrachten seine ledrige haut. auf der haut dieses heiligen (der vermutlich jan van leiden war; ich kenne allerdings auch nicht viele andere heilige beim namen, insofern mag es sich in diesem traum wohl um eine projektion des heiligen an sich gehandelt haben), bildeten sich blasenwerfende schlammlöcher, die auch als spiegel taugten, in speckigem schwarz. gleichzeitig spürte ich einen luftzug & erwachte, die flüsse meines neuen lebens waren ja die winde, die sich auf verschiedenen höhen ihre wege durch die himmel bahnten & dort sehr viel mehr energie abstrahlten, wenn sie die an den galgen baumelnden bewegten, denn in der trockenen ebene lassen wir die opfer der wechselnden gesellschaftlichen trends an gut einsehbaren punkten verfaulen. (…) ich habe später gehört, daß den rhein immer mehr senegalesen hinabtreiben, oder wie es heißt: sudanesen oder mauretanier. diese namenlosen, völlig ausgezehrten massen aus afrika, waren auf euren fernsehbildern. das heißt, sie sind jetzt gespeichert. einem toten, erinnere ich mich, habt ihr den namen „philippe“ verpaßt, um ihn symbolisch aus der masse herauszustellen, ihn dann ausgestopft für euer nationalmuseum, um euren eigenen rassismus in frage zu stellen.“

(aus: Rémy Demilnes – die flüge unserer jungen tage oder: die überwindung europas)