Rhein-Kreis Neuss (2)

rkn_fenster im himmelAus Kraftwerkschloten gequollene Wolkenbäusche verteilen sich auf gefensterte Himmel

Über die Felder geht es von Köln mit dem Zug in den Rhein-Kreis Neuss, der erst seit 2003 so heißt und seither mit grafisch eigenständiger Beschilderung verblüfft. Verblüffend desweiteren, falls das zügig vorüberziehende Landschaftsbild nicht trügt: bei Pulheim wird neuerdings Wein angebaut. Je weiter sich die Landschaft von Köln wegbewegt, desto flacher, ausgeglichener, leerer erscheint das offene Feld. In der Ferne arbeiten die Wolkenmaschinen des Braunkohlegebiets auch am Wochenende. Wir erreichen Rheydt: der Rhein ist in diesem Teil des Rheinlands mindestens 20 Kilometer entfernt, hier fließt die Niers, die in der niederländischen Provinz Limburg in die Maas mündet. Im Rhein-Kreis Neuss dominieren das Schützenfest, die Enge in der Weite und die Miniatur: so berichtet uns ein Bäckermeister im Ruhestand wie er in Ermangelung akzeptabler Rheinnähe in der Niers, die an seinem Wohnort kaum einen halben Meter Wasserstand erreicht, das Schwimmen erlernt habe. Entlang der Straßen ziehen sich niersgespeiste Wasserrinnen, die Entengrütze, Eisvogel und Bisam beheimaten. Abends konnte man in dieser Gegend einst die Tage mit einem dicken Wumms umkippen hören.

rkn_horizontEinminütiges Horizontgold am Rande des Braunkohlegebiets Garzweiler

Auch nach Dormagen im Rhein-Kreis Neuss geht es von Köln aus über die Felder, diesmal mit dem Fahrrad, entlang des Rheins. Die kleineren Ortschaften um Köln wirken in ihrer provinziellen Mittelmäßigkeit gefangen. Daß Köln längst selbst provinziellen Anstrich trägt, scheint ihrer Ausrichtung gen Dom keinen Abbruch zu tun. In der Dormagener Fußgängerzone Kölner Straße findet, wie bei jedem unserer Besuche, ein Flohmarkt statt. Vergessen hatten wir, das Dormagen das wahrscheinlich am wenigsten fotogene Städtchen am gesamten Rheinlauf vorstellt: nichts, aber auch garnichts am Dormagener Zentrum bewirkt den Wunsch, den Auslöser zu betätigen. Unsere Frage nach touristischen Sehenswürdigkeiten beantwortet eine Einwohnerin mit Schulterzucken, besinnt sich aber und erzählt mit sorgsam bedachten Worten: daß die Kirche, der Pfarrer habe das einmal erwähnt, wegen ihres freistehenden Turms etwas Besonderes sei, worüber ein Schild genauere Auskunft gebe; daß, falls wir uns neu einkleiden wollten, dafür ein für Dormagener Verhältnisse gar nicht so schlechter Laden existiere, den sie guten Gewissens empfehlen könne; daß es bei den Ladenflächen zwar viel Leerstand gebe, man aber einen guten Latte Macchiato bekommen könne wie man ihn auch außerhalb Dormagens, sie sei erst vor zwei Jahren zugezogen, kenne; daß ihr einzig ein kleiner Lebensmittelladen fehle, der türkisches Fladenbrot und Antipasti biete, „etwas zum Schnubbeln“ wie sie es nenne. Mit diesen Hinweisen ausgestattet, machen wir uns zügig auf den Rückweg. Am ChemPark zücken wir in einem Anflug von Verzweiflung doch noch die Kamera, um die Stadt nicht völlig unabgebildet zu verlassen.

rkn_dormagen chemparkEs gibt nichts zu fotografieren in Dormagen