Loreley im Regen und Deutsches Eck bei Nacht

Petersberg, Drachenfels,
Rolandseck und Oberwinter,
gegenüber Unkel.
Belgisches Frachtschiff “Pecunia”
flußaufwärts nördlich von Remagen, um 16 Uhr 40.
Bad Breisig rast vorbei (IC 2027).
Bei Strom-km 618 ein grauer
Hanomag-Trecker mit roten Rädern.
Namedy ca. zehn vor fünf. Roter
Barth-Traktor auf der Bundesstraße.
“Hotel Leyscher Hof” in weißen Großlettern
an die Uferbefestigung von Leutesdorf gepinselt.
Turm und Kirche von Andernach lassen sich
soeben erblicken, eh ein Güterzug
auf dem Gleis der Gegenrichtung
dazwischeneilt.
Weizen vor der Stadt Weißenthurm.
RWE-Kraftwerksturm, davor winzig wirkende Bagger.
In die Luft ragende Sand- und Kies-Verarbeitungsbänder
und Sand- und Kiesberge. Gemüsefelder,
gelbe Gleisreparaturfahrzeuge.
In Koblenz Hbf umgestiegen in den
RE 4298, Abfahrt 17 Uhr 26, Dieselzug, der nur sonntags fährt,
via Bingen mit Endhalt in Karlsruhe.
Schlösser am Hang,
Kirchen auf Hügeln,
Burgen auf Hügeln
(In den Tagen des Raubrittertums
mussten die Mädchen um ihre Unschuld fürchten,
umso mehr achteten darauf die Kirchen).
Rhensersprudel. Marksburg mit 3 Schornsteinen dahinter
(Blei- und Silberhütte Braubach).
Stromversorgung von Hausdach zu Hausdach.
Grüne Weinberge,
grüne Hügel,
angegrauter Himmel.
Km 574, der Rhein kurvt
südwärts nach links.
Dann Windräder auf Höhen,
eine Seilbahn am Hang,
kurz vor Boppard, genannt die Perle am Rhein.
“Bitte den Türbereich freigeben, damit wir abfahren können.”
“Einsteigen, bitte!”
“Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund von Kundenverhalten wird
sich unsere Abfahrt verzögern. Wir bitten, dies zu entschuldigen.”
Vor Stadtmauerresten die Bopparder Stadthalle. Tennisclub Rot-weiß.
Rechtsrheinisch ggü. weißgetüncht auf Ufermauer “Hotel/ Cafe Rheinkönig”.
Im Blickbereich Strom-km 567 zwei Burgen auf zwei Hügeln rechtsrheinisch.
Minuten später die Burgen Katz und Maus und Rheinfels.

Ausstieg in St. Goar.
Letzte Rückfahrmöglichkeit nach Koblenz um 00 Uhr 40.
Kurz vor 18 Uhr kreist ein ADAC-Hubschrauber
über St. Goarshausen, landet vor der Kirche.
Außengastronomiegäste in St. Goar filmen es mit ihren Smartphones.
Eine Mutter, ihr Kleines auf dem Arm, erklärt,
was ein Hubschrauber ist.
Der Schaufelraddampfer Goethe, 2013 Hundert Jahre
geworden, legt linksrheinisch an.
Beim Ablegen echoschallt
der schwere Schiffshornton vom Berg über
der Kirche St. Goarshausens wieder.
Vier ergraute ZZ Top-Fans.
“…Sitzplatzkarte übern Comjuter. Dat is jar nich’ jut. Ich hab’n
neues Hüftjelenk und muß mich viel bewegen.”
Drüben hebt der Hubschrauber ab, landet
wenige hundert Meter nördlich auf einer Wiese.
Die Goethe hat auf dem Rhein gedreht und
legt nun auch in St. Goarshausen ab.
Mit der Fähre Loreley VI übergesetzt, wobei man ein
rotes Armband bekommt als Nachweis, dass
die Rückfahrt bereits bezahlt ist (zus. 3,60 €).
Nach der Überfahrt einen vor einem Cafe sitzenden
Herrn gefragt, was los gewesen sei – Hubschrauber.
“Do is aner kollabiert, an der Fähr’.
Wor abä net so schlimm.”
Buslinie 535 Shuttlebus Loreley, wobei man ein zweites,
blaues Armband erhält, zum Nachweis, dass die Rückfahrt
bezahlt ist (in summa 5,50 €).
In den Berg rauf, vorbei an Hermannsmühle, Wasserwerk St. Goar,
ein Schild kündet vom kühlen Grunde.
Zwei Polizeikontrollen, 2 x 2 Streifenwagen, lässig stehen
ältere Beamte und eine Beamtin in der Landschaft.
Schon Western-mäßig.
Oben erstmal zu Fuß zur Felsspitze.
Bei Strom-km 554.
193,14 Meter über Normalnull und
125 Meter über dem Rhein, laut Schild.
Exotisches findet sich vor dem Eingang zur Freilichtbühne:
“Jeju Dolharbang”, von der Stadt Jeju in Korea (wohl Süd-?), welche der
“Region Loreley”, so der Gedenkstein, das “Kultursymbol”
“Dolharbang” schenkt, am 28.11.2009,
zwei steinerne Figuren, ein “Paar” aus
Zivilbeamten und “Militäroffizier”, die
zusammen die “Funktion eines Schutzgottes” hätten,
“der ein Dorf bewacht”. Unterzeichnet vom Bürgermeister in Jeju.
Die Figuren sind auch auf den zweiten Blick identisch.
Zu einem dritten bleibt keine Zeit,
da auf der Bühne Status Quo ihren Auftritt beginnen.
Also rein, um meinen Eindruck von vor 31 Jahren zu überprüfen.
Schon 1986 wippte ich, sechzehnjährig, mit, weil das
bei ihrer Art von Rock`n`Roll kaum zu vermeiden ist,
blieb aber eher beeindruckungsfrei. Ich respektiere sie.
Viele verehren sie.
Mit “Rockin’ all over the world” macht man auch alles richtig.
Gestandene Männer mit grauen Haaren und Halbglatze spielen
beseelt Luftgitarre.
Die jüngere Generation leicht in der Unterzahl.
Eher vereinzelt Mobiltelephone über die Köpfe gereckt
zwecks Videodokumentation.
Smartphonefilmen scheint eine Erinnerungstechnik
der Jüngeren zu sein, bis etwa Mitte 40.
Nicht, dass die Älteren keine Smartphones hätten, der Unterschied:
sie bleiben eher in der Tasche.
Mein Anwesenheitsgrund beginnt
staubtrocken
mit
“She got me under pressure,
she got me under preeesure”.
SWR 1 überträgt / zeichnet auf.
Mehrfach fallen mir dunkelhäutige Damen in
den T-Shirts des texanischen Trios auf.
ZZ Top spielen 12 Songs,
bis es weiter südlich überm Rheintal heftig blitzt.
Natürlich dabei “Gimme all your lovin’”
und “I’m bad, I’m nationwide”.
Irgendwann singt Billy F. Gibbons
“I’m shufflin` in Texas sand, but my head`s in Mississippi
on Loreley”
Gitarrentechniker Elwood Francis kommt als Gastmusiker
mit steel guitar auf die Bühne zu einem Song,
den Gibbons als “real country” ankündigt und als
“back to the real USA”.
(Nach Januar 2017 bedarf das kaum weiterer Worte.
Gerade ja auch wertkonservative Republikaner
hadern mit der Personalie der aktuellen Präsidentschaft.)
Bei “Sharp dressed man”,
es sind um die 15 Songs nun,
rücken die Blitze bedenklich näher.
“Legs” (“She’s my baby, she’s my baaaby”),
mit jeweils in weißen Plüsch gekleideten Bass- und Gitarrenkorpus
geht noch. Dann verschwinden die Musiker hinter
der Bühne, was als das übliche Ritual zwischen Gig und Zugabe
interpretiert werden kann.
Die Light Show imitiert sinnig das Wetterleuchten.
Die meisten wollen more,
nicht wenige strömen ob des einsetzenden Regens zum Ausgang.
Die Zugabe ist, natürlich, “La Grange”.
Allein dafür hat sich die Reise gelohnt.
Die Musiker kommen nicht dazu, sich zu verabschieden.
“Danke, ZZ Top. Sie hätten gern noch mehr gespielt.
Räumt jetzt bitte das Festivalgelände. Es kommt ein bißchen was.
Geht in Eure Fahrzeuge. Es geht um Eure Sicherheit.”
Wer nun automobil- bzw. wohnmobilfrei ist,
hätte gut daran getan, Schirme oder Regenzeug mitzubringen.
Die Schlangen vor den Shuttlebussen triefend nass.
Einer will mir meinen Taschenschirm (dm-Standard) abkaufen.
Für einen mittleren zweistelligen Betrag,
Freundlich lehne ich ab.
Letztlich verläuft alles geordnet.
Da ich Zeit habe (die Anschlusszüge nach Wuppertal
gehen erst morgen früh und ich bin auf eine Nachtwanderung
am Koblenzer Rheinufer eingerichtet),
erstmal raus aus der triefenden Menge.
In der Nähe untergestellt.
Eine auf freundliche Weise alkoholisierte Besuchergruppe
mit deren Smartphone fotografiert.
Einem gut abgefüllten Altrocker mit grauer Mähne
und Rauschebart war aufzuhelfen – er ist mit einer
Bierbank umgekippt.
Einige fliehen in eine Art Almhütte mit Ausschank,
der ob des Ansturms das Bier ausgeht.
Ein Tisch gröhlt los: “Wir lagen vor Madagaskar…”,
ein anderer Tisch stimmt lautstark ein.
Maßkrüge donnern auf Holz.
In die vermutlich viertletzte Shuttlebusfahrt
springe ich gerade noch, bekomme auch
die Fähre nach St. Goar.
Bei Regen nachts übern Fluss gesetzt.
Die Fährleute gelassen:
“Schiebt e bißchen. Mir wolle los.”

Den letzten Zug nach Norden bekommen.
Nachts um halb drei am Deutschen Eck
im Regen und das freiwillig.
Poetischer Reichtum.
Die wahre 1%-Gesellschaft.

(Ein Berichtgedicht von GrIngo Lahr vom 09. Juli 2017, exklusiv für rheinsein.)

Die Brücke von Remagen (3)

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“Am 7. März 1945 konnten Soldaten der 9. US-Panzer-Division die Ludendorffbrücke völlig unerwartet einnehmen. Auf deutscher Seite war die vorbereitete Sprengung fehlgeschlagen. Dieses “Wunder von Remagen” soll General Eisenhower mit dem Ausruf “Die Brücke ist ihr Gewicht in Gold wert” kommentiert haben.
Wegen des Verlusts der Brücke entsandte Hitler ein “Fliegendes Standgericht”, das fünf Offiziere zum Tode verurteilte und vier von ihnen sofort erschießen ließ.” (Aus dem Faltblatt des Friedensmuseums Brücke von Remagen)

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die Freude eines ausgebrochenen Sommers

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Die zerstörte Weseler Eisenbahnbrücke

Den Überresten der Ludendorff-Brücke in Remagen haftet seit dem Spielfilm “The Bridge at Remagen” (von 1969) über die Ereignisse in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs ein gewisser Hollywood-Glanz an – ihre dunklen Brückenköpfe, die bis heute an beiden Ufern (in Remagen und Erpel) stehen, haben schaurige Berühmtheit erlangt. Anders, als die Filmhandlung nahelegt, war die von den Alliierten eroberte Ludendorff-Brücke nicht der letzte unzerstörte Rheinübergang im Dritten Reich. Unter den unversehrten Übergängen befand sich Anfang März 1945 unter anderen die Weseler Eisenbahnbrücke: heute ebenfalls eine Ruine, allerdings von weit geringerem Ruhm, sodaß wir ob des

eindrucksvollen Trums (auf Xantener Seite) nicht übel staunten, als wir unverhofft auf der Weseler Rheinpromenade (die ein gutes Stück außerhalb Wesels liegt) auf ihren Anblick stießen.

wesel_zerstörte eisenbahnbrücke_2

Eine Schautafel am Weseler Brückenende informiert: “Von 1872 bis 1874 wurde die aus 107 Landpfeilern und drei Strompfeilern bestehende und mit 1950 Metern längste Rheinbrücke erbaut. Die Brücke, die als Teil der Eisenbahnlinie Hamburg-Venlo Norddeutschland mit Westeuropa verband, erhielt 1927/28 über dem Strom eine neue Stahlkonstruktion, am 10. März 1945 wurde die Brücke nach dem Rückzug auf das rechte Rheinufer von deutschen Soldaten gesprengt. Da ein Wiederaufbau aus Gründen der Wirtschaftlichkeit nicht in Frage kam, wurde 1958 der in der Strommitte stehende Pfeiler entfernt.”

wesel_brücke bei hochwasser_hans-rudolf kremer_2Die alte, noch vollständige Brücke bei Hochwasser: Widergabe eines Aquarells von Hans-Rudolf Kremer

Der niederländische Rhein

Der schweizerische Rhein spaltet wie ein Blitz das Felsgebirge. Der deutsche Rhein durchfährt den Leib des Landes magnetisch wie ein sammelndes Gefühl. Dem niederländischen Rhein gaben schon die Alten den Namen Rhenus bicornis, des Zweihörnigen. Denn ihn teilt sogleich die größte seiner Inseln, die fast ein Land für sich ist. Auf einem jener Weltbilder, mit denen Beatus, ein Mönchsgeograph des siebten Jahrhunderts, die Erde in der Form eines Eies darstellte, von der Schale des Meeres umgeben, in der die Fische und die Inseln in der gleichen körnigen Weise eingezeichnet sind, empfing der nördliche Rhein einen anderen Strom von jeder Seite, ehe er als ein doppelter Fluß durch das Land der Friesen in das Meer sank. Man kann an Maas und Lippe denken. In der Tat, die heutige Forschung liest in den Schichten von Ton und Schlammsand, die unter der Sichtbarkeit der jetzigen Rheinteilung liegen, eine verwischte ältere Schrift der Erde, deren Deutung das Bild des römischen Geographen bestätigt. Der Strom in Holland ist nun der klargeschnittene Rhein nicht mehr. Er trifft, schon ehe er das Meer berührt, die Nullhöhe; seine Auflösung, die beginnen muß, wird zu Teilen und Strecken des Wasserstaates, er durchfließt ein verwirrendes Netz von Gewässern. Von äußeren Linien her ist das amphibische Land von Wasserbändern durchflochten, zwischen den grünen und den blauen Flächen liegen die weithin gedehnten Kurven der Deiche. Kanäle, von der Seite einfallend wie der schmale Arm der Maas, der nicht tief genug ist, um auch nur den normalen Kähnen der Rheinschiffahrt einen Zutritt ins flandrische und französische Flußnetz zu geben, vergrößern den Strom, andere entziehen ihm das Wasser. Meeresarme, in das Land ausgestreckt, fügen ihn unversehens in das kosmische Gesetz der Flut und der Ebbe, die eigenkräftige Nähe des Meeres entführt ihn seitwärts in verwirrende Inselwelten. Wie durch ein Uhrwerk die Zeit rinnt, so rinnt der wasserreiche Strom durch das gewaltige und sorgsam angepaßte Uhrwerk, das geschaffen ist, das Nasse vom Trocknen auszuschließen. Ihn beherrschen die doppelten und dreifachen Deiche, die Pumpen und die Schleusen. Ein unablässiges Eintauchen der Meßinstrumente, ein ewiges und überlistendes Studium der Bewegungen von Wasser und Schlammerde, ein hartnäckiges Werk des Pfahlbaues und des Deichgrabens vollzieht sich und setzt das Arbeitserbe der Jahrhunderte ständig fort. Am oberen Rhein beschränkt sich der Strombau darauf, die Serpentinen wegzuschneiden, das Krumme zu strecken und zu kürzen; fast zu sehr beeilten sich dort die Ingenieure, den Abfluß des Wassers zu erleichtern. In den Niederlanden schufen die Baumeister seit Jahrhunderten die Molen und die langgezogenen Dämme, die den Hauptstrom erst nach Osten, dann westwärts richteten und ihn aufhalten. Mit der Waffe des Flusses führten die Holländer in der Vergangenheit gegen Römer und spanische Eroberer ihren Kampf. Kanäle wurden gegraben, um den Kriegsflotten bis ins Herz des Landes Zutritt zu geben, die Handelsflotten folgten nach. Ueberschwemmungen glänzten auf wie große Seen, Dörfer und Städte ertranken, aus einer Lache wurde der Lekstrom, dessen Breite ohne Tiefgang vor Rotterdam in den Rhein zurückfließt, und aus dem großen Bett des Stromes, der einmal zur Zuidersee hinfloß, tauchten Grasländer. Von dem Wasser, das durch den Kanal von Pannerden beiseite fließt, um sich in gekrümmten, kleinen und versickernden Rheinen bis an die See zu verlieren, bleibt der Waalstrom übrig. Zwischen flachen Ufern schaukeln gemächlich die rundlich gebauten Boote auf der milchkaffeefarbenen Flut. Die Schleppzüge, deren Kähne groß und aufgetaucht mit asphaltglänzenden, aus Eimern begossenen und mit Schrubbern bearbeiteten Rücken vorübergleiten, begegnen dem grün, weiß und rosa bemalten Raddampfer der Niederländischen Dampfschiffahrt. Durch Wolken schwarzen Rauches flattern Möwenscharen im salzigfeuchten Nordwestwind. Eine blanke Wasserfläche, von rauhen Schäumen überzogen, umgibt dann das von Kanälen und Brücken durchflochtene, von braunen Segeln besuchte Dordrecht. Vor dem breiten und dunklen Kirchturm ragt das Gehölz der Masten; bei den Seedampfern liegen die Flöße des Schwarzwaldes, die auseinandergenommen und auf die Werften, die Bauplätze und Sägemühlen des Landes verteilt werden. Eine Bucht, ein Wasserdurchbruch glänzt zur Schelde hin; die Schiffer auf der Fahrt nach Antwerpen reisen an den Inseln von Seeland vorüber, die Ebbe entblößt die ungeheueren, mit Muschelkolonien bedeckten Schlamm- und Tonbänke der Scheldemündungen, die braunsilbernen Schilfwiesen, die mit Algen bewachsenen Deiche des Archipels. Die steigende Flut hebt das Fahrzeug hoch und zeigt dem Schiffer über die Deiche hinweg die roten Dächer der Inseln, die grünen Weiden, das bunte Vieh, die bis zum Rand gefüllten Kanäle. Vor Dordrecht stellen die englischen Matrosen ihre dunkeln Segel, um über das Aermelmeer zu kreuzen. Regelmäßig nehmen die alten wohlbekannten Lastboote, die ihre Seile vom Ufer in Remagen lösten, die “Maggie” und die “Consul” mit einigen hunderttausend Apollinarisflaschen im plombierten Laderaum diesen Kurs. Die Ingenieure wollen dem alten Dordrecht eine neue kurze und offene Verbindung mit dem Meere geben. Draußen am Rand der Inseln richtet das altberühmte Vlissingen seinen Außenhafen zum Treffpunkt des großen Ozeanverkehrs mit den Schnellzügen des Festlandes, und es bietet dem atlantischen Luftweg nach den Alpen seine Ebene mit dem Flugzeugschuppen zur Landung.

(aus Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Speedscapes

rhein bei bonnDer Rhein zwischen Bonn und Remagen: sommerhimmelblaues Flußwasser spiegelt sich in einer Eurocity-Fensterscheibe und wird zugleich von der linksrheinischen Botanik, der es sich unterlagert, eingegrünt. Für Sekunden entsteht eine Traumlandschaft, deren Grenzen ihre Auflösung bereits in sich tragen.

schönes badnerland_speedscapeSchönes Badnerland: am oberen Bildrand wellen sich juniöse Weizenfelder in voller Sprießensenergie – der Rest des Fotos dünkt uns eine unerklärliche Melange aus normalen Reisegeschwindigkeitsverzerrungen.

Die Brücke von Remagen (2)

remagen_brückeDie Brücke von Remagen (in Ermangelung ihrer selbst als unvollständiges Wunschbild von der Geschichte neu gespiegelt), aufgenommen auf der Fähre von Remagen, im Rahmen der Serie Remagen gegen Remagen

remagen_fährticketFairer Fährpreis

remagen_brücke_schauspiel“Auf Grund der großen Nachfrage wird das Theaterstück “Die Brücke” bereits im siebten Jahr im Eisenbahntunnel in Erpel aufgeführt. Geschichte am Originalschauplatz zu erleben, wird hier möglich gemacht, denn die Ereignisse vor 70 Jahren werden den Zuschauern in authentischer Kulisse von hervorragenden Schauspielern in Erinnerung gebracht.”

Wonnemonat

costa_leyberg_blick auf remagen_klBlick vom Leyberg übers Rheintal auf Remagen. Die Idee der Liebesschlösser, von denen an den Zäunen der Kölner Hohenzollernbrücke Tausende hängen, äußert sich vereinzelt auch in der Provinz. In Köln schmeißen die Liebespaare nach Anbringen ihres gravierten Schlosses die Schlüssel von der Brücke in den Rhein, auf dessen Grund sie symbolträchtig auf ewig verschwinden sollen, damit Liebesschwur und Treue ebenso lange halten mögen. Die Wurfkünste von Bubi und Pups sind nicht bezeugt, der Rhein dürfte von der mitten in romantischem Gebiet gelegenen Stelle nicht ohne Weiteres zu treffen gewesen sein. (Bild: Costa “Quanta” Costa)

Der Düsseldorfer Kartoffelkönig

Hiraga Tomomi, ein verirrte japanische Touristin, die wir vor einigen Jahren bei Remagen kennenlernten, erzählte rheinsein vom bedeutenden Düsseldorfer Brauch des „potato king“, des Kartoffelkönigs. Die Geschichte der Hiraga Tomomi ging etwa wie folgt: „An einer Hauswand in Düsseldorf ist eine riesige bekrönte Kartoffel mit Gesicht (der Kartoffelkönig) angebracht. Der Kartoffelkönig symbolisiert eine im Grunde völlig ordinäre Kartoffel, die jedoch vor langer Zeit den schon hoffnungslos verlorenen Düsseldorfern in einer Schlacht auf wundersame Weise den Sieg gebracht hat. Seither wird sie von den Düsseldorfern als Kartoffelkönig verehrt. Mehr noch: die gekrönte Kartoffel muß immer in Richtung der bei der Schlacht unterlegenen Stadt schauen und an jedem Jahrestag des Sieges wird die Position der Kartoffel vom Bürgermeister Düsseldorfs eigenhändig nach vorgeschriebenem Ritus justiert. Denn wenn der Kartoffelkönig nicht mehr wacht, wird Düsseldorf untergehen.“ Wir ließen Hiraga Tomomi nicht merken, daß ihre schöne kleine Brauchtumsanekdote wohl vor allem in Japan kursieren dürfte und in Düsseldorf selbst noch wenig bis keinen Bekanntheitsgrad besitzt. Es hatte eine geraume Weile gedauert, bis wir die Erzählungen der jungen Dame über den „Kartoffelkönig“ recht zweifelsfrei dem gleichnamigen langjährigen Kartoffelpuffer-Imbiß auf der Bolkerstraße in der Düsseldorfer Altstadt zuordnen konnten, einer heutigen, insbesondere bei Touristen beliebten Partymeile, in der einst, “zufällig” wie er einmal schrieb, Heinrich Heine (der in Japan vielleicht bekannteste aller deutschen Dichter) geboren wurde. Diese Imbißbude hatte als Werbemaßnahme tatsächlich eine überdimensionale Kartoffel an ihrer Fassade montiert. Erwähnte Schlacht läßt sich mit hoher Sicherheit als die Schlacht bei Worringen (1288 n. Chr.), einem in Düsseldorf gern rund um die Uhr zitierten geschichtlichen Ereignis einordnen, die unterlegenen Angreifer als Einwohner Kölns. (Welche sich im übrigen ebenfalls als Sieger der Schlacht bei Worringen empfinden, diese aber weit seltener zitieren, was an anderer Stelle einmal genauer aufgedröselt werden soll.) Der Kartoffelkönig auf der Bolkerstraße existiert heute nicht mehr. Konkrete Auswirkungen seines Verschwindens auf die Existenz Düsseldorfs gibt es bisher keine. Wie es Hiraga Tomomi ergehen würde, kehrte sie nochmals nach Düsseldorf zurück, um den Kartoffelkönig aufzusuchen, von dem sie voller Freude, sogar mit Anflügen von Stolz erzählt hatte? Vermutlich würde sie ihren Augen nicht trauen, von einer Ortsverwechslung ausgehen und sich schnurstracks auf die Suche machen, ähnlich wie in Mündungsnähe der Ahr südlich Remagens, wo wir uns kennenlernten, indem wir der sympathischen Dame den Weg zum Drachenfels, den sie verpaßt haben mußte, erklärten und darüber ein wenig ins Plaudern verfielen.

Vom Mittelmeer verwöhnte Froschmänner

Von einem Geheimnis, das der Rhein hüte, handelt ein Artikel in der Zeit von 1957. Zugrunde lag ein Streit zwischen einer französischen Reederei und der Wasserstraßendirektion Koblenz. Er ging um das Motorgüteschiff „Caillac“, dessen Planken in der Rheinschleife am Unkelstein von einem unbekannten Gegenstand aufgeschlitzt worden waren und um die Sicherheit der Passage, denn bereits zwei Jahre zuvor war dort ein deutscher Frachter gegen ein Hindernis geprallt. Versicherungen bezahlten bei Zusammenstößen mit natürlichen Hindernissen nicht, aber ein Mann namens Albert Krahe wußte von einer Geschichte, welche die Franzosen ermutigte, auf Schadensersatz zu klagen:

„Dieser Albert Krahe hatte zu jenen Einwohnern gehört, die zu Beginn des Jahres 1945 aus der zerschossenen Stadt Remagen evakuiert worden waren. Albert Krahe fand damals Zuflucht in der Villa Heimann am Unkelstein und hielt sich just zu jener Stunde des 8. oder 9. März am Rheinufer auf, in der eine Gruppe deutscher Kampfmaschinen einen Angriff auf die Remagener Brücke flog – die einzige Rheinbrücke, die den Alliierten unversehrt in die Hände gefallen war. Während sich Albert Krahe vor den Splittern der amerikanischen Flakgeschosse duckte, sah er, wie zwei Flugzeuge in den Rhein stürzten: eine Ju 88 und eine Ju 87. Albert Krahe konnte den Typ ganz genau angeben, denn er hatte drei Jahre lang Junkers-Maschinen repariert.“

Die Reederei verlor den Prozeß, entsandte jedoch einige Spezialisten, um die Flugzeugmotoren ausfindig zu machen. Das Unternehmen scheiterte, der Artikel gibt schönen Aufschluß über die damaligen Arbeitsweisen.

„Mitte Dezember brachte ein Kombi-Wagen vier Froschmänner an den Rhein, Mitglieder der Société Generale de Traveaux Maritimes et Fluviaux, einer Art Genossenschaft von etwa 80 ehemaligen Amateurtauchern, die aus ihrer Neigung im Lauf der Zeit ein gutes Geschäft gemacht haben. Froschmänner, beweglicher als die herkömmlichen Taucher mit ihren schweren Bleischuhen, so mutmaßten die Franzosen, müßten das Strombett spielend durchkämmen können. Das war nun freilich eine Fehlspekulation. Die Rheintaucher arbeiten gewöhnlich im Schutz eines schweren Schildes, der sie davor bewahrt, von den mit zwei bis drei Meter je Sekunde dahinströmenden Fluten abgetrieben zu werden. Die Froschmänner, ans Meer gewöhnt, versuchten es mit einem Unterwasserschlitten namens Aquaplan. In der ersten Nacht (um die Schiffahrt nicht zu stören, wurde nachts gearbeitet) trieben die Markierungsbojen ab, und das Unternehmen wurde verschoben. In der zweiten Nacht, in der das Tauchen dann glückte, brach sich der Lichtstrahl der Stablampen im aufgewirbelten Schlamm. Die Froschmänner, vom Mittelmeer verwöhnt, konnten statt fünfundzwanzig Meter kaum einen einzigen Meter weit sehen. In der dritten Nacht lief das Aquaplan auf eine heimtückische Felsnase – die nun allerdings in der Schiffahrtskarte eingezeichnet ist.“

Heute übernimmt solche Einsätze in der Regel das Tauchglockenschiff  ”Carl Straat”, das auf Rhein und Mosel pendelt, um den Flußgrund nach Hindernissen abzusuchen, Bodenproben zu entnehmen oder dem Tatort als rare Showdown-Kulisse zu dienen. In der mit Überdruck versehenen Tauchglocke der “Carl Straat” läßt sich trockenen Fußes über den Rheingrund schreiten. Alle paar Monate berichten die Medien über das Schiff, aktuell das Wiesbadener Tagblatt:

“Meist sind es abgerissene Anker, aber die Carl Straat hat zusammen mit dem Kampfmittelräumdienst auch schon Bomben geborgen oder Autowracks. Durch die starke Strömung verändert sich das Kiesbett des Rheins – und Gegenstände damit ihre Position. Hier zwischen Rüdesheim und Bingen geht es vor allem um die Kontrolle der Tonnenverankerungen, die die Fahrrinne für die Rheinschifffahrt markieren. Über GPS weiß die Besatzung genau, wo die Verankerung liegt. Auch die Hindernisse werden der Carl Straat von den Peilbooten der Wasser- und Schifffahrtsämter mit GPS-Daten übermittelt.”

(Und sollten wir eine Prognose über orthografische Veränderungen der deutschen Sprache wagen, so dürfte sich Schifffahrt in ca. 60 bis 500 Jahren, so sich die deutsche Sprache bis dahin hält, mit vier “f” in der Mitttte schreiben.)

Gorrh (19)

Gorrh in Gohr. Da ist nicht viel. Ein Spielmannszug mit Tsching und Ding marschiert im Hirn von Ohr zu Ohr. Im Nachbardorf gibts Schützenfest. Gorrh peilt den Adler (soviele von denen einst verspeist) pazifistisch an mit seiner großen runden Abflußrohrpupille. Durch die es regnet. Tschingeldingelding. Es regnet am Niederrhein, Gorrhs Kopf füllt sich mit Wasser, Weite, Freiheit. Und Gras. Dort hinten im geblümten Gras nächst den pferdeschweren Erdbeerfeldern sitzt ein Hippie, ganz naß. Ein fürchterlich breiter Hippie mit karmensinroten Klüsen sitzt da wie ein behaartes landwirtschaftliches Nutzgerät und saugt die Gegend ein. Die Landschaft dreht sich unter psychedelischen Aspekten in den Hippie hinein. Der spricht langsam: „Kü-he fres-sen Gras!“ Eine wunderschön essentielle Erleuchtung schraubt sich durch den Hippie hindurch gen Himmel und bohrt die Wolken an. Der Regen wird stärker. Gorrh siebt sich durch die Tropfenfälle, seiht sich, setzt sich neben den Hippie, umarmt ihn, singt den Smashhit des Niederrheins: „die Rübe und der Kohl, die Rübe und der Kohl, die Rübe und der Kohl, aha!“, rechnet zugleich: „Dormagen durch Remagen gleich Dorre gleich Mifasolati, wattemal, gleich Dortmund?“, Gesprächsangebote an den Hippie. Der denkt nichts weniger als die gesamte Landschaft als Schützenfest: krachbummdaneben! Gorrh packt ein Packerl toter Worte aus, welche er nachts den Aalen abnahm, Gutachten über das Hier und Jetzt und seine Flucht in die Wände aus Himmel, Wiese, Feldern, nichts ist echt und das Leben total easy mit geschlossenen Augen. „Es ist nicht so einfach“, ermuntert Gorrh den Hippie, „jemand zu werden, aber es wird schon. Du bist mir eh egal.“ Doch es muß nun sein. Gorrh transformiert sich in ein Flann O`Brien`sches Fahrrad aus geronnenem Stahl, das er zugleich befährt: treppelt wie ein ehemaliger Schützenkönig. Gorrh muß los heißt Gorrh ist los. Alles ist gorrhlos und grappig im geregneten Tag aus Matschwasser an den Feldrainen Klatschmohn Klatschmohn. (Gorrh erteilt sich Zwischenapplaus.) Muß los. Nach Holzheim zu Onno. Onno wird 50 mitten in der Nacht, mitten im Garten, das muß Gorrh sehen mit seiner riesigen Kreissägenpupille. Gorrh pflückt ein Bündel Rübengrün als Gabe an Onno, den Dichter, den Dochter, den Dokter, den Docktooor. Regenbeperltes Rübengrün, mit schwarzem Edding beschriftet „Oh! oh! oh!“, dreimal gegen die Tür geschlagen unter Oh-Rufen entfaltet das Kraut erst seine Wirkung, entläßt aus wulstigen Adern den magischen Dunkelsirup, in dem der Niederrheiner schwimmt wie Siegfried einst im Drachenblute. Onnos Ruhm rührt von seinen rhythmischen Beschreibungen des Niederrheins als Heimat mitten im Weltall, das lockt selbst die Hauptstadtdichter in Scharen über hunderte Kilometer in die Funklöcher zwischen Allerheiligen, Hoisten und Speck. Pieksende Tiere hocken dort im Gras, textende Insekten, und freuen sich über Berliner Blut. Die Grille krabbelt zirpend auf Splatterkurs, die Gäste machen Sport (Biergläserumhaun mit Ochsenkeulen), die Bratwurst tanzt sich opm Jrill dat Fleisch ausn Poren. Die Dichter aus Berlin heißen Tom, Tim, Timo und Tommi, oder auch Björn oder Bjarne. Sie helfen sich gegenseitig in der Fremde, indem sie für Biernachschub sorgen und dichten mit Vorliebe über Wurst, aber so, daß es bewußtseinserweiternd wirkt. Aus Wurst wird schließlich Botox gewonnen, eine hippe Modedroge in der coolen Hauptstadt, nebst Bageling, wofür man sich die Stirn aufpumpen und mit dem Daumen vom Thumbmaster ein recht schön mittiges Loch hineindrücken lassen muß. Gorrh schnappt sich den dichtergefüllten Garten und trägt ihn im Maul bis etwa zweihundert Meter über Normalnull. Dort oben stieben die Sterne als Kohlefunken vom Grill von frechen Mädchen erschossen. Die Nacht faltet sich in Klappfächer verschiedenartiger Dunkelheit und klappert und schwirrt. Es sind die Rufe der Orientierungslosen aus dem Dorfzentrum. Als endlich sehr heftiger Regen einsetzt rennen die Dichter nach draußen, um ihr Bier in Strömen zu trinken. Sie kippen vom Garten in den Garten, umarmen sich, streicheln Blumen, hören in einer Sommernachtsfantasie den ganzen Wavekram aus den Achtzigern „eh mama Joydivischen“. Oho, da ist er doch wohl überlebt, der frühe Tod! Gorrh prustet, pustet etwas kühlen Wind in den Laumannsommer. Schnaubt. Wiehert. Gackert ein wenig. Gräbt sich ein in die Felder. Schläft wurzelnnuckelnd den Schlaf von tausend Engerlingen und wächst in Traumhaft als Weizenhalme für mindestens einige Hektoliter gesunden Schaumbiers über sich hinaus.

Gorrh (16)

Nach seiner Hochhausbestattung schattete Gorrh erstmal flappend durchs Erdreich: zu den guten Stunden, zu den schlechten Stunden. (Die Stunden flocht er zu Minuten, die Minuten zu Sekunden, dann, zwei Jahre zuvor, verwarf er jegliche Zeit, samt ihrer irritierenden Einheiten.) Wenige wußten das, doch klar sprach es sich rum. Seine selbstklebende Seele, gelöst in Eau de Cologne, ein Badesee für Gothics, Lokalpolitiker und Reptilien, bekannt geworden als „gorrhsische Tinktur“, eine Art Einreibemittel für den Sport der Nibelungen. (Zur Erinnerung: die Erdlinge hatten nach langen Kämpfen, bei denen es fürchterlich auf die Fresse gab, den Rhein ausgetrocknet, um Gorrh, der zum Entseelen Unmengen Hazweioh benötigte, posthum zu wässern.) Eine Originalstimme: „Ich habe diesen ferngesteuerten Gorrhokopter aus der Produktionsreihe „Remagen“ hinten oben in einem geplünderten Supermarkt gefunden. Die Bedienungsanleitung ist noch ganz frisch. Ich demonstriere Ihnen nun den Freßflug.“ (Es klappert, schnurrt und zischt auch ein bißchen.) „So müssen Sie sich sein Rediving vorstellen. Er kam aus dem Innern des Hochhauses. Wie eine platzende Wurst. Ich habe das mal nachgerechnet. Das war anfangs eine etwa fünfhundertfache Sonnenfensternis, als er aus den scherbenden Scheiben, die von tiefstehenden Sonnen überlaufenen Scheiben waren ja die zentralen Schleusen für Gorrhs Wiedereintritt, wenngleich zunächst kaum mehr als ein psychisch gefüllter Lichtreflex, denn die Scheiben platzten gemeinsam mit Gorrhs leerer Hülle und multiplizierten sich flugs zu gänzlich unvorstellbaren Zahlenwerten, also Geschossen, geschossen von Gorrhs Energie, über die wir, denke ich, kein Wort zu verlieren brauchen. Es war in dieser Transplosionsschmelze einiges an Landschaft mit eingefaßt, menschliches Leben, tierisches Leben, also diverse Wohnviertel, auch Industrieflächen, bedenken Sie nur, was da alles rumläuft, um den Tag mit Sinn zu füllen. Das, was da war, schmolz mit Gorrhs Rückverbrüderung zusammen in einem universumsstiftenden Liebesakt in klein, sozusagen. Also hier in der Gegend und auch für die Gegend, aus der Gorrh ja ursprünglich stammt.“ Es schattete und schneit aus den Himmeln. Immer mehr Menschen drängten auf jene Linie zu, an der sie bis heute ihre Erlebnisse mit Gorrh in öffentlichen Spoken Word-Performances mitteilen. Erstunkenes. Erlogenes ebenfalls: „Sie kennen doch dieses Filmbaby aus Eraserhead von David Lynch. So ähnlich sah Gorrh aus, nur verwarzter und viel horniger. Er quiekt ganz erbärmlich. Ich werde ihn in das Körbchen meines verstorbenen Dackels stecken, das ich aus Sentimentalität aufbewahrt hatte und päppelte ihn mit Grafschafter Goldsaft auf.“ „Sie können sich vorstellen, daß es selbst für Gorrh nicht leicht sein wird, mitten im rheinischen Jänner zurückzukehren. Insbesondere der Autoverkehr ging ihm an die Nieren.“ Unter „Gorrh fliegt wieder!“-Plakaten werden die Menschen stehen und haben gesprochen. Sie müssen ihre Erlebnisse bewältigen, auf den Punkt kommen, ihre Spiritualität updaten. Sie rufen mit lauter Stimme: „Wie lange zögerst du noch, Gorrh, du Heiliger und Wahrhaftiger, Gericht zu halten und unser Blut an den Bewohnern der Erde zu rächen?“ Da wurde jedem von ihnen ein weißes Gewand gegeben; und ihnen wurde gesagt, sie sollten noch kurze Zeit warten, bis die volle Zahl erreicht sei durch den Tod ihrer Mitknechte und Brüder, die noch sterben müßten wie sie.

Linz

Auf dem Weg zu Klaus Krumscheids und A. J. Weigonis Atelierlabor im Linzer Rheintor. Die Kölner Verkehrsbetriebe geben ihrer Kundschaft per Lautsprecherdurchsage detaillierte Anweisungen zum Einsteigen, Mitfahren und Aussteigen in und aus ihren Bahnen. Der einsetzende Weihnachtsmarktrummel machts nötig. Am Hauptbahnhof kauert ein Engel an die Wand gelehnt auf dem Fußboden: in dieser Haltung wirkt er wie ein Kontrast zu sich selbst in seinem gleißenden Weiß, mit den blonden Löckchen, den silbrig strahlenden Schwingen. Die Regionalbahn braucht rund eine Stunde bis Linz. Sie quietscht und pfeift und hält dann und wann auf offener Strecke. Die ist gesäumt von Industrien, Siebengebirgen und einem schwer zurückgezogenen Rhein. Eine Dame im Zug spricht vom Schmelzen der Gletscher: „Das ist schon beängstigend. Was machen wir denn, wenn der Rhein verschwindet?“ Erstmal die zahlreichen Blindgänger sprengen, später dann Reibach mit der neu gewonnenen Baufläche, vermutlich. In Linz ist der erste Weg der zum Fluß, der viel von seinem holprigen Schotterbett zeigt. Ein paar containerartige Schnellimbißbuden fallen ins Auge – alle mit Deppenapostrof, alle außer Betrieb. Die Fähre nach Remagen hingegen ist eifrig unterwegs. Flußufer und Städtchen sind in Linz von einer häßlichen Hochtrasse getrennt, unter der sich Parkplätze befinden – und wieder mittels einer Fußgängerunterführung verbunden, von der wir gerne wüßten, wer sie sich ausgedacht hat. Sie führt direkt auf den Rheinturm, durch dessen Tor bereits der Linzer Weihnachtsmarkt grüßt. Ä Tännschen please, heißt eine unübersehbare Saisonaktion der Geschäftsinhaber, welche die stark verfachwerkte und reichlich mit Ritterrüstungen ausstaffierte Linzer Altstadt nun auch noch mit der höchsten Tannenbaumdichte pro Quadratmeter bedenkt, die jemals in Fußgängerzonen zu sehen war. Die Außenlautsprecher des Café Leber (ob dort wirklich Leber serviert wird, konnten wir nicht überprüfen) pusten derart grausige Weihnachtstöne in die Gegend, daß wir unweigerlich den Schritt beschleunigen. Hügelan, es dunkelt bereits, treffen wir auf eine weitere Weihnachtszone mit Büdchen und einer Bühne, auf der eine frierende a cappella-Truppe schlecht ausgesteuerte Medleys anstimmt: “rote Lippen soll man küssen, au-wauwauwau…ti amo…” Flucht auch von diesem Ort. Nur bringt eine Flucht durch die Linzer Straßen einen schnell an die wenigen möglichen Ausgangspunkte zurück. Vor Erreichen derselben queren wir die Straße Auf der Donau, deren Name aber nichts mit der Donau zu schaffen haben soll. Das dort ansässige Spielwarengeschäft führt Kunstobjekte statt Spielwaren. Im Fliehen gelingen noch ein paar Fotos. Ob japanische Touristen sich so fühlen? (Linz besuchen allerdings eher spanische oder Westerwälder Touristen.) Im Rheintor-Labor, einem kleinen Raum, dessen gelbe Innenkachelung noch auf seine einstige Nutzung als Freibank weist, und der (warum auch immer) sofort die Assoziation „Beschleunigungskammer“ in uns weckt, finden sich einige Besucher. Vernissagenherumstehen, Lesung und Verkosten des lokalen Rieslings, denn es gibt welchen – auf 50° 34′ 5” nördlicher Breite nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Außerdem bekommen wir eine Führung von Bernhard Hofers Witwe Gabriele, die den Torturm (mit exzellenten Blicken auf den Fluß und den Weihnachtsmarkt) bewohnt und sich um den künstlerischen Nachlaß ihres Mannes kümmert, dessen Unkeler Kirchenfenster nun auf unserer Besichtigungsliste steht. Dann geht es noch in die kleinste Kneipe von Linz, einen sympathischen Laden, in dem zu zwei festen Terminen pro Jahr das Saustechen, ein skatverwandtes Kartenspiel, das man womöglich nur in Linz kennt, ausgetragen wird. Über dem Spieltisch hängen seit zwanzig Jahren Gäste und Mitspieler im Stile von Leonardos Abendmahl als Karikaturen arrangiert. Der Wirt besaß demnach seinerzeit einiges an äußerlichen Gemeinsamkeiten mit Saddam Hussein. Daß die Linzer, weil sie bei einem mißlungenen Überfall auf die Andernacher einst von deren Bienen vertrieben wurden, für den Bienenstich mitverantwortlich seien, wußten wir bereits. Nicht aber, daß die Linzer Strünzer das “eigentliche Kölsch” sprächen, eine Sichtweise, die jedoch außerhalb von Linz noch kaum Verbreitung fand.