Die Biovisionbrille

Rheingold ist ein deutscher Spielfilm von Niklaus Schilling aus den späten 70er Jahren, der im gleichnamigen Zug auf der Rheinstrecke spielt. Die Züge fuhren seinerzeit zumindest in der kollektiven Erinnerung pünktlich, Rauchen war erlaubt (es gab ausgewiesene Nichtraucherabteile) und mit dem “Würmeling” fuhren Kinder “kinderreicher Familien”, bevor die Bahncard eingeführt wurde, für den halben Fahrpreis. Die folgende Dialogszene aus Rheingold spielt sich auf der Oberrheinteilstrecke ab. Eine elegant gekleidete Dame (gespielt von Elke Haltaufderheide) sitzt bei einer Flasche Apollinaris dösend im Sechserabteil, als ein leicht zauseliger Herr (“der Erfinder”, gespielt von Reinfried Keilich) eintritt. Sogleich beginnt er, auf die Frau einzureden, die weggetreten und immer wieder kurz vor dem Einnicken zu stehen scheint. Zur Mitte der Szene setzt der Erfinder seine Biovisionbrille auf, ein skurriles Gerät, durch das er die vorüberziehende Landschaft des Oberrheintals betrachtet.

Mann: “Fahren Sie auch in die Schweiz? Sie leben doch in der Schweiz? Am Genfer See, stimmts?”
Frau: “Ja. Sie haben recht.”
Mann: “Ich kehr diesem Land auch den Rücken. Sie kennen mich sicher nicht, aber ich bin der Erfinder der kleinsten Nähmaschine der Welt. Der Biovisionbrille, des Kühlschrankbeutels, Dreiunddreißigklingenzaubermessers, 75 angemeldete Patente. Aber jetzt: Arbeitslosigkeit, denn Undank ist der Welt Lohn. Mein ganzes Lager haben sie aufgelöst. Meine Standkonzession abgenommen, nur, weil ich mal nicht flüssig war, ha! Hier, die konnt ich noch retten! Das ist sie, die Biovisionbrille. Ha, heute morgen hab ich den Laden aufgelöst. Hab ein Schild hingehängt und bin abgehauen: Betriebsferien! Ich hab mir gesagt: Wenn die Bank verrückt spielt, dann kannst du das auch. Ich hab 120000 Stück herstellen lassen. Die gingen weg wie warme Semmeln. Und zu einem Preis: 19 Mark 45, ha! Mit dieser Brille haben sie mit einem Handgriff die plastische Welt zuhause! Das absolute Kinoerlebnis im Wohnzimmer! Jedes Fernsehprogramm wird ein zwingendes Erlebnis…”
Schaffner: “Ihre Fahrkarte bitte.”
Mann: “Die Fahrkarte, ja, eigentlich sitz ich vorn. Meine Fahrkarte kennen Sie, ich führe hier nur ein Geschäftsgespräch. Ja, hier ist doch das Konferenzabteil.”
Schaffner: “Ich hab mir Ihr Versteckspiel lange genug angesehen.”
Mann: “Sie könnten schon etwas freundliicher sein.”
Schaffner: “Sie fahren wohin?”
Mann: “Ja, eigentlich, eigentlich nach Genf. Ich meine Lausanne.”
Schaffner: “Sie sind in Karlsruhe zugestiegen?”
Mann: “Ja.”
Schaffner: “Von Karlsruhe bis zur Grenze macht 39 Mark, 39 Mark Strafe und zehn Mark TEE-Zuschlag.”
Mann: “Also 88 Mark, oder?”
Schaffner: “Ja, 88 Mark. Die Weiterfahrt müssen Sie bei meinem Kollegen in der Schweiz bezahlen nach Lausanne.”
Mann: “Also, also, das ist so: Heute morgen… Ich hab das Geld nicht.”
Schaffner: “Tja, das tut mir leid, dann muß ich Ihre Personalien aufnehmen. Und in Freiburg müssen Sie raus aus dem Zug.”
Mann: “Das ist der Dank für einen deutschen Erfinder!”
Frau: “Ich zahle das.”

Die Szene stellt einen Nebenschauplatz dar, die eigentliche Handlung des Films beschreibt Wikipedia wie folgt: “Im Trans-Europ-Express TEE Rheingold trifft Elisabeth, die Frau eines UN-Diplomaten, auf einer ihrer regelmäßigen Reisen zur Mutter ihren Jugendfreund Wolfgang wieder, der nun als Zugkellner arbeitet. Eine Leidenschaft beginnt, die sich ausschließlich nach dem Fahrplan richtet – zwischen Genf und Düsseldorf. Eines Tages benutzt ihr Ehemann überraschend zur selben Zeit den „Rheingold“. Er entdeckt die Untreue seiner Frau. Im Affekt sticht er mit einem Brieföffner auf sie ein, um in Panik beim nächsten Halt zu fliehen; die verwundete Frau verbirgt ihre Verletzung vor ihrer Umgebung. Während ihr Mann mit einem Taxi dem Zug hinterher rast, als wolle er seine Tat rückgängig machen, gerät Elisabeth immer mehr in einen traumhaft-ekstatischen Zustand von Geschwindigkeit und Sexualität. Begleitet vom aufsteigenden Mythos des Rheins, entfernt sie sich immer weiter aus der Realität und fährt unaufhaltsam dem Ziel ihrer Reise entgegen, ihrem Tod.”