Ruinaulta (2)

Bis weit außer Sichtweite schneidet sich die Rabiusa mit ihrem wilden Namen ins Tal, schnitzt dabei eine mächtige unzugängliche Schlucht Gott zu Gefallen – entsprungen bei den hinteren und eingefangen von den vorderen Rheinen. Irgendwo dort liegt das Walserdorf Safien, Welten von seinem Bahnhof Versam-Safien entfernt. Die Straße nach Versam ist nur unter vehementer und mehrfach akzentuierter Blickwurfgefahr passierbar, eine kleine Aussichtspyramide überhängt die Rheinschlucht und bietet, bescheiden am Straßenrand plaziert, einen der grandioseren Ausschnitte unserer guten Welt. Unten fließt der Rhein wohl noch auf den Schutttrümmern des Flimser Bergsturzes und er tut dies mit bezauberndem Wildbachcharme, d.h. mit dieser visuell so reizvollen schaumbekrönten Klarheit und in den Farben Klarlack, Amethyst, Turmalin und Türkis. Auch zwischen Versam, einem nett an den Hang gedrückten Dörflein und dem Bahnhof direkt in der Schlucht liegt noch eine gefühlte Sommertagesreise Fußweg und die Differenz einiger hundert Höhenmeter. Damit der Reisende sein Gepäck nicht den berg hinauf- und hinabschleppen muß, verkehrt ein per Verkehrsschild als gefährlich angekündigtes Postauto auf den Serpentinen. Auf halber Strecke läßt sich das verlassene Geistergefährt beim Verschnauferli am Wegrand beobachten. Neben dem Bahnhof steht an der Schlucht ein Zentrum für Kanu- und Energiereisende, es gibt zwei Wanderwege, einer führt schluchtauf, der andere schluchtab. Der Fels wirkt gespalten, bisweilen balanciert er nach Absturz riechende Brocken am Rande der Frischluft. Durchs dunkle Unterholz der schmalen Auwäldchen splitzert der Glitz des Vorderrheins. Der sich spaltet, eint und eilt und Schlaufen vollführt, mal rauscht und mal plätschert, meisenhaft zwitschert und die tief in den Kieseln verborgenen Gesichter freischleift. Zwierheinische Mündungen erfunden wirkender Wasserfälle, insgesamt herrscht eine Ästhetik der vorvorletzten Jahrhundertwende, gelegentlich gekreuzt von Räthischer Bahn und Helikoptern. Unmotiviert hinter feistere Kiesel geduckt läßt sich eine Groppe beim Schwanz aus dem Flußlauf ziehen. Sie windet sich, doch ihre Depressionen scheinen kaum mehr heilbar. Anstiege und Kiesbänke, raschlige Wasauchimmer geschäftigen durchs Gebüsch, übern Rheinkies schrabben grüßende Kanutengruppen. Und droben auf den Alpen werden die Ziegen von vorbeifliegenden Vögeln gemolken.