Am Ende spricht man deutsch

Rheinsein kämpft sich im alpinen Dauerregen durch den stellenweise etwas wirren Spescha und stellt fest, daß manch ausgerottete Tierart Dezennien später sich wieder einrottet: „Gleich vor Sils theilen sich die Gewäßer und Thäler des Domläsker-Thals, und deßen rechter Arm nimmt seinen Bezug Thusis vorüber gegen Süden und Südwesten hin und erreicht alsbald den gräuslichen Schlund der via mala. Man nennt diesen Fluß bald Schamser-, bald Rheinwalder-Rhein. Den ersten Zufluß bekommt dieser Rhein von der Nolla, die (…) von Westnorden herrinnt. Hinter Runcaglia (=ausgereutetes Ort) und via mala breitet sich das Thalgeländ Schams aus und erfreuet den Wanderer nach der Wüstenei der via mala. Andaer ist Hauptort des Thals und hat ein Gesundbad. Es ist fruchtbar und nährt ein aufgewegtes und tapferes Volk, welches den reformirten Gottesdienst hält und romanisch spricht. Von beiden Thalseiten her empfängt der Rhein Zufluß, vorzüglich aber vom Averser-Bach, der aus dem Thale gleichen Namens, prächtig fallend, und der Matoner-Bach, welcher von Westnorden, schäumend, herbeieilen. Schams scheint seinem lateinischen Namen Sexamnium nach, das schon frühzeitig in der Geschichte vorkommt, von sechs Bächen herzuleiten; ich bin aber der Meinung, es stamme ehender von den Felsenwänden, über welchen es bewohnt, oder von jenen, mit denen sein Ein- und Ausgang verengt und beschloßen wird. Es sollte also ehender Saxamnium heißen. Das Seitenthal Avers nimmt bei dem verfallenden Schloß Bärenburg seinen Anfang und streicht nach Ostsüden bei 2 Stunden hinein. Es vertheilt sich in mehrern Seiten- und Hinterthälern, und am Ende spricht man deutsch. Deßen südlicher Grund ist mit sehr hohen Bergen und vielen Glätschern belastet, und von daher rinnt das meiste Waßer her. (…) Von der sogenannten Rofla thalhinein strömmt der Rhein von Südwesten her bis zum Rheinwald-Gletscher, woraus er entspringt, hervor; von dort aber neigt sich das Thal mehr gegen Westen, und verschiedene Bäche rinnen von den Thalseiten herab und verbergen sich unter ihm. (…) Im Hertergrund (…) erhebt sich der piz Valrhein über alle seine nachbaren Berge und ist einer der höchsten in der Centralkette der Alpen. Von ihm aus gehen 6 bis 8 Thäler in allen Gegenden der Welt, die mit ungeheuern Glätscher belastet sind, aus. Und wenn die wiederhohlte Sage wahr ist, daß der Bernardin-See, welcher auf der Anhöhe dieses Bergs (…) liegt, zwei Ausleehrungen: die eine in den Rhein und die andere in die Moesa habe, so steht das deutsche mit dem adriatischen Meer vermittelst dieses Sees in Verbindung, welches eine Seltenheit der Natur ist. (…) Wenn man aber das Thalgeländ von Domläsk (…) betrachtet, so stellt es eine seltsame Vermischung von Zahm- und Wildheit dar. Denn vom Weinstock und den niedlichsten Garten- und Baumfrüchten von Reichenau an bis zum feinsten Einhauch der Thiere und Menschen trifft man da an; und wir vermissen nichts von unsrem Alterthum hier als den Steinbock, der vom Anbeginn der Freiheit an bis zur gänzlichen Ausrottung verfolgt worden ist. Denn man sieht hier aller Gattungen von Laub- und Nadelholz, von Getreid- und Pflanzenarten und von Menschen, welche verschiedentlich sich kleiden, sprechen und Gottesdienst halten. Wenn also das alte Sprichwort gilt, daß die Menschen nemlich nach der Verschiedenheit ein Belieben tragen, so findet man es da.“

Vom Hohentwiel

Es gibt in der rheinisch-deutschen Sferiferie eine Menge dieser mittelhohen bis schon ganz ordentlichen, plastisch benamten Berge, die einst zu erklimmen – wenigstens aber mit dem Auto auf ihren Gipfelparkplatz vorzufahren – ich mir schon lange vorgenommen habe: Drachenfels, Feldberg, Hornisgrinde, Schauinsland, Wattkopf usw. usw., nun also der winterliche Hohentwiel, seiner markanten Form halber bestens bekannt aus Funk-, Fernseh-, und Fotodokus. Der Hegau bietet mehrere dieser bizarren Vulkanschlote aus Klingstein und Basalt und trägt daher den kratzigen Beinamen „des Herrgotts Kegelspiel“. Der Hohentwiel wiederum trägt eine imposante Festungsruine an Kopfes statt, die auf dem Drachenfels ist Pipifax dagegen. (Dafür hat der Drachenfels tiefer in die Mythentüte gelangt.) Vom Parkplatz aus kreist der Weg noch ein beachtliches Stückchen steil bergan, dem fysisch zerbrechlichen Wanderer wird klar: solche Festung möchtest du weder erstürmen, noch erbauen; jedenfalls nicht als Fußvolk. Gekeuche beim Ausblick: über den einzigartigen Hegau mit seiner ungekünstelten A81 im Abendschein, hinter den Wolken dort, das sind ein paar Alpenspitzen, dies unverkennbar der Bodensee, Radolfzell (bekommt auch noch mindestens einen Eintrag hier, besitzt wie Engen eine Schiesser-Fabrik), unten Singen mit der Maggi-Fabrik, das sind ja zentrale Produktionsstätten der Grundausstattung deutscher Durchschnittshaushalte, hier wurden und werden Muster fürs Sexleben und den hohen Geschmack ganzer Generationen vorgefertigt, es ist eine liebliche Gegend, nur die Sprache klingt leicht angerauht, der Winter wirkt eher wie so ein Schneekugelding, im Sommer blüht reichlich der Ysop, es ist ein Paradies auf Erden, genau so eines wie Büsingen direkt gegenüberliegt, wie es mich umgibt, die Luft ist weich, schmiegt sich flauschig in die Lungen, macht es sich dort gemütlich, schaltet die Tagesschau ein, die äußere Kälte schmilzt, von geistigen Heizkörpern bestrahlt, drunt die Reichenau mit ihren Klosterschätzen und Gewächshaustomaten, wie strich ich dort einst durch Obst und Gemüse, Italien ist nicht fern, was sag ich, nichtmal Jugoslawien, d.h. Kroatien, d.h. dies ist die Gegend, von der ich als Junge immer träumte: einmal zum Bodensee!, aber einmal reicht eben nicht, auch zweimal nicht, auch nicht dreimal.